Samsung Galaxy Alpha im Test: (Zu) große Erwartungen

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Samsung Galaxy Alpha: Die Koreaner können auch edel
Samsung Galaxy Alpha: Die Koreaner können auch edel(© 2014 CURVED)

Technik hui, Materialien pfui: Die Kritik an Samsungs Liebe für Plastik mehrte sich. Das Galaxy Alpha sollte die Trendwende einläuten. Sollte.

Ganz ehrlich: Samsung-Smartphones war für mich in den vergangenen Jahren vor allem eines: Plastikbomber. Während Apple frühzeitig auf hochwertige Materialen wie Glas und Aluminium setzte und auch Anbieter wie HTC mit dem One M7 nachzogen, hüllen die Koreaner auch ihr aktuelles Flaggschiff, das Galaxy S5, noch in dünnes Plastik in Goldoptik. An den Seiten: Plastik. Auf der Rückseite: Plastik. Für Samsung galt lange Zeit eine andere Devise: Was Stand der Technik ist, das wird auch verbaut - kombiniert mit jeder Menge neuer Software-Features. Ein hochwertiges Äußeres war dabei zweitrangig.

Doch der Erfolg der Ones und iPhones belegt, dass es einen Bedarf an hochwertigen Materialen bei Smartphones gibt und “Featuritis” nicht das einzige probate Mittel ist, um am Markt Erfolg zu haben. Und nun liegt es vor mir: Das erste Samsung-Smartphone mit Kanten aus Metall, die an der Ober- und Unterseite abgefräst sind. Kommt Euch bekannt vor? Richtig: Auch das iPhone 5 und 5s hatten die Technik entsprechend eingefasst. Samsung selbst nennt hier die Farb-Optionen: Charcoal Black, Dazzling White, Frosted Gold, Sleek Silver und Scuba Blue.

Die Verarbeitung: iPhonesk

Unser Testgerät kommt in Charcoal Black daher. Das erinnert tatsächlich stark ans iPhone. Unterbrochen wird der Metallrahmen an der Ober- und Unterseite jeweils wenige Millimeter vom Rand entfernt. Beim iPhone 5 und 5s waren diese Trenner seitlich angebracht. Wie auch beim iPhone setzt Samsung beim Galaxy Alpha auf einen Mono-Lautsprecher, der an der rechten Unterseite angebracht ist. Kurios: Sowohl der daneben befindliche USB-Anschluss als auch der Kopfhöreranschluss auf der Oberseite sind so angebracht, dass der Metallrahmen gewölbt ist. Was auf der Vorderseite kaum auffällt, wirkt auf der Rückseite so, als wäre die Hülle an diesen Stellen verbeult. Schön ist anders.

Immerhin ragt der Rahmen der Kamera als einziges Bauelement aus dem Smartphone-Rücken heraus. Dadurch kippelt das Galaxy Alpha leicht, wenn es plan auf einer Oberfläche liegt. Daran mussten sich jetzt auch iPhone-Nutzer gewöhnen. Kleines Novum für Detailverliebte: Während der große Bruder rückseitig mit kleinen Punkten übersät ist, die dem Gehäuse Struktur und Griffigkeit verleihen sollen, setzt Samsung beim Alpha auf winzige Plus-Zeichen. Damit ist eine Ähnlichkeit erkennbar, allerdings wirkt das kleine Edel-Samsung-Phone prompt hochwertiger.

Die Vorderseite ist Samsung-typisch gehalten: Der breite Home-Button mit Fingerabdruckscanner, die Frontkamera und weitere Sensoren - kennen wir alles vom S5. Auf große Zustimmung traf in der Redaktion das Design der Buttons an den Seiten. Rutschen die Finger beim S5 noch leicht über die Knöpfe für Lautstärke und Power, sind sie beim Alpha definiert und haben einen besseren Druckpunkt. Plus: Sie sehen einfach besser aus.

