Hype-App Beme: Wer braucht schon Selfies und Foto-Filter?

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Beme: Mit Selfies auf Videos antworten
Beme: Mit Selfies auf Videos antworten(© 2015 Beme, CURVED Montage)

Bei Beme (Biem gesprochen) ist alles außergewöhnlich: Die Idee, die Umsetzung und der erstaunliche Hype, den der neue Video-Streamer auslöste. Dabei beginnt für die meisten Nutzer der Start der App, die es bislang nur für das iPhone gibt, mit einem heftigen Frustmoment.

Denn direkt nach dem Öffnen der App ist ein großer Counter zu sehen, der anzeigt, dass man noch 99 Tage, 11 Stunden und 59 Minuten warten müsse, bis man die Beme wirklich nutzen kann.

Es sei denn, man hat einen Einladungscode von jemanden, der bereits zugelassen ist. Die Folge der kreativen Beschränkung: Via Twitter und Facebook betteln einige Nutzer geradezu nach Einladungen. Schon lange gelang es einer neuen App nicht mehr, ohne großes Marketing-Budget solch ein Bohei auszulösen. Bereits kurz nach dem Launch stürmte der Streamingdienst an Spitze der App-Charts im iTunes-Store.

Hinter Beme steckt der YouTube-Star Casey Neistat

Nicht ganz unschuldig am der immensen Aufmerksamkeits-Explosion dürfte Casey Neistat sein. Der New Yorker ist der Mastermind hinter Beme und nicht irgendein Wald- und Wiesen-Entwickler oder ein unbekannter Nerd, der eine interessante Idee in der Garage seiner Eltern ausbrütete. Bei dem 34-Jährigen handelt es sich um einen der bekanntesten YouTube-Stars der USA mit rund 900.000 Followern. Bereits vor Wochen verlor sich Neistat in Andeutungen, was er als nächstes plane. Geschickt befeuerte der New Yorker die Vorfreude zudem noch mit Bildern, Blogpostings und kurzen Videos.

In der Person von Neistat und seinen Erfahrungen als YouTuber dürfte tatsächlich auch der Schlüssel zum Verständnis von Beme sein. Die App ist weit mehr als nur ein weiterer Live-Video-Streamer, wie es Periscope oder Meerkat sind. Dem Neuling geht es vor allem um Authentizität. Diese ist für den 34-Jährigen dabei auch immer eine Frage der Perspektive. Heißt: Wie ehrlich kann ein Kameraperspektive sein, die Selfies und andere Formen der Selbstinzenierung erlaubt?

Deshalb soll Beme erst einmal eine gewisse Form des Kontrollverlustes fördern. Wer ständig seine Selfie-Außendarstellung via Instagram, Vine, Facebook oder Snapchat kontrolliert, kann gar nicht mehr authentisch in den sozialen Netzwerken interagieren, so die Logik von Neistat und seinem Mitentwickler Matt Hackett, der zuvor Technikchef bei Tumblr war.

Ebenso entscheidend bei der Entwicklung der Applikation war allerdings auch die Überlegung, dass echte Social-Media-Enthusiasten die Wirklichkeit gar nicht mehr richtig wahrnehmen können, weil ihr Blick auf die Realität ständig von einem Smartphone-Bildschirm verstellt sei, auf den sie ständig starren.

All diesen grundsätzlichen Überlegungen will Beme Rechnung tragen. Und das gelingt – auf eine erstaunlich smarte und technisch raffinierte Art und Weise. Vier Besonderheiten sind dabei entscheidend:

  1. Als Auslöser für die Videos funktioniert der Annäherungssensor, der in jedem modernen Smartphone verbaut ist. Um ein Video aufzunehmen, muss man das Mobiltelefon mit geöffneter App an seinen Körper drücken. Dadurch werden Selfies fast unmöglich, und auch ein Kontrollblick auf das Display sind unmöglich.
  2. Die Videos sind jeweils exakt vier Sekunden lang.
  3. Die Clips werden sofort übertragen. Es ist also unmöglich, sie zu bearbeiten oder zu speichern. Mehr live geht nicht. So soll maximale Authentizität hergestellt werden.
  4. Wie bei den meisten anderen Social Networks gibt es auch bei Beme Follower.

Ganz ohne Selfie geht es auch bei Beme nicht

Nach jedem Betrachten eines Viersekunden-Schnipsels haben die Freunde dann die Möglichkeit, ein Porträt von sich zu schießen, in dem sie jeweils darstellen, wie ihnen der Kurzfilm gefallen hat.

Mit seiner grundsätzlichen Überlegung und dem aktuellen Funktionsumfang konnte Neistat erste Investoren schon einmal überzeugen, rund 2,6 Millionen Dollar in den Newcomer zu investieren.

Im Web konnte der Beme-Mastermind wahrlich nicht alle von seiner Idee überzeugen. Seit dem Launch der App tobt eine heftige Debatte über den Sinn und Unsinn des Konzeptes. So argumentiert Kyle Vanhemert, dass Beme das grundsätzliche Problem hätte, dass Authentizität "langweilig“ ist. Deshalb hätte auch die App keine echten Überlebenschancen.

Neben der Debatte, die der Live-Streamer auslöste, gibt es einen weiteren Indikator dafür, was für einen heftigen Hype Beme tatsächlich auslöste - einen finanziellen. Auf dem Höhepunkt der Aufmerksamkeitskurve wurden die Freischaltcodes sogar bei Ebay gehandelt. Mehr als 70 Dollar mussten Smartphone-Filmer berappen, wenn auch sie sofort Beme ausprobieren wollten.


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