Das Huawei Mate 8 im ausführlichen Test

Spätestens seit dem Huawei Mate S ist klar: Die Chinesen sind in der Spitzengruppe angekommen. Mit dem Mate 8 untermauert das Unternehmen seinen Anspruch auf die Pole Position. Wir haben das erste Flaggschiff des Jahres ausführlich getestet.

Eigentlich halten die großen Hersteller ihre Top-Smartphones bis Ende Februar zurück, um sie auf dem Mobile World Congress in Barcelona zu präsentieren. Huawei gibt keinen Pfifferling darauf und zeigte das Mate 8 schon zu Jahresbeginn auf der CES in Las Vegas.

Auf das Gehäuse hat Huawei sehr viel Wert gelegt. Das Aluminium fühlt sich, wie schon beim Huawei Mate S, sehr gut verarbeitet an. Im Gegensatz zum S-Modell sind beim Neuling die Antennenstreifen nicht mehr zu sehen. Der kreisrunde Fingerabdrucksensor auf der Rückseite ist zudem fast schon ein Designelement. Andere Teile, wie der Einschalter oder die Kamera, sind durch gebürstetes Aluminum hervorgehoben. Kurz gesagt: Das Smartphone sieht schick aus und fühlt sich sehr gut an.

Das sechs Zoll große Display löst allem 4K-Wahnsinn zum Trotz mit Full-HD auf. Das ergibt 368 ppi und reicht völlig aus, um auf dem Bildschirm keine einzelnen Bildpunkte mehr zu sehen. Eine gute Entscheidung. Schließlich geht jedes Pixel mehr auf so kleinem Raum auf Kosten der Akku- und Rechenleistung. Inhalte sehen gestochen scharf aus, das Schwarz schön dunkel. Trotz des großen Bildschirms liegt das Mate 8 übrigens gut in der Hand. Um auch die äußersten Ecken des Displays zu erreichen, braucht Ihr aber Eure beiden Hände.

Kirin 950: der besondere Prozessor

Beim Prozessor setzt Huawei mal wieder auf die Produktion der Unternehmenstochter HiSilicon. Der brandneue Kirin 950 verfügt über acht Kerne. Die vier Cortex-A72-Kerne takten mit bis zu 2,3 Gigahertz. Dazu kommen vier Cortex-A52-Kerne mit bis zu 1,8 Gigahertz. Der i5-Co-Prozessor, der nichts mit den Chips von Intel zu tun hat, kümmert sich wie der M9 im iPhone 6s um Aufgaben, wie die Sensorenauswertung und die Sprachsteuerung. Für die Grafikberechnung ist die Mail-T880-Einheit zuständig.

Für ordentlich Leistung ist also gesorgt. Das hat auch unser Benchmark-Vergleich ergeben. Im Geekbench 3 (1.749 Punkte Single-Core, 6.078 Multi-Core) lässt der Kirin 950 die Android-Konkurrenz hinter sich. Den Vorgänger-Chip Kirin 930, der im Huawei Mate S zum Einsatz kommt, deklassiert er sogar recht deutlich. Das Vorjahresmodell kommt auf 947 Punkte im Single-Core- und 3.901 Punkte im Multi-Score-Test. Nur das iPhone 6s war mit 2.545 Punkten im Single-Core-Test schneller.

In der Praxis bedeuten die Zahlen, dass man mit dem Huawei Mate 8 sämtliche Spiele aus dem Play Store ohne Probleme zocken kann. Allerdings gibt es für aufmerksame Keynote-Zuhörer einen kleinen Dämpfer: Auf der Bühne hatte Huaweis Smartphone-Chef Kevin Ho versprochen, dass der Kirin 950 durch seine besondere Bauweise immer “cool” bleiben, also nicht heiß werden würde. Nun, “heiß” wäre an dieser Stelle das falsche Wort. Anders als bei mehreren hintereinander laufenden Benchmark-Test ist das Smartphone beim dauerhaften Spielen von "The Wolf Among Us" aber schon warm geworden. Dennoch: Selbst auf Hochtouren ist das Mate 8 kein heißes Eisen.

Mehr Speicher gibt es nicht

Richtig flott arbeitet der Fingerabdrucksensor. Huawei hat versprochen, dass der nicht nur mehr Sicherheit bietet, sondern auch zu 100 Prozent schneller funktioniert. Ob das wirklich stimmt, ließ sich mit keiner Stoppuhr festhalten. Nur so viel: Das Display entsperrt sich sehr schnell.

Die weitere Ausstattung unseres Testgerätes runden 32 Gigabyte Flash-Speicher und drei Gigabyte Arbeitsspeicher ab. Im Ausland bekommt man das Mate 8 auch in mit doppeltem Speicher und 4 Gigabyte RAM. Immerhin habt Ihr die Möglichkeit, den Speicher per microSD-Karte nachzurüsten. Bis zu 128 Gigabyte zusätzlich sind drin. Wollt Ihr das Smartphone mit zwei SIM-Karten nutzen, fällt die Option aber flach.

Der Akku ist bei allen Varianten gleich groß, nämlich ordentliche 4.000 mAh. Huawei verspricht mehr als zwei Tage Akkulaufzeit. Das kommt sogar hin. Wenn man Stromfresser wie WLAN, NFC und GPS ausschaltet, kann man sogar noch ein paar Stündchen mehr aus der Batterie holen. Geht die Akkuanzeige mal gen Null, ist die Batterie dank Schnellladefunktion in rund zwei Stunden wieder voll. Bei 4.000 mAh ist das ein ordentlicher Wert.

