"Sea of Thieves" für Xbox One im Test: Auf der Suche nach dem Spielspaß

Peinlich !5
Lustig ist das Piratenleben? Für zwei Stunden ganz sicher!
Lustig ist das Piratenleben? Für zwei Stunden ganz sicher!(© 2018 Microsoft)

Vor vier Jahren wurde das Open-World-Piratenspiel "Sea of Thieves" erstmals präsentiert und ist nun endlich im Handel verfügbar. Was erwartet euch neben dem wohl am besten animierten Ozean, den es jemals in einem Videospiel zu sehen gab? Ganz ehrlich: Leider nicht all zuviel.

Die Vorfreude und Erwartungshaltung der geneigten Xbox-Spieler war fast so groß wie die Versprechungen von Hersteller Microsoft. Die klangen auf dem Papier absolut phantastisch: Die viel gepriesene Entwickler-Schmiede Rare entwickelt ein völlig neues Spielerlebnis: Als Pirat mit der eigenen Online-Crew über den Ozean düsen, Grog saufen, Akkordeon spielen, Schätze horten und dabei die wildesten Abenteuer erleben – und das Ganze auch noch im typisch comichaften Grafikstil der Top-Entwickler! Fast zu schön, um wahr zu sein. Was nun letztlich daraus geworden ist, lest ihr im Folgenden. Wir sind für euch rund 30 Stunden über den Ozean geschippert – und hätten dabei gerne einen Rettungsring für den Spielspaß gefunden.

Haariger Einstieg

Und das liegt sicher nicht am Bart, den ihr eurer Spielfigur bei der Erstellung verpassen könnt. Dann findet ihr euch in einer rudimentären Lobby wieder, in der ihr bestimmen könnt, mit wie vielen Spielern die Reise auf welcher Art Schiff beginnen soll. In unserem Fall haben wir uns mit vier Spielern gleich auf das größte verfügbare Schiff gewagt – allerdings müssen erst alle Spieler in der Lobby sein, damit es losgehen kann. Ein zeitgemäßes Drop in/Drop out-System, bei dem Spieler zu jeder Zeit zu euch stoßen können, ist in "Sea of Thieves" nicht vorhanden. Habt ihr diese Hürde gemeistert werdet ihr auf eine kleine Insel verfrachtet, an deren Küstenstreifen eure Kogge vor Anker liegt. Und habt ihr euch vorher nicht aufgeschlaut, dann wisst ihr jetzt überhaupt gar nicht, was eigentlich zu tun ist. Denn in "Sea of Thieves" gibt es nicht eine einzige Erklärung, was, wie und warum ihr nun irgendwas machen sollt. So etwas mag zwar ganz witzig sein, ist aber absolut unzeitgemäß.

Das große Staunen

Dank ausführlicher Hilfe eines durch die Beta-Phasen schon etwas erfahrenen Mitspielers kommt langsam Licht ins Dunkel. Ihr schnappt euch zunächst einen verfügbaren Auftrag – in diesem ersten Fall eine Schatzsuche für Anfänger – und begebt euch auf euer Schiff. Besser gesagt: in den Kartenraum im Bauch des Schiffes. Nun wird die Karte, die ihr für den Auftrag erhalten habt, mit der Weltkarte auf dem Tisch abgeglichen, bis ihr die Insel mit dem korrekten Umriss gefunden habt. Dann kann es losgehen – eigentlich. Denn zunächst ist Logistik notwendig, damit eure Mühen am Ende des Auftrags auch von Erfolg gekrönt sind. Also brav die Kanonen an Deck laden und die Fässer im Schiffsbauch mit lebensnotwendigen Bananen und Reparatur-Planken vollstopfen.

Noch einen Blick auf das entfernte Ziel und es kann losgehen.(© 2018 Microsoft)

Dann kann der Anker gelichtet werden. Je mehr Spieler sich daran beteiligen, desto schneller ist das Ding oben. Nun noch die Segel setzen, in den Wind drehen und los geht die Reise. Der Kompass in eurer Hand dient als nützliche Orientierungshilfe. Wegmarker oder dergleichen werden nicht angezeigt. Was sofort ins Auge sticht, ist der unfassbar gut gemachte Ozean: Da bekommt selbst der Wasserdarstellungsprimus "Assassins Creed 4: Black Flag" ganz feuchte Augen. Überhaupt ist die Optik von "Sea of Thieves" unglaublich stimmungsvoll und versetzt euch direkt in die Comic-Karibik: Phantastische Lichtstimmungen, ein glaubhafter Sternenhimmel samt Nordstern und eben die sanften Wellen des Meeres, die bei sich bei einem tosenden Sturm zu meterhohen Brechern auftürmen, sind mehr als einen Blick wert.

