Asus ZenFone AR im Test: viel Cash für wenig Tango [mit Video]

Den Archetyp des Smartphone 2017 haben LG und Samsung bereits präsentiert: hohe Display-Auflösung, viel Power und schmale Ränder. Das Asus ZenFone AR ist da ganz anders. Ob anders auch besser ist, klärt unser Test.

Schon auf der CES 2017 haben wir uns das Asus ZenFone AR erstmals anschauen können. Aber erst  im Juni 2017 und damit über ein halbes später kommt das Smartphone in den Handel. Dass die Entwicklung so lange gedauert hat, darf aber nicht verwundern. Denn das ZenFone AR ist ein echter Alleskönner und gleichzeitig ein Exot. Es ist das erste Smartphone, das die beiden Google-Plattformen Daydream und Tango gleichzeitig unterstützt. Also Virtual und Augmented Reality gleichermaßen. Dafür gebührt dem Hersteller schon mal Respekt.

Was sind Daydream und Tango?

Bevor wir ins Detail gehen, lasst uns erst die wichtigen Begriffe klären. Daydream, das ist Googles Plattform für Virtual-Reality-Inhalte, die das Unternehmen auf der Google I/O 2016 vorgestellt hatte. Dahinter verbirgt sich eine VR-Umgebung mit eigenem Play Store, in dem sich nur kompatible Apps wie YouTube VR finden. Um die Inhalte anzusehen, braucht Ihr neben einem kompatiblen Smartphone auch eine passende Brille. Aktuell gibt es dafür nur die Daydream View, die ebenfalls vom Unternehmen aus Mountain View kommt.

Die Besonderheit ist aber die zweite Plattform, Tango. Auch diese stammt von Google. Statt um Virtual Reality dreht sich hier alles um Augmented Reality, also die „erweiterte Realität.“ Ein Tango-kompatibles Gerät kann unter anderem Räume präzise vermessen. Über die richtigen Apps könnt Ihr dann zum Beispiel Möbel und andere Objekte passgenau in diesen Räumen platzieren und so überprüfen, ob sie zur Einrichtung passen. Damit das funktioniert, braucht das Smartphone passende Hardware. Neben zahlreichen Sensoren kommt es vor allem auch auf die rückseitigen Kameras an.

Drei Kameras und viel Rechenpower

Deswegen stattet Asus das ZenFone AR mit drei Kameras auf der Rückseite aus. Nicht für den von Dualkameras bekannten Bokeh-Effekt. Stattdessen teilt sich das von Asus "TriCam" getaufte Setup wie folgt auf: Es gibt eine "normale" 23-Megapixel-Kamera, die Ihr auch für Fotos nutzen könnt. Im Tango-Modus lassen sich darüber die virtuell platzierten Objekte erkennen. Eine Motion-Tracking-Kamera sorgt dafür, dass das Smartphone immer genau weiß, wo es sich in einem Raum befindet. Und eine Infrarot-Kamera garantiert, dass das ZenFone AR Objekte in der Tiefe erkennt. Auf Basis dieser Daten lassen sich die Räume dann digital erfassen.

Das TriCam-System des Asus ZenFone AR im Detail.(© 2017 CURVED)

Um all die Daten für die erweiterte und virtuelle Realität korrekt und zügig umzurechnen, ist viel Rechenpower vonnöten. Deswegen stattet Asus das ZenFone AR mit dem Snapdragon 821 von Qualcomm aus. Warum hier nicht der neuere Snapdragon 835 aus den aktuellen Highend-Geräten wie dem OnePlus 5 zum Einsatz kommt, liegt auf der Hand: Asus hatte das Gerät ja schon im Januar vorgestellt. Außerdem ist die hier verbaute Version des Snapdragon 821 in Zusammenarbeit mit Asus und Google auf die Tango-Bedürfnisse abgestimmt. Das behauptet zumindest Asus. Dazu gibt es, anders als bei der Vorstellung kommuniziert, sechs Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher. Eigentlich waren acht GB vorgesehen.

