Huawei P8 im Test: Edel, flach und fast Spitzenklasse

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Huawei P8: High End oder nur Oberklasse?
Huawei P8: High End oder nur Oberklasse?(© 2015 CURVED)

HTC One M9 und Samsung Galaxy S6 haben die Messlatte für 2015 aufgelegt, wie in jedem Jahr versucht Huawei, mit seinem Flaggschiff dagegenzuhalten und dabei preislich attraktiver zu sein: Nur 499 Euro verlangen die Chinesen für ihr 6,4 Millimeter flaches 5,2 Zoll-Smartphone im Alu-Gehäuse. Aber bekommt der geneigte Nutzer zu diesem Preis tatsächlich High End? Oder ist das P8 "nur" gute Oberklasse? Wir haben das Gerät getestet und verraten Euch, was Ihr erwarten dürft.

Nach dem tollen Ascend Mate 7 waren und sind die Erwartungen an das P8 von Huawei groß: Mit dem Phablet haben die Chinesen auf der IFA endgültig bewiesen, dass sie edle, schnelle und ausdauernde Smartphones bauen und diese zu einem günstigeren Preis als die Konkurrenz aus Korea, Taiwan, Japan oder den USA anbieten können. Vom P8 erhofften sich vielen nun, dass es ein kompaktes Mate 7 sei.

Das ist zwar nicht eingetreten — bis auf das installierte Emotion UI haben beide Geräte wenig gemein —, aber das P8 kann auch ohne Reminiszenzen an das Phablet auf den ersten Blick überzeugen beziehungsweise dieses sogar übertrumpfen: eingefasst in einen schicken Alu-Rahmen und mit metallener Rückseite, ausgestattet mit einer 13 MP-Kamera, die dank Optimierungen für Low Light- und besonders helle Bedingungen besonders gute Fotos verspricht, und angetrieben von Huaweis neuem Kirin 930-Chipsatz, hat das P8 auf dem Papier das Zeug zum Top-Smartphone. Ob dieser gute Eindruck dem Alltag standhält? Finden wir es heraus ...

Design: flach, edel — und von vorne wie gehabt

Das iPhone 6 misst 6,9 Millimeter in der Dicke, Samsung hat das mit dem Galaxy S6 und dessen 6,8 Millimetern noch einmal unterboten. Bei Huawei müssen sich die Ingenieure über diese Maße kaputt gelacht haben: Das P8 ist 6,4 Millimeter schlank — und um diesen Fakt wurde auf dem Launch-Event noch nicht einmal ein besonderes Gewese veranstaltet. Tatsächlich ist es aber auch so, dass diese nominell geringe Dicke weder optisch auf- noch hinsichtlich der Haptik des Smartphones ins Gewicht fällt: Wüsste ich nicht durch den Blick aufs Datenblatt, dass das P8 so schlank ist, hätte ich es für nicht dünner als 7 Millimeter gehalten; es wirkt einfach nicht so wahnsinnig dürr. Und das ist gar nicht negativ gemeint.

Auch wenn zurecht attestiert werden darf, dass das Design des Rahmens ebenso der Look der am unteren Rand gefrästen Löcher für den Lautsprecher wie schon beim Galaxy S6 durchaus vom iPhone 6 inspiriert sind, verleiht dieser zusammen mit dem metallenen Rücken dem P8 einen edlen, wertigen Look. Interessant ist die Gestaltung des Powerbuttons am linken Rand, die mit der schmalen Linie der Lautstärkewippe und der beiden Einschübe für micro-SD- und SIM-Karte bricht, aber für ein prägnantes Erfühlen des Knopfes sorgt. Ein weiteres kleines Designkuriosum sind die beiden Torx-Schrauben am unteren Rand rechts und links des micro-USB-Ports, die ziemlich sicher nicht für den Zusammenhalt des P8 notwendig sind, dem Gerät aus dieser Perspektive aber einen irgendwie industriellen Look geben — und ebenfalls an das iPhone 6 erinnern.

Die gesamte Verarbeitung des P8 gibt dann auch keinen Anlass zur Kritik: Alle Elemente des Gerätes gehen nahtlos und ohne nennenswerte Spaltmaße ineinander über. Von der Seite und von hinten ist es eine Freude, den 144,9 x 72,1 Millimeter messenden und 144 Gramm schweren 5,2 Zoller anzuschauen und zu befühlen. Besonderes Lob gebührt der Tatsache, dass Huawei es geschafft hat, trotz der Dünne des Gehäuses die Kamera-Einheit mit optischem Bildstabilisator vollständig zu versenken — anders als bei iPhone 6 oder dem Galaxy S6 steht auf der Rückseite nichts hervor.

