Anonym durchs Internet: So surft Ihr unerkannt mit dem Smartphone

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Anonym sind wir selten im Internet unterwegs. Mit den richtigen Tools geht das aber
Anonym sind wir selten im Internet unterwegs. Mit den richtigen Tools geht das aber(© 2017 iStock/portishead1)

Werbefirmen, Social Networks, Behörden – im Internet sind Eure Daten heißbegehrt. In unserem Ratgeber erfahrt Ihr, wie Ihr sie anonymisiert.

Warum anonym surfen?

Eure IP-Adresse, die Ihr von Eurem Internetanbieter bekommt, ist Eure Identifikationsnummer im Netz. Wie mit Eurer Handynummer kann anhand dieser IP bestimmt werden, wer Ihr seid. Denn sie ist einmalig. DNS-Server, also die Dienste, die Webseitennamen wie "www.google.de" in die IP-Adresse des Zielservers umwandeln, loggen teilweise Eure Aktivitäten, sodass eine detaillierte Liste entsteht, wann Ihr welche Webseite geöffnet habt.

Anonymität ist deshalb für alle wichtig, die sich gegen Überwachung wehren und ihre vertrauliche, private Kommunikation schützen wollen. Außerdem ist dies der einzige Weg, staatliche Internet-Zensur zu umgehen, wenn Euer Land Restriktionen durchführt. Und Firmen können über Euch keine genauen Nutzungsprofile erstellen, wenn sie nicht wissen, welche Webseiten Ihr ansurft und worauf Ihr klickt.

Was ist "Tor"?

Tor ist die Abkürzung für "The Onion Router", ein Verfahren, das Eure Identität verschleiert, sobald Ihr eine Webseite aufruft. Wie bei einer Zwiebel (Englisch "Onion") wird Eure Verbindung zur Webseite über drei verschiedene, weltweit verteilte Knotenpunkte (andere Computer) im Tor-Netzwerk umgeleitet, sodass am Ende keiner mehr sagen kann, welcher Computer aus welchem Land eigentlich die Webseite geöffnet hat.

Im Prinzip heißt das: Euer Computer verschlüsselt die zu sendenden Daten und verbindet sich per Zufallsprinzip mit einem Knoten im Tor-Netzwerk. Dieser verbindet sich mit dem nächsten und der dann wieder mit dem nächsten. Der dritte Knotenpunkt stellt dann eine Verbindung mit dem Zielserver her und schickt die Daten entschlüsselt weiter. Für den Ziel-Server sieht es dadurch so aus, als käme die Anfrage von dem letzten Knotenpunkt. Etwa alle zehn Minuten wird der Weg durch das Tor-Netz verändert.

Mit diesem Verfahren lässt sich auch Internet-Zensur umgehen, sodass Webseiten angesurft werden können, selbst wenn die Regierung des Landes den Zugriff blockiert.

Tor auf dem Smartphone installieren

iOS-Nutzer können sich zum Beispiel den "Onion Browser" im App Store herunterladen. Wenn Ihr mit diesem anstatt mit dem vorinstallierten Safari-Browser ins Internet geht, wird der Seitenaufruf über das Tor-Netzwerk umgeleitet.

Besitzer von Android-Geräten laden sich am besten "Orbot" und "Orfox" aus dem Google Play Store herunter. Orbot stellt die Tor-Verbindung her. Geht Ihr dann mit Orfox ins Internet , werden alle Anfragen ebenfalls über das Tor-Netzwerk geleitet. Mit Android-Smartphones kann man sogar noch einen Schritt weiter gehen und den gesamten Internet-Traffic des Geräts über das Tor-Netz laufen lassen. Dafür muss das Handy allerdings gerootet sein.

Nachteile von Tor

Die Verwendung des Tor-Netzwerks sorgt nicht automatisch für ein sicheres Surfen. Der Vorteil der verschleierten Übertragung über mehrere Rechner ist auch gleichzeitig das Problem des Netzwerks. Jeder Nutzer kann mit wenigen Klicks seine eigenen Computer oder Smartphones zu einem Tor-Knotenpunkt umfunktionieren – jeder Knoten wird von Freiwilligen betrieben, es gibt keine Kontrollen. Die Verschlüsselung unserer Daten erfolgt dann nur innerhalb des Netzwerks. Der letzte Knoten, der Austrittspunkt, sendet wieder unverschlüsselt im Klartext. Dadurch ist es dem Betreiber dieses letzten Knotens möglich, Eure Passwörter abzufangen, wenn Ihr Euch beispielsweise bei Onlineshops einloggt, die nicht über eine separate Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wie beispielsweise SSL verfügen. Das hatte der Schwede Dan Egerstad vor einigen Jahren bewiesen, indem er viele Passwörter zu E-Mail-Accounts sammelte. Betreibt zum Beispiel ein Geheimdienst oder ein Hacker die Austrittsknoten, bekommen sie Eure Daten auf dem Silbertablett serviert.

