iPad Air 2-Test: Leicht wie Luft, schnell wie der Wind

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iPad Air 2: Dünner, leichter und sehr viel schneller
iPad Air 2: Dünner, leichter und sehr viel schneller(© 2014 CURVED)

Das neue iPad Air 2 ist ein Meisterwerk moderner Ingenieurskunst. Aber reicht das aus? Unser Test verrät's.

Bereits kurz nach der Keynote hatte ich zusammen mit Shu die Möglichkeit, mir die neuen Tablets aus Cupertino aus nächster Nähe anzuschauen und das iPad Air 2 auch in die Hand zu nehmen. Wohlgemerkt: Bei CURVED schlagen nahezu täglich neue Tablets aller Coleur auf, doch keines ist so gut verarbeitet wie das neue Flaggschiff-Tablet aus Cupertino.

Verarbeitung & Gehäuse: Goldstandard

“Wie soll man das iPad Air noch verbessern?” fragte Apples CEO Tim Cook während der Keynote. Die Antwort folgte prompt: Nur 6,1 Millimeter ist das neue iPad Air dünn. Das sind 1,4 Millimeter weniger als noch beim "alten" iPad Air. 437 Gramm wiegt die WLAN-Version, das sind 32 Gramm weniger als beim Vorgänger. 444 Gramm sind es bei der LTE-Version im Vergleich zu 478 Gramm beim "alten" iPad Air.

So viel zu den harten Fakten. Aber wie fühlt sich das neue Apple-Tablet denn nun an? Dünn. Verdammt dünn. Spürt man die 1,4 Millimeter weniger überhaupt in der Hand? Ja. Zwar macht sich der Gewichtsunterschied zum "alten" iPad Air weniger bemerkbar, doch die neue “Dünne” fühlt sich extrem gut in der Hand an.

Mehr noch: Man sieht es dem Tablet an. Der Vorgänger wirkt im direkten Vergleich schon wieder fast klobig - ein Schicksal, das wohl jedes Apple-Tablet mit seinem Nachfolger zu teilen scheint. Doch beim iPad Air 2 treibt es Apple auf die Spitze. Stellt Euch einfach vor, dass Ihr aus einem großen Notizblock, den Ihr mit Euch herumtragt, von hundert Seiten knapp 20 herausreißt. Das sieht man, das spürt man.

Instabiler wirkt das Tablet dadurch nicht - auch wenn das einige “Spezialisten” offenbar nicht davon abhält, dem iPad Air 2 auch ein Bendgate der brutaleren Gangart anzudichten. Gut, dass Apple bei seinem 9,7-Zoller darauf verzichtet hat, die komplett runden Kanten der neuen iPhones einzusetzen. Während sich die Smartphones mit einer Hand greifen lassen, können wohl nur die Top-Scorer der NBA das iPad Air 2 mit ihren langen Fingern umgreifen. So hat Apple mitgedacht und setzt auf die bewährte Kombi aus abgerundeten Kanten auf der Unterseite, die sich gut in die Hand schmiegen, und eine diamantgefräste, angeschrägte Oberkante, womit sich das Tablet mit dem Daumen gut fixieren und dank des geringeren Gewichts länger in einer Hand halten lässt.

Falls Ihr Euch fragt, wo der Lock-Button hin verschwunden ist, mit dem sich die Vorgänger bislang auf einen Hoch- bzw. Landscape-Modus festlegen ließen und man den Ton stumm schalten konnte: “Gelockt” wird das iPad Air 2 über das Control Center, also softwareseitig. Hier kann man darüber streiten, ob es eine vernünftige Entscheidung war, auf den Button zu verzichten. Der lässt sich zwar schneller ansteuern als ein virtueller Button im Control Center, allerdings kann Apple das Gerät auf diese Weise noch dünner bauen.

Das Display ist ein Hingucker

Hach. Dass ich mich hin und wieder in Technik auch vergucken kann, habe ich mit einer Liebeserklärung an das HTC One M8 zum Besten gegeben. Das neue Display im iPad Air 2 lässt mich nun wieder schwach werden. Das verfügt zwar über dieselbe Auflösung von 2048 x 1536 Pixeln auf 9,7 Zoll, was einer Pixeldichte von 264 ppi entspricht. Allerdings haben Apples Ingenieure, um das Tablet dünner zu machen, Display und Glasoberfläche ohne “Air Gap” verbaut.

