Nokia 8 im Test: das unaufgeregte Flaggschiff [mit Video]

HMD Global hat mit seinen Nokia-Geräten ehrgeizige Ziele: Langfristig will man der drittgrößte Smartphone-Hersteller werden. Geht es schon mit dem Nokia 8 an die Spitze? Der Test.

2017 legte HMD Global, das Unternehmen hinter den Nokia-Smartphones, einen ziemlich imponierenden Start hin. Zur Erinnerung: Mit dem Nokia 3310 brachte man zum Mobile World Congress 2017 erfolgreich einen Klassiker zurück. Auch das Nokia 5 (im Test) und das Nokia 6 (im Test) konnten uns im Test mit angemessener Leistung zum günstigen Preis überzeugen. Allerdings handelt es sich bei den beiden Smartphones und dem nicht so überzeugenden Nokia 3 (im Test) um Einsteiger- und Mittelklasse-Geräte. Mit dem Nokia 8 folgt nun das erste echte High-End-Gerät.

Zum Smartphone liefert HMD-CEO Florian Seiche gleich eine mutige Ansage mit. In einem Interview mit der Welt am Sonntag (Quelle Welt) sagte er: "Unser Ziel ist es, innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre wieder zu den Top-3-Smartphone-Herstellern zu gehören." Die Plätze belegen momentan Samsung, Apple und Huawei. Ob das Nokia 8 nach dem gelungenen Marken-Comeback der erste Schritt auf den Podestplatz ist?

Ein richtig schickes Gehäuse

Bei der Verarbeitung muss sich HMD Global schon einmal nicht verstecken. Die Finnen setzen auf eloxiertes Aluminium. Dieses lässt das Smartphone auf der Rückseite beim richtigen Lichteinfall schön glänzen. Aber auf Smartphone und "glänzend" folgt meist auch"Fingerabdrücke". Das Nokia 8 macht da keine Ausnahme. Wer sich den coolen Look erhalten will, hat also besser ein Mikrofasertuch in der Tasche.

Davon einmal ab gefällt die Rückseite, denn HMD versteckt die Antennenstreifen wie beim Nokia 6 geschickt. Sie sitzen unten und oben und sind dank des passenden Anstrichs kaum auszumachen. So bleibt eine schlichte, aber sehr schöne Rückseite zurück.

Einen großen Nachteil hat das Gehäuse des Nokia 8 aber doch: Anders als das Samsung Galaxy S8 oder das HTC U11 ist es nicht wasserdicht sondern nur spritzwassergeschützt. Man könnte jetzt argumentieren, dass auch andere Top-Smartphones wie das OnePlus 5 oder das Honor 9 ohne die Klassifizierung kommen. Mit einem Preis von 579 Euro ist das Nokia 8 aber auch teurer als die beiden Konkurrenten. Da hätte der Wasserschutz gern mit inbegriffen sein dürfen.

Hell, scharf, aber einen Tick zu klein

Auf der Vorderseite ist die Zugehörigkeit zu den anderen Nokia-Smartphones von HMD unverkennbar: Auch hier sitzt unter dem Display eine Sensor-Leiste, die die Buttons für "Zurück" und "Multitasking" beherbergt. Dazwischen befindet sich der Homebutton, in dem der Fingerabdrucksensor integriert ist. Den Trend zum randlosen Display, wie es das Galaxy S8, das LG G6 oder das Essential Phone bieten, geht HMD Global aber nicht mit. Beim Bildschirm selbst handelt es sich um ein 5,3 Zoll großes LCD-Display.

Das 5,3 Zoll große Display überzeugt mit scharfer Darstellung, könnte aber größer sein.(© 2017 CURVED)

Es löst mit 2560 x 1440 Pixeln auf. Das ergibt natürlich ein gestochen scharfes Bild. Zwar bewegt sich HMD damit nicht auf Augenhöhe mit dem Bildschirm des iPhone 7, das zumindest zum Erscheinungszeitpunkt das beste LC-Display am Markt darstellte. Aber verstecken muss es sich auch nicht. Farben sehen darauf sehr natürlich aus. Zudem sind Inhalte auch im Sonnenlicht noch gut ablesbar. Der Negativ-Punkt: Fürs Taschenkino unterwegs, um etwa Serien und Filme auf Netflix zu schauen, wirkt es mit seinen 5,3 Zoll gegen aktuelle Mitbewerber etwas klein.

Ein typisches Top-Smartphone

Wie es sich für ein Top-Smartphone im Jahr 2017 gehört, kommt auch im Nokia 8 natürlich der Snapdragon 835 von Qualcomm auf den Markt. Zusammen mit 4 Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher stellt er quasi den Archetypen des Flaggschiffs 2017 dar. Denn in diesem Punkt unterscheidet es sich wenig von Konkurrenten wie dem HTC U11 oder der US-Variante des Samsung Galaxy S8. Lediglich im OnePlus 5 steckt mehr Arbeitsspeicher. Der Prozessor bleibt aber der gleiche.

So ist es auch keine Überraschung, dass das Nokia 8 beim Zocken diverser leistungshungriger Spiele wie "N.O.V.A Legacy" oder "PES 2017 Pro Evolution Soccer" eine gute Figur macht und mit angenehm kurzen Ladezeiten überzeugt. Auch in den Benchmarks gibt es keine Überraschungen. Rund 170.000 Punkte erreicht es im AnTuTu-Benchmark. Geekbench 4 spielt 1920 Punkte (Single-Core-Score) und 6532 Punkte (Multi-Core-Score) aus. Kurz: Das Nokia 8 hält in Sachen Leistung locker mit der Android-Konkurrenz mit.

