"Xenoblade Chronicles 2" im Test: Gelingt Nintendo der Hattrick?

Rex und Pyra werden im Laufe des Abenteuers zu einem unschlagbaren Team.
Rex und Pyra werden im Laufe des Abenteuers zu einem unschlagbaren Team.(© 2017 Nintendo)

Kurz vor Ende des Jahres beglückt Nintendo aller Besitzer einer Switch, die auf japanische Rollenspiele abfahren, mit einem neuen Abenteuer aus dem Xenoblade-Universum. Gelingt der Switch damit der Hattrick im Erscheinungsjahr des Handheld-Hybriden? Unser Test von "Xenoblade Chronicles 2" verrät es euch.

Eigentlich ist die Hauptfigur Rex ein in den Tag hineinträumender Wolkentaucher, der auf dem Rücken eines Titanen in einer kleinen Hütte lebt. Der ungewöhnliche Wohnort resultiert aus der Tatsache, dass die Spielwelt Alrest nach einem großen Krieg nur noch auf den Rücken verschiedener gigantischer Wesen existiert, die sanft und majestätisch durch und über die Wolkendecke gleiten. Auch für die Fortbewegung in verschiedenartigen Luftschiffen werden die Riesen wortwörtlich eingespannt – nur sehr wenige und einzigartige Schiffe können sich eigenständig fortbewegen.

Unverhofft kommt oft

Wie in Spielen dieser Art üblich, stolpert der Protagonist, Rex, eher ohne sein Zutun in ein riesiges, die Spielwelt umspannendes Abenteuer bei dem nichts weniger als die Rettung des gesamten Universums auf dem Spiel steht. Von dem zwielichtigen Dorfvorsteher einer kleinen Hafenstadt wird Rex für einen Spezialauftrag engagiert. Ob der winkenden Summe an Geld, denkt der kleine Draufgänger nicht lange nach und schließt sich einem Trio an, das ebenfalls auf die besondere Aufgabe angesetzt wird. Dem geneigten JRPG-Zocker wird lange vor Rex klar, dass da was im Busch ist. Der tappt auch noch im Dunkeln, als er mit seinen Begleitern ein riesiges versunkenes und scheinbar sehr altes Luftschiff entdeckt, das ein rätselhaftes Geheimnis in seinem Inneren verbirgt: In einem Sarg aus Glas und Stahl schlummert eine junge Frau. Sie ist ohne Zweifel der Grund für diese seltsame Unternehmung. Und Rex bezahlt einen hohen Preis für sein Unwissen. Was genau passiert, wollen wir aus Spoilergründen an dieser Stelle aber nicht verraten.

Viele Teile der Geschichte werden in aufwändig gestalteten Zwischensequenzen erzählt.(© 2017 Nintendo)

Driver und Blades

In der riesigen Welt von "Xenoblade Chronicles 2" gibt es ein paar besondere Kämpfer, die sogenannten Driver. Jeder Driver verfügt über mindestens eine Blade. Die Blades sind fleischgewordene Waffen, die ihrem Driver im Kampf zur Seite stehen und sie mit der nötigen Energie versorgen, um die Waffe nutzen zu können, Zaubersprüche und Spezialangriffe zu wirken. Sobald eure Truppe für den ersten großen Teil des Spiels beisammen ist, verfügt ihr über drei Driver mit den jeweiligen Blades. Im Mittelpunkt der Geschichte steht natürlich Rex, der dank eines glücklichen Umstands über die mächtigste aller Blades verfügt: die Feuer-Magierin Pyra. Mit ihr im Schlepptau wagt ihr dann in der ersten großen von insgesamt sieben Welten, die ersten Schritte.

Auf dem Rücken eines Titanen ist die Welt von Gormott samt einer Stadt mit angrenzender Hafenanlage entstanden. Weite Wiesen wechseln sich mit Höhlen und riesenhaften Bäumen ab, um zu Fuß von einem Ende der Karte zum anderen zu laufen, solltet ihr locker 30 Minuten und mehr einplanen. Wohlgemerkt: Das ist nur eine der zahlreichen und extrem ausladenden Spielwelten, die ihr im Laufe des mehr als 100-stündigen Abenteuers besuchen werdet. Die erste große Stadt bietet euch auch die Gelegenheit, euch bei den markierten Bewohnern ein paar Quests abzuholen, die auf der ganze Karte verstreut sind. Umso besser, denn dann könnt ihr das machen, was in "Xenoblade Chronicles 2" am meisten Spaß verspricht: Euch den spannenden und äußerst gut durchdachten Kämpfen mit Monstern aller Art zu widmen.

