"Prey" im finalen Test: Bethesda liefert den Sci-Fi-Hit 2017 [mit Video]

"Prey" ist eine Überraschung. Auf mehreren Ebenen. Was aussieht wie ein Ego-Shooter, entpuppt sich beim Spielen als ein Genre-Mix mit spannender Geschichte, offener Spielwelt und einem Art-Design, das seinesgleichen sucht.

Eigentlich hätte dieser Test schon zum Release von "Prey" am 5. Mai fertig sein sollen. Aber Bethesda macht es einem mit ihrer eigenwilligen Review-Politik nicht gerade leicht, wenn die Muster teilweise erst zum Start des Spiels verschickt werden. Und auch "Prey" macht es einem nicht leicht: Mit 15 bis 20 Stunden Spielzeit solltet Ihr beim ersten Durchlauf rechnen – plus zwei weitere, wenn Ihr alle Trophäen und Enden erleben wollt. Ich weiß, der aktuelle Speedrun-Rekord liegt bei knapp über zehn Minuten – aber "Prey" ist kein Run&Gun-Shooter wie "Doom", sondern ein erzählendes Spiel, das sich Zeit nimmt und diese auch von Euch einfordert. Aber – so viel vorweg – Ihr werdet es nicht bereuen.

Anmerkung: Dieser Test beruht auf unserer Preview mit einigen Anpassungen aus dem späteren Spielverlauf.

Die Story: eine alternative Zeitachse

John F. Kennedy ist gar nicht tot. Das heißt, doch. Mittlerweile schon. Allerdings ist er 1963 keinem Attentat zum Opfer gefallen, sondern sehr viel später an Altersschwäche gestorben. Zuvor hatte der US-Präsident der Raumfahrt jede Menge Forschungsgelder bewilligt, damit diese eine Station namens Talos 1 im All installieren können. Diese fungiert dabei vor allem als Gefängnis für Außerirdische, die sogenannten Typhon.

Zeitsprung ins Jahr 2032: Die Raumstation Talos 1 gehört mittlerweile dem Unternehmen TranStar und dient als Forschungseinrichtung. Dort interessieren sich die Wissenschaftler für die Aliens hauptsächlich in Hinblick auf ihre Fähigkeiten und wie sich diese auf den Menschen übertragen lassen. In moralisch fragwürdigen Experimenten werden menschlichen Probanden Geräte ins Auge gepflanzt. Diese sogenannten Neuralmodifikatoren, kurz Neuromods, ändern die neuronale Vernetzung des Anwenders, wodurch jener in der Lage ist seine eigenen Fähigkeiten zu verbessern und die der Aliens zu adaptieren. Klingt kompliziert, ist es offenbar auch. Denn die Tests verlaufen nicht unbedingt risikofrei und dummerweise löschen die über das Auge eingesetzten Implantate auch noch Teile des Gedächtnisses.

Aus diesem Mysterium erwächst von der ersten Spielminute die Neugier, in "Prey" auf die Suche nach Antworten zu gehen. Schon zu Beginn gewinnen wir die Erkenntnis, dass wir als Morgan Yu offenbar Teil eines an "Die Truman Show" erinnernden Experimentes seid. Nicht ganz freiwillig, versteht sich. Unser Protagonist ist zwar Wissenschaftler und als solcher in die der Experimente zugrundeliegenden Forschung involviert. Dass Euer Bruder Alex Yu, der die Experimente verantwortet, darüber hinaus anscheinend noch andere Pläne verfolgt, entfaltet sich aber erst im Laufe der Handlung.

Die Experimente in "Prey" laufen nicht ohne Komplikationen ab, wie wir als Morgan Yu am eigenen Leib erfahren müssen.(© 2017 Bethesda Softworks)

 

Die Gegner: mächtige Hybridwesen

Als Mann oder Frau der Wissenschaft – Ihr entscheidet Euch bei Spielbeginn für ein Geschlecht – widmen wir uns sehr intensiv der Erforschung der Alienfähigkeiten, auch am eigenen Leib. Seitdem kämpfen wir nicht nur gegen außerirdische Kräfte von außen, sondern auch von innen. Denn wie es scheint, sind die neuen Fähigkeiten alles andere als leicht zu kontrollieren. Damit wir diese überhaupt einsetzen können, müssen wir sie zunächst einmal erlernen. Zum "Glück" ist die Talos 1 inzwischen von den Typhon überrannt worden, sodass wir jede Menge Exemplare der fremdartigen Spezies dort antreffen.

