Die Apple SIM: Kommt sowas auch für Android?

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Acer Liquid E700
Acer Liquid E700(© 2014 CURVED)

Mit der noch nicht einmal lautstark auf der Keynote angekündigten, sondern ganz nebenbei, quasi im "Kleingedruckten" zum iPad Air 2 eingeführten Apple SIM, schickt sich Cupertino an, wieder einmal die Mobilfunkwelt umzukrempeln. So denken aktuell wenigstens einige Beobachter. Dabei ist noch gar nicht ganz klar, wie genau das Konzept aussieht. Aber muss die Apple-Offensive denn wirklich zwingend eine Revolution werden? 

Seit Jahren begleitet uns die SIM-Karte durchs digitale Leben, sie war und ist der Schlüssel ins mobile Netz und gleichzeitig eines der mächtigsten Werkzeuge der Provider zur Kundenbindung und damit verbunden auch zur Subventionierung der ansonsten teils sehr teuren Hardware in Form von Handys, Feature-Phones und vor allem Smartphones.

Nun könnte Apple das Ende dieses essenziellen Zahnrads des Mobilfunks eingeläutet haben und den Markt, wie wir ihn bislang kennen, damit gehörig umkrempeln — mit für den Endkunden positiven, aber unter Umständen auch weniger günstigen Auswirkungen. Zeit, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, wohin eine solche Entwicklung im besten Fall gehen und woran sie scheitern könnte.

SIM: Was genau macht eigentlich das Subscriber Identity Module?

Mit SIM-Karten hantieren wir alle mehr oder weniger häufig, sei es, mit der klassischen, großen SIM oder neuerdings mit den — übrigens ebenfalls größtenteils von Apple durchgesetzten — Micro- und Nano-SIMs. Aber was genau ist die Aufgabe der kleinen Chipkärtchen, die ins Smartphone eingesetzt werden? Funken die etwa zum nächsten Sendemast und ermöglichen uns so die Verbindung ins mobile Netz?

Nicht ganz, denn das Funken übernimmt natürlich die Hardware im Smartphone. Die SIM (eigentlich das SIM, das Femininum ist in der deutschen Umgangssprache lediglich dem Zusatz "Karte" geschuldet) dient dabei eher als verschlüsselter Ausweis des jeweiligen Teilnehmers: Es ist quasi der Zugangscode ins Netz, ähnlich wie eine USB-Stick, der ein Zugangspasswort enthält. Die auf der SIM gespeicherten Daten identifizieren uns im Netz und öffnen uns das Tor dorthin. Und so anachronistisch die Darreichungsform dieser Daten auf einer Plastikkarte auch scheint, damals und bisher stellte das die praktikabelste Lösung dar.

Denn wie sonst hätte man Milliarden von Nutzern, die teilweise mit einfachen Handys, also ohne Zugang zum Internet unterwegs sind, mit digitalen Schlüsseln ins Mobilfunknetz ausstatten sollen, wie hätte man sicherstellen können, dass Kunden ihre Hardware bei Bedarf auch bei einem anderen Provider nutzen können, ohne dazu ihre Geräte erst umständlich registrieren zu müssen? Und wie hätten Reseller von Provider-Volumen ihrer günstigen Angebote unkompliziert unters Volk bringen sollen?

Darüber hinaus bot die SIM wenigstens den Providern auch noch eine einfache Methode der Kundenbindung: Mittels des verhassten SIM-Locks sorgten die dafür, dass subventioniert verkaufte Geräte für einen gewissen Zeitraum an das eigene Netz respektive einen ganz bestimmten Tarif gebunden waren.

Was macht die Apple SIM anders?

Zunächst: Der Begriff Apple SIM ist eigentlich eine ungenaue Bezeichnung eines noch gar nicht vollständig bekannten Konzeptes. Denn eigentlich existiert die klassische Karte in Apples Vorhaben gar nicht mehr, und ob es zukünftig überhaupt noch ein Subscriber Identity Module geben wird, ist nicht sicher.