Doch nicht nur das: Wenn Ihr Euch mit Eurem Klarnamen z.B. bei Eurem E-Mail-Anbieter anmeldet, ist ja offensichtlich, wer Ihr seid. Tor verschleiert auch nur den Weg durch das Netz bis zum Ziel. Wenn also schon Euer Startgerät von einem Virus oder Trojaner befallen ist, nützt die Tor-Verbindung auch nichts mehr.

Außerdem ist das Routing-Verfahren über verschiedene Knoten weltweit etwas aufwendiger, wodurch Ihr einiges an Bandbreite einbüßt. Heißt: Das Öffnen von Webseiten dauert länger. Versucht Ihr über das Tor-Netz Videos zu Streamen oder Dateien herunterzuladen, müsst Ihr teilweise mit sehr langen Wartezeiten rechnen.

Also lieber VPN nutzen?

VPN (Virtual Private Network) ist eine Verbindung vom Rechner zu einem VPN-Server, über den dann eine Verbindung ins Internet erstellt wird. Er gibt Euch eine neue, anonyme IP-Adresse, sodass Rückschlüsse auf Eure echte IP-Adresse durch die Umleitung sehr schwierig ist. Vereinfacht gesagt funktioniert VPN fast so, als würdet Ihr mit einem ewig langen Kabel von zu Hause zum Beispiel im Netzwerk Eures Arbeitgebers stecken und von dort aus ins Internet gehen. Für den Zielserver sieht es dann so aus, als würdet Ihr den VPN-Server direkt als Gerät benutzen, um ins Internet zu kommen.

Für den normalen Anwender ist VPN eine bessere Alternative als Tor, da viele Sicherheitsrisiken wie das Abhören der Passwörter am Austrittsknoten minimiert werden. Aber: VPN ist im Gegensatz zu Tor kostenpflichtig.

VPN installieren

Es gibt kostenlose VPN-Angeboten, die aber in ihren Funktionen eingeschränkt und geringe Geschwindigkeit bieten. Für Android- und iOS-Geräte existieren verschiedene Dienste, die Euch VPN auf das Smartphone bringen. Darüber hinaus könnt Ihr diese auch für Laptops, Computer und Tablets benutzen.

Wie viele Geräte gleichzeitig verbunden sein können, hängt von dem Abo ab, das Ihr mit dem Betreiber abschließt. Gute und einfach aufzusetzende VPN-Dienste sind zum Beispiel Cyberghost (50 Euro/Jahr), AirVPN (54 Euro/Jahr) oder NordVPN (69 Dollar/Jahr). Einige Dienste haben ihre eigene App, bei anderen anonymisiert Ihr Eure Verbindung über eine  OpenVPN-App (wie zum Beispiel "OpenVPN Connect" für Android-Geräte oder iPhones).

Wichtig, wenn Ihr auch beim Kauf von Eurem VPN anonym sein wollt: Legt Euch für die Registrierung eine neue E-Mail-Adresse ohne echte Daten an und kauft die Softwarelizenz entweder mit Bargeld im Fachmarkt oder mit einem anonymen Bezahldienst wie Bitcoin und Co..

Nachteile von VPN

Wie sicher die Nutzung von VPN ist, steht und fällt mit dem Anbieter, bei dem Ihr die Lizenz kauft. Wichtig ist hier, dass das Unternehmen keinerlei Daten und Logdateien (z.B. wann ihr wo welchen VPN-Server benutzt habt) über Euch speichert. Denn diese sensiblen Informationen können in manchen Ländern an Regierungen herausgegeben werden. Wenn das Unternehmen aber nichts über Euch speichert, können sie auch nichts herausgeben. In manchen Fällen ist es dadurch einen Anbieter zu wählen, der seinen Standort nicht in den USA hat. Denn dort sind Firmen dazu verpflichtet auf Anfrage alle gespeicherten Daten über die Nutzer herauszugeben.

Ebenfalls wichtig ist, dass Ihr einen Anbieter auswählt, der zufallsbasiert immer mal wieder andere VPN-Server auswählt, sodass Ihr nicht immer über denselben ins Internet geht. Wie schon bei Tor-Verbindungen wird Eure Geschwindigkeit ein bisschen langsamer ausfallen, als wenn Ihr Euch ohne VPN mit dem Internet verbindet.

Fazit

Wenn Ihr nur mal ab und zu im Jahr eine anonyme Verbindung braucht, reichen die kostenlosen Dienste oder eine Tor-Verbindung meist aus. Sucht Ihr nach einer dauerhaften Lösung, ist ein VPN-Abo das Richtige für Euch. Auch wenn Ihr ein bisschen Geschwindigkeit einbüßt, gewinnt Ihr an Anonymität und Sicherheit – auf allen Geräten, die mit dem Internet verbunden sind.