Zalando und Rocket Internet: Fehlstart der Klonkrieger

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Rocket Internet CEO Oliver Samwer: Milliardenschwere Börsengänge direkt nacheinander
Rocket Internet CEO Oliver Samwer: Milliardenschwere Börsengänge direkt nacheinander (© 2014 facebook.com/RocketInternetBerlin, CURVED Montage)

Endlich wieder deutsche Internet-Unternehmen von Weltrang! Das drücken die milliardenschweren Börsengänge von Zalando heute und Rocket Internet morgen aus. Doch die Milliarden-Wette der Berliner Seriengründer könnte waghalsiger kaum sein: Zalando und vor allem Rocket Internet müssen ihre Profitabilität erst beweisen. 

Zahltag Nummer eins für die Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander: Zalando, Europas größter Online-Modeversender, hat heute pünktlich zum sechsten Firmenjubiläum den Gang an das Börsenparkett geschafft – und die 17 Prozent -Beteiligung der Kölner Seriengründer in die Nähe der Milliardengrenze gehievt.

Doch es ist nur der erste Teil des einzigartigen Börsenspektakels, das das Lebenswerk der drei  umtriebigen Internet-Unternehmer krönt. Morgen folgt bereits das nächste IPO: nämlich der Börsengang des eigenen Konglomerats Rocket Internet, das inzwischen mehr als 70 Start-ups rund um den Erdball vereint. Wenn die Börsenrakete wie geplant abhebt, dürfte Rocket Internet mit einer Bewertung von 6,7 Milliarden Euro starten und die Samwer-Beteiligung allein 3,4 Milliarden wert sein.

Gleich zwei deutsche Internet-Unternehmen, die milliardenschwer sind

Es sind Bewertungsdimensionen, die die deutsche Internet-Landschaft seit der Jahrtausendwende nicht mehr gesehen hat. Gleich zwei deutsche Dotcoms, die milliardenschwer sind – wie geht das?

Es ist die Folge eines langen Anlaufs nach einer extremen Dürreperiode nach dem Platzen der Internetblase. Nach der Jahrhunderteuphorie zu Hochzeiten des Neuen Marktes, die gerade gegründete Internet-Start-ups mit Milliarden-Bewertung aufblies, folgte bekanntlich der krachende Absturz, der am Ende das ganze Segment mit in die Tiefe zog. Der Neue Markt wurde 2003 geschlossen.

Alando-Verkauf "größter Fehler"

Die erstaunliche Internet–Karriere der Samwer-Brüder reicht tatsächlich bis in jene Ära der Millenniumshausse zurück. 1999 gründeten die drei Brüder in Berlin auf dem Höhepunkt der Internet-Euphorie ihr erstes Start-up: das Online-Auktionshaus Alando, das nur 100 Tage nach dem Start verkauft wird – und zwar direkt an den aufstrebenden Konkurrenten aus den USA, eBay. Verkaufspreis: 50 Millionen Dollar.

Jahre später bezeichnete Oliver Samwer den schnellen Verkauf als den vielleicht größten unternehmerischen Fehler – das Deutschlandgeschäft von eBay wäre fraglos heute Milliarden wert. Doch der Anfang war gemacht, die Samwers hatten verstanden, wie sehr sich schnelle Exits lohnen können, wenn man boomende Geschäftsmodelle aus den USA schnell kopiert.

Handy-Hype Jamba: Furzende Frösche bringen 273 Millionen Dollar

Der nächste Verkauf fünf Jahre später steigerte den Erlös schon um den Faktor sechs: Jamba, bis heute den älteren Handy-Nutzern mit den furzenden Fröschen, dem tanzenden Nilpferd, der Partybiene oder dem verrückten Frosch sicher noch als einer der Tiefpunkte im digitalen Leben der Nullerjahre bekannt, ging 2004 für 273 Millionen Dollar an den US-Verschlüsselungsanbieter VeriSign.

Das Kapital für neue Investitionen und Unternehmen war da, der Einsatz wurde erhöht. 2007 gründeten die Samwers mit Rocket Internet ihren eigenen Wagniskapital-Finanzierer, mit dem sie künftig noch schlagkräftiger in aufstrebende Firmen investierten.  Mit dem nächsten Großprojekt wurde schließlich das Ticket auf den amerikanischen Markt gelöst:  Mit dem Rabattportal Citydeal wiederholten die Samwers ihre alte Erfolgsmasche – schnelles Klonen bringt schnelles Geld.  Und diesmal gleich einen beträchtlichen Unternehmensanteil am Käufer Groupon – und entsprechenden Einfluss.

Auch bei Groupon nahmen die Samwers Einfluss

Das Techportal The Verge lieferte im vergangenen Jahr einen faszinierenden Einblick in  das Wirken der Samwers beim seinerzeit hoch gewetteten Schnäppchenportal, das 2011 zum Zeitpunkt des IPOs kurzfristig 20 Milliarden Dollar wert war.  "Gier ist Groupon: Kann irgendjemand das Unternehmen vor sich selbst retten?", betitelte The Verge die investigative Reportage, die das Geschäftsgebaren der Seriengründer aufdeckte.