Monster überall

Kenner der Serie wissen, was sie erwartet. Dennoch sind die Scharmützel in diesem neuen Teil der "Xenoblades"-Serie besser als jemals zuvor. Überall in der Welt trefft ihr auf die verschiedenartigsten Monster, manche sind angriffslustig, andere greifen nur dann an, wenn ihr den ersten Schlag tut. Über den Köpfen der Biester seht ihr den jeweiligen Level der Kreatur. Ist dieser deutlich über eurem, solltet ihr tunlichst das Weite suchen. Ist er hingegen in eurem Rahmen, dann auf in den Kampf! Eure Spielfigur schlägt automatisch zu, sobald die Auseinandersetzung begonnen hat. Auch die beiden Mitstreiter samt ihrer Blades schmeißen sich automatisch ins Kampfgeschehen.

Mit jedem eurer Schwerthiebe füllen sich kleine Balken um Symbole am rechten unteren Bildschirmrand auf. Einmal gefüllt, könnt ihr dann manuell auf die Spezialattacken zugreifen, die von diesen Balken umrahmt werden. So setzt ihr euren Gegnern mit Spezial-Manövern zu, die viel Schaden anrichten. Da so gut wie alle Sonder-Attacken über ein bestimmtes Element wie zum Beispiel Wasser, Feuer, Wind oder Erde verfügen – je nachdem welchem Element eure Blade unterstellt ist – lassen sich die Spezialangriffe auch mit denen eurer Mitstreiter zu bildschirmfüllenden Super-Combos verketten. Nutzt ihr das verfügbare Zeitfenster geschickt, winkt am Ende der Schlagserie sogar noch eine mächtige finale Attacke, die dem Gegner meistens den Rest gibt. Um jedes Detail der intelligenten und äußerst spaßigen Kampfmechanik zu erklären, fehlt hier eindeutig der Platz. Aber seid euch sicher, dass es schon lange kein System für die Kämpfe in Rollenspielen gab, das derart ausgefuchst, tiefgreifend und intelligent ist, wie in "Xenoblade Chronicles 2".

Die spaßigen und taktischen Kämpfe werden nach und nach durch neue Funktionen noch interessanter.(© 2017 Nintendo)

Was gibt es noch?

Natürlich steht meistens die genaue Erkundung der Welten im Vordergrund in denen ihr euch samt euren Mitstreitern wiederfindet. Und es gibt natürlich auch unfassbar viel zu entdecken, es lohnt sich also möglichst alle Ecken der Umgebungen sorgfältig auszukundschaften – es sei denn euch versperrt ein Gorilla auf Level 81 den Weg in bis dahin unbekannte Gefilde. Allerdings ist der Stufe der Gegner fast auch immer ein guter Indikator dafür, ob ihr euch auf dem richtigen Weg befindet. Da die Orientierung in den riesigen Spielgebieten – gerade wenn ihr frisch dort angekommen seid – nicht gerade einfach ist, haltet euch einfach an die Monster, die der Stufe eurer Party entsprechen. Das dürfte euch in den meisten Fällen mehr oder weniger sicher ans Ziel bringen.

Auf euren Touren findet ihr zahlreiche Materialien, die ihr wiederum zum Bau der verschiedensten Gegenstände nutzen könnt. In jeder Stadt und in jedem auch noch so kleinen Dorf findet ihr viele Händler, die alle andersartige Waren oder sogar praktische Service-Leistungen feilbieten. Auch dieses Gewerk ist derartig vielseitig und komplex, dass wir es lieber euch überlassen nach Herzenslust zu shoppen und alles selber zu entdecken. Erwähnenswert sind auf jeden Fall noch die Schlafmöglichkeiten, denn nur bei einem ausgedehnten Nickerchen habt ihr die Möglichkeit Erfahrungspunkte in neue Level zu pumpen, oder solange zu pennen, bis sich der Stand der Wolken von Ebbe auf Flut oder umgekehrt schiebt – zum Lösen einiger Rätsel nicht ganz unpraktisch. Auch die an Klippen der Umgebung eingestreuten Geschicklichkeitsspiele, bei denen sich Rex abhängig vom Timing eures Knopfdrucks – mehr oder weniger erfolgreich – angeseilt durch die Wolkendecke schmeisst, um wertvolle Schätze zu bergen, sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. So bieten sie doch eine freiwillige und willkommene Möglichkeit euer Inventar mit seltenen Gegenständen auszustatten.