Das Display: veraltete Techik

Warum Samsung? Warum? Wir sind uns doch wohl einig, dass das Display längst zu den wichtigsten Komponenten eines Smartphones zählt. Schließlich wollen wir damit im Netz surfen, Bilder anschauen, Filme sehen und Fotos machen. Dafür muss der Bildschirm auch über eine entsprechende Qualität verfügen. Jetzt hast Du, Samsung, zum ersten Mal seit langer Zeit ein Smartphone vorgestellt, das mich rein äußerlich durchaus anspricht. Doch was erblicken meine Augen: ein 4,7-Zoll-Display mit einer Auflösung von gerade einmal 1280 x 720 Pixeln. Die Auflösung allein ist aber nicht das Manko. Samsung setzt auf eine Pentile-Matrix, die dafür sorgt, dass Buchstaben, Zahlen und andere feine optische Elemente leicht zu Treppchenbildung führen.

Mehr noch: Blogs berichten über einen Blaustich. Wir konnten in unserem Fall eher einen Gelbstich auf weißen Flächen beim normaler Haltung ausmachen. Kippt man das Smartphone zudem nur minimal zur Seite, färbt sich das Display grün ein. Am ehesten lässt sich die Bildqualität des Alpha-Display mit der eines S3 vergleichen. Und das ist schon zwei Jahre alt. Sorry Samsung, aber für ein Smartphone, das in der Luxus-Klasse mitspielen will, reicht das bei Weitem nicht!

Die Hardware: kein High-End

Das Display lässt es schon erahnen: Beim Alpha setzt Samsung nicht auf eine Top-Ausstattung. Etwa beim Arbeitsspeicher. Während 3 GB RAM bei Flaggschiffen mittlerweile Standard sind - Ausnahme: die neuen iPhones - kommt das Alpha nur mit 2 GB daher. Prozessorseitig kommt ein Exynos 5430 mit je vier A7- und A15-Kernen mit bis zu 1,3 und 1,8 GHz zum Einsatz. Weniger rechenintensive Aufgaben erledigen die langsamen Kerne, Spiele und andere Apps bewältigen die schnelleren. In der neuesten Generation können die Kerne der CPU das auch gleichzeitig erledigen. Was bedeutet das für die Alltags-Perfomance? Eine flüssige Bedienung der UI, wenn auch die Kamera, der Standard-Browser und die Telefonie-Funktion beim iPhone 6 und 6 Plus immer einen Bruchteil schneller ansteuern lassen. Dabei liefert das Galaxy Alpha im Antutu-Benchmark mit 48.586 Punkten Bestwerte, was unter anderem daran liegen dürfte, dass das Gerät für das 720p-Display weniger Pixel mit Daten versorgen muss.

Die sonstigen Spezifikationen sind gut bis befriedigend: 12 MP-Kamera auf der Rückseite, 2,1 MP-Modul vorne, 1.860 mAh-Akku und 32 GB interner Speicher — ohne Möglichkeit zur Erweiterung per microSD-Karte. Gerade beim Speicher bietet fast jedes Flaggschiff momentan mehr. Zumal Samsung-Smartphones dafür bekannt sind, ab Werk mit jeder Menge Software vollgestopft zu sein. So kommt das Alpha tatsächlich nur auf 25 GB freien Speicher. Ich wiederhole mich gern: Sorry Samsung, aber für ein Smartphone, das in der Luxus-Klasse mitspielen will, reicht das bei Weitem nicht!

