Google Nexus 9: 64-Bit-Tablet im Test

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HTC Nexus 9
HTC Nexus 9(© 2014 CURVED)

Mit dem Nexus 9 geht Google keine wirklich neuen Wege, erweitert aber seine eigenen Tablet-Pfade um den 4:3-Formfaktor — und positioniert sein 64-Bit-Android 5.0-Referenzgerät für manche Beobachter damit noch konkreter gegen Apples iPads: Auch Preis, Display-Auflösung und Geräte-Dimensionen bewegen sich eher in Cupertinos Gefilden, denn dort, wo in den Vorjahren noch die Nexus 7-Tablets zuhause waren. Wir haben den von HTC gebauten Flachmann getestet und verraten Euch im Folgenden nicht nur, ob das Nexus 9 eine brauchbare Alternative zum iPad Air 2 darstellt, sondern auch, ob es für sich betrachtet ein gutes Android-Tablet ist.

Design und Verarbeitung: wie ein großes Nexus 5 — mit Makeln

Auf den ersten Blick wirkt das von HTC gebaute Nexus 9-Tablet schick und edel: Die mattierte Rückseite erinnert an das Nexus 5 (das aber von LG gefertigt wurde) und fühlt sich wertig und gleichzeitig griffig an, der Alu-Rahmen um das Gerät herum unterstreicht diesen Eindruck und sorgt sogar dafür, dass das mit 7,95 Millimeter Dicke gar nicht mal so schlanke Tablet zumindest optisch deutlich graziler wirkt. Ein besonderes optisches Schmankerl ist der mit Metall-Elementen eingesetzte Nexus-Schriftzug auf dem Rücken des Gerätes.

Von vorne fast ein iPad: Das Nexus 9

Auf der Front erblickt Ihr einen rundherum ziemlich breiten Bezel um das Display herum, das oben und unten von den schmalen und fast nicht auffallenden Stereo-Lautsprechern direkt am Rand unterbrochen wird. Auch durch die großzügigen Ränder erinnert das Nexus 9 von vorne betrachtet stark an ein iPad (Air 2), nur dass der Apple-typische Homebutton fehlt. Dafür sind auch Gewicht und Abmessungen mit 153,68 x 228,25 Millimetern und 425 Gramm dem Tablet aus Cupertino sehr ähnlich; es ist sogar geringfügig leichter als Apples vermeintlich besonders luftiges Modell.

Enttäuschend ist die Verarbeitung unseres Testgerätes: Große Spalten tun sich an zwei gegenüberliegenden Ecken des Tablets auf — dort kann die Rückseite zwar temporär wieder an den Rahmen angedrückt werden, ein paar Sekunden später ist der Spalt dann aber wieder da. Es scheint, als sei die Rückabdeckung zum einen verzogen, zum anderen sind keine Halteklemmen oder Ähnliches an diesen neuralgischen Stellen vorhanden. Für ein Tablet, das mindestens 389 Euro kostet und es irgendwie ja schon mit dem hochwertigen — und dieses Attribut muss man den Geräten aus Cupertino einfach zugestehen — iPad aufnehmen will, ist das ein ziemlich großes Manko.

Unschöne Spaltmaße finden sich an den Ecken des Nexus 9

Lassen wir die Verarbeitungsmängel für einen Moment außer Acht — wir hoffen natürlich, dass diese sich in kommenden Chargen nicht finden, wofür schon jetzt spricht, dass nicht alle frischgebackenen Nexus 9-Besitzer darüber klagen —, so haben wir es mit einem sehr attraktiven, ausreichend flachen, cool designten (eben der zuletzt typische Google-Look) und vor allem für seine Größe sehr leichten Tablet zu tun.