Ein heißer Tango

Die Kombination sorgt trotz der Technologie aus dem Vorjahr für gute Benchmark-Ergebnisse. Mit im Schnitt soliden 156.000 Punkten bewegt sich das ZenFone AR zwar nicht auf dem Niveau eines Samsung Galaxy S8 (rund 174.000 Punkte), zählt aber auch Mitte 2017 noch zu den Schnellsten auf dem Markt. Das bestätigt auch Geekbench 4. Dort erreicht das ZenFone AR 1.859 Punkte im Single- und 4.428 Punkte im Mulicore-Test. Abgerundet wird die Ausstattung von 128 Gigabyte Speicher. Der ist aber auch nötig, denn Apps für Daydream und Tango sind mitunter ganz schön groß. Wem auch der Riesen-Speicher nicht reicht, der rüstet per microSD-Karte theoretisch bis zu zwei Terabyte nach.

Ebenfalls im Inneren befindet sich eine Heatpipe. Sie soll dafür sorgen, dass der Prozessor im VR- und AR-Einsatz nicht überhitzt. Das klappte im Test nur bedingt. Zwar schaltete sich das Smartphone nie ab, wurde aber doch unangenehm heiß. Dazu kommt, gerade bei Tango, der Energie-Hunger. Zehn Minuten Spielerei mit Augmented-Reality-Apps verbrauchten im Schnitt zehn Prozent Akku. Noch ist der Einsatz der Apps also eine sichere Methode, die 3300-mAh-Batterie fix zu entleeren. Immerhin könnt Ihr den Akku dank Schnellladefunktion in etwas mehr als einer Stunde wieder komplett laden.

Wo sind die Apps?

Allzu oft dürfte das aber nicht passieren. Denn gerade bei Tango mangelt es für den Langzeitspaß noch an Apps. In der Tango-Software werden nur einige wenige Anwendungen vorgestellt. Auch im kuratierten Tango-Bereich im Play Store finden sich kaum Beispiel-Apps. Meistens handelt es sich dabei um Einrichtungssoftware oder seichte Spiele, mit denen Ihr zum Beispiel eine virtuelle Hotwheel-Bahn bauen oder eine virtuelle Version von Djenga auf dem Tisch spielen könnt. Das macht ein paar Minuten Spaß, wird aber schnell langweilig. Zumal man das Telefon dabei ständig in der Hand halten muss.

Es gibt aber auch ein paar ziemliche coole Sachen. In “Woorld” baut Ihr Euch zum Beispiel eine eigene kleine Welt auf, die Ihr hegen und pflegen müsst, in dem Ihr zum Beispiel die Blumen gießt. Besonders cool: Das ZenFone AR merkt sich, in welchem Raum Ihr Eure Welt platziert habt. Das sind dann schon eher die Spiele, auf die man sich einlassen kann. Ebenfalls viel Spaß hatten wir mit der App “Dinosaurs Among Us” des American Museum of National History. Hier holt Ihr Euch modellierte Dinosaurier ins Zimmer und könnt außerdem noch Bilder samt Zusatzinfos digital an die Wand stellen.

In der Tango-App werden nur wenige kompatible Apps vorgestellt.(© 2017 CURVED)

Andere Apps, wie die von der US-Modemarke GAP, sollen auf Dauer das Online-Shopping nicht nur erleichtern, sondern komplett umkrempeln. So könnt Ihr Euch eine virtuelle Schaufensterpuppe ins Wohnzimmer zaubern, deren Figur an Eure anpassen und dann schauen, wie die Kleidung fällt. In die gleich Kerbe schlagen auch die Anwendungen von Jeep oder BMW, mit denen man virtuell das Auto begutachten kann. Wer also das entsprechende Kleingeld hat, kann schon einmal gucken, wie der neue i8 im Carport aussieht. Dass man sich auch die Einrichtung ansehen kann, ist zwar cool, bleibt im Großen und Ganzen eine Spielerei für den Endkunden. Autobauer könnte es aber helfen, komfortabler auf Kundenwünsche einzugehen und die sonst recht statischen Konfiguratoren beim Autokauf erlebbarer zu machen.

