Xiaomi Mi4 im Test: Android-Wolf im iPelz

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Xiaomi Mi4
Xiaomi Mi4(© 2014 CURVED)

iPhone-Klone aus Fernost sind immer billig verarbeitet, kommen mit schwacher Hardware, uralten Android-Versionen daher und sind insofern nichts Halbes und nichts Ganzes? Das stimmt nicht (mehr): Mit dem Mi4 hat Xiaomi einen 5-Zoller im Portfolio, der sich visuell fast schon dreist bei Apple bedient, gleichzeitig das Original aber in Sachen Wertigkeit und Verarbeitungsqualität beinahe übertrumpft. Und mit der MIUI-Benutzeroberfläche selbst Android 4.4 besser macht. Wir haben den hübschen, schnellen und vor allem günstigen 5 -Zoller mit Snapdragon 801-Chipsatz getestet und schwer gestaunt. 

Die Diskussion darüber, wie unverschämt es nun von Xiaomi ist, den Stil und das Design des iPhone 5 im Mi4 so offensichtlich und eklatant zu übernehmen, sparen wir uns gleich — speziell in China ist das seit Jahren Usus und inzwischen nun mal unumstößliche Realität geworden. Und da die Geräte aus dem Reich der Mitte aufgrund immer besserer Hardware und Verarbeitung so wie vor allem ob ihrer verhältnismäßig kleinen Preise auch international auf dem Vormarsch sind, gewöhnen auch wir uns besser daran.

Zum Hintergrund dieser Entwicklung und zum Erfolg, den die chinesischen Hersteller haben, hat der Kollege Shu jüngst eine fundierte Erklärung geliefert — das Xiaomi Mi4 vereint seine Argumente wie kaum ein anderes Gerät aus dem Reich der Mitte.

Mi4 in der Hand, da hast' was drin ...

Ja, das Xiaomi Mi4 sieht von vorne betrachtet tatsächlich wie ein zu groß geratenes iPhone 5 aus — nicht nur der metallene Rahmen mit den weißen Aussparungen und der abgeschliffenen Kante, auch die Aussparung für den Hörergrill kopiert das Xiaomi-Phone ganz offensichtlich. Die glatte Kunststoff-Rückseite und die seitlichen Buttons für Power und Lautstärke indes sind typische Merkmale der Android-Armada.

Das Überraschende: Das Mi 4 wirkt trotz dieses Umstandes wahnsinnig hochwertig; so hochwertig, dass selbst CURVED-Chefredakteur und erklärter Apple-Fan Nils Jacobsen sich beim ersten Befühlen des 5 Zollers beeindruckt zeigte und zugestand, dass das Mi4 ein ziemlich attraktives Stück mobiler Hardware sei.

Welches ist das iPhone?

Mit 150 Gramm Kampfgewicht und einer Dicke von immerhin 8,9 Millimetern ist das Mi4 alles andere als grazil: Entgegen dem aktuellen Trend im Android-Bereich, High End-Smartphones immer flacher und leichter zu machen, sie mit möglichst schmalen Displayrändern auszustatten und sie in ihrer Form möglicht anschmiegsam zu gestalten, liegt das Mi4 massiv und klobig in der Hand. Seine Bezel sind nicht unbedingt breit, aber ob seines Designs wirkt der 5 Zoller weniger auf den Screen fokussiert, als beispielsweise ein LG G3. Gerade diese "Massive" funktioniert beim Mi4 aber gut und unterstützt den hochwertigen Eindruck.

Und es gibt an der Verarbeitung rein gar nichts auszusetzen: Kein zu großes oder unregelmäßiges Spaltmaß, kein Knarzen, kein wackeliger Button und keine unsaubere Kante geben Anstoß für Kritik. Mögt Ihr den Stil des iPhone 5, habt gleichzeitig aber ein Herz für Android und große 5 Zoll-Display, werdet Ihr das Mi 4 auf Anhieb gern haben.

Wie eingangs erwähnt: Wenn wir das offensichtliche Räubern in Apple-Gefilden ignorieren oder hinnehmen, können wir dem Mi4 attestieren, gemeinsam mit Smartphones wie dem HTC One M8 oder auch dem LG G3 und dem OnePlus One zu den attraktivsten Geräten des Jahres zu gehören — auch wenn deren gestalterischer Ansatz ganz anders gelagert ist.