Display: (un)heimliches Leuchten

Dennoch müssen wir an dieser Stelle die Mängelliste unseres Testgerätes leider fortsetzen: Nicht nur wir stellen ordentlich sichtbare Lichthöfe an den Rändern und vor allem in den Ecken des 8,9 Zoll-IPS-LC-Screens fest — auch im Internet häufen sich die Berichte darüber zusehends. Das fällt zwar bei hellen Inhalten nicht so wahnsinnig auf, sobald Ihr aber zum Beispiel einen Film schaut oder auch in der Play Books-App mit schwarzem Hintergrund lest, wird dieses schummerige Leuchten in den Ecken nerven oder wenigstens unangenehm auffallen. Auch hier muss ich postulieren, dass sich das für ein 400 Euro-Tablet ganz und gar nicht gehört.

Scharf, hell aber mit deutlichen Lichthöfen bei dunklem Screen — das Display des Nexus 9 überzeugt leider nicht auf ganzer Linie

Abgesehen davon ist der IPS-Screen mit seinen 2.048 x 1536 Pixeln und der Pixeldichte von 281 ppi aber sehr scharf und vor allem bei Bedarf sehr, sehr hell, so dass auch eine Ablesbarkeit im Freien sichergestellt ist. Sämtliche Farben werden natürlich, aber nicht zu blass dargestellt. Ebenfalls aufgetretene Berichte über einen zu warm kalibrierten Screen, Gelbstiche oder verwaschene Farben kann ich ganz und gar nicht bestätigen — im Gegenteil, gäbe es nicht diese leidlichen Lichthöfe in den Ecken, würde das Display des Nexus 9 von mir Bestnoten erhalten.

Performance: Viel schneller geht nicht

Nvidias zweikerniger K1 mit 64-Bit, Codename Denver, werkelt unter der Haube des Nexus 9 und wird von einer 192-kernigen Kepler GPU sowie 2 GB RAM unterstützt — und das macht sich äußerst positiv bemerkbar: Wer die Befürchtung hatte, die im Vergleich zum K1 im Shield Tablet fehlenden zwei CPU-Kerne würden sich negativ bemerkbar machen, der darf beruhigt sein.

53.000 Punkte stehen im AnTuTu-Benchmark und 25.700 spuckt der Ice Storm Unlimited-Testlauf im 3DMark aus; letztere Wert liegt deutlich höher, als die 21.600 des iPad Air 2. Und zum weiteren Vergleich: Das Xiaomi Mi Pad und das Shield Tablet (beide mit dem vierkernigen Tegra K1) erreichen zwar höhere Werte im 3DMark, die Unterschiede sind aber im Falle des Xiaomi Pad (26.000) marginal und beim Shield Tablet (30.000) in der niedrigeren 1080p-Auflösung begründet.

Der Alu-Rahmen des Nexus 9 gefällt

High End-Games laufen damit natürlich durchweg flüssig, und in Kombination mit dem 64-Bit-fähigen Android 5.0 Lollipop gilt das auch für andere Apps, Homescreen und App Drawer. Die von einigen frühen Reviewern erwähnten Lags oder Denkpausen konnte ich bislang nicht reproduzieren. Aber: Nicht alle Spiele laufen problemlos mit Android 5.0 (Reckless Racing 3 beispielsweise lässt sich aktuell nicht starten auch Reckless Racing 3 verträgt sich nach einem Update mittlerweile mit Android 5.0 und 64-Bit); das liegt aber freilich nicht am Nexus 9 oder dem K1 Denver-Chipsatz, sondern daran, das mancher Entwickler offensichtlich den Start von Android 5.0 verpennt hat ...

Anzumerken ist aber, dass das Nexus 9 bei intensiver Beanspruchung ordentlich heiß läuft: im oberen Drittel (hochkant betrachtet) staut sich nach ein paar Minuten Gaming die Wärme sehr merklich — nicht so stark, dass Ihr Euch die Finger verbrennen würdet, aber doch so eminent, dass ein sich ein leichtes schlechtes Gewissen einstellt, das Tablet vielleicht überzustrapazieren.