Die weitläufigen und phantasievoll gestalteten Spielumgebungen laden zum Erkunden ein.(© 2017 Nintendo)

Dock oder nicht Dock?

Im gedockten Modus läuft das Spiel mit 30 Bildern pro Sekunde bei einer Auflösung von 720p. Diese ist allerdings dynamisch. Kann sich die Hardware vor lauter Lichteffekten, Blitzgewittern und Figuren auf dem Bildschirm nicht mehr retten, wird die Auflösung für einen kurzen Moment etwas heruntergeregelt, damit das Spielgeschehen flüssig bleibt. Der dabei entstehende Farbbrei tut dem Spielspaß aber keinerlei Abbruch. Auch im Handheld-Modus, in dem das Spiel sogar ob der vielen Details in der Umgebung noch einen Tick genialer aussieht, als auf der heimischen Glotze, kommt diese Mechanik zum Tragen, fällt dank des kleineren Bildschirms aber so gut wie gar nicht mehr auf.

Der Ton macht die Musik

Eins vorweg: Die musikalische Untermalung ist bei "Xenoblade Chronicles 2" um ein Vielfaches besser, als beim WiiU-Vorgänger "Chronicles X". Statt nervendem J-Pop erklingen hier wieder sanfte und verträumte Melodien, die das Geschehen auf dem Bildschirm die meiste Zeit wunderbar einrahmen. Besonders die Titelmusik dürfte vor jeder neuen Spiele-Session für einen wohligen Schauer sorgen. Auch die englischen Stimmen der Figuren sind weitgehend sehr gut geworden und lassen an den dafür notwendigen Stellen die wichtige Prise Dramatik nicht vermissen. Die Puristen unter euch können aber auch auf japanische Sprache setzen, die zum Verkaufsstart als kostenloser Download angeboten wird.

Fazit: Nintendo schafft den Hattrick

Dass es schon im Geburtsjahr einer Spielekonsole gleich drei verfügbare Spiele gibt, die die 90er Wertungsmarke überspringen gab es so noch nicht. Nach "Zelda" und "Super Mario Odyseey" kommt hier ein weiterer Titel, der die dürstendenden JRPG–Fans mehr als zufriedenstellen und abermals für Höchstwertungen sorgen dürfte. So stellt "Xenoblade Chronicles 2" nicht nur ein absolut episches Umfangs-Monster dar, dessen fein durchdachte Mechaniken sich niemals selbst im Weg stehen. Es wurde auch an eine fesselnde Geschichte, liebenswerte Charaktere und vielschichtige Antogonisten gedacht, die so einem Abenteuer erst die richtig Würze verleihen. Dazu kommt eine wunderschöne Grafik – derart weitläufige Gebiete, die auch noch mit unzähligen verschiedenen und toll animierten Monstern bevölkert sind, bekommt man in dieser optischen Qualität sicher nicht alle Tage geboten –  sowie ein passender und meist ohrenschmeichelnder Soundtrack.

Der Winter ist dank "Xenoblade Chronicles 2" jedenfalls erstmal gerettet. Wagt ihr euch, diese spannende und abwechslungsreiche Reise anzutreten, werdet ihr so schnell nicht mehr davon loskommen. Einzig Rollenspiel-Neulinge sollten sich vor dem Kauf aufschlauen,  denn trotz vieler schlüssiger Tutorials und Erklärungen auf dem Bildschirm, könnten die von dem gigantischen Wust an Informationen und Möglichkeiten regelrecht erschlagen werden. Dennoch: Wenn ihr euch für die Thematik und das Design erwärmen könnt, dann werdet ihr dieses Jahr kein besseres Rollenspiel finden.

"Xenoblade Chronicles 2" für die Nintendo Switch ist aber dem 01.12.17 zu einem Preis von 59,99 erhältlich und hat die Altersfreigabe "Ab 12 Jahren". Im Trailer könnt ihr euch noch ein eigenes Bild des Umfangs-Monsters machen:


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