Hochwertig in Material und Verarbeitung: das Xiaomi Mi4

Display: 5 leuchtstarke Full HD-Zoll

Neumodischen, aber für den Nutzer wenig nützlichen Marketing-Trends hinterher zu rennen, spart sich Xiaomi beim Display — wer braucht denn auch schon WQHD-Auflösung, wenn 1080p Full HD auf 5 Zoll so schön aussehen: Mit seinen 441 ppi zeigt das Mi4 Inhalte nicht nur ausreichend, sondern gestochen scharf an. Dabei leuchtet der IPS-Screen je nach Einstellung dezent oder besonders hell, die automatische Justierung funktioniert gut und findet stest den besten Wert zwischen "hell genug" und "nicht zu hell".

Am Display des Xiaomi Mi4 gibt es nichts auszusetzen

Auch in Sachen Farbdarstellung sowie Weiß- und Schwarzwerten gibt es beim Mi4 nichts zu beanstanden, und die erstaunliche Blickwinkeltreue unterstützt den erstklassigen Eindruck, den das des Displays hinterlässt. Wer möchte, darf im Einstellungsmenü dennoch zwischen verschiedenen Farbtemperaturen und Leuchtstärken wählen und damit die Gesamtdarstellung noch minimal an den eigenen Geschmack anpassen.

Anzumerken ist, dass der Screen des Mi4 nicht von Gorilla Glass geschützt ist. Welcher Technologie sich Xiaomi stattdessen bedient, um das Frontglas zu härten, ist nicht bekannt — im Ergebnis aber scheint sie effektiv genug zu sein: Nach mehrtägiger, nicht übermäßig vorsichtiger Benutzung konnten wir keine Kratzer oder Macken auf dem Display entdecken.

Leistungsplus unter der Haube

Aber auch unter dem schicken Gewand und dem guten Display muss sich das Xiaomi Mi4 nicht vor der in unseren Sphären etablierten Konkurrenz verstecken: Dank Snapdragon 801-Chipsatz mit 2,5 GHz-Takt und satten 3 GB RAM spielt das 5 Zoll große Full HD-Smartphone in der absoluten Oberklasse mit — und sogar ein wenig darüber: Mit 36.600 Punkten im Antutu und beinahe ebenso vielen im CF Bench kann sich das Mi4 sogar ein wenig von den Platzhirschen von Samsung, LG und HTC absetzen.

Das dürfte an den 3 GB RAM liegen, aber auch daran, dass Xiaomis Benutzeroberfläche MIUI, die auf Android 4.4.4 aufliegt und seinerseits auch ein wenig iOS nacheifert, so wahnsinnig flüssig läuft. Und das nicht nur im Vergleich zu TouchWiz oder Sense: Bei der Benutzung beschlich uns zuweilen das Gefühl, dass selbst die Google-Apps auf dem Mi4  einen Ticken schneller laufen, als auf anderen Androiden; inklusive den Nexus-Geräten.

Edel eingefasst: Der metallene Rahmen des Mi4

Das spiegelt sich in der alltäglichen Benutzung sehr angenehm wieder: Ruckler oder Denkpausen beim Wischen über den Homescreen, beim Öffnen von Menüs und Apps gibt es schlicht nicht. Stottern beim Scrollen durch den Browser oder beim Abspielen von HD-Videos? Fehlanzeige. Und wichtig für mobile Gamer: Natürlich laufen aktuelle High End-Spiele wie Sky Force oder Real Racing 3 in voller Pracht absolut flüssig — speziell letztgenannten Titel habe ich ob seiner Skalierung selten so bombastisch und gleichzeitig ruckelfrei erleben dürfen.

Das Xiaomi Mi4 beeindruckt also neben seiner tollen Haptik und Verarbeitung sowie dem feinen Display auch mit ganz famosen Leistungswerten, die auch bei Powerusern keine Wünsche offen lassen dürften. Und damit sind die positiven Eigenschaften des Mi4 nicht erschöpfend besungen ...

MIUI: Das bessere Android?

MIUI ist einer der besten Android-Forks

Vorweg: Ich bin kein Freund von Hersteller-Benutzeroberflächen, Mods oder sonstigen Forks des Android OS. Ich bevorzuge Googles Betriebssystem so, wie es in Mountain View erdacht und gepflegt wird: Vanilla, wie es auch auf den Nexus-Geräten zum Einsatz kommt. Auf unserem Mi4-Testgerät ist zwar Android 4.4.4 installiert, darüber liegt aber Xiaomis Benutzeroberfläche MIUI in der Version 4.8.22 (die Version 6, mit mehr Android L-Elementen erscheint dieser Tage). Die erinnert in Konzeption und Optik abermals eher an iOS denn an Android; und so sehr mich das auch stört, ist die Software eine Wucht, die die Nutzererfahrung im Vergleich zu Standard-Android merklich verbessert.

