Das Moto X Play im Test

Mit dem Moto X Play ist eine Hälfte der jetzt zweigeteilten Moto-X-Serie im Handel angelangt. Wir haben das Mittelklasse-Smartphone ausführlich getestet.

Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass Motorola mit der Moto-X-Reihe die Herzen der Android-Fans eroberte. Wie bei Googles Nexus-Geräten verzichtete Motorola auf eine eigene Benutzeroberfläche und setzte auf pures Android - inklusive schneller Updates auf die nachkommenden Versionen. Diese Entscheidung verwunderte nicht, schließlich gehörte der Hersteller damals noch Google. Der neue Eigentümer Lenovo behielt das Prinzip bei, suchte sich aber eine neue Zielgruppe. Während das erste Moto X noch ganz klar als Mittelklasse-Smartphone angelegt war, ging es mit dem Nachfolger Moto X 2014 deutlich in Richtung Premium-Gerät. Eine Entscheidung, die nicht jedem gefiel. Wohl auch deswegen gibt es in diesem Jahr gleich zwei neue Moto X: das Mittelklasse-Smartphone Moto X Play und das etwas edlere Moto X Style. Wir haben uns das Moto X Play besorgt und verraten euch, was es kann.

Typische Moto-Rundungen

Optisch bleibt das Moto X Play der Designsprache der Vorgänger treu. Motorola setzt weiterhin auf Rundungen und Wölbungen. Die Vorderseite ist schlicht und, bis auf die Kamera und die beiden großen Front-Speaker, klar gestaltet. Ein Plastikrahmen in Metalloptik fasst das Gehäuse ein. Der fühlt sich zwar in keinster Weise billig an, wirkt allerdings nicht so hochwertig wie die echten Metallrahmen etwa im OnePlus 2 oder Galaxy S6. Die Rückseite besteht aus Gummi und ist dadurch schön griffig. Die Optik der geriffelten Gummifläche und auch das Gefühl auf der Haut gefallen aber innerhalb der Redaktion nicht jedem. Ob einem die Rückseite zusagt, ist also Geschmacksache. Wir empfehlen daher, das Gerät vor dem Kauf zumindest einmal in die Hand zu nehmen.

Wer jetzt wie beim Vorgänger lieber auf eine Holz- oder Lederschale setzte, dürfte enttäuscht sein: Zwar lässt sich das Moto X Play, wie das Moto X 2014, im Moto Maker umfangreich an den eigenen Geschmack anpassen. Die edlen Rückseiten bleiben aber dem Moto X Style vorbehalten. Für das Moto X Play gibt es im Bezug auf Rückseiten Gummi in 14 Farben. Weitere anpassbare Teile sind der rein dekorative Metallsteg um die Kamera in diversen Farben sowie die Farbe der Front. Mit der ändert sich auch die Farbe des Rahmens. Eine schwarze Front bekommt einen dunkelgrauen Rahmen, die weiße erhält einen silbernen. So erreicht Motorola trotz der Beschränkung auf Gummi eine beeindruckende Anzahl möglicher Kombinationsmöglichkeiten. Das bietet weiterhin keiner der Konkurrenten an.

Während es im vergangenen Jahr noch so schien, als ob in Zukunft alle Smartphones wasser- und staubdicht sein müssen, findet sich dieses Feature 2015 nur in wenigen Geräten. Eines davon ist Motorolas günstiges Moto G. Doch anders als der preiswerte kleine Bruder ist das Moto X Play nicht wasserdicht, sondern lediglich spritzwassergeschützt. Regen oder ein Schluck Wasser richten so keinen Schaden an, Baden gehen sollte es aber nicht.

Helles Display und tolle Farben

Auch beim Display zeigt sich: Das Moto X Play hat etwas weniger zu bieten als sein teurer Bruder. Mit dem 5,5 Zoll großen Full-HD-Display kann es mit den 5,7 Zoll des Quad-HD-Displays des Moto X Style nicht mithalten. Trotzdem ist der Bildschirm hell und mit 401 ppi hoch genug aufgelöst. Farben und Kontraste stellt es gut dar. 

Natürlich fällt der Kontrast durch die eingesetzte LCD-Technologie weniger stark aus als etwa bei den AMOLED-Panels, wie in Samsungs Galaxy S6, dafür stellt es Farben aber auch weniger unnatürlich dar. Ob das wärmer wirkende AMOLED- oder die kühleren, aber dafür natürlicheren Farben eines LCD-Panels besser gefallen, ist eben auch Geschmacksache.