Akkulaufzeit und Speicher: nicht ganz so üppig

Nach etwa drei Tagen ohne Zwischenstopp und gemäßigter Benutzung mit einem gelegentlichen Spiel, ein wenig Lektüre im Netz oder offline (E-Books) und einem YouTube-Video hier und da liegt der Akkustand aktuell bei 40 Prozent; in den anspruchsvolleren Testtagen zuvor, mit vielen Benchmarks, langer Screen-On-Zeit und ausgedehnteren Gaming-Sessions erreichte das Nexus 9 Laufzeiten von zwölf bis 15 Stunden.

Die Wahrheit des Alltags liegt irgendwo dazwischen: Bei normal-gemäßigter Nutzung hält das 6.700 mAh-Kraftwerk schon mal zwei, drei Tage, wird es intensiver sollte zum Ende des Tages eine Steckdose aufgesucht werden. Ganz so ausdauernd wie ein iPad Air 2 ist das Google-Tablet damit, trotz Project Volta, das ja Teil von Android 5.0 ist, nicht, aber auch nicht kurzatmig.

8,9 Zoll und 4:3-Display sind in der Android-Welt bislang ungewöhnliche Dimensionen

Von den 16 GB internem Speicher stehen Euch lediglich 11 GB tatsächlich zur Verfügung, was nicht viel ist, zumal es wie bei Nexus-Geräten gehabt keinen micro SD-Kartenslot gibt. Und auch die explizite Erwähnung des "Micro-USB-2.0-Anschluss für USB-Daten" auf der Produktseite im Play Store bedeutet nicht etwas, dass das Nexus 9 per Adapter angesteckte Datenträger nun endlich von ganz alleine ausliest. Vielmehr verhält es sich damit so, wie auch bislang mit den Nexus-Tablets und -Smartphones: Ein spezieller Filemanager mit USB-OTG-Fähigkeiten aus dem Play Store ist nötig, bevor Ihr auf Flashspeicher, Festplatten oder SD-Karten zugreifen könnt.

Insofern müsste mein Ratschlag an Kaufinteressenten eigentlich lauten, gleich zur 32 GB-Version zu greifen — nur dass die mit 479 Euro gleich mal 90 Euro mehr kostet, als das 16 GB-Modell. Und dann wiederum wäre der Schritt zur 559 Euro-teuren LTE-Variante auch nicht mehr allzu groß und somit ebenfalls erwägenswert. Das ist aber wohlgemerkt immer noch günstiger als ein vergleichbares iPad Air 2, das mit 64 GB Speicher und LTE schon stolze 709 Euro kostet. Denn nur die Basismodelle von iPad und Nexus sind preislich auf Augenhöhe, danach trennen sich ihre Wege hinsichtlich der Anschaffungskosten.

Software und Audio: sinnvolle Ergänzungen an Bord

Seit HTC das One M7 mit seinen tollen Stereo-Frontlautsprechern herausgebracht hat, predige ich, dass bitte sämtliche Hersteller die vor allem bei Tablets nachahmen sollen. Nur wenige haben es bislang getan. Glücklicherweise wird das Nexus 9 von HTC gebaut, und so finden sich die nach vorne gerichteten Speaker auch im 8,9 Zoller. Ob deren Klang nun 1:1 mit dem BoomSound-Exemplaren in One M7 und One M8 auf einer Höhe ist oder nicht: Sie produzieren eine tolle Akustik und sorgen dafür, dass multimediale Inhalte auf dem Nexus 9 doppelt so viel Spaß machen, wie auf einem iPad.

Ebenfalls ein tolles Feature, das bislang auf viel zu wenigen Geräten Einzug gehalten hat, ist die von LG und Sony bekannte Funktion, ein Gerät per Doppeltipp auf das Display aus dem Standby zu wecken und sich so Suche und Griff nach dem Powerbutton zu sparen — kann das Nexus 9. Und wo wir schon beim Standby sind: Wie das Moto X reicht (bei entsprechend aktivierter Spracherkennung) der Zuruf "OK Google", um die Suche auch bei deaktiviertem Screen zu starten.