Die Kölner kommen dabei erwartungsgemäß nicht besonders gut weg. "Wenn (Groupon-Mitbegründer) Eric Lefkofsky ein Hai ist, dann sind die Samwers Killerwale", folgert The Verge. Doch: "Lefkofsky und CEO Andrew Mason erlagen dem Zauber der Samwers." Den neuen deutschen Einfluss beschreiben Groupon-Kenner als einen "Kulturschock, der sich sehr schlecht auf die Moral auswirkte."

Es ging gut, bis es  schiefging.  "Die enorme Expansion hat ein Chaos hinterlassen, das einen großen Einfluss auf Groupons aktuelles Geschäft hat", berichten Unternehmensinsider. Das vorläufige Ende der Groupon-Saga: Die Samwers zogen weiter und machten Kasse, CEO Andrew Mason musste gehen, die  Groupon-Aktie verharrt ausgebombt mehr als 70 Prozent unser dem Ausgabekurs von 2011.

Die Krönung: Zwei aufeinanderfolgende IPOs in Deutschland

Die Vorzeichen für das eigene IPO Rocket Internet, das morgen um neun Uhr  zur Handelseröffnung an der Frankfurter Börse im Entry Standard erfolgen wird, stehen unterdessen ungleich besser. Die Nachfrage war so groß, dass die Zeichnungsphase vorzeitig geschlossen und der Börsengang sogar um eine Woche vorgezogen wurde.  Zu 42 Euro debütieren die Rocket-Aktien nun am oberen Ende der Kurstaxe und bescheren den Altaktionären dabei einen Emissionserlös von stolzen 1,6 Milliarden Euro.

Noch bemerkenswerter ist indes die Bewertung: Aus dem Stand auf 6,7 Milliarden Euro schießt  Rocket Internet und ist damit morgen um neun Uhr wertvoller als die Deutsche Lufthansa, obwohl das sieben Jahre alte Internet-Unternehmen seine Profitabilität erst noch unter Beweis stellen muss.

Dafiti, Lamoda, Lazada und Zalora – das sind Rocket Internets Hoffnungsträger 

Was ist Rocket Internet am Ende wirklich wert?  Für Anleger ist das kaum durchschaubare Internet-Konglomerat, das inzwischen aus 70 Start-ups besteht, die in 116 Ländern der Welt präsent sind (vorwiegend in den Schwellenländern), in erster Linie eine Wachstumswette auf die Multiplizierung des Samwerschen Erfolgskonzepts: Was in den USA und Europa klappte, soll nun auch in Südamerika, Afrika und Asien wiederholt werden.

Dabei dürfte den meisten Anlegern noch am ehesten die deutschen Beteiligungen bekannt sein: eDarling, Wimdu, Glossybox und Westwing heißt die nächste Start-up-Generation der   "Klonkrieger“, wie die Wirtschaftswoche die Samwers einst betitelte – es sind die deutschen Nachahmungen von eHarmony, Airbnb, Birchbox und One Kings Lane. Vor allem aber auf Dafiti, Lamoda, Lazada und Zalora ruhen die Wachstumshoffnungen im Samwer-Imperium – Namen von denen die meisten Anleger  noch kaum etwas gehört haben  dürften.

Zalando-IPO schrammt haarscharf an Enttäuschung vorbei 

Es handelt sich im Wesentlichen dabei um Variationen des Erfolgsmodells von Zalando, mit dem die Samwers 2008 die Blaupause für ihre weltweite E-Commerce-Expansion anfertigten. Der Anspruch könnte größer nicht sein:  "Die weltgrößte Internet-Plattform außerhalb der USA und China" soll Rocket Internet bitte schön werden, formulieren die Samwers ihre Mission.

Ob die Börsenrakete nun morgen abhebt? Der Testflug mit der 17 Prozent-Beteiligung Zalando schrammte heute zumindest knapp an einer Bauchlandung vorbei. Zu 21,50 Euro wurden die Aktien ausgegeben, die dann sofort in Richtung 24 Euro anzogen. Am Ende des Handelstages musste Zalando allerdings um jeden Cent kämpfen, um nicht schon am ersten Handelstag unter den Ausgabekurs zu fallen.

Anleger dürften sich an den ersten Handelstag der Facebook-Aktie  erinnert  fühlen: Nur durch Kurspflege-Maßnahmen wurde der Ausgabekurs verteidigt. Es wird also morgen doppelt spannend: Bei Zalando, vor allem aber Rocket Internet.

Update 17 Uhr: An der Börse fallen die Samwer-Investments krachend durch. Die Aktie von Rocket Internet notiert zu Stunde bei  nur noch 37,50 Euro schon 5 Euro oder 12 Prozent unter dem heutigen Ausgabekurs, während Zalando am zweiten Tag an der Börse ebenso hart abverkauft wird und nach einem Minus von ebenfalls 12 Prozent auf nur noch 19 Euro taumelt. Einen Gewinner der Börsengänge gab es aber dennoch: Die Samwers selbst, die  zu offenkundig überteuerten Kursen kräftig kassiert haben...


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