Die Software: Samsung-typisch

Man mag es oder eben nicht: Die Rede ist von TouchWiz, Samsungs Bedienoberfläche für Smartphones und Tablets. Die UI wirkt seit jeher verspielter als das Standard-Android. Immerhin kommt, wie auch beim S5, das aktuelle Android 4.4.4 zum Einsatz. Aufgeräumt hingegen wirkt die Kamera-App, die mit jeder Menge Features aufwartet, aber dennoch übersichtlich bleibt. Bedenkt man aber, dass von den verfügbaren 32 GB allein rund 6 GB nur für System-Apps draufgehen, dann würde ich mir weniger optische Spielereien und dafür mehr freien Speicherplatz wünschen - vor allem für Fotos. Überzeugen kann unterdessen S Health, Samsungs Pendant zu Apples Health. Die Software lässt sich etwa mit Samsungs Smartwatches verbinden und greift auf den eingebauten Pulssensor auf der Rückseite zu. Der funktionierte im Test besser als der Fingerabdruckscanner. Im Gegensatz zu Apples Touch ID müsst Ihr den Finger darüberziehen. Die Erkennungsrate ist mau. Allerdings lässt sich nur schwer herausfinden, ob es sich um Mängel bei der Hardware oder Probleme bei der dazugehörigen Software handelt.

Die Kamera: solide Qualität

Nimmt man den Fakt, dass Samsung mit dem Alpha vor allem gegen Apples iPhones antreten will, dann kann man nicht kritisieren, dass die Koreaner hier kein Pixelmonster gebaut haben. Mit 12 Megapixeln stehen nominell nochmal vier MP mehr als bei Apples iSight-Kamera zur Verfügung. Das ist ein Plus, wenn Ihr häufiger Eure Bilder vergrößert ausdrucken wollt. Davon einmal abgesehen ist die Foto-Qualität Samsung-typisch: Motive sehen im Vergleich zu iPhone-Schnappschüssen etwas härter, aber dennoch realititätsgetreu aus. Die Bilder beim Alpha sind auch ein wenig kontrastreicher als bei den iPhones. Mir persönlich geraten Fotos dadurch schnell zu dunkel.

Der Akku: Für normale Nutzung reicht's

Ihr ahnt es schon: Auch hier erwarten Euch keine Höchstleistungen. 1860 mAh hat der Akku zur Verfügung. Damit kommt Ihr ohne Aufladen locker durch den Tag - dem weniger hochauflösenden und damit weniger stromhungrigen Display sei Dank. Wer das Maximum an Laufzeit herauskitzeln will, der schaltet softwareseitig in den Ultra-Energiesparmodus - auf Kosten des Funktionsumfangs. Kleines Plus: Den Akku könnt Ihr austauschen.

Fazit: Samsung, das kannst Du besser!

Das ist also das von vielen Samsung-Fans lang ersehnte Korea-Smartphone mit hochwertigerer Verarbeitung. Viele sahen im Alpha schon das kommende Aushängeschild, den Beweis, dass Samsung auch hochwertig bauen kann. Herausgekommen ist ein Smartphone, das sich schön anfühlt und endlich über den gewünschten Alurahmen verfügt, allerdings beim Display enttäuscht. Das Alpha kann die Erwartungen, die man in es gesetzt hat, bei Weitem nicht erfüllen.

Wer dieses Urteil als zu harsch empfindet, der führt sich einmal Samsungs aktuelle Quartalsbilanz zu Gemüte. Samsungs Gewinne dürften im abgelaufenen dritten Quartal um 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen sein. Da muss sich der Konzern die Frage gefallen lassen: Mit diesem Smartphone will man gegen die gut aussehende Konkurrenz punkten? Nimmt den Preis, 599 Euro UVP, mit in die Rechnung, dann gibt es für weniger mehr Technik. Doch darum allein sollte es ja beim Alpha ja nicht gehen. So fällt das Ergebnis ernüchternd aus: Rund 600 Euro für ein Smartphone ohne High-End-Hardware und ohne erweiterbaren Speicher von realistischen 25 GB? Samsung, das kannst Du besser! Nun bleibt wenigstens zu hoffen, dass das schicke Design des Alpha bei den Koreaner Schule macht und die Plastik-Besessenheit Samsungs endgültig Geschichte ist.

Update vom 30.10.2014, 12.06 Uhr: In der Erstfassung des Testberichts bezogen wir uns noch auf Benchmarkergebnisse, die nicht korrekt waren. Im Zuge dessen haben wir die Note für Perfomance angepasst und die Endnote von 8.5 auf 8.8 angehoben.

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