Im neuen iPad Air 2 kommt zwar zusätzlich noch eine klassische SIM-Karte zum Einsatz, das aber nur, weil auch Apple natürlich nicht von heute auf morgen der bestehenden Infrastruktur den Rücken kehren kann und auch auf Kunden und Regionen Rücksicht nehmen muss, in denen das Konzept einer Soft-SIM noch nicht funktioniert. So kommen zunächst auch nur Kunden in den USA und Großbritannien in den Genuss des virtuellen SIM, das dort dann den fliegenden Wechsel zwischen denjenigen Providern erlaubt, die Apple gleich vom Start weg ins Boot geholt hat.

In einer für die Befürworter der Apple SIM idealen Zukunft soll es dann so aussehen, dass keine SIM-Karten mehr existieren, sondern sich der Kunde direkt vom Gerät aus in Netz und Kurzzeit-Tarif seiner Wahl einwählt. Ob dabei das SIM eben komplett softwareseitig abgebildet oder mittels eines festinstallierten Chips auf der jeweiligen Hardware ersetzt wird, ist zur Stunde nicht klar.

Eine Zukunft ohne SIMs?

Der größte Vorteil für den Kunden beim Wegfall der physischen SIM-Karte wäre die Möglichkeit, nach Belieben frei zwischen den Kurzzeit-Angeboten der Provider wechseln zu können; zumindest zwischen denen, die das Spielchen mitmachen. Damit wären auch die Zwei-Jahres-Verträge wenigstens für Geräte mit Soft-SIM am Ende. Das wiederum könnte zu mehr Wettbewerb unter den Providern und damit zu günstigeren Preisen für die Kunden führen.

Ein weiterer Vorteil für Nutzer, vor allem aber für Hardware-Hersteller wäre ganz konkret, dass sie sich keinen Kopf mehr über die Positionierung beziehungsweise überhaupt die Unterbringung der Karte machen müssten und beim Gerätewechsel das Hantieren mit den immer kleiner werdenden Chipkarten entfiele.

Vor allem die erstgenannten Vorteile werfen aber auch ein paar schwierige Fragen auf respektive drohen ein paar Nachteile an: Können außer Apple überhaupt andere Hersteller so eine Offensive gegen die Provider mitgehen? Man muss dabei bedenken, dass kaum ein Android-OEM, auch nicht Samsung, in der Lage ist, von ganz allein und ohne die über die Netzanbieter subventionierten Geräte, ausreichend Hardware zu verkaufen. Einzig Google wäre in einer Machtposition, so etwas anzugehen — da Mountain View zum einen aber selbst nicht in nennenswerte Zahlen Hardware verkauft, andererseits aber seit längerem an eigenen Netzen baut, ist eher damit zu rechnen, dass die Kalifornier irgendwann vielleicht selbst Datenverträge anbieten und somit vielleicht gar kein freies Provider-Hopping unterstützen möchten.

Somit wäre dann Apple Soft SIM-Monopolist und könnte den Providern die Bedingungen der Kooperation in diesem Bereich diktieren und unliebsame oder unbedeutende Anbieter und Reseller einfach ausschließen. Und ich bin sicher, dass wir uns dann ganz schnell das SIM-Diktat von heute wieder zurückwünschen würden.

Andere konkrete Probleme der Soft SIM treten auf, wenn wir über Gerätewechsel, -verkauf, den parallelen Betrieb mehrer Smartphones unter einer Nummer oder Dual-Sim-Nutzung nachdenken. Auf diese Fragen gibt es noch keine Antworten (auch wenn die technisch nun keine allzu großen Herausforderungen darstellen dürften).