Die Darstellung des Ozeans im Spiel ist fast nicht mehr zu toppen.(© 2018 Microsoft)

Die große Ernüchterung

Auf der Insel angekommen, buddelt ihr den Schatz aus und schleppt die Kiste unter Deck, bevor es dann zum nächsten Ziel gehen kann. Aber Vorsicht ist geboten: Denn in der scheinbar endlosen Welt von "Sea of Thieves" tummeln sich zahlreiche andere, menschliche Spieler, die es im schlimmsten Fall auf euren Schatz abgesehen haben. Sodann entbrennen wilde Kanonengefechte oder ihr werdet geentert und nach hektischen Schwertkämpfen und holprigen Ballereien ist eure Beute schneller futsch, als ihr "Aye" sagen könnt. Natürlich tummeln sich in so einer Art Spiel dann auch unzählige Trolle, die eine diabolische Freude daran haben, euch die Tour zu vermasseln. Da ist Frust vorprogrammiert!

Die Kiste ist ausgebuddelt und muss nun schleunigst zum Außenposten transportiert werden.(© 2018 Microsoft)

Könnt ihr entkommen, dann düst ihr mit eurem Schatz zum nächsten Außenposten und verwandelt die Beute in bare Münze. Wirklich etwas anfangen lässt sich mit der Kohle aber leider nicht. Ausser ein paar kosmetischen Veränderungen an eurem Schiff oder der Ausrüstung der Spielfigur, die ebenfalls nur kosmetischer Natur ist, gibt es keinerlei anderweitige Belohnungen, die euch im späteren Spielverlauf einen Vorteil verschaffen könnten. Und nicht nur hier ist das ungenutzte Potenzial fast so groß, wie der Ozean, den ihr von nun an stundenlang besegelt. Denn auf den Inseln gibt es – bis auf die immer schwieriger werdenden Suchen nach dem Schatz – so gut wie nichts zu entdecken. Kräuter für heilende Salben sammeln? Nichts da! Besondere Geheimnisse finden, die euch zu einer Legende werden lassen? Wo denkt ihr hin? Bis auf kleine Variationen innerhalb der Aufgaben, habt ihr in den ersten zwei Stunden eigentlich alles gesehen, was das Spiel zu bieten hat.

Die hübsche Comic-Optik ist hier wahrlich vollkommen "für die Katz".(© 2018 Microsoft)

Fazit: Style over Substance

Eine vielbemühte Phrase, gerade wenn es um Videospiele geht. Allerdings passt sie hier so gut, wie selten zuvor. Denn optisch ist "Sea of Thieves" wirklich eine Wucht, aber der Spielinhalt ist so tief wie die Pfütze vor eurer Haustür. Dass der Hersteller – gerade in Zeiten von "Zelda", "The Witcher", "Fallout" oder zum Beispiel "Monster Hunter World" – derart viel Potenzial liegen lässt, ist gedanklich eigentlich kaum zu verkraften. Das soll dann das neue große MMO-Zugpferd für die Xbox-Spieler sein und werden? In diesem Zustand auf gar keinen Fall, dazu ist das Gebotene besonders auf längere Sicht viel zu gehaltlos. Auch der aufgerufene Preis ist mit 70 Euro eindeutig zu hoch. Die Entwickler versprechen zwar für die nächsten Monate weitere Inhalte, wie etwa Haustiere – die ihr allerdings mit Echtgeld bezahlen sollt – und zusätzliche "Verbesserungen". Am eigentlichen und sehr schnell sehr dröge werdenden Spielverlauf ändert das jedoch vorerst nichts. "Sea of Thieves" wird so schnell in Vergessenheit geraten, dass sich schon in spätestens drei Monaten keine Crew mehr auf dem dann immer noch sehr hübschen Ozean tummeln wird.

"Sea of Thieves" ist seit dem 20.03.18 für PC, Xbox One, Xbox One S und Xbox One X erhältlich und hat die Altersfreigabe "Ab 12 Jahren".

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