Zwei Kameras mit einigen Möglichkeiten

Die Kamera auf der Rückseite löst mit 16 Megapixeln auf. Bei Tageslicht macht sie schöne, detailreiche Fotos. Farben wirken lebendig. Dank optischem Bildstabilisator verzeiht das Mate 8 leichte Wackler beim Fotografieren. Die Schwäche der Kamera liegt bei Bildern mit wenig Licht. In nicht gut ausgeleuchteten Umgebungen gibt es starkes Bildrauschen. Mit der 8-Megapixel-Frontkamera knipst Ihr zudem brauchbare Selfies.

Aber Vorsicht: Ab Werk ist der Verschönerungsmodus bei Mate 8 eingestellt. Der minimiert zwar Falten, führt aber zu einem extrem künstlich aussehenden Selbstportrait. Genauso verhält es sich mit dem von anderen Huawei-Modellen bekannten "Perfektes Selfie"-Modus. Damit nehmt Ihr vorab drei Bilder von Euch auf und legt anhand von Parametern wie "Dünneres Gesicht" fest, wie zukünftige Selfies aussehen sollen.

Fotofreunde dürften den Professionell-Modus zu schätzen wissen. Über diesen könnt Ihr zum Beispiel den ISO-Wert vor der Aufnahme manuell einstellen. Videos schafft das Mate 8 maximal in Full-HD-Auflösung bei 60 Bildern pro Sekunde. 4K-Aufnahmen sind nicht drin. Ansonsten bietet die Kamera-App noch ein paar nette Spielereien wie Zeitlupen-Videos und und einen Dokumenten-Scanner.

Aktuelles Android und viele Sonderfunktionen

Ersteinmal gibt es Lob fürs Betriebssystem: Auf dem Mate 8 läuft das aktuelle Android 6.0 Marshmallow. Das ist nicht selbstverständlich, denn es gibt noch genügend Hersteller, die ihre Geräte auch jetzt noch mit Android 5.1.1 ausliefern. Darüber legt Huawei seine Benutzeroberfläche EMUI, auf dem Mate 8 in der Version 4.0. Das bedeutet, es gibt Icons im Metall-Look und keinen App-Drawer. Mir persönlich sagt die Optik nicht zu, aber über Design lässt sich streiten. Wichtig ist: Das System tut das, was es soll - und das klappt reibungslos. Neben einigen vorinstallierten Apps, von denen Ihr die meisten nicht entfernen, sondern nur deaktiveren könnt, spendiert Huawei viele Sonderfunktionen.

Vom Mate S übernimmt das Mate 8 zudem die bekannte FingerSense-Technologie. Ist die aktiviert, könnt Ihr das Smartphone mit Euren Fingerknöcheln steuern. Malt Ihr zum Beispiel ein C auf den Bildschirm, öffnet Ihr die Kamera-App. Ihr könnt in den Einstellungen auch selbst festlegen, welche App Ihr öffnen wollt. Insgesamt lässt Euch das System auf vier solcher Shortcuts (C, E, M und W) zurückgreifen. Klopft Ihr zweimal mit einem Knöchel auf den Bildschirm, nehmt Ihr einen Screenshot. Auch der Fingerabdrucksensor hat gleich mehrere Funktionen. Mit ihm könnt Ihr Anrufe entgegennehmen oder ablehnen oder die Kamera auslösen. Tippt Ihr im Ruhemodus die Leise-Taste zweimal an, legt die Knipse übrigens einen Schnellstart hin und schießt, sofort nachdem sie fokussiert hat, ein Foto. Gemessene Spitzenzeit waren 0,8 Sekunden.

Ist das Smartphone mal wach, könnt Ihr es einfach rufen.(© 2016 CURVED)

Mit der Sprachsteuerung "emy" könnt Ihr im Prinzip nicht viel machen, außer Kontakte anrufen - und Euer Smartphone wiederfinden. Nach einem kurzen Sprachtraining sagt Ihr einfach: "Ok emy, wo bist Du?" Daraufhin spielt das Mate 8 einen Sound. Das Beste: Dank des guten Mikrofons im Mate 8 funktioniert die Erkennung nicht nur aus der Nähe sondern im ganzen Raum. Für Schussel, die Ihr Gerät häufiger verlegen, ist das eine prima Sache. Andere Sonderfunktionen, wie die Gestensteuerung, sind dagegen gelinde gesagt blanker Unsinn: Um damit eine App vom Homescreen in einen anderen Bereich zu schieben, müsst Ihr sie erst gedrückt halten und das Smartphone dann neigen. Das macht den Vorgang nur unnötig kompliziert.

Fazit: Samsung muss sich warm anziehen

Mit dem Mate 8 hat Huawei ein wirklich gutes Smartphone im Portfolio. Das Gerät ist groß, schick und schnell. Dass das Smartphone nicht immer cool bleibt, war zu erwarten. Immerhin mutiert es nicht zum heißen Eisen wie andere Geräte. Punktabzüge gibt es für den Micro-USB-Anschluss. Hier hätte es wie beim Nexus 6P, das ebenfalls von Huawei kommt, gern eine USB-Typ-C-Buchse sein dürfen.

Trotzdem erweist sich das Mate 8 als würdiger Anwärter auf den Smartphone-Thron. Mit einem Preis von 599 Euro (UVP) ist es außerdem günstiger als die meisten anderen Top-Modelle auf dem Markt. Es bleibt abzuwarten, wann was die Konkurrenz dem auf dem Mobile World Congress Ende Februar entgegenzusetzen hat. Huawei hat vorgelegt. Samsung, jetzt kommst Du!


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