Um mehr über ihre extraterrestrischen Fähigkeiten in Erfahrung zu bringen, scannen wir die Typhon mit dem Psychoskop, das wir nach etwa zwei Stunden im Spiel finden. Das funktioniert allerdings nur bei lebenden Organismen und nimmt Zeit in Anspruch. Da die Typhon uns erst angreifen, wenn sie uns bemerken, schleichen wir uns idealerweise von hinten an sie heran. Ein Indikator über dem Alien sagt uns, ob es auf uns aufmerksam geworden ist. Zum Glück: Denn viele Arten der Alienrasse sind uns im Kampf überlegen, sodass uns nur die Flucht bleibt, wenn sie uns bemerken. Weil wir aber ihre Fähigkeiten erlernen wollen, ist die Begegnung deshalb immer auch ein Wagnis.

Da die nervigen Spinnenwesen, die Mimics, im Laufe der Zeit ihren Schrecken verlieren, konfrontiert uns "Prey" später mit noch ganz anderen Kalibern von Gegnertypen. Ohne spoilern zu wollen, aber meine ersten unvermittelten Aufeinandertreffen mit dem Poltergeist und dem Albtraum haben mir selbigen noch nach dem Spielen beschert.

Die Hybridisierung aus Mensch und Alien beobachtet Euer Bruder Alex Yu derweil mit Skepsis. Der hat die Tests zwar in die Wege geleitet, ist von der Umsetzung und Eurer einhergehenden Verwandlung aber weniger begeistert. Eben auch, weil sich Eure Persönlichkeit mit jedem neuen Neuromod-Implantat verändert.

Monströse Gestalt: Das Phantom ist schon allein ziemlich stark, lasst Euch nicht von zwei gleichzeitig angreifen.(© 2017 Bethesda Softworks)

 

Das Gameplay: killende Kaffeetassen und mörderische Mikroskope

Besonders fies: Die Typhon sind keine humanoiden Wesen, sondern eine wabernde, amorphe Masse. Die schwarzen Gestaltwandler können sich in nahezu jeden Gegenstand auf der Raumstation verwandeln. Hinter jeder Kaffeetasse oder Schreibtischlampe könnte sich also ein Mimic verstecken, der nur darauf wartet, uns anzuspringen wie die Facehugger aus "Aliens". Die Spinnenwesen treten am liebsten in hoher Stückzahl auf und sind aufgrund ihrer Größe und ihre Tempos nur schwer zu treffen. Gut, dass wir ein paar übernatürliche Fähigkeiten und Waffen im Repertoire haben. Bevor uns die Aliens mit wenigen Hieben die Lichter auslöschen, verlangsamen wir die Zeit, greifen zur Gloo-Kanone und verkleben die Typhon zu unbeweglichen Brocken, die wir anschließend mit dem Schraubschlüssel zu Klump hauen. Oder aber wir beschwören ein Phantom, ein furchteinflößendes Alien, aus einer der vielen menschlichen Leichen und lassen es für uns kämpfen. Oder aber wir hacken eines der rumstehenden Geschütze, die auf alles feuern, was nach Alien aussieht – also auch auf uns, wenn wir zu viele Punkte in die Alienfähigkeiten investiert haben. Oder aber wir schleichen uns von hinten an sie heran, um sie mit einem todbringenden Schwinger zu überraschen. Oder aber wir setzen kurzzeitig die Schwerkraft aus und lassen sie hilflos in der Luft zappeln. Oder aber ...

Die Gloo-Kanone ist übrigens keine Waffe im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein Allzweckwerkzeug. Defekte Stromkästen lassen sich damit isolieren, sodass wir nicht ständig vom Blitz getroffen werden, während wir sie reparieren. Oder aber wir verschließen Räume mit der klebrigen Gloo-Masse, damit uns die Typhon nicht verfolgen können.

Nachdem wir ein paar Mimics gescannt haben, können wir endlich einen Skillpunkt in die Fähigkeit “Verwandlung” stecken – und am eigenen Leib erfahren, wie es ist ein Kaffeebecher zu sein. Sich in Gegenstände zu transformieren ist aber nicht bloß als Gag gedacht, sondern spielerisch sinnvoll. Die offene Umgebung der Talos 1 lädt immer wieder zu Erkundungen ein: Abzweigungen bieten alternative Routen, Lüftungsschächte möglicherweise Umwege zu ansonsten verschlossenen Räumen. Dank der Mimikry-Fähigkeit verwandle ich mich kurzerhand in einen Kaffeebecher und rolle in platzsparender Gestalt in entlegene Winkel des Levels. Als rollender Kaffeebecher passe ich nun einmal besser durch das Lüftungsgitter, wo ich sonst bestenfalls mein Bein hineinstecken könnte.