Das allein ist keine Revolution, sondern bei den iPhones und einigen Tablets der Konkurrenz längst Standard. Doch dadurch ist das iDevice nicht nur flacher, sondern soll auch Spiegelungen um bis zu 56 Prozent reduzieren. Während man mit diesen Specs wohl eher am Tech-Stammtisch punkten könnte, kommt hier die eigentliche Erkenntis im Alltagsgebrauch: Alles auf dem Display rückt noch näher an die Oberfläche. Während die Vorgänger durch die Glasscheibe scho fast Plasma-TV-typische satte Farbe lieferten, wirken Icons, Bilder und Schrift auf dem iPad Air 2 fast so, als seien sie aufgeklebt. Anders formuliert: War das Bild beim iPad Air satt, ist es beim Nachfolger knackiger.

Icons rücken auf dem neuen Display näher an die Oberfläche

Zusätzlich zur neuen Laminierungstechnik hat Apple dem neuen iPad noch eine Antireflexionsschicht verpasst. Wer skeptisch ist, schaut sich das ausgeschaltete Display einmal mit Lichteinfall schräg von der Seite an. Dann erkennt man deutlich eine blau- bzw. lilafarbene Schicht auf dem Display, die an die Tönung von Autoscheiben erinnert. Im eingeschalteten Modus merkt man von dieser Tönung nichts, allerdings sind Reflexionen im Vergleich zum kleinen iPad mini 3 und den Vorgängern deutlich minimiert - egal ob Ihr das Tablet im Freien oder in Innenräumen benutzt.

Kamera: Solide, aber keine iPhone-6-Optik

Wer in Metropolen wohnt, sei schon jetzt gewarnt: Wir werden es künftig wohl mit noch mehr Touristen zu tun haben, die ihre Schnappschüsse mit dem iPad schießen werden. Denn Apple verbaut in der neuen iSight-Kamera zwar weiterhin eine 2,4er-Blende, spendiert ihr aber Bilder mit 8 Megapixeln. Kleiner Wermutstropfen: Es handelt sich nicht um die Kamera aus dem iPhone 6 Plus mit optischem Bildstabilisator und auch nicht um die aus dem iPhone 6 mit Focus Pixels.

Die Bilder ähneln hingegen am ehesten den Ergebnissen, die man mit dem iPhone 5 bzw. 5s erzielte. Bei guten Lichtverhältnissen bekommt Ihr so vernünftige Fotos hin, bei Mischlicht bzw. zunehmender Dunkelheit nimmt das Rauschen schnell zu. Aber nochmal: Wir reden hier über eine Tablet-Kamera. Gemessen daran sind die Ergebnisse vollkommen in Ordnung.

Spannender sind da schon die neuen Video-Funktionen. Denn erstmals beherrschen die neuen iPads auch Features wie Zeitlupen mit 120 fps bei 720p, Zeitraffer und Serienaufnahmen.

Schade und ein bisschen ärgerlich im Jahr des Selfies: Ausgerechnet die Frontkamera löst weiterhin nur mit 1,2 Megapixeln auf. Dabei ist das Tablet doch wie gemacht für Videochats! Man stelle sich vor, was möglich wäre, wenn Apple die zusätzliche Auflösung der Rückkamera in der Frontkamera untergebracht hätte.

Akku: Kleiner, aber genauso potent

iFixit hat es bereits im wahrsten Sinne des Wortes aufgedeckt: Im neuen iPad Air 2 versteckt sich kein Riesenakku. Im Gegenteil: Der exakte Wert der Batteriekapazität beträgt 7349 mAh, beim iPad Air sind es 8827 mAh. Dennoch soll das iPad Air 2 wie sein Vorgängermodell eine Laufzeit von rund zehn Stunden erreichen, was laut Apple auf den neuen A8X-Chip sowie Software-Verbesserungen zurückzuführen ist. In ersten Reviews wird dagegen bereits eine reduzierte Akku-Leistung angeprangert.