Leider setzt sich dieser Eindruck nicht zwingend aus der Gerätefront fort — hier gleicht das P8 bis auf die veränderte Anordnung der Selfie-Kamera und der Sensoren stark seinem Vorgänger, dem Ascend P7, oder gar dem Honor 6; und das ist leider ein bisschen langweilig. Den größten Fauxpas auf der Vorderseite erlaubt sich Huawei beim P8 aber, in dem es das Display zwar auf den ersten Blick bin zu den seitlichen Rändern streckt, dann aber die tatsächlich ausgeleuchtete Fläche mit einem etwa 2 Millimeter breiten schwarzen Rand umgibt, was buchstäblich Augenwischerei ist. Etwas Alu auch auf der Front oder wenigstens ein Einfärben der weißen Ränder oben und unten hätten dem Antlitz des P8 besser gestanden.

Dennoch: Insgesamt ist das Huawei P8 ein sehr attraktives Smartphones, das vielleicht nicht ganz an die Design-Sphären von One M9, Galaxy S6 oder iPhone 6 heranreicht, sich aber mit Geräten vom Schlage eines Sony Xperia Z3 oder Z4, LG G3  oder Xiaomi in dieser Disziplin durchaus messen kann.

Display: Unverschämt hell

Wie HTC rennt auch Huawei dem Trend nach immer höheren Auflösungen in Smartphone-Displays nicht hinterher und verbaut ein lediglich mit 1080p zeichnendes 5,2 Zoll IPS-Panel, das von Gorilla Glass 3 geschützt wird. Und wie gehabt reichen die resultierenden 424 ppi vollkommen aus, um Inhalte scharf darzustellen. Farben und Kontrastwerte des Screens sind gut, ebenso die Blickwinkel und die Schwarz- und Weißwerte.

Besonders positiv fällt aber die automatische Helligkeitsregelung auf, die selbst bei einer Einstellung im mittleren Bereich stets ein ausreichend strahlendes Bild produziert, sowie das Feature, dass der Screen bei direkter Sonneneinstrahlung noch einmal ein paar Nit extra drauflegt und dann zwar ziemlich überbelichtet wirkt, aber so eben auch unter besonders hellen Lichtbedingungen weiterhin gut ablesbar bleibt — das ist gerade bei den nun hoffentlich endlich wieder zahlreichen Sonnentagen Gold wert.

Ob Videos, Games oder Fotos und Webseiten: Das Display des P8 macht in jeder Situation Spaß und lässt keine Wünsche offen.

Hardware und Performance: nicht pfeilschnell

Zugegeben, nach den tollen Leistungswerten, die der HiSilicon Kirin 925 im Ascend Mate 7 zeigte, hatten wir große Erwartungen an seinen Nachfolger im P8. Die wurden leider etwas gedämpft: Der achtkernige und 64-Bit-fähige Kirin 930 taktet zwar mit ordentlichen 2 GHz respektive 1,5 GHz, allerdings verderben die ihm zur Seite stehende Mali T628-GPU sowie die offensichtlich nicht sehr schnellen 3 GB RAM die Performance. Im AnTuTu reicht es daher "nur" für knapp über 50.000 Punkte, im CF stehen 52.000 Punkte und in den Manhatten- und T-Rex-Durchläufen des GFX Bench erhielten wir traurige 9,5 Fps beziehungsweise 16 Fps. Die Prozessorleistung für sich genommen ist dabei sehr ordentlich, wie die Aufschlüsselung der einzelnen Testsektionen des AnTuTu verrät; allein bei der 3D-Berechnung und der RAM-Geschwindigkeit zeigt das P8 deutlich sein Schwächen.

Wie gehabt ist das natürlich Kritik auf hohem Niveau, denn selbstredend laufen auf diesem Level die allermeisten Spiele dennoch flüssig und auf dem Homescreen, im App Drawer und in 2D-Apps gibt es sowieso keine Probleme. Gelegentliches Stottern und Laggen beim Wischen über den Screen und beim Starten von Apps lässt sich allerdings trotzdem beobachten und wir sind nicht ganz sicher, ob das nun am langsamen RAM oder fehlenden Optimierungen im Emotion UI 3.1 liegt, das in dieser Version auf dem P8 debütiert.

Speicherseitig bietet das P8 in der kleineren Version dann auch nur 16 GB intern an, von denen gewaltige 5,5 GB fest belegt sind und dem Nutzer nicht zur Verfügung stehen; eine mit 64 GB deutlich größere Version, die dann auch den Kirin 935 Chipsatz an Bord hat, wurde beim Launch in London ebenfalls vorgestellt; allerdings steht noch nicht fest, ob und wann dieses, 100 Euro teurere Modell auch den deutschen Markt erreichen wird. Tröstlich ist da, dass sich der Speicher des P8 mittels micro-SD-Karten erweitern lässt.

Dennoch sind 16 GB im Jahr 2015 schon sehr wenig und in Kombination mit der nicht so tollen Performance wird deutlich, wo Huawei sparen musste, um trotz wertigem Gehäuse und guten Display ein Smartphone offerieren zu können, das unter 500 Euro kostet.

