"The Leftovers" ist das "Fight Club" unserer Zeit

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The Leftovers: Geburt einer neuen Kultserie?
The Leftovers: Geburt einer neuen Kultserie?(© 2014 HBO)

Trotz konfuser Handlung und einem überaus unbefriedigenden Finale hat Damon Lindelof mit Lost TV-Geschichte geschrieben: Die von 2004 bis 2010 ausgestrahlte Serie um die Überlebenden des Oceanic 815-Fluges wies in die leuchtende Zukunft des damals gerade wieder auferstehenden Mediums und zeigte, dass auch emotionsgetriebene Dramen ausgezeichnet in Episodenform funktionieren. Zehn Jahre nach der Lost-Premiere meldet sich Lindelof mit The Leftovers zurück — und scheint erneut einen ganz großen Meilenstein setzen zu können. Statt um Verschollene geht es diesmal um eine zurückgelassene Menschheit und ihren Kampf mit der Leere. Und anders als noch bei Lost ist das Mysterium wirklich nur Kulisse, während Emotionen die Hauptrolle spielen. Was kitschig klingt, ist tatsächlich ganz großes Fernsehen.

Leere, Verlorenheit und die Suche nach dem Sinn: 20 Jahre nach Chuck Palahniuks Fight Club ist die damals angeprangerte Bedeutungs- und Inhaltslosigkeit des modernen Lebens emotionales Fundament der neuen Serie von Lindelof und Autor Tom Perrotta, der die gleichnamige Roman-Vorlage für The Leftovers lieferte.

Als Urknall dient ein apokalyptisches Ereignis: Drei Jahre vor der eigentlichen Handlung sind an einem 14. Oktober weltweit rund 140 Millionen Personen, darunter ohne erkennbares Muster Kleinkinder, Ehegatten, Eltern und selbst Prominente, spurlos verschwunden. Wohin, das weiß niemand, warum, auch nicht. Zwei Prozent der Menschheit sind einfach weg und haben die restlichen 98 Prozent zurückgelassen.

Wer sich nun ein Action-Spektakel à la The Walking Dead oder Falling Skies vorstellt, liegt falsch (und kennt Lindelofs Stil nicht): Die Welt von The Leftovers ist infrastrukturell intakt, Regierungen funktionieren weiter, Nahrung und Wohlstand sind vorhanden, von Zombies oder Mutanten keine Spur. Es ist viel schlimmer. Denn die Zurückgelassenen müssen weitermachen mit ihren Leben, ohne Erklärung für das Geschehene, ohne Bedeutung, ohne Sinn. Die Serie erzählt nicht von einem physischen Überlebenskampf, sondern von dem, um die Wahrung des Verstandes. Der Titel "Leftovers", im englischen Sprachgebrauch eher abwertend Reste aller Art umschreibend, ist bezeichnend: Nicht die Verschwundenen sind die Opfer, sondern all jene, die in der sinnentleerten Welt weiter existieren müssen.

Wie einst "Lost" kratzt auch "The Leftovers" am Philosophischen, am Religiösen, am Existenziellen.

Und das kann auch für den Zuschauer quälend sein: Nach acht Folgen der ersten Staffel — HBO hat dieser Tage die Produktion einer zweiten bestätigt — gibt es immer noch keinen brauchbaren Hinweis darauf, was eigentlich geschehen ist und vor allem, ob das überhaupt eine Rolle spielt. Kritiker werfen der Serie schon vor, keinerlei Handlung zu entwickeln und stattdessen ziellos und deprimierend vor sich hin zu plätschern, ohne für den Zuschauer erkennbare Richtung — und dadurch selbst in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden zu drohen.

Tatsächlich haben wir bislang hauptsächlich einem Kleinstadtsheriff dabei zugesehen, den Verlust seiner Familie zu verarbeiten und dabei langsam den Verstand und seine Tochter zu verlieren, einem Priester, seine Kirche zu verlieren und Liv Tyler, ihren Verlobten für eine Sektenmitgliedschaft zu verlassen. Wir sehen eine Frau, deren komplette Familie am 14. Oktober verschwunden ist und die nachträglich erfährt, dass ihr Mann eine Affäre mit der Kindergärtnerin hatte. Und wir sehen betäubte und sich betäubende Teenager, die sich durch in höchstem Maße unerotische Sex-Parties quälen. Harter Stoff, aber nicht unbedingt einer, der zum Dranbleiben einlädt.