Schnellzugriffe für Systemeinstellungen

Allen voran sei das bereits oben bei der Hardware erwähnte Plus an gefühlter Geschmeidigkeit und Performance genannt: MIUI auf dem Mi4 "rennt" dermaßen gut, dass mir im direkten Vergleich meine Nexus 5 irgendwie überholt und altertümlich vorkommt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Den Chinesen ist es gelungen, ein visuell äußerst komplexes UI-Paket über Android zu legen, das das System nicht ausbremst, sondern gefühlt beschleunigt!

Das übersichtliche Einstellungsmenü des Xiaomi Mi4

Was am augenscheinlichsten fehlt, ist ein App Drawer, denn wie Huawei mit seinem Emotion UI orientiert sich MIUI an iOS und der Maßgabe, sämtliche Apps auf den verschiedenen Homescreens platzieren zu müssen — wenigstens dürfen die in Ordner sortiert werden.

Und Widgets, die funktionieren natürlich auch. Die klassischen Android-Elemente wie die herunterziehbare Benachrichtigungsleiste mit Schnellzugriffen oder die Übersicht über die zuletzt geöffneten Apps sind vorhanden, allerdings optisch und teilweise auch funktional verändert worden: Bei der Benachrichtigungsleiste, aber auch im Einstellungsmenü ist das gelungen und sieht vor allem gut aus, in der stark begrenzten Multitaksing-Übersicht weniger.

Dank der guten Arbeit der deutschen Xiaomi-Community ist die komplette Software fast durchgängig korrekt ins Deutsche übersetzt; einzig bestimmte Cloud-Dienste, wie zum Beispiel die App für den Download von alternativen Themes oder der Video-Hub präsentieren sich weiterhin in Mandarin.

Das ist aber verschmerzbar, weil es sich dabei durchweg nicht um essentielle Features handelt. Die hierzulande wichtigen Funktionen und Apps wie der Play Store sind jedenfalls vorhanden, die restlichen Google Apps fehlen zwar beim ersten Hochfahren, können dann aber problemlos nachinstalliert werden.

Die Benachrichtigungen kommen hübsch aufbereitet daher

Hardcore-Android-Fans wie ich werden sich anfänglich also an vielen Stellen von MIUI eingeschränkt oder gestört fühlen, möglicherweise auf den visuellen Stil nicht sonderlich schätzen. Nach ein paar Tagen aber, wenn man sich mit dem etwas anderen Konzept und der an sich ja gelungenen Optik angefreundet hat, überwiegen die Vorteile — vor allem die immer flüssige Bedienung und die teilweise sehr hübsch gestalteten Xiaomi-eigenen Applikationen.

Kamera: Absolute Brillanz

Gute Fotos, gute Kamera-App

Das Mi4 besitzt auf dem Rücken die gleiche 13 MP-Kamera mit Sonys neuem IMX214 -Sensor wie schon das OnePlus One — und genau wie auf dem 5,5-Zoller, sind die Ergebnisse  auch hier schwer beeindruckend: Selten haben ich so scharfe, brillante, farbechte Fotos mit einem Smartphone geschossen, wie mit dem Mi4.

Und mindestens genauso gut ist die Kamera-App, die alle wichtigen Features wie HDR-Modus, Filter oder Panorama-Funktion übersichtlich anbietet und hervorragend implementiert: Die Berechnung eines HDR-Fotos geht auf dem Mi4 rasend schnell von Statten und die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen.

Akkulaufzeit, Sound und Speicher

Jetzt aber endlich: Probleme! Das größte Manko des Xiaomi Mi4 bei der Nutzung in unseren Breiten sind die nicht kompatiblen LTE-Frequenzbänder — maximal kann der 5 Zoller hierzulande mit HSDPA+ funken. Ist leider so und lässt sich auch nicht ändern.

Ein weiterer Wermutstropfen ist der fehlende micro SD-Kartenslot, wodurch Käufer der 16 GB-Version mit einem ziemlich begrenzten Speicherkontigent auskommen müssen: Nur etwa 13,5 GB stehen tatsächlich zur Verfügung und die laufen erfahrungsgemäß gerade bei der Installation von ein paar wuchtigeren Apps und Spielen schnell voll. Die guten Nachrichten: Trading Shenzen bietet die 64 GB-Variante inklusive Versand inzwischen für günstige 400 Euro an und hat gleichzeitig den Preis der 16 GB-Version noch einmal auf 350 Euro gesenkt.

