BQ Aquaris E4.5 im Test: die Linux-Lusche

Her damit !37
Das BQ Aquaris 4.5 Ubuntu Edition ist das erste Smartphone mit Ubuntu.
Das BQ Aquaris 4.5 Ubuntu Edition ist das erste Smartphone mit Ubuntu.(© 2015 CURVED Montage)

Pionier oder Panne? Das Aquaris E4.5 ist das erste serienreife Ubuntu-Smartphone. Doch ausgereift ist das Gerät keineswegs, wie der Test belegt.

Ich gebe es zu, ich hege eine gewisse Sympathie für die Idee hinter Linux, bin aus Bequemlichkeitsgründen allerdings nie ernsthaft und auf Dauer von Windows, OS X sowie Android los gekommen. Trotzdem freue ich mich, dass neben mehreren Geräten mit Firefox OS jetzt endlich auch das erste Smartphone mit Ubuntu da ist und war gespannt, ob es sich besser gegen iOS, Android und Windows Phone durchsetzen kann als das Betriebssystem von Mozilla. Das Aquaris E4.5 stammt vom weitgehend unbekannten Hersteller BQ - das Ubuntu Edge von Canonical, die Firma, die auch für die Linux-Distribution verantwortlich ist, hätte schon vor einem Jahr das erste Ubuntu-Smartphone sein können, scheiterte aber beim in der Crowdfunding-Phase.

Scopes statt Apps

Wer von Android oder iOS kommt, muss sich bei Ubuntu an einen ganz anderen Aufbau des Systems und einem komplett neuen Startbildschirm gewöhnen. Statt der Apps stehen beim Aquaris E4.5 sogenannte Scopes im Mittelpunkt. Es handelt es sich um Schnellstartfenster, die auf einer Seite die Inhalte einer einzelnen Apps anzeigen oder zum Beispiel Nachrichten, Musik oder Fotos aus verschiedenen Quellen bündeln und übersichtlich präsentieren. Bei "Fotos" zum Beispiel neben denen vom Smartphone auch noch Bilder von Instagram, Flickr und Facebook.

Dieser komplett andere Aufbau der Benutzeroberfläche ist anfangs völlig ungewohnt. Am schnellsten dürften noch Lumia-Nutzer von Windows Phone sich mit Ubuntu zurechtfinden. Aber selbst wenn sich iOS und Android ins Gehirn eingebrannt haben, hat man die Logik der Ubuntu-Oberfläche spätestens nach einigen Tagen verstanden und gewöhnt sich anschließend schnell an sie.

Das läuft noch nicht rund

Das Angebot an nativen Apps im Ubuntu Store ist deutlich übersichtlicher als im App Store und Play Store und sogar als im Windows Store. Zu den bekanntesten Anwendungen dürfen der Messenger Telegram und das Spiel "Cut the Rope" gehören. Auf andere Chat-Tools wie WhatsApp oder den Facebook Messenger müsst Ihr komplett verzichten, dafür könnt Ihr Dienste wie Twitter, Gmail oder Facebook als Webapp einbinden. Weitere wie Instagram, Flickr oder Fitbit könnt Ihr als Konto mit einem Scope verbinden und deren Inhalte dort sehen.

Aber noch läuft bei Ubuntu nicht alles rund. So konnte ich mich zum Beispiel nicht mit meinem Google-Account anmelden, da sich das Aquaris E4.5 beharrlich weigerte, die Tastatur für die Eingabe des SMS-Codes der Zwei-Wege-Authentifizierung zu öffnen. Beim Versand von E-Mails gibt es keine Warnung, wenn die Anhänge zu groß sind. Die Webapp stürzt kommentarlos ohne Vorwarnung ab. Zudem fallen die Ladezeiten der verschiedenen Anwendungen und sogar einzelne Menüpunkte deutlich zu lang aus.

Für die Idee die anfangs noch geringe Auswahl an Apps mit den Scopes zu umgehen, gebührt Ubuntu Lob und Respekt. Allerdings will sich auch nach mehreren Tagen mit dem Aquaris E4.5 keine Begeisterung für die Schnellstartfenster einstellen. In der kurzen Zeit habe ich mich nicht umgewöhnt und komme ich mit einzelnen Apps wie bei iOS oder Android deutlich besser zurecht. Zudem fehlen mir doch zahlreiche Anwendungen.

Bedienung mit fünf Gesten

Die Bedienung von Ubuntu kommt dafür im Gegensatz zu Windows Phone, Android und iOS komplett ohne Tasten aus - von dem Lautstärkeregler und dem Einschaltknopf einmal abgesehen. Die komplette Navigation und Bedienung erfolgt über den Touchscreen, wozu mehrere Gesten ausreichen und nicht einmal virtuelle Softkeys wie bei Android notwendig sind.

Die Wischbewegung von oben nach unten, um die Einstellungen und Benachrichtigungen aufzurufen, dürfte vor allem Android-Nutzer vertraut sein. Mit einem Wisch von links nach rechts holt Ihr den Launcher auf das Display und könnt direkt auf die wichtigsten Apps und Funktionen zugreifen, sowie jederzeit zum Startbildschirm zurückkehren. Welche Symbole in der Seitenleiste erscheinen, könnt Ihr selbst festlegen.