Konkurrenz von Apple mit ARKit

Außerdem gibt es aktuell noch Stabilitätsprobleme bei der einen oder anderen Anwendung. Mehr als einmal stürzte eine App plötzlich ab. Das zeigt vor allem eines: Tango steckt, trotz der langen Entwicklungsphase von Google, noch in den Kinderschuhen. Apps und Technik wirken noch nicht ausgereift. Sorgen müssen sich Asus und Google außerdem um einen anderen Big Player machen: Apple hat auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC ARKit vorgestellt. Mit dem Software-Baukasten können Developer AR-Apps für iOS entwickeln. Neue Spezial-Hardware für die Anwendung ist dafür nicht nötig, insofern Nutzer ein relativ neues iPhone oder iPad besitzen.

Für die meisten Anwendungsszenarien als "Otto-Normal-Nutzer" dürfte diese Form von Augmented Reality ausreichen. Mit Ikea gibt es sogar schon das erste große Unternehmen, das Unterstützung für die neue Technologie zugesagt hat. Anders sieht das für die Erstellung von Indoor-Karten und Co. aus. Da kommt man mit einer einfachen iPhone-Kamera nicht sehr weit. Allerdings bleibt die Frage: Wann erstellt man als herkömmliche Nutzer Indoor-Karten?

Viel Technik im kompakten Gehäuse

Beeindruckender als die App-Auswahl ist da schon die Bauform des ZenFone AR. Denn obwohl im ZenFone AR mehr Technik steckt als in vielen anderen Smartphones, hat Asus ein relativ kompaktes Gerät gebaut. Das Lenovo Phab 2 Pro, das einzige andere Tango-kompatible Smartphone, hat schon fast die Maße eines Tablets. Dazu kommt die gute Verarbeitungsqualität. Vorder- und Rückseite sind von einem Alu-Rahmen eingefasst, die Bedientasten sind Asus-Zen-typisch mit gebürstetem Aluminium aufgewertet. Dass die Rückseite aus Kunststoff besteht, ist nicht weiter tragisch. Durch die strukturierte Oberfläche liegt das ZenFone AR gut in der Hand. Und das ist wichtig beim Zusammenspiel mit den AR-Apps.

Ebenfalls gelungen ist das 5,7 Zoll große Super-AMOLED-Display. Es verfügt zwar nicht über zeitgemäße schmale Ränder, besticht aber mit knackscharfen Inhalten. Branchenüblich löst es mit 2560 x 1440 Pixeln auf, bietet bei Medieninhalten wie Fotos, Apps und Games also ein gestochen scharfes Bild.

Zum Schluss noch eine wichtige Frage: Kann der Exot auch im Alltag überzeugen? Klare Antwort: Ja. Mit der genannten Ausstattung sind auch Spiele, die nichts mit AR oder VR zu tun haben, kein Problem für das Gerät. Es gibt ausreichend Speicher und einen Akku, der Euch ohne VR- und AR-Spielerei über den Tag bringt. Ein paar Probleme machte die 23-Megapixel-Kamera. Sie nimmt zwar natürliche Farben auf, hatte aber oft Probleme mit den Kontrasten. Helle Bereiche wurden überbelichtet, dunkle dadurch verschluckt. Außerdem hat uns die Detailgenauigkeit nicht überzeugt.

Fazit: heißer Tango, kalte Schulter

Zweifellos liefert Asus mit dem ZenFone AR ein gutes Paket ab. Es macht Spaß, sich in der virtuellen und erweiterten Realität zu bewegen. Trotzdem wird es das Unternehmen aus Taiwan auf dem Markt schwer haben. Zum einen, weil Apple mit ARKit eine Augmented-Reality-Lösung vorgestellt hat, die in Zukunft auf Anhieb für Millionen Geräte bereitsteht und mit Ikea bereits ein prominentes Zugpferd hat. Zum anderen, weil Asus für das ZenFone AR stolze 899 Euro aufruft. Ein Preis, der gemessen an den Möglichkeiten und der App-Auswahl viel zu hoch erscheint. Für die wenigen Apps, die es für das AR-Feature aktuell gibt, lohnt sich diese Investition auf jeden Fall nicht.

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