Ungewöhnlicher Anschluss: Das Mi4 hat einen Micro-USB-A/B-Port.

Mit 3080 mAh ist der Akku des Mi4 ordentlich bemessen, gerade wenn man ihn mit denen der etablierten Konkurrenz-Geräte vergleicht: Das Galaxy S5 kommt mit 2.800 mAh, das HTC One M8 gar nur mit 2.600 mAh; einzig das LG G3 und das OnePlus One spielen mit 3.000 mAh respektive 3.100 mAh diesbezüglich in der gleichen Liga wie das Mi4.

Dass der 5 Zoller deswegen nun tagelang ohne Steckdosen-Stopp durchhält, bedeutet das leider nicht — aber er trägt das Gerät auch im Leistungsmodus locker über den Tag. Und wer ein wenig mehr Laufzeit benötigt, kann notfalls auch in den "ausbalancierten" Zustand wechseln, der dann wohl die Taktfrequenz der CPU etwas herunterregelt. Merklich langsamer wird das Gerät in der Benutzung dadurch aber nicht (in Benchmarks aber schon).

Apropos Leistung: Sehr wohl merklich ist die enorme Hitzeentwicklung bei Gaming-Sessions — nach etwa zwanzig Minuten Dauerballern in Sky Force wird jedes Smartphone warm, manche auch sehr warm. Am metallenen Rahmen des Mi4 habe ich mir aber tatsächlich ein wenig die Finger verbrannt; nicht direkt mit Brandblase, aber mit Brennen und Zurückzucken.

Da wackelt nichts: Feine Hardwarebuttons mit guten Druckpunkt

Auf der Unterkante des Mi4, eingebaut in ebendiesen Rahmen, sitzt der Lautsprecher des 5 Zollers. Der reicht zwar in Sachen Volumen und Klangbrillanz nicht an die BoomSound-Speaker von HTC heran, hat aber auch ordentlich Druck und scheppert selbst voll aufgedreht kaum. Obenauf sitzt ein IR-Blaster, für den es kurioserweise keine vorinstallierte Anwendung gibt; ich habe mir also aus dem Play Store zu Versuchszwecken die App Smart Remote installiert und konnte damit dann wie inzwischen von dieser Technik gewohnt gut meine heimische Hi-Fi-Landschaft bedienen.

Eine Besonderheit findet sich derweil noch auf der Unterkante des Mi4, und zwar buchstäblich in Form des Micro-USB-Ports: Anders als hierzulande üblich präsentiert der sich im rechteckigen Micro-USB-A/B-Format. Damit ist er zwar mit den hiesigen Steckern in Trapezform kompatibel, beim Einstecken kann es aber schon mal zu Verwirrung und hakeligen Situationen kommen, das nicht auf Anhieb ersichtlich ist, wie herum das Kabel denn nun in die Buchse passt. Nach ein paar Tagen freilich stellt das dann aber kein Problem mehr dar.

Fazit: OnePlus One für iGeschmäcker

Gleicht das Mi4 optisch dem iPhone, so ähnelt es in Sachen Hardware stark dem OnePlus One — in beiden Fällen keine schlechten Vorbilder. Und ein Schnäppchen ist es mit einem Importpreis von rund 360 Euro in jedem Fall. Technisch erhaltet Ihr dafür eines der aktuell besten Smartphones, das mit toller Kamera, beeindruckender Performance, einem feinen Display und guten Akkulaufzeiten auf ganzer Linie überzeugt.

Das installierte MIUI überzeugt überdies und spricht damit eventuell sogar Nutzer an, denen reines Android möglicherweise zu kleinteilig oder "technisch" erscheint. Der grundsätzliche visuelle Stil des Mi4 ist natürlich Geschmackssache — mit persönlich gefällt die Optik des OnePlus One besser — aber seine Materialwahl und Verarbeitung sind auch absolut betrachtet über jeden Zweifel erhaben.

Nachdem der Kollege Shu das OnePlus One jüngst zum "Android Gold-Standard" gekürt hat, ernenne ich das Mi4 also zumindest zum "Weißgold-Standard" und lege den 5 Zoller damit jedem ans Herz, dem das OnePlus-Modell zu groß ist oder nicht edel genug anmutet.


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