Kleinerer Akku, trotzdem ähnliche Leistungswerte

Wie schon bei vorangegangenen Tests sei hier nochmal erwähnt: Bei CURVED testen wir Produkte nicht in Laborumgebung, sondern auf ihre Alltagstauglichkeit. Bei normaler Nutzung, also gelegentlichem Surfen, Abrufen von Mails, Anschauen eines Films und Schießen von Fotos kommt das iPad Air 2 mit ein klein wenig Restlaufzeit durch den Tag. Die angegeben zehn Stunden sind also realistisch. Wie sich das verhält, wenn die ersten Profi-Bild- und Videobearbeitungsapps auf den A8X-Chipsatz hin optimiert aktualisiert wurden, muss sich zeigen.

Leistung: Bolide im Stadtverkehr

Unter der Haube arbeitet der A8X, eine optimierte Version von Apples A8-Chipsatz, der beim iPhone 6 und 6 Plus seine Arbeit verrichtet. Optimiert heißt: Das neue Tablet greift auf drei Kerne zurück, die mit 1,5 GHz takten. Unterstützung gibt es von erstmalig zwei Gigabyte RAM in einem mobilen Apple-Device. Damit erreicht das iPad Air 2 im Geekbench und Antutu Bestwerte und liefert damit schon fast Desktop-Qualität  - in einem Gerät, das so dünn und leicht wie ein Notizblock ist.

Weil das iPad schon immer vor allem eine Surfmaschine war, hat Apple Safari auf dem Tablet etwas mächtiger gemacht. Denn mit dem Plus an Leistung müssen Seiten beim Wechseln zwischen mehreren anderen Seiten nicht mehr nachgeladen werden. Das spart Zeit und Nerven - und funktioniert auch, wenn Ihr zwischenzeitlich in andere Apps wechselt.

Doch noch gleicht das einem Formel-eins-Bolliden im Stadtverkehr. Zwar zeigten die Jungs von Pixelmator auf der iPad-Keynote, was sich mit dem künftigen Update aus dem A8X herausholen lässt. Doch wie so oft gilt: Die Entwickler müssen ihre Apps anpassen, bevor ihre Anwendungen das Mehr an Power auch sinnvoll nutzen. Nicht umsonst macht Apple mittlerweile 64-Bit-Unterstützung für neu eingereichte Software im App Store zur Pflicht.

So lässt sich bislang festhalten: Das iPad Air 2 ist nochmal einen Tick schneller als die neuen iPhones. Startet man etwa System-Apps wie Safari oder die Kamera, dann hat das Tablet jedes Mal um Sekundenbruchteile die Nase vorn. Grafikintensive Spiele wie Real Racing 3 laufen mit hohem Detailgrad flüssig.

Software: Eine verpasste Chance

Was iOS 8 an neuen Funktionen mit sich bringt, darauf sind Shu in seinem Überblicksartikel und ich in meinem iPhone-6-Test schon zu Genüge eingegangen. Gerade mit Blick auf die neuen Kamera-Features gleichen sich Apples Smartphones und Tablets immer mehr. Allerdings werden sie vollkommen unterschiedlich genutzt. Wer ein iPad in der Familie hat, der kennt das: Das Device ist die Medienmaschine für alle - während man sein Smartphone nur ungern aus der Hand gibt.

Insofern: Lieber Tim, nun hast Du uns im iPad Air 2 schon Touch ID spendiert, das mehrere Profile erlaubt. Warum also stattest Du das Tablet dann nicht mit einer Multi-User-Oberfläche aus? Unter OS X geht’s doch schon seit Jahren. Damit hätten Vati, Mutti und die Kinder die Möglichkeit, ein iPad nach ihren Wünschen zu gestalten. So müssen sich Familien oder Gruppen entweder einen iCloud- und iTunes-Login teilen oder sich umständlich aus- und einloggen.

