Apple iPad 9.7 (2017) im Test: Mehr Tablet braucht kein Mensch

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Perfekt für Netflix und Co.: das neue iPad
Perfekt für Netflix und Co.: das neue iPad(© 2017 CURVED)

Wofür ein Tablet? In Zeiten, in denen Smartphones größer und Notebooks kompakter werden? Für mich ist der Einsatzzweck ganz klar: als Entertainment-Maschine. Zum Filme- und Serienschauen, fürs gelegentliche Zocken, für das Surfen im Netz auf der Couch und auf Reisen. Hat Apples neues iPad (2017) hierfür seinen Platz im Sortiment verdient? Der Test.

Man ist schon recht verwöhnt, wenn man als Techjournalist permanent die neueste Highend-Hardware in die Finger bekommt. Gerade im Tablet-Segment überzeugten das iPad Pro 9.7 oder ein Galaxy Tab S3 auf ganzer Linie: pfeilschnelle Hardware, tolle Displays, Top-Verarbeitung und ein Stylus, um der Kreativität freien Lauf zu lassen.

Und dann halte ich das neue iPad in den Händen und denke: Reicht. Und frage mich: Wozu brauche ich mehr? Denn auch wenn ich mich mit Worten gut ausdrücken kann, so bin ich doch ein Dilettant, wenn es ums Zeichnen geht. Handschriftliche Notizen mit einem Stylus? Da verwende ich lieber eine Tastatur. Insofern kann ich die Vorzüge eines iPad Pro nur bedingt auskosten. Plus: Ich konnte das neue Tablet im Rahmen des Tests mit nichts an seine Grenzen bringen – zumindest wenn ich es als Entertainment-Maschine betrachte, die mich in erster Linie unterhalten soll.

Look & Feel

Zum Hintergrund eine kurze iPad-Geschichte: Das erste iPad Air hatte Apple 2013 vorgestellt, 2014 dann den Nachfolger iPad Air 2. Weil der Tablet-Markt zunehmend gesättigt war, entwickelte man die Air-Serie nicht weiter, sondern stellte 2015 das 12,9 Zoll große iPad Pro und im März 2016 das 9,7 Zoll große iPad Pro vor. Die Idee: Im Highend-Segment sind Nutzerschichten noch nicht vollends erschlossen. Eine Strategie, der sich unter anderem Samsung mit dem jüngst releasten Galaxy Tab S3 anschloss.

Eben jenen teureren Pro-Modelle stellt das Unternehmen nun ein günstiges, großes Tablet neben den iPad minis zur Seite. Dass Apple mit seiner Pro-Strategie bricht, hat zwei Gründe: Apple fehlte im Tablet-Sortiment ein Gerät mit einer Display-Diagonale, die sich wirklich von denen der Smartphones abhebt, zeitgemäße Hardware bietet – und dabei bezahlbar bleibt. Zudem hat Apple den Bildungssektor im Visier. Wer hier Schulen und Universitäten mit Hardware ausstatten will, braucht Kampfpreise.

399 Euro ist ein Kampfpreis. Gemessen daran, was dem Nutzer hierfür geboten wird. Ein vollumfängliches Upgrade zum damaligen iPad Air 2 braucht der gediegene Tech-Fan hierfür nicht erwarten. Vielmehr ist es ein Reboot mit dem Ziel, preislich unter 400 Euro zu bleiben. Und so verdient das Gerät aus guten Gründen nicht mehr den Beinamen "Air": Denn 437 Gramm wog die WLAN-Version des iPad Air 2, 444 Gramm waren es bei der LTE-Version. Das neue iPad wiegt 469 Gramm in der WLAN-Variante und 478 Gramm als LTE-Modell. Das iPad Air 2 war zudem nur 6,1 Millimeter dick, das neue iPad mit 9,7 Zoll kommt auf 7,5 Millimeter. Tatsächlich ist das neue iPad so "dick" und schwer wie das erste iPad Air.

Unter dem Alu-Gehäuse verrichtet der von Apple entwickelte A9 Chip mit 64-Bit-Desktop-Architektur seine Arbeit. Der noch schnellere A9X bleibt den Pro-Modellen vorenthalten. Doch schneller als der A8-Chipsatz im iPad mini 4, dem anderen aktuell verfügbaren Nicht-Pro-iPad, ist der Chipsatz allemal. Der A9 steckte unter anderem im iPhone 6s bzw. 6s Plus und kommt auch im iPhone SE zum Einsatz. Leistungstechnisch liegt das neue iPad damit zwischen dem iPad Air 2 und den iPad-Pro-Modellen. In Benchmark-Werten ausgedrückt heißt das: 2565 (Single-Core) und 4399 (Multi-Core) bei Geekbench 4 und 124.827 Punkte bei Antutu.