Alltagstaugliche Leistung

Unter der Haube ist der Unterschied zwischen den beiden Geräten dann doch sehr deutlich. Mit einem Snapdragon 615, dessen acht Kerne jeweils mit 1,7 Gigahertz takten, ist das Moto X Play deutlich weniger leistungsfähig als das Moto X Style mit seinem Snapdragon 808. Zudem kann es nur auf zwei Gigabyte RAM zurückgreifen, während das Moto X Style über drei GB verfügt. Die schwächere Performance macht sich in Benchmarks bemerkbar: Im Antutu erreicht das Moto X Play mit knapp 37.000 Punkten einen ähnlichen Wert wie das LG G3 oder das Nexus 5, das bereits beinahe zwei Jahre auf dem Buckel hat. 

Allerdings muss man festhalten, dass die “Performance-Schwächen” vor allem auf dem Papier existieren. Im Alltag ist von der etwas langsameren Technik wenig zu spüren. Zwar gibt es gelegentliche Ruckler, etwa beim schnellen Scrollen, sonst fällt der Mittelklasse-Prozessor aber kaum negativ auf. Denn für die allermeisten Anwendungen ist heute selbst Mittelklassetechnik mehr als ausreichend. 

Eine wichtige Ausnahme sind allerdings Spiele. Bei der Grafik setzt Motorola auf einen Adreno 405. Der Mittelklasse-Grafikchip erreicht etwa im GFXBench-Manhattan-Benchmark mit 380 Punkten gerade einmal die Leistung eines Galaxy S4 Mini. Zum Vergleich: Das Galaxy S6 schafft hier 900 Punkte - und liegt damit hinter dem iPhone 5s. Für aktuelle Spiele reicht der Chip damit zwar immer noch völlig aus, es kommt weder zu starken Rucklern noch zu Hitzeproblemen. Ob das für zukünftige Grafik-Monster immer noch gelten wird, darf allerdings bezweifelt werden.

Erweiterbarer Speicher und ein großer Akku

Der Datenspeicher ist mit 16 GB im Einsteigermodell in Ordnung, für den Nutzer bleiben davon 11 GB für eigene Daten. Doch auch wer mehr Speicher benötigt, bleibt nicht außen vor: Ein Modell mit 32 GB gibt es zu einem Aufpreis von 50 Euro, alternativ kann man auch eine microSD-Karte mit bis zu 128 GB einlegen. Leider keine Selbstverständlichkeit mehr.

Eines hat das Moto X Play seinem Edel-Zwilling eindeutig voraus: Der Akku ist mit einem Fassungsvermögen von 3630 mAh recht groß. Das Moto X Style kann nur 3000 mAh vorweisen. Im Alltag macht sich das bemerkbar: Abends war im Testzeitraum immer noch genug Energie vorhanden, einmal reichte es sogar für einen zweiten Arbeitstag - wenn auch nur knapp. 

Gute Kamera mit Schwächen

Im Bezug auf die Kamera hinterlässt das Moto X Play bei mir einen gespaltenen Eindruck. Motorola hat sich sichtlich bemüht, die Kamera der Vorgänger zu verbessern. Dazu hat der Hersteller dem Moto X Play einen 21-MP-Knipse mit f2.0-Blende verpasst. Die ist auch durchaus in der Lage, tolle Bilder zu schießen. Das Problem: Sie tut es nicht zuverlässig. Denn zum einen reicht manchmal ein kleiner Wackler aus, um aus einem eigentlich gelungenen Bild schnell Pixelbrei werden zu lassen. Hier hätte ein optischer Bildstabilisator Wunder wirken können. Zum anderen fokussiert die Kamera automatisch und nimmt dann gleich das Bild auf, wenn man auf den Bildschirm tippt. Ein manuelles Fokussieren ist nicht möglich. Leider erkennt der eigentlich blitzschnelle Fokus aber manchmal nur ungenügend, auf welchen Ausschnitt man es abgesehen hat. Und so ist öfter der falsche Bildbereich scharf und ein eigentlich gelungenes Bild dahin.

Diese Unzuverlässigkeit ist deswegen besonders schade, weil die Kamera im Idealfall tatsächlich hervorragende Bilder aufnimmt, wie sie bei Smartphones in dieser Preisklasse immer noch ungewöhlich sind. Die kommen zwar immer noch nicht an das Galaxy S6 oder das LG G4 heran, können sich allerdings wirklich sehen lassen. Die Farben sind satt, aber nicht unnatürlich, die Bilder scharf und hoch aufgelöst. Gut ist, dass die Kamera auch bei schlechtem Licht akzeptable Bilder hinbekommt. Die sind zwar häufig leicht verrauscht. Dafür sind sie aber hell und farblich gut getroffen.