Und hey: iCloud Drive und Family Sharing gibt es schon. Was fehlt, ist die Verbindung und die Möglichkeit, iOS-Desktops per Fingerabdruck-Autorisierung an Nutzer gekoppelt auszuspielen und die entsprechend installierten Apps mitsamt ihren Einstellungen abzurufen. Für iOS 9 ist das Pflicht! Genug Leistung und Speicher sind mit drei Kernen und bis zu 128 Gigabyte schließlich vorhanden.

Doch das ist zweifelsohne Jammern auf hohem Niveau: iOS 8 läuft auf dem iPad nicht nur flüssig, sondern - wie bereits weiter oben erwähnt - schneller als auf allen anderen Apple-Geräten.

Fehlt da nicht was?

Muss man Touch ID noch erwähnen? Höchstens, wenn die Technik nicht ihren Dienst tun würde. Doch der Fingerabdruckscanner funktioniert tadellos auf dem iPad Air 2. Allerdings ist im Gegensatz zu den neuen iPhones kein NFC-Chip verbaut. Apple Pay an der Kasse? Nicht mit dem iPad.

Nach einem Kommentar von Nutzer "vyasa" möchte ich noch auf den Sound eingehen: Das Setup bzw. die Lautsprecheranordnung um den Lightning-Anschluss herum ist zwar identisch zum Vorgänger. Allerdings merkt man einen Unterschied, wenn man Musik ohne Kopfhörer hört. Das Gerät vibriert. Einige mögen das unangenehm finden, allerdings ist das bei nur 6,1 Millimetern Dicke auch nicht auszuschließen. Die Klangqualität ist beeindruckend. Zwar könnte der Sound etwas mehr Bass vertragen, dennoch bringt das iPad Air 2 ordentlich Druck auf die winzigen Boxen. Will man einfach ein wenig Musik hören, stört die Position auf der Unterseite nicht. Schaut man einen Film im Landscapemodus, wären Stereolautsprechern auf der Ober- und Unterseite jedoch wünschenswert.

Fazit: Das beste Tablet auf dem Markt

Technisch hat Apple sein iPad bis an die Grenze ausgereizt: Rund 30 Gramm weniger Gewicht, 1,4 Millimeter weniger in der Tiefe, dafür Mordswerte in Sachen Rechen- und Grafikleistung gepaart mit einem weniger reflektierenden Display und nun endlich 128 Gigabyte. Mehr geht nicht. Damit lässt das iPad Air 2 bei mir kaum Wünsche offen. Kaum. Denn wenn ich mir meine eigene Tablet-Nutzung und die meiner Kollegen und Freunde ansehe, dann braucht das Tablet schlicht mehr Möglichkeiten, das Gerät sinnvoll mit mehreren Personen zu nutzen.

Hardwareseitig hat das iPad das Pech, sich mit dem iPhone 6 und 6 Plus messen zu müssen. Dass die iSight-Kamera zweifelsohne gute Bilder schießt, wird durch die Tatsache geschmälert, dass die Apple-Smartphones mit ihren neuen Kameras noch bessere Bilder schießen. Dasselbe gilt für den fehlenden NFC-Chip. Ob man mit dem iPad in der Hand an der Kasse bezahlen wollen würde, das sei einmal dahingestellt. Aber weil es technisch möglich wäre, will man es haben. Das ist nicht fair, das ist nur der ganz normale Impuls eines Apple-Nutzers.

Kann das iPad Air 2 also noch Impulse setzen in Zeiten, in denen die großen Marktforschungsinstitute schon die Post-Tablet-Ära ausrufen und drastisch sinkende Gewinne in der eigentlich noch jungen Sparte prognostizieren? Für mich ist es das beste Tablet auf dem Markt. Ob das ausreicht, um die iPad-Sparte gegen den andauernden Phablet-Boom zu behaupten? Einfach hat Apple es nicht - zumal dem iPad nun auch Konkurrenz von anderer Seite droht. Viel Luft nach oben bleibt nicht mehr. Wenn der Konzern aus Cupertino jedem neuen Apple-Tablet solch eine Schlankheitskur verpasst, dann können wir das iPad bestimmt in zwei Jahren zusammenrollen und wie eine Zeitung durch die Gegend tragen...


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