Bowers & Wilkins P9 Signature im Test: Deluxe Soundsystem

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So geht Musikgenuss: Der P9 Signature liefert exquisite Akustik.
So geht Musikgenuss: Der P9 Signature liefert exquisite Akustik.(© 2017 CURVED)

2016 feierte Bowers & Wilkins seinen 50. Geburtstag. Und machte sich mit dem P9 Signature ein ganz besonderes Geschenk. Das gibt es für 899 Euro auch zu kaufen. Haben wir es hier eventuell gar mit Bowers & Wilkins' neuem Referenzmodell im High-End-Hifi-Bereich zu tun?

Schon beim Auspacken des Testmusters der P9 Signature wird eines deutlich: Bowers & Wilkins hat 50 Jahre Klang-Kompetenz in die Entwicklung dieser Premium-Kopfhörer einfließen lassen. Ich muss sie gar nicht erst aufsetzen – die Qualität der Verarbeitung liegt spürbar in der Hand. Der mit 413 Gramm recht schwer geratene Over-Ear-Kopfhörer stellt im Schaffen von Bowers & Wilkins eine Zäsur dar: Sie sind der Kumulationspunkt aus 50 Jahren Akustik- und Design-Entwicklung.

Das Design: zeitlos

Schlichte Eleganz ist es wohl, was den Konstrukteuren beim Design des P9 Signature vorschwebte. Da kann selbst der edle P7 Wireless nicht mithalten. Die aus Saffiano-Leder gefertigten Ohrpolster und den Kopfbügel ziert eine durch Stempeltechnik aufgetragene Kreuzschraffur, die die Schalen und das Kopfband leicht aufraut. Die Ohrpolster und die Innenseite des Kopfbands sind mit Memory-Schaum gefüllt, der sich nach längerem Tragen der Ohr- und Kopfform anpasst. Dadurch umschließen die Over-Ears das Ohr nahezu vollständig.

Ohne große Krafteinwirkung lassen sich die ansonsten festsitzenden Polster von den Ohrmuscheln entfernen, um die beiliegenden Kabel auszutauschen. So ist auch die Gefahr eines Kabelbruchs minimiert. Darüber hinaus offenbart das Entfernen der Polster einen Blick auf die 40-Millimeter-Treiber (22 Ohm, 2 Hz bis 30 kHz). Diese sind nicht, wie üblich, flach im Gehäuse der Ohrmuschel verbaut, sondern um 15 Prozent geneigt. So entsteht beim Hören der Eindruck, dass die Akustik von vorne kommt, weil sie präziser in den Gehörgang geleitet wird. Bowers & Wilkins hat zudem darauf verzichtet, die Membran und die Aufhängung des Treibers aus einem Stück zu fertigen. Stattdessen setzt das Unternehmen bei ihrem Premium-Modell auf eine steife Membran, gehalten von einer weichen Einspannung. Ersteres ist relevant für saubere Höhen, letzteres für satten Bass.

Der Klang: unerhört gut

Ich setze die P9 Signature auf, drücke auf Play und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, stehe ich im Abby Road Studio. Dick Parry saugt die Luft um sich herum ein und bläst sie kraftvoll durch sein Tenorsaxophon in meine Richtung. Von rechts rollen die Drums auf mich zu, während David Gilmour zum Solo an der Gitarre ansetzt. Ich halte die Luft an. Kribbeln im Nacken und im Bauch. Musik spüren, mit allen Sinnen, nicht bloß hören – ich hatte schon lange nicht mehr den Eindruck, Musik so plastisch und raumgreifend wahrzunehmen. Das auditive Erlebnis, das von den P9 Signature ausgeht und sich über die Ohren bis in die Zehen ausbreitet, sorgt selbst bei Songs, von denen ich glaubte sie auswendig zu kennen, für Gänsehaut. Pink Floyds "Money" habe ich als Kind im Musikunterricht seziert. Die P9 versetzen mich zurück in die Zeit, als dieser Song 1973 aufgenommen wurde. Mit solch intensiver Verve spielen die Instrumente glasklar auf, dass es sich anfühlt, als wäre man just in dem Moment bei der Studio-Aufnahme dabei. Vielleicht ist es das, was einer Zeitmaschine am nächsten kommt.

Ich habe Pink Floyd nie live erlebt, aber jetzt habe ich einen Eindruck davon, wie es sich anfühlt. Näher dran komme ich sonst wohl nur bei einem Wohnzimmerkonzert in der ersten Reihe.

Mobile Kopfhörer für Zuhause

Bowers & Wilkins vermarket die P9 Signature als mobilen Kopfhörer, der sich auch für unterwegs anbietet. Bei dieser Soundqualität wäre es aber eine Schande, jegliche Störgeräusche zuzulassen. Zumal das Leder zwar nicht empfindlich ist, aber dennoch vor Regen geschützt werden will. Als Accessoire legt der Hersteller deshalb eine Tragetasche aus Alcantara bei, in die die P9 zusammengeklappt perfekt hineinpassen. Ein weiterer Grund, der potenziell gegen die Nutzung in der Öffentlichkeit spricht, ist der fehlenden Gegenschall (ANC). Die P9 verzichten auf batteriebetriebenes Anti Noise Cancelling und verlassen sich stattdessen auf die isolierende Funktion des Memory-Schaum. Der leistet im Vergleich zur aktiven Schallunterdrückung aber nur mittelmäßige Arbeit. Außengeräusche dringen bei den geschlossenen Over-Ears auch bei hohem Volumen ans Ohr und stören die ausgewogene, empfindliche Klang-Balance. Und: Die Außenwelt kann ebenfalls mithören.

Fazit: Shut up and take my old headphones!

Als Pink Floyd 1973 "Money" aufnahm, ahnten sie vermutlich nicht, dass der Song auch fast 50 Jahre später noch gehört wird. Wer weiß, ob Bowers & Wilkins in 50 Jahren noch Kopfhörer herstellt. So oder so haben sie sich mit den P9 Signature aber schon jetzt ein Denkmal gesetzt, das in dem Preissegment nur schwer zu toppen ist. Die Natürlichkeit, die Wärme und die Dynamik des Sounds schaffen einen akustischen Raum, in dem sich jeder Musikfan liebend gerne verlieren wird. Der Eintritt in diese Klangwelt ist mit 899 Euro zwar nicht gerade niedrig beziffert. Doch das Privatkonzert, das Bowers & Wilkins dafür bietet, ist unbezahlbar.

Falls Ihr Euch fragt, was es mit "Deluxe Soundsystem" auf sich hat: So hieß das Debütalbum von Dynamite Deluxe aus dem Jahre 2000, das bis heute als Meilenstein im Deutschrap gilt. Gleiches dürfte Bowers & Wilkins mit dem P9 Signature im Bereich des mobilen Musikgenusses gelungen sein.


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