Entertainment-Qualitäten

Einen Vorteil hat die geringere Leistung: Der Akku hält im Vergleich zum iPad Pro länger. Sehr viel länger. Apple verspricht zehn Stunden bei kontinuierlicher Nutzung. Das kann ich nicht bestätigen. Vielmehr schaffte das Gerät durchweg mehr. Wer das Tablet etwa zum Surfen und für Videos jeweils ein, zwei Stunden am Tag nutzt, der kommt damit locker durch die komplette Arbeitswoche.

Warum stapelt Apple so tief? Eine Erklärung könnte der Wirbel um abweichende Nutzererfahrung beim neuen Macbook Pro sein. Viele User erreichten nicht die von Apple versprochenen Werte. Eine andere Erklärung könnte sein: Man will schlicht dem iPad Pro nicht die Show stehlen. Doch für mich heißt das: Wenn ich mehrere Tage unterwegs bin, muss ich mein iPad nur einmal komplett aufladen – und habe für die kommenden Tage genug Strom. Die wohl plausibelste Erklärung: Die längere Laufzeit ist schlicht ein Nebeneffekt des Einsatzes eines älteren, aber auch stromsparenderen Chipsatzes. Danke, A9!

Dabei ist die Auflösung gleich hoch wie im iPad Pro 9.7: 2048 x 1536 Pixel auf 9,7 Zoll ergeben eine Pixeldichte von 264 ppi. Allerdings verfügt der Bildschirm des 399-Euro-Tablets nicht über das Wide-Color-Feature des Pro-iPads. Und auch die reflexionsverringernde, zusätzliche Displayschicht des iPad Air 2 hat Apple hier eingespart. Dennoch überzeugt der Bildschirm mit satten Farben, starken Kontrasten und besserer Ausleuchtung. Rund 25 Prozent heller als im iPad Air 2 erstrahlt der Bildschirm des 2017er-iPads. Das macht sich bei starker Sonneneinstrahlung, in Hamburg nicht wirklich oft der Fall, bemerkbar und macht das Fehlen einer Antireflexionsschicht wieder wett.

Den fehlenden Farbraum im Vergleich zum iPad Pro: Beim Konsum von Netflix- oder Amazon-Serien sehe ich ihn nicht wirklich. Mir kam nach einer Staffel "Bosch" nicht einmal der Gedanke, dass Szenen zu blass aussahen. Wenn ich etwas vermisse, dann das zusätzliche paar Lautsprecher. Die sorgen im Pro-Tablet für üppigen Klang auf kleinstem Raum. Beim neuen iPad strahlt der Klang leider im Querformat nur zu einer Seite ab. Verdammt schade! Mit Stereosound wäre es die perfekte Medienmaschine.

Beim Gaming fiel das fehlende, zweite Paar Lautsprecher dann nicht so ins Gewicht. Zugleich machte der A9-Chipsatz eine gute Figur: Ob "Asphalt", "CSR Racing 2" oder "Robot Unicorn Attack 3", jedes Spiel lud flüssig und lief ohne Ruckler.

Abgesehen davon erwartet den Käufer ein grundsolides Tablet. Die Verarbeitung ist Apple-typisch hochwertig.

Fazit: ein iPad SE

Der Vergleich zum iPad Pro, es ist sowieso nur ein theoretischer. Denn mit Blick auf den Preis ist das Highend-Tablet chancenlos: Mit 679 Euro in der 32-GB-Ausführung das iPad Pro 9.7 rund 300 Euro teurer als das neue iPad mit 9,7 Zoll. Die Zielgruppe dürften auch kaum Pro-Nutzer oder Besitzer eines iPad Air 2 sein, die auf der Suche nach einem Zweit-Tablet sind. Vielmehr ist es das perfekte Einsteiger-Gerät für all jene, die zum ersten Mal mit dem iPad oder mit Apple-Produkten generell in Berührung kommen wollen. Oder all jene, die ein altes iPad besitzen, dessen Chipsatz nicht 64 Bit unterstützt und mit iOS 11 keine Updates mehr bekommen wird. Dafür verzichtet man als Käufer auf eine Stylus-Unterstützung und bessere Lautsprecher, bekommt dafür aber mehr Performance und ein besseres Display als im iPad Air 2, das es ersetzt. Gepaart mit sehr guter Akkulaufzeit.

Ein Mix aus niedrigerem Preis und einem technischen Upgrade eines mehrere Jahre älteren Modells mit Hardware, die zwischen Vorgänger und aktuellen Highend-Geräten angesiedelt ist? Das erinnert an das iPhone SE. Hier kamen zum Launch die Kamera und der Chipsatz der 6s-Reihe zum Einsatz, während Gehäuse und Display gleichblieben. Insofern ist das neue Apple-Tablet kein iPad Air 3 und auch kein iPad Pro Light, sondern am ehesten ein iPad SE. Mit anderen Worten: Es ist ein gelungener Mix aus gutem Preis und guter Leistung.


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