Streicht Ihr mit dem Finger vom rechten Bildschirmrand nach Links, zeigt Euch das Aquaris E4.5 alle aktiven Apps und die Scopes an und Ihr könnt bequem zwischen ihnen hin und her wechseln. Mit einer Wischbewegung von unten nach oben gelangt Ihr in die Verwaltung der Scopes und könnt auswählen, welche Schnellstartfenster das Smartphone anzeigt. Neben Übersichtskarten stehen hier auch einzelne Apps zur Auswahl, die Ihr in den Startbereich holen könnt.

Die Kamera taugt nicht

Ohne Ubuntu wäre das BQ Aquaris E4.5 nur ein günstiges Smartphone mit langsamer Hardware von vielen. Mit seinem 4,5 Zoll großem IPS-Display mit einer Auflösung von 540 x 960 Pixeln, dem mit 1,3 Gigahertz getakteten Quad-Core-Prozessor von Mediatek, einem Gigabyte Arbeitsspeicher und acht Gigabyte internem Speicher, der sich mit einer MicroSD-Karte um bis zu 32 Gigabyte erweitern lässt - sofern Ihr denn die Abdeckung aufbekommt, was nicht gerade leicht geht - alleine kann heute kein Smartphone mehr überzeugen.

Die Ausstattung mag zwar ausreichend sein, aber bereits in der Mittelklasse zwischen 200 und 300 Euro gibt es zumindest deutlich besser ausgestattete Android-Smartphones. Die mögen zwar nicht alle über zwei Schächte für zwei MicroSIM-Karten verfügen, aber dafür sorgt ihre flottere Hardware dafür, dass die Benutzeroberfläche flüssig läuft.

Die Kamera auf der Rückseite liefert nach Herstellerangaben Fotos mit einer Auflösung von acht Megapixeln. Die realen Fotos haben mit 4352 x 2448 Pixeln sogar eine Auflösung von 10,6 Megapixeln. Allerdings sind die Aufnahmen sogar bei Tageslicht unscharf und weisen eine sehr geringe Detailgenauigkeit auf. Die Selfie-Kamera mit ihren fünf Megapixeln ergänzt noch einen starken Rotstich, so dass die Kameras keine Pluspunkte für das Aquaris E4.5 sammeln, sondern aufgrund ihrer schlechten Qualität lieber nicht genutzt werden sollten.

Online geht das Aquaris E4.5 per WLAN oder über die beiden SIM-Karten, allerdings nur im UMTS-Netz. Ein LTE-Modul ist nicht verbaut. Darüber hinaus verfügt das Ubuntu-Smartphone über GPS und Bluetooth sowie einen Lithium-Polymer-Akku mit einer Kapazität von 2150 Milliamperestunden, der allerdings nur für einen ganzen Tag reicht, wenn Ihr besonders stromsparend agiert und GPS nur selten einschaltet und nicht dauerhaft online seid.

Vergleichsweise teures Smartphone für Early-Adopters

Für die gebotene Hardware-Ausstattung ist das BQ Aquaris E4.5 Ubuntu Edition mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 169,90 Euro - Achtung bei der Bestellung: BQ verkauft das Aquaris E4.5 auch in einer Version mit Android für diesen Preis - vergleichsweise teuer. Ähnlich ausgestattete Smartphones mit Android oder Windows Phone wie das Lumia 435 bekommt Ihr dagegen schon für 89 Euro. Auch die Software, rechtfertigt bei aller Sympathie für Ubuntu nicht den hohen Preis. Zwar ist es erfrischend, neue Ideen für die Smartphone-Bedienung und Nutzung zu sehen, aber es läuft unrund, und die Auswahl an Apps ist noch sehr übersichtlich. Zudem sorgt die langsame Hardware dafür, dass Ubuntu und die Programme nicht immer flüssig laufen und Ihr immer wieder längere Ladezeiten über Euch ergehen lassen müsst.

Da das Aquaris E4.5 das erste Ubuntu-Smartphone auf dem Markt ist, bleibt mir noch die Hoffnung auf weitere Geräte mit besserer Hardware und einer verbesserten Version des Betriebssystems.


Weitere Artikel zum Thema
Mars­hall Mid Blue­tooth im Test: ein Button für alle Fälle
Felix Disselhoff
Marshall Headphones MID
9.0
Mit dem neuen Marshall Mid Bluetooth richtet sich die Kultmarke an die wachsende Zahl derer, deren Smartphone keine Klinke mehr besitzt. Der Test.
Huawei Honor Magic: Hoher Preis für Mi Mix-Konkur­ren­ten erwar­tet
Christoph Groth
Naja !5Das nächste Honor-Smartphone nach dem Honor 8 ist womöglich zum Premium-Preis erhältlich
Mit dem Mi Mix-Konkurrenten Honor Magic geht das Unternehmen wohl neue Wege: Voraussichtlich wird das Konzept-Smartphone teurer als bisherige Geräte.
Huawei Mate 8 und P9: Rollout des Nougat-Upda­tes beginnt schon jetzt
Her damit !27Nebem dem Huawei P9 soll auch das Mate 8 schon die Aktualisierung auf Android Nougat in China bekommen
Kommt Android Nougat doch noch 2016? Zumindest in China soll die Aktualisierung für das Huawei 9 und Mate 8 bereits ausrollen.