Die 8 MP-Kamera steht (ansprechend) hervor

Das liegt natürlich auch an der installierten Software (auch wenn das verbale Wecken aus dem Standby nur bei Geräten funktioniert, die hardwareseitig darauf vorbereitet sind): Das Nexus 9 ist quasi das erste Gerät, auf dem die finale Version von Android 5.0 Lollipop läuft — und dieses Update ist richtig gut geworden. Einen Rundgang durch die wichtigsten Neuerungen und Features findet ihr inklusive Video bereits bei uns. Und so ist es auch Lollipop, das das Nexus 9 gut macht. Ob dies nun ein essenzielles Feature des Nexus 9 ist (Update-Garantie, optimale Kompatibilität, 64-Bit) oder etwas, das mit dem allgemeinen Rollout von Android 5.0 auf andere Geräte als Pluspunkt nicht mehr gilt, sei dem jeweiligen Betrachter überlassen.

Noch ein kurzes Wort zur 8 MP-Kamera mit LED-Blitz auf der Rückseite des Nexus 9, die von vielen als Unterscheidungsmerkmal beziehungsweise Vorteil gegenüber dem iPad angesehen wird: Tatsächlich produziert das Nexus 9 ordentliche Aufnahmen, die auch beim Reinzoomen nicht übermäßig aufpixeln — dem Betrachter aber auch nicht den Atem verschlagen, mit oder ohne Blitz. Wer gerne mit dem Tablet fotografiert, darf sich darüber freuen, ein besonderes Plus für das Nexus 9 stellt das meines Erachtens aber nicht dar.

Fazit: Kein Überflieger

Das erste Gerät mit der finalen Android 5.0 Lollipop-Version

Hatte ich an dieser Stelle nach meinem ersten Eindruck des Nexus 9, verärgert über die oben genannten unnötigen Qualitätsmängel, noch postuliert, das Beste am Nexus 9 sei seine Software, so muss ich das heute, mit Abstand und längerer Beschäftigung etwas revidieren: Das Nexus 9 ist in vielerlei Hinsicht — auch abseits von Android 5.0 — ein sehr gutes Tablet. Sein Display ist bis auf die Lichthöfe, die bei unserem Testexemplar den Gesamteindruck stark stören, ausgezeichnet.

Das Design ist abgesehen von den Verarbeitungsmängeln schick, das geringe Gewicht in Anbetracht seiner Größe durchaus beachtenswert. Die schiere Hardware-Power ist über jeden Zweifel erhaben, die Frontlautsprecher toll und wenigstens bei diesem Formfaktor einzigartig und der Akku zwar kein absoluter Dauerläufer, aber ausreichend langatmig. Und ja, dann ist da eben doch die Software, die nicht nur Material Design und neue Android-Features bringt, sondern auch das praktische Double-Tappen zum Aktivieren des Screens.

Auf der Negativ-Seite bleibt der Preis fürs Gebotene: Immerhin 389 Euro kostet die 16 GB-Version, die wie erwähnt eigentlich zu wenig Speicher bietet, mindestens 479 Euro müssen für das 32 GB-Modell hingeblättert werden. Und das ist aber nur dann vertretbar, wenn HTC und Google die Qualitätsmängel in den Griff bekommen. Die Top-Performance und die Frontlautsprecher gibt's derweil beispielsweise im Shield-Tablet dennoch deutlich günstiger. Als absolutes Kaufargument gilt dann eigentlich nur noch der in der Android-Welt bislang weitestgehend einzigartige 4:3-Formfaktor — wer den unbedingt braucht, der hat derzeit wenig Alternativen zum Nexus 9. Aber: Wer braucht das schon unbedingt?


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