Kamera: Große Lichtmalerei

Mehr als wieder gut macht die gerade genannten Defizite bei der Performance und dem Speicher die 13 MP-Kamera des P8 in Sachen Fotografie. Huawei hatte zum Launch des P8 erklärt, man hätte sich bei der Verbesserung der Foto-Qualität auf die Bereiche konzentriert, die seit her die Achillesferse der Smartphone-Kameras darstellen: Low Light-Bedingungen und Gegenlicht-Fotografie respektive das Ablichten sehr heller Szenerien. Dieser Fokus hat sich bezahlt gemacht, denn obwohl die Kamera des P8 mit 3 Megapixeln weniger auflöst, als die des Galaxy S6, ist sie dieser ziemlich ebenbürtig und der des One M9 haushoch überlegen — und das nicht nur im Dunklen oder sehr Hellen, wie die folgenden Schnappschüsse belegen:

Neben tollen und scharfen Tageslicht-Fotos sowie beeindruckenden Makros produziert das Huawei P8 dank optischem Bildstabilisator aber vor allem auch sehr ordentliche Nachtaufnahmen, die weder durch Rauschen noch unnatürliche Aufhellung negativ auffallen — auch hier bewegt sich die 13 MP-Kamera mindestens auf einem Level mit dem 16 MP-Modul des S6:

Und auch mit der 8 MP-Frontkamera aufgenommene Selfies können sich durchaus sehen lassen:

Ein Huawei P8-Selfie(© 2015 CURVED)

Wie schon beim Ascend Mate 7 können die Videoqualitäten des P8 da leider nicht mithalten: Zum einen nimmt das 13 MP-Modul Bewegtbilder maximal in 1080p auf, zum anderen wirken die Clips unscharf und verrauscht und wabern, wenn der Bildstabilisator beruhigend einzugreifen versucht. Wer also gerne mit seinem Smartphone filmt, liegt mit dem P8 nicht optimal — wer aber hauptsächlich fotografieren möchte, der findet derzeit wenig Android-Smartphones, die unter allen erdenklichen Bedingungen bessere Fotos abliefern. Und wer auf Spielereien steht, der wird sich an den Lichtmalerei-Zusatzfunktionen erfreuen, die mit einem Stativ noch deutlich bessere Ergebnisse, als das folgende produzieren dürften:

Lichtmalerei mit dem Huawei P8(© 2015 CURVED)

Software und Akku: gut, mit Luft nach oben

Über die Android-Version 5.0 installiert Huawei auf dem P8 wie erwähnt das bekannte und an sich gute Emotion UI in der Version 3.1 — die bringt ein paar kleinere Verbesserungen wie eine Einhandbedienung, bietet ansonsten vor allem die von dieser Benutzeroberfläche bekannten Sonderfeatures zur Überwachung von Apps hinsichtlich ihrer Daten- und Energienutzung. Daneben sieht EMUI minimalistisch-schick aus, verzichtet aber leider weiterhin auf einen App Drawer, was eingefleischte Android-Fans wie mich dazu veranlassen dürfte, über kurz oder lang einen alternativen Launcher zu installieren. Wie oben im Abschnitt Performance angemerkt, neigt das UI zuweilen aber dazu, ein bisschen zu laggen beziehungsweise sich minimale Denkpausen zu gönnen.

Mit 2.680 mAh ist der Akku des P8 etwas über 100 mAh größer als der des Galaxy S6 und hält im Ergebnis dann auch etwas länger durch: An einen betriebsamen Tag mit 4 Stunden Zugfahrt, relativ langer Screen-on-Zeit und dem einen oder anderen Benchmark und App-Test kam der 5,2 Zoller auf etwa 14 Stunden Laufzeit. Bei weniger intensiver, oder sagen wir alltäglicherer, Benutzung reicht es locker für anderthalb Tage. Damit ist auch das P8 kein Dauerläufer, was zwar sicherlich schön gewesen wäre, in Anbetracht der dünnen Bauart aber wohl nicht über den Einbau eines größeren Akkus machbar war.

Fazit: High End mit leichten Abzügen

Für sich betrachtet, gibt es bis auf den etwas zu knapp bemessenen internen Speicher nichts zu meckern am P8: Schickes Design, tolle Kamera, ein helles und vollkommen befriedigendes Display sowie ordentliche Performance und Akkulaufzeiten zum Mittelklasse-Preis von 499 Euro — viel mehr kann man nicht erwarten.

Wenn da nicht der stille Anspruch wäre, es doch auch mit dem Galaxy S6 und dem iPhone 6 aufnehmen zu können. Das haut leider nicht ganz hin. Denn dazu sind weder Performance noch Umsetzung des äußeren Designs konsequent genug auf High-End getrimmt.

Dennoch: Wer nicht den Anspruch hat, unbedingt eines der beiden derzeit besten Smartphones  aus der Android- oder der iOS-Welt besitzen zu müssen, der findet im P8 eine in allen Bereichen gelungene und vor allem günstigere Alternative.

Und wer jetzt noch nicht genug zum Huawei P8 gelesen hat, der kann sich noch unseren Erfahrungsbericht nach einen Monat der täglichen Nutzung des 5,2 Zollers durchlesen, in dem wir noch auf ein paar positive wie negative Punkte eingehen, die hier nicht oder nur am Rande erwähnt wurden.


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