Bei Videos enttäuscht die Kamera allerdings. Zum einen filmt sie lediglich in Full-HD sowie Slowmotion-Clips in 540p. Zum anderen sind die Aufnahmen leicht verwaschen und überbelichtet. So wirken sie schlechter aufgelöst als sie eigentlich sind.

Weitgehend pures Android

Als Betriebssystem ist, wie bei der Moto-Serie üblich, ein unbearbeitetes Android in der aktuellen Version an Bord. Zur Zeit ist das 5.1.1. Die Erfahrung zeigt, dass sich Käufer auch Hoffnungen auf ein schnelles Update auf Android 6 Marshmallow machen können, sobald es in der finalen Version verfügbar ist.

So ganz ohne eigene Apps kommt aber auch Motorola nicht aus. Neben einer Umzugsapp, einer “Connect” genannten Software fürs eigene Motorola-Konto und einer Hilfe-App stechen vor allem zwei Programme heraus: Die Radio-App empfängt ganz klassisch Kurzwellen-Radio und bietet außerdem gleich noch die Möglichkeit, Lieder aufzunehmen und zu schneiden. Auch wenn das in Zeiten von Spotify und Co. nicht mehr ganz so attraktiv ist, bringt es für einige Nutzer doch einen ordentlichen Mehrwert. Die zweite essentielle App nennt sich schlicht “Moto”. Hier vereint Motorola seine vorher in den Einstellungen hinterlegten Zusatz-Features in einer einzelnen App. Und die bieten wirklich tolle Möglichkeiten...

...mit Mehrwert

So lässt sich hier die Sprachsteuerung Moto Voice konfigurieren, indem man ihr ein eigenes Hotword zur Aktivierung beibringt. Doch das Moto X Play lässt sich noch auf weitere Arten Befehle beibringen. Denn auch eine Gesteneinstellung ist an Bord und lässt sich an den eigenen Geschmack anpassen. Voreingestellt ist etwa ein schnelles Wackeln mit dem Handgelenk. Es öffnet die Kamera und wechselt bei geöffneter Kamera-App zwischen Selfie- und Hauptkamera. Andere Gesten zu speichern, ist genauso möglich, wie dem Handwackeln eine andere Funktion zuzuordnen. 

Mit eigenen Regeln kann man dem Moto X Play zudem beibringen, unter bestimmten Vorraussetzungen vorher festgelegte Aktionen druchzuführen. Etwa, zu einer bestimmten Zeit die Benachrichtigungen auf ein Minimum zu reduzieren, beim Autofahren automatisch SMS vorzulesen und ähnliches. Die Auswahl ist zwar noch etwas beschränkt, die gebotenen Anwendungen sind aber tatsächlich sehr nützlich.

Ebenfalls interessant: Nimmt man das Moto X Play vom Tisch, zeigt es in einer schwarz-weißen Ansicht kurz die Uhrzeit und eingegangene Nachrichten in einer Vorschau an. Welche das sind, legt Ihr als Nutzer selbst fest.

Fazit

Das Moto X Play ist ein tolles Mittelklasse-Smartphone mit großem Akku und einer Kamera mit verschenktem Potenzial. Das eigentlich gut verarbeitete Smartphone fühlt sich gegenüber dem edlen Moto X Style leider deutlich abgespeckt an. Das macht sich vor allem beim Plastikrand, der Gummirückseite und auch in den Benchmarks bemerkbar. Für einen vom Hersteller empfohlenen Preis ab 349 Euro (MotoMaker-Version 379 Euro) schlägt es sich dennoch sehr gut.

Wer einen Dauerläufer mit wenig Bloatware sucht, darf beim Moto X Play beruhigt zuschlagen. Zumindest, wenn man mit der unzuverlässigen Kamera und der Mittelklasse-Technik leben kann. Auch wer sein Smartphone gerne anpasst, sollte einen Blick riskieren. Denn die Moto-X-Reihe bietet hier nach wie vor die mit Abstand meisten Möglichkeiten. Wer zu einem ähnlichen Preis mehr Power braucht, sollte sich das OnePlus 2 oder das mittlerweile recht günstige Huawei P8 ansehen. Oder auf das bald erhältliche Moto X Style warten.


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