iPad Air: Die Veredelung des Goldstandards

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Luxusgerät ohne Luxuspreis: das neue iPad Air.
Luxusgerät ohne Luxuspreis: das neue iPad Air. (© 2014 CURVED)

Wie besser machen, was bereits unschlagbar ist? Apple hat mit der Air-Version des iPads die größte Generalüberholung seines Kassenschlagers angestrengt. Die fünfte Generation des Apple-Tablets ist pure Perfektion zu einem angemessenen Preis. Nur nutzen müsste man es öfter. 

Mein iPad staubt ein. Den Print-Spiegel am Sonntag, mal ein Buchauszug via iBooks - ok! Ansonsten jedoch fristet das vielleicht schickste tragbare Apple-Gerät bei mir zu Hause ein seltsam undankbares Dasein auf der Sofaecke.

Und das soll einiges heißen, schließlich war ich Fanboy von Tag eins an. Als das erste iPad Pfingsten 2010 auf den Markt kam, waren die Erwartungen gigantisch – und das Echo noch größer. Ja, Apple hatte noch mal draufgelegt. Nicht mal drei Jahre nach dem iPhone das nächste ‚one more thing‘, das zum zweiterfolgreichsten Produkt der Konzerngeschichte werden sollte.

Doch eben nicht zum erfolgreichsten, wie es geplant war. Schon drei Jahre nach dem furiosen Start – kein Produkt in der Geschichte der Verbraucherelektronik verkaufte sich aus dem Stand besser –  ist das iPad-Wachstum überraschend zum Erliegen gekommen. Im Juni-Quartal gingen die Umsätze plötzlich zweistellig zurück: und das, obwohl Apple nicht mal ein halbes Jahr zuvor mit dem iPad mini den vermeintlich nächsten Wachstumstreiber auf den Markt gebracht hat.

Das iPad ist zweifellos das verzichtbarste Apple-Produkt

Es liegt also offenkundig nicht an mir. Das iPad ist am Ende des Tages – abgesehen vom iPod, der bald in die ewigen Jagdgründe von Cupertino eingehen dürfte – zweifellos das verzichtbarste Apple-Produkt. Kann man sich nostalgische Fanfaren, wie sie gerade erst dem Macintosh zum 30-jährigen Jubiläum zuteil wurden, 2040 auch beim iPad vorstellen? Eher nicht.

Das liegt an seiner zu großen Ähnlichkeit zum iPhone und – immer noch – an der zu großen Abgrenzung zum Mac. Das iPad, so sehr sich Apple mit dem Business-Einsatz bei 95 Prozent der Fortune-500-Unternehmen brüstet, ist immer noch weit davon entfernt, ein MacBook zu ersetzen. Das Apple-Tablet ist einfach kein Hybrid-Laptop. Textproduktion ist mit der Touch-Tastatur weiter eine Qual, Dokumentverwaltung in iOS nicht mit MacOS vergleichbar: Das iPad bleibt ein passives Gerät zur Mediennutzung, nicht -erstellung.

Kaum zu glauben: iPad Air ist günstiger als iPhone 5c

Innerhalb dieser Produktkategorie ist das iPad jedoch weiter der Goldstandard, der mit dem Air noch weiter veredelt wurde. So überteuert das iPhone 5c auf den Markt kam, so fair erscheint die fünfte iPad-Generation bepreist (es beginnt bei 479 Euro für die 16 GB Wifi-Version), die tatsächlich für 120 Euro weniger als das Plastik-iPhone zu haben ist .  Keine Frage: Das iPad ist eines der besten Produkte, die Apple je hergestellt hat.

Das iPad Air ist eines der besten Produkte, die Apple je hergestellt hat.

Glaubt man Finanzjournalist Rocco Pendola (TheStreet.com) - im vergangenen Jahr noch schärfster Kritiker des Kultkonzerns aus Cupertino –, ist Apple mit der Air-Version etwas gelungen, was bislang völlig unterschätzt wurde: nämlich nach Jahren wieder einmal ein bahnbrechendes Produkt auf den Markt zu bringen.

Leicht, leichter, iPad Air: 200 Gramm gegenüber Vorgängermodell gespart

Ist das neue iPad nun wirklich so gut? Um es mit zwei Worten zu sagen: es ist. Es bietet die Leichtigkeit des Minis im Gewand des regulären iPads – und ist gleichzeitig das schnellste Tablet der Welt.

