Tim killt die SIM: Darum ist die Apple SIM so mächtig

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Apple SIM: Freie Providerwahl vorerst nur in den USA
Apple SIM: Freie Providerwahl vorerst nur in den USA(© 2014 Apple, CURVED Montage)

Vergesst die neuen iPads: Die größte Neuerung aus Cupertino fand bei der Keynote keine Erwähnung - die Apple SIM. Warum sie das nächste große Ding ist.

Ohne darüber zu spekulieren, ob iPhones in zwei, drei Jahren nun ab Werk schon “curved” daherkommen, noch flacher sind und über noch bessere Displays und Kameras verfügen, so ist doch eine Sache sicher: Der Sim-Kartenschacht, das letzte herausnehmbare Bauteil am Smartphone-Gehäuse, wird verschwinden. Den Grundstein dafür hat der Konzern aus Cupertino mit der Einführung der Apple SIM gelegt. Ausgerechnet diese Innovation fand in der ansonsten um Highlights bemühten iPad-Keynote keinerlei Erwähnung, sondern versteckte sich auf der Sonderseite für das neue iPad Air 2.

"Ohne langfristige Verpflichtung"

Zur Erklärung: Als Apple SIM bezeichnet der iPhone-Hersteller seine neuartige SIM-Karte, die im neuen Flaggschiff-Tablet verbaut ist und bislang nur in den USA und Großbritannien zum Einsatz kommt. Der Clou: Mit der vorinstallierten SIM-Karte können Nutzer zwischen verschiedenen Mobilfunk-Netzen flexibel ihren Tarif wählen und wieder ändern. Mit dem neuen iPad führt Apple also eine softwarebasierte SIM-Karte ein, die eine Provider-Bindung überflüssig macht. Käufer, die sich für die immerhin 119 Euro teurere Mobilfunk-Variante entscheiden, können in den USA künftig flexibel zwischen Angeboten von AT&T, Sprint und T-Mobile wählen.

"Die Apple SIM gibt Euch die Flexibilität, zwischen einer Reihe von kurzfristigen Tarifangeboten verschiedener Mobilfunkanbieter in den USA und England zu wählen. So könnt Ihr den Tarif auswählen, der auf Euch am besten zugeschnitten ist – ohne langfristige Verpflichtung", heißt es auf der Apple-Webseite.

Weg vom Zwei-Jahres-Diktat

Etwas weniger charmant formuliert: Apple fordert die Provider heraus - und ist sich seiner Marktmacht vollkommen bewusst. Dass gerade neue Apple-Devices die Power haben, Kunden in die Stores zu treiben, Verträge zu verlängern oder Neuverträge abzuschließen, das hat jüngst nochmal John Legere, CEO von T-Mobile USA, untermauert. In einem launigen Interview, in dem er sich auch über Bendgate ausließ, hielt der Firmenlenker fest: Dass T-Mobile Vertragspartner von Apple wird und damit einen direkten Anschluss an die iPhone-Versorgung bekommt, stand für ihn zum Jobantritt ganz oben auf der Prioritätenliste. Denn auch Jahre nach er Einführung und ungeachtet der Skandale um Bendgate, Hairgate und Co. sei der Run auf die Apple-Geräte ungebrochen.

Das weiß Tim Cook natürlich und führt mit dem Launch der Apple SIM eine Strategie fort, die ihre Ursprünge schon im Jahr 2010 hatte, als Steve Jobs das iPad und zusammen mit dem ersten Apple-Tablet auch die micro-SIM präsentierte. Apple brach mit einem jahrelang von Providern und Herstellern genutzten Standard - mit Erfolg. Die Provider beugten sich der neuen, kleineren SIM, und andere Smartphone- und Tablethersteller zogen nach. Nur wenig später hielt die micro-SIM auch im iPhone 4 Einzug.

Kein anderes Ökosystem in der IT-Welt bestehend aus Hard- und Software wird so sehr von einem Unternehmen kontrolliert, wie es bei den iPhones bzw. iPads und iOS der Fall ist. Apple legt seit jeher Wert darauf und wirbt damit, dass alles “aus einem Guss” ist. Da ist eine Sim-Karte im wahrsten Sinne des Wortes ein Fremdkörper, ein ungebetener Gast.

Mit dem iPhone 5  folgte dann die Einführung der nano-SIM, die aus nicht viel mehr besteht als dem goldenen Chip. Was kaum jemand weiß: Apple und Nokia wollten seinerzeit ihren nano-SIM-Kartenstandard jeweils als bessere Variante standardisieren lassen. Doch Apple setzt sich schließlich beim Europäischen Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI) durch. Aktuell kommt die winzige Karte in den iPhones, Motorolas Moto-X-Serie, einigen Lumias und dem Blackberry Passport zum Einsatz. Samsung setzt weiterhin auf die micro-SIM.