Die restliche Ausstattung ist schnell erklärt: Für Daten stehen Euch 64 GB Speicher zur Verfügung. Davon sind ab Werk noch 49 GB frei. Wenn Euch das nicht reicht, könnt Ihr per microSD-Karte bis zu 256 GB nachrüsten. Der Akku mit 3090 mAh erwies sich im Test als langlebig. Egal ob Foto-Tour oder längere Gaming-Sessions: Im Test schaffte es das Nokia 8 problemlos über den Tag. Und sollte die Akkuanzeige doch einmal in den roten Bereich abrutschen, könnt Ihr dank Quick-Charge-Funktion fix aufladen.

Licht und Schatten bei den Kameras

Viel wichtiger sind ohnehin die Kameras. Sie sind nämlich in Kooperation mit dem deutschen Unternehmen Carl Zeiss entstanden. Das erinnert an gute alte Windows-Phone-Zeiten, als Nokia und später Microsoft für die Lumia-Geräte mit Carl Zeiss zusammenarbeiteten. Beim Nokia 8 kommt auf der Rückseite eine Dualkamera mit einem Monochrom- und einem Farbsensor zum Einsatz. Beide lösen mit 13 Megapixeln auf. Die Funktionsweise erinnert an diverse Huawei-Smartphones: Ihr könnt auch beim Nokia 8 die Tiefenschärfe nachträglich einstellen und den Fokus des Fotos neu setzen.

Der Bearbeitungsmodus für Bokeh-Effekte ist simpel gestrickt.(© 2017 CURVED)

Das funktionierte im Test sehr gut. Besonders die Objekterkennung hat mich überrascht. Bei mehreren Versuchen, das alte Nokia 3310 abzulichten, gibt es nur einen Bokeh-Schnappschuss, bei dem das Gerät an der oberen Ecke etwas verwaschen aussieht. Auch bei normalen Fotos überzeugte das Nokia 8 dank guter Farbdarstellung. Wie Huawei spendiert auch HMD Global seinem Smartphone einen Monochrom-Modus. Mit dem könnt Ihr schicke Schwarzweißfotos mit hohen Kontrasten knipsen. Besonders hervorheben müssen wir die 13-Megapixel-Fronkamera. Sie überzeugt mit detailreichen Selfies auf denen wirklich jedes Fältchen zu sehen ist. Wer das nicht möchte, soll eigentlich auf den Schönheitsfilter zurückgreifen können. Im Test lieferte er aber keine erkennbaren Veränderungen.

Dank einer Sonderfunktion lassen sich auch mit der Front- und der Dualkamera gleichzeitig Bilder und Videos aufnehmen. HMD Global nennt das "Bothie". Der Gedanke dahinter: Nutzer sollen nicht nur besondere Momente, sondern auch eigene Reaktionen festhalten. Möglich ist die gleichzeitige Aufnahme von beiden Kameras übrigens auch in 4K. Das zeigt auf den ersten Blick, das HMD mit dem Nokia 8 nicht nur das abliefern will, was andere auch machen, sondern sich auch traut, etwas Neues auszuprobieren. Denn Bild-in-Bild können andere Smartphones auch, aber nicht in 4K gleichzeitig. Allerdings hat sich im Test nur selten eine Situation gefunden, in der das Feature richtig nützlich gewesen wäre.

Mit dem Dualmodus könnt Ihr "Bothies" knipsen.(© 2017 CURVED)

Probleme hatten beide Kameras eigentlich nur im Dunkeln. Während sich ein Straßenbild in Kombination mit dem Blitz noch einigermaßen fotografieren ließ, förderte eine Aufnahme ohne Hilfe trotz Umgebungslicht ein nahezu schwarzes Bild zutage. Dazu kommen ein paar Probleme mit der Kamera-App. Die ist uns im Test regelmäßig abgestürzt. Auslöser waren meistens das hinzu schalten vom Blitz oder der schnelle Wechsel der Funktionen innerhalb der Anwendung. Ärgerlich, wenn man das richtige Motiv gerade vor der Linse hatte. Hoffentlich kriegt HMD Global das bis zum Verkaufsstart in den Griff.

Android und nichts als Android

Die restliche Software machte dagegen keine Probleme. Installiert ist wie bei den anderen Nokia-Smartphones pures, unverfälschtes Android. Nervige Bloatware wie vorinstallierte Spiele gibt es nicht. Außerdem gibt es bei HMD Global mit dem Google Assistant nur einen smarten Assistenten, wo bei anderen Herstellern bis zu drei kleine Helfer zum Einsatz kommen – wenn sie denn funktionieren. Hier ist weniger tatsächlich mehr.

Dazu verspricht der Hersteller wie auch bei seinen anderen Geräten schnelle Sicherheitsupdates – auch noch nach zwei Jahren. Vorinstalliert ist die Android-Version 7.1.1 Nougat. Noch für 2017 ist das Update auf das Android 8.0 Oreo angekündigt. Durch das unveränderte System auf dem Nokia 8 dürfte es aber nicht bis Silvester dauern, bis das Update auf dem Smartphone landet.

Fazit: Angreifer mit leichten Schwächen

Das Nokia 8 gefällt in vielerlei Hinsicht richtig gut.Der Bildschirm kann mit tollen Farben und hoher Helligkeit punkten, die Ausstattung bietet darüber hinaus Leistung satt für alle Anwendungen. Auch als Foto-Smartphone macht das Nokia 8 bei Tageslicht einen guten Job – wenn HMD die Probleme mit der App in den Griff bekommt. Für ein komplett stimmiges Gesamtpaket fehlt mir eigentlich nur ein wasserdichtes Gehäuse. Wenn HMD Global so weiter macht und versprochenes liefert, könnte es in Zukunft vielleicht sogar etwas werden, mit dem Platz unter den Top 3.

Das Nokia 8 kommt am 8. September auf den Markt und soll 579 Euro kosten.


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