Retten oder den Typhon opfern? "Prey" stellt uns gelegentlich vor die Qual der Wahl.(© 2017 Bethesda Softworks)

Die Spielwelt: ein Traum in Art déco

Einen Großteil seiner Faszination und dem unbedingten Willen die Raumstation Talos 1 weiter erkunden zu wollen, zieht "Prey" aus seiner detailreichen Kulisse. Der überbordende Chic weltmännischer Oligarchen verwandelt die Salons und Sektoren der Forschungseinrichtung in ein Stillleben aus Art déco und Retrofuturismus. Wie schon Rapture in "BioShock" erzeugt die zeitlose Eleganz des Interieurs, das auch in "Prey" bis ins letzte Detail durchgestylt ist (nahezu jedes im Spiel auftauchende Plakat würde ich mir sofort in die Wohnung hängen), einen ganz besonderen Reiz, der durch die gruselige Atmosphäre und die Typhon perfekt gebrochen wird. Von außen (ja, es geht mehrere Mal in die Schwerelosigkeit) sieht die Raumstation aus wie eine Hommage an das New Yorker Chrysler Building. Von innen zeugt der Glanz und die Opulenz von zu viel Geld und den falschen Idealen. Ich könnte mich ewig in den Gängen und ausladenden Salons und Foyers aufhalten und die extravaganten Möbel bewundern wie Tiere im Zoo. Nur haben die neuen Hausherrn, die Typhon, gar kein Interesse an einer Privatführung.

Fazit

Bethesdas "Doom" von 2016 ist ein großartiges Spiel, ein schnelles Spiel, bei dem Reaktion alles ist. "Prey" sieht auf den ersten Blick genauso aus, spielt sich aber völlig anders. Wenn Ihr nach vergleichbaren Titeln sucht, orientiert Euch lieber an Klassikern wie "System Shock", "BioShock" oder "Half-Life". "Prey" fühlt sich in vielerlei Hinsicht an wie ein Reinkarnation dieser Spiele. Die Parallelen und Inspirationen sind unübersehbar, dennoch ist "Prey" ein eigenständiges Spiel, das sich mitnichten auf seine Vorbilder beschränken lässt, sondern im Gegenteil: den Vergleich mit ihnen nicht scheuen muss. An der Oberfläche wirkt "Prey" wie ein Shooter, im Kern aber ist es ein erzählendes Genre-Konglomerat aus Science-Fiction, Rollenspiel, Thriller, Exploration, ein wenig Horror und Suspense – und eben, ja auch – Shooter. Wenn Ihr ausschließlich letzteres erwartet, werdet Ihr enttäuscht. Sein volles Potenzial entfaltet "Prey", wenn ihr nicht den direkten Weg wählt wie in "Doom", sondern den alternativen wie in "Dishonored". Dann taucht Ihr ein in eine Welt, die Ihr dieses Jahr so kein zweites Mal betreten werden.


Weitere Artikel zum Thema
SNES Clas­sic Mini: Nintendo star­tet Vorver­kauf für Deutsch­land
3
Der Vorverkauf des SNES Classic Mini hat offiziell begonnen.
Nintendo hat den Vorverkauf des SNES Classic Mini in Deutschland gestartet. Wer im September zu den Ersten zählen will, sollte sich beeilen.
Honor 9 im Test: das gläserne P10 im Hands-on [mit Video]
Marco Engelien7
UPDATESupergeil !7Das Honor 9
Mit dem Honor 8 Pro hat die Huawei-Tochter gezeigt, dass man oben mitspielen kann. Gehört das Honor 9 auch zur Spitzenklasse? Das Hands-on.
Highend-Spiele auf dem Mac zocken? GeForce Now macht es bald möglich
2
Nvidias Streaming-Dienst Geforce Now startet in die Beta.
In den USA startet bald die Beta von Geforce Now für Apples Mac. Der Cloud-Dienst streamt hardware-hungrige Spiele auch auf leistungsschwache Macs.