Und vor allem das Ende der subventionierten Smartphones wäre damit wohl auch in Sicht — denn warum sollte ein Provider ein teures iPhone oder Android-Smartphone für einen oder auch 100 Euro verkaufen, wenn er im Gegenzug keinen langfristigen Kunden gewinnt? Die Frage muss an dieser Stelle auch an Apple gerichtet werden: Kann und will es sich Cupertino es trotz grandioser Verkaufszahlen aus dem eigenen Store wirklich leisten, auf die Verkäufe an und durch Provider zu verzichten? Kann ich mir nicht vorstellen ...

Meine Prognose: Die Apple SIM bleibt ein Nischenangebot für Tablets

Allem Hype der letzten Tage zum Trotz, ich denke, es gab einen guten Grund, warum Apple seine neue SIM-Lösung während der Keynote nicht erwähnt hat: Selbst in Cupertino plant man diesmal ausnahmsweise nicht, damit den Markt zu revolutionieren. Es scheint sich viel mehr um einen regional und in Sachen Hardware begrenzten Versuch zu handeln, eher ein Ausprobieren einer Idee, denn das Durchsetzen einer zukunftsweisenden Vorstellung.

Anders als beim vergleichsweise unwichtigen Format von SIM-Karten würde das nun allerorts herbei beschworene Konzept des Provider-Hoppings einen massiven Eingriff in bestehende Wirtschafts- und Marktabläufe bedeuten — das ließe sich auch von Apple nicht einfach so nebenbei implementieren, speziell in Regionen wie Europa, in denen Parlamente und Regulierungsausschüsse die Netzwelt diesbezüglich streng überwachen.

Es ist daher nicht davon auszugehen, dass wir die Möglichkeit des fliegenden Providerwechsels als vollständigen Ersatz der bisherigen Zwei-Jahres-Verträge in nächster Zeit auch auf Smartphones mit Android OS, Windows Phone oder auch nur iOS sehen werden — wenigstens nicht als direkte Folge der Apple SIM. Auch dass das iPhone 7 flächendeckend und exklusiv mit dieser Option ausgeliefert wird, halte ich somit aus den obigen Gründen für unwahrscheinlich.

Wahrscheinlich ist hingegen, dass Apple dieses Feature mit Provider-Partnern weiterhin zusätzlich offerieren wird und es die Geräte aus Cupertino für zahlreiche Nutzer noch attraktiver machen könnte. Ebenfalls denkbar dann auch, dass in der Folge ähnliche Zusatzoptionen auch auf anderen Geräten einziehen und geneigte Provider ihr Portfolio mit solchen Angeboten erweitern.

Hierbei dürften aber vor allem Tablets die bevorzugte Plattform sein, denn speziell in diesem Bereich tun sich Provider bislang schwer damit, Datenverträge an die Kunden zu bringen. Das erklärt übrigens auch, dass Apple zum Start des iPad Air 2 gleich vier große Partner für seinen SIM-Vorstoß an Bord hat. Die versuchen ihrerseits etwas Neues, um so iPad-Nutzern ein paar Daten verkaufen zu können. Diese Kooperation hat weniger mit Angst vor Apple oder so etwas zu tun, denn ganz so abhängig wie das zuweilen dargestellt wird, sind die Datenanbieter nun auch wieder nicht von Cupertino.

Darüber hinaus könnte natürlich die Technik hinter der Apple SIM die klassische und umständliche Kartenlösung tatsächlich beerben und durch eine integrierte Software-Lösung ersetzen — das wäre in jedem Fall praktisch. Für die weiter oben erwähnte Probleme bezüglich Gerätewechsel, Nummernmitnahme, Dual-SIM-Betrieb etc. werden sich Lösungen finden lassen.

In erster Linie heißt es aber abwarten, denn wie eingangs erwähnt: Bis auf einen kleinen Absatz auf der Produktseite des neuen iPad Air 2 wissen wir faktisch nichts über die Apple SIM. Ich bin gespannt, wie sich dieser Vorstoß Apples in Zukunft entwickelt und was uns das Unternehmen gemeinsam mit den Providern diesbezüglich noch offerieren wird. Wie immer bei Apple, lasse ich mich da auch gerne überraschen und eines Besseren belehren ...


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