Dahinter steckt allerdings ein Konzept, das voll und ganz aufgeht — wenn der Zuschauer seine Erwartungshaltung ändert: Es geht nicht um das "Was" oder "Warum"; wie in Cormac McCarthys großartigem und tiefdeprimierendem Endzeitstück The Road ist das Apokalyptische hier kaum Inhalt, sondern Kulisse.

Es dient als Katalysator für Emotionen und Gedanken, die in unserer happy-Welt sonst grotesk, vielleicht gar peinlich erscheinen würden, gleichzeitig aber nicht nur essenziell menschlich, sondern vor allem auch in der Realität jedes Zuschauers präsent sind. Es geht um das “Was bleibt?” — was bleibt, wenn alles Weltliche keine Rolle mehr spielt? Wonach sehen wir uns? Was fehlt uns? Wie einst Lost kratzt auch The Leftovers hart am Philosophischen, am Religiösen, am Existenziellen.

Der Zuschauer, der bereit dafür ist, leidet mit allen Protagonisten mit.

The Leftovers ist folgerichtig auch da am stärksten, wo zuletzt selbst NBCs ausgezeichnetes Hannibal mit seinen repetetiven und monoten Kampfgesprächen zwischen Patient und Psychiater versagt hat: In den Momenten, in denen nicht viel passiert, in denen die durchweg ausgezeichneten Schauspieler den von ihnen gespielten Charakteren deren Frust, die Verzweiflung und die Trauer durch Mimik, Blicke und wenige, wohlplatzierte Worte einhauchen. Überhaupt ist es die grandiose darstellerische Leistung der gesamten Besetzung, die zusammen mit den bewegenden, melancholischen Pianoklängen von Max Richter in manchen Folgen für konstante Gänsehaut sorgt. Der Zuschauer, der bereit dafür ist, leidet mit allen Protagonisten mit.

Das ist kein schmerzhaftes Leiden, sondern ein befreiendes. Zwar hat in der Welt vor dem Bildschirm kein Verschwinden stattgefunden. Die Leere und Konfusion der Einwohner von Mapleton, der fiktiven Kleinstadt, auf dessen Einwohner die Serie fokussiert, bleibt aber für den Zuschauer stets nachvollziehbar und fühlt sich immer bekannt an. Das Ertragen der Protagonisten, ihr Umgang mit dem Unterträglichen, gibt Trost — insofern funktioniert The Leftovers zuweilen wie ein Treffen der Anonymen Alkoholiker: Es schafft eine Art sichere Umgebung, in der der losgelassen werden darf, die Angst, die Wut und die Trauer der Zurückgelassenen erlebt und mit dem eigenen Weltschmerz vermischt werden dürfen. The Leftovers kann therapeutisch sein.

“Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun”, hatte Tyler Durden in Fight Club postuliert und meinte damit alles Materielle. Die Leftovers haben alles Materielle behalten, aber — wie als Lektion für das Fortführen des Tanzes auf dem Vulkan— mit dem Verschwinden der 2 Prozent alle Bedeutung verloren. Und sind seither auf der Suche nach Halt.

In der jüngsten bislang ausgestrahlten Folge erklärt die lokale Anführerin der ominösen Guilty Remnant-Sekte, eine Gruppierung, die sich nach dem Massenverschwinden gebildet hat, dass sie Sinnhaftigkeit offerieren könne: "Das ist alles, was wir alle noch wollen. Nicht Antworten, nicht Liebe. Nur einen Grund, da zu sein. Etwas, für das es sich zu leben lohnt. Etwas, für das es sich zu sterben lohnt." Lindelof und Perrotta können uns mit The Leftovers zwanzig Jahre nach Fight Club wieder eine intelligente, popkulturelle Zeitgeist-Analyse offerieren, über die es viel nachzudenken, noch mehr aber, die es aufzusaugen lohnt.

"The Leftovers" wird derzeit nur in den USA vom Bezahlsender HBO ausgestrahlt. In Deutschland hat sich Sky die Rechte an der Serie gesichert und wird ab Oktober mit der Ausstrahlung beginnen.


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