Einführung im iPhone 7 wäre nur logisch

Warum ist die Apple SIM ein solch große Neuerung? Weil sie dem Nutzer bzw. Mobilfunk-Kunden mehr Freiheiten gibt - und Providern gleichzeitig mehr Möglichkeiten, aber auch weniger Sicherheiten. Denn wenn ein Hersteller wie Apple mit seiner enormen Verbreitung seinen Nutzern die Chance gibt, halbwegs spontan zwischen unterschiedlichen Verträgen zu switchen, rüttelt das am Zwei-Jahres-Modell, das Kunden über lange Zeiträume an einen Vertrag bzw. einen Provider band. Gleichzeitig könnten Mobilfunkunternehmen mit flexibleren Tarifstrukturen einen Vorteil aus dem neuen Wettbewerb ziehen und mit einem breiteren Portfolio neue, wechselwillige Kunden gewinnen, die mit ihrem eventuell unflexibleren Provider unzufrieden sind.

Was und die noch relativ junge Geschichte der SIM-Karten in Apple-Geräten gezeigt hat, ist: Mit dem iPad testet Apple auf einer kleineren Skala die Einführung neuer Standards, um sie dann relativ zeitnah auch im iPhone zu implementieren. Es würde mich wundern, wenn das nächste Apple-Smartphone mehr als ein rein technisches Unter-der-Haube-Update wäre. Der Einsatz der Apple SIM oder eine komplett virtuellen SIM und damit der Abschied vom SIM-Kartenschacht im iPhone 7 ist umso wahrscheinlicher. Immerhin spart Apple damit auch wertvollen Platz im Gerät ein.

Das bedeutet für die Provider: Wer dabei sein will und damit weiterhin Zugang zum iPhone-Vertrieb haben will, der sollte sich jetzt schon um die Zusammenarbeit mit Cupertino bemühen. Wer sich dieser Entwicklung verschließt, den lässt Apple außen vor. Dass der Konzern auch ohne sonst in der Android-Szene üblichen Rabatte oder Preissenkungen kurz nach dem Launch Millionenverkäufe realisieren kann, hat er in den vergangenen Wochen mit dem immensen iPhone-Launch unter Beweis gestellt. Die Ansage aus dem Apple Campus an die Providerbranche ist unmissverständlich: Wir brauchen Euch nicht - Ihr braucht uns dafür umso mehr!

Wechsel auf andere Geräte erschwert

Für Kunden dürfte das neben einem einfacheren Installationsprozess auch bessere Preise bedeuten. Wenn Nutzer einfacher wählen können, nimmt auch der Preiskampf zu. Denn wenn ein Anbieter seinen Tarif verteuern würde, wäre es nur eine Frage einiger weniger Klicks, um den Provider zu wechseln.

Einen Nachteil hat Apples SIM-Karten-Revolution allerdings. Denn zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich die besonderen SIM-Karten nicht mehr mit anderen Geräten nutzen. Mit anderen Worten: Einmal Apple, immer Apple - oder ein neuer Vertrag muss her. Außer: Auch andere Hersteller erkennen die Apple SIM als Standard an - mit dem Vorteil, dass auch sie mehr Platz in ihren Geräten einsparen könnten.

Ein weiterer Meilenstein für Apple Pay?

Noch sind zweifelsohne einige bürokratische Hürden zu nehmen. Denn mit einer Einführung des Features auch in Deutschland würde der Abschluss eines neuen Tarifs über das iPad noch nicht dazu führen, dass der alte Zwei-Jahres-Vertrag automatisch gekündigt wird. Doch die Chancen stehen gut, dass Apple auf lange Sicht Erfolg haben wird. Denn mit AT&T, Sprint und T-Mobile haben sich bereits die US-Schwergewichte auf dem Mobilfunkmarkte bereit erklärt. In Deutschland sträubt sich die Telekom noch gegen die Neuerung: "Wir werden das Gerät in Deutschland nicht mit der Apple SIM anbieten", erklärte ein Sprecher gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Doch das iPad und die iPhones spielen in komplett unterschiedlichen Ligen mit Blick auf die Verkaufszahlen. Es würde mich stark wundern, wenn sich diese Aussagen auch noch dann halten lässt, wenn die Apple SIM oder eine virtuelle Apple SIM dann in den nächsten Apple-Smartphones zum Einsatz kommen.

Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Hat die Apple SIM Erfolg oder würde in der übernächsten iPhone-Generation tatsächlich komplett wegrationalisiert, würde Tim Cook quasi handstreichartig seinen Bezahldienst Apple Pay auf den Apple-Geräten zum sicheren Zahlungsstandard machen. Denn seit einiger Zeit bieten auch Provider wie T-Mobile und Vodafone bestimmten Sim-Karten an, die verschlüsselt Bezahlungen per NFC mit dem Smartphone ermöglichen sollen - bislang nur auf Android-Geräten. Eine Ausweitung der Services auf das Apple-Ökosystem wäre damit erfolgreich abgewendet.


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