Vorinstallierte Apps: Die Geißel aus dem PC-Zeitalter

Peinlich !23
Sony versieht seine Smartphones mit vielen eigenen Apps.
Sony versieht seine Smartphones mit vielen eigenen Apps.(© 2014 CURVED)

Was am PC schon mächtig genervt hat, wird auf mobilen Geräten nicht besser. Vorinstallierte Apps sind kein Service für die Kunden. Sie sind wie die Werbeprospekte in der Tageszeitung, die man ungelesen dem Altpapier zuführt: verursachen Arbeit und verschwenden Ressourcen.

Das Galaxy S6 gefällt mir per Ferndiagnose im ersten Moment schon deutlich besser als das Galaxy S5. Als es dann aber vier Tage nach der Präsentation hieß "Das Samsung Galaxy S6 beschert Euch 22 App-Geschenke" knallte meine Stirn in Gedanken mehrfach auf die Tischplatte. Mich nerven die vorinstallierten Apps, und eine aktuelle Umfrage von "Surfer haben Rechte" zeigt, dass es nicht nur mir so geht.

Nicht gewollt, nicht benutzt, aber trotzdem da

An der Umfrage vom Projekt der Verbraucherzentrale Bundesverband haben zwar nur 250 Menschen teilgenommen, was noch nicht wirklich repräsentativ ist, aber zumindest für eine Einschätzung der Tendenz reicht. 70 Prozent der Teilnehmer lehnen die vorinstallierten Apps ab, weil sie "Speicherplatz fressen", und gut die Hälfte fragt sich zudem, wozu die Anwendungen gut sein sollen.

Einige der vorinstallierten Anwendungen mögen für manche Nutzer zwar hilfreich sein – und bei der Facebook-App ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie sowieso installiert wird –, aber ich bin nicht der einzige Nutzer, der sich nicht bevormunden lassen will. Aus Sicht von Google und Apple, aber auch von Samsung, LG und Co sowie der App-Entwickler haben die vorinstallierten Programme ihren Sinn: Die einen festigen ihre Marktmacht, die anderen hoffen, dass ihre Geräte attraktiver wirken und die Dritten versuchen mit allen Mitteln neue Nutzer zu gewinnen.

Manch eine Kooperation wird groß und pressewirksam verkündet und Geld wird in vielen Fällen auch fließen - nur die Richtung ist dabei nicht immer klar. Doch die Rechnung geht nicht auf: 90 Prozent der Teilnehmer der Umfrage von Surfer haben Rechte gaben an, dass sie Alternativen zu den vorinstallierten Apps benutzen.

Um noch einmal auf das Galaxy S6 zurückzukommen: Von den 22 Apps mit denen Samsung sein neues Smartphone schmackhaft machen will - Fleksy, Shazam, VSCO, Magisto, Pac-Man Friends, The Hobbit: Kingdoms, Dragons of Atlantis: Heirs, NYTimes, The Economist, Kindle for Samsung, Audible, Workout Trainer, Endomondo, Uber, Keepy, PayPal, Life360, LastPass, Evernote, Pocket, Parallels Access und Hancom Office - habe ich momentan eine installiert und nutze sie nur selten.

Klar: So manche Spiele-App oder Premium-Version erhält man auf diesem Weg kostenlos, aber ich kann jetzt schon nicht mehr an das Metallgehäuse, das schicke Display, die flotte Hardware und die wohl geile Kamera denken, sondern sehe mich schon dabei das S6 erst einmal aufzuräumen.

Deinstallation mit Hindernissen

Klar, niemand muss die vorinstallierten Apps benutzen. Aber sie lassen sich nicht so leicht und problemlos entfernen, wie die Werbebeilagen aus der Zeitung und belegen unnötig Platz auf dem internen Speicher.

Das ist vor allem bei günstigen Geräten mit acht Gigabyte oder noch kleineren Kapazitäten ein Problem, da das Betriebssystem oft schon zwei bis vier Gigabyte belegt und mit einigen großen Apps sowie Fotos und Videos der Speicher schnell voll ist und bei weniger als 500 Megaybte freiem Speicher lassen sich in der Regel keine Updates mehr installieren.

Dass es auch etwas anders geht, zeigt zum Beispiel Hisense. Der chinesische Hersteller, der unter anderem mit dem Sero 8 Pro versucht hierzulande Fuß zu fassen, installiert auf dem Tablet zwar auch unnötigerweise zahlreiche Apps. Diese lassen sich aber mit etwas zeitlichen Aufwand, der noch im akzeptablen Rahmen liegt, problemlos und restlos deinstallieren - immerhin.

Phicomm installiert auf seinem Passion-Smartphone zwar auch Apps, beschränkt sich aber auf vertretbare Basis-Ausstattung und schafft es vor allem, die Anwendungen zu umgehen, die nach den Vorgaben von Google auf jedem Android-Gerät vorinstalliert sein sollten und hält so den den Speicherverbrauch klein.

Freiräume für individuelle Persönlichkeiten

Aber nicht nur der Speicherverbrauch der vorinstallierten Apps stört mich, sondern schon ihre reine Anwesenheit auf den Geräten. Beim Testen kann ich sie ignorieren, aber wenn ich ein Smartphone für den längeren Gebrauch einrichte, muss ich ordentlich aufräumen: Nachschauen, welche Apps sich deinstallieren oder wenigstens deaktivieren lassen.

Dass ein Smartphone ab Werk nicht so eingerichtet ist, wie ich es gerne hätte, kann ich akzeptieren, aber einige Hersteller überfrachten ihren Homescreen mit Widgets und App-Verknüpfungen und ich kann erst nach einer großen Aufräumaktion meine Apps installieren und meinen Startbildschirm einrichten

Ich kann jeden gut verstehen, der sich Cyanongenmod installiert. Aber nicht jeder Nutzer will sein Smartphone rooten oder jailbreaken, um die nervigen Beigaben los zu werden. Zwar nicht einer der Hauptgründe, aber trotzdem ein Argument für mein Nexus 4 war damals, dass auf dem Smartphone die "reine" Android-Version läuft, die nur die vorinstallierten Apps von Google und nicht noch den zusätzlichen digitalen Schrott von Herstellern oder Providern enthält.

Ich kann nur hoffen, dass die Botschaft der Nutzer - Nicht-Nutzung und Entfernung der vorinstallierten Apps sowie der Umstieg auf andere Betriebssystem - bei den Herstellern Gehör findet und sie die Bevormundung beenden und auf anderen Wegen als mit überflüssigen Geschenken versuchen, ihre Geräte zu verkaufen.


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