Doch zunächst die Basisdaten.  Das iPad Air ist 20 Prozent dünner und 28 Prozent leichter als sein Vorgängermodell.  Die größte Veränderung ist fraglos das Gewicht:  Es wiegt nicht mal mehr ein halbes Kilo – ganze 469 Gramm sind es genau. Das sind fast 200 Gramm weniger als das iPad 4 und fast nur noch die Hälfte des Gewichts vom Original-iPad aus dem Jahr 2010.

Deutlich flacher ist das Apple-Tablet – das der Spiegel einst allen Ernstes  „Wunderflunder“ taufte –  auch geworden: Um fast 2 Millimeter auf nunmehr nur noch 7,5 Millimeter ist die nun schon fünfte iPad-Generation geschrumpft. Das Display wird weiter mit einer Bildschirmdiagonale von 9,7 Zoll ausgeliefert, obwohl das iPad in der Breite geschrumpft ist. Wie das möglich ist? Die Bildschirmumrandung wurde fast zur Hälfte um 1,6 Zentimeter minimiert.

Retina Display weiter Maß aller Dinge

Neu ist auch die Verbauung: Das Edelstahlgehäuse fällt nicht mehr kurvig ab, sondern ist wie schon beim iPad mini aus einem Guss – mag etwas weniger wertig aussehen, spielt in der Benutzung aber keine Rolle. Entscheidend ist schließlich, was sich auf dem Display abspielt – und auf dem bietet Apple wieder einmal vollstes Retina-Spektakel am Rande der menschlichen Sehfähigkeiten (2048 x 1536 Pixel).

Vollstes Retina-Spektakel am Rande der menschlichen Sehfähigkeiten.

Ausgeliefert wird das Air wie das mini mit einer 5 Megapixel-Kamera, die angesichts der Leichtigkeit des Tablets nun tatsächlich häufiger zum Einsatz kommen dürfte, auch wenn sie einem iPhone natürlich weitaus unterlegen ist. Größerer Minuspunkt: Die Frontkamera bleibt mit 1,2 Megapixel nur bedingt Selfie-tauglich.

„Big, beautiful Pictures“: Fotos auf dem iPad noch unmittelbarer erleben

Doch es bleibt bei dem kleinen Makel. Das iPad Air ist im Praxis-Einsatz – und das dürfte zum Löwenanteil die App-Nutzung sein –  von keinem Tablet zu schlagen. Das liegt natürlich am neuen A7-Chip auf Basis der 64 Bit-Architektur, der nach Apple-Angaben doppelt so schnell wie der Vorgänger, der A5-Chip auf dem iPad 4, sein soll. Wie schnell auch immer: Das iPad Air ist irre schnell, was vor allem Gamer, aber auch der durchschnittliche Internetnutzer via Safari zu schätzen wissen werden.

Und nicht nur die: Filme, Musikvideos und immer wieder Bilder, Bilder, Bilder: ein Traum. In der täglichen Fotoflut, die uns die Smartphone-Ära beschert hat, wird das iPad Air zum eigentlichen Ruhepol: Das iPhoto-Archiv auf dem iMac ist immer zu weit weg, das iPhone immer zu voll – das iPad dagegen bietet den detaillierten Sofortcheck des Fotostreams.  Hochauflösende Bilder mit einem Wisch: So unmittelbar ist die Foto-Erfahrung auf keinem anderen Gerät. „Big, beautiful Pictures“, würde Business Insider sie wohl betexten.

Das iPad Air ist ein Luxusgut ohne Luxuspreis 

Bleibt nur die Frage nach der Nutzung. Der Eindruck nach dem Kurztest: Das iPad Air macht so glücklich wie ein Sonntagsausflug. Im Alltag hat Apples jüngste Produktgattung jedoch einen schweren Stand gegen Vorgänger-Kategorien:  Als Ersatz für das MacBook bleibt das iPad weiter chancenlos. Dasselbe gilt im Smartphone-Vergleich ohne Telefonie-Bedarf: Auch das handlichere iPad mini mit Retina Display wird gegen das iPhone 5s wegen der deutlich schwächeren Kamera und der fehlenden Touch-ID unterliegen.

Das iPad bleibt also auch mit der formvollendet schönen Air-Version die eigene, dritte Kategorie, als die Steve Jobs es zum Debüt richtig klassifizierte. Allein: Man muss sich die Zeit dafür nehmen. Das iPad Air ist ein Luxusgut ohne Luxuspreis – eine sehr seltene Kombination bei Apple.


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