Fairphone 3 im Test: Das Smartphone mit Gewissen – ist es konkurrenzfähig?

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Das Fairphone 3 ist stolz auf seinen Namen.
Das Fairphone 3 ist stolz auf seinen Namen.(© 2019 CURVED)

Es ist kein normales Smartphone. Ein Hersteller aus den Niederlanden versucht mit fair gehandelter Materialien und einfach austauschbarer Module etwas gegen ökologische Krisen und katastrophale Arbeitsbedingungen zu tun. Und das Ergebnis? Das Fairphone 3 im Test.

Wir schreiben das Jahr 1972. Der sogenannte "Club of Rome" veröffentlicht einen denkwürdigen Bericht namens "Die Grenzen des Wachstums". Die Botschaft: Die Ressourcen, die unser Planet bereitstellt, sind endlich. Wir können nicht stetig "wachsen", das sei schlichtweg physikalisch unmöglich.

Fast 50 Jahre später bleibt die Debatte die gleiche. Es steht zwar fest, dass es Grenzen gibt und auch die Knappheit bestimmter Ressourcen ist mittlerweile ein unbestrittener Fakt. Die Frage des Umgangs damit ist allerdings weiterhin nicht geklärt.

Wie die Smartphones weiter wachsen

Schauen wir uns die Smartphone-Branche an, bekommt die Kontroverse um "Wachstum" nochmal konkretere Züge. Die Handys, ihre Displays und Akkus werden immer größer und leistungsfähiger, und in ihnen kommen auch immer mehr Ressourcen zum Einsatz. Von der Anzahl der Kameralinsen ganz zu schweigen.

Zudem sind seit einigen Jahren in den meisten neuen Handys die Akkus fest verbaut. Und das ist der wohl anfälligste Teil des Smartphones, der zum Neukauf führt. Auch das gebrochene Display führt bei manchen zu Kopfzerbrechen, da die Reparatur immer teurer wird - auch die Bildschirme werden eben immer größer. Außerdem müsst ihr dafür das Smartphone einschicken oder zum Reparaturservice bringen, das ist schon unpraktisch.

Soll heißen: Die Smartphones werden immer größer, immer unreparierbarer und somit – zugespitzt gesagt – zu teuren Wegwerfprodukten. In Amsterdam sitzt ein Unternehmen, das sich dem Problem annehmen möchte. Nachdem 2013 das erste sogenannte Fairphone der gleichnamigen Firma veröffentlicht wurde, ist nun die dritte Generation an den Start gegangen. "Erst" das dritte seiner Art, müsste hinzugefügt werden, immerhin geht es heute eher darum, mehr Produkte für möglichst jeden Geschmack zu konzipieren und produzieren.

Das Fairphone 3 im Test: Einfach zerlegt – schnell repariert

Schon beim Auspacken wird klar: Das Fairphone ist kein normales Smartphone. Da liegt kein Netzteil, kein Ladekabel und keine Kopfhörer in der Schachtel – stattdessen ein Gummi-Bumper, der das Handy ausschließlich rundherum schützt, und ein Schraubendreher.

Ja, ein Schraubendreher. Denn das Fairphone ist "Designed to open", wie es am Rand des Smartphones steht – also konzipiert, um geöffnet zu werden. Das hab ich mir natürlich nicht zweimal sagen lassen und es direkt geöffnet. Die transparente Rückseite ist schnell ab, nachdem ich den 3.060 mAh starken Akku entnommen habe, schon eine positive Überraschung: Da passen zwei SIM-Karten und eine Speicherkarte rein. So geht echtes Dual-SIM! Heute ist eigentlich eher ein Hybrid-Slot Standard.

Das kosten die Fairphone-3-Ersatzteile

13 Schrauben später kann ich das Display von den übrigen Teilen trennen und theoretisch austauschen. Ebenso Teile wie Kamera oder Lautsprechermodul. Alles eindeutig beschriftet und mit wenigen Schrauben fixiert – iFixit hat das Smartphone soweit auseinandergebaut, dass wirklich alle Teile freiliegen und vergibt hinsichtlich Reparierbarkeit einen Score von 10 von 10 Punkten.

Im Fairphone-Shop gibt es derzeit folgende Ersatzteile speziell für das Fairphone 3 – gut möglich, dass da noch mehr dazukommen:

  • Kamera: 49,95 Euro
  • Lautsprechermodul: 19,95 Euro
  • Untermodul: 19,95 Euro
  • Topmodul: 29,95 Euro
  • Display: 89,95 Euro
  • Akku: 29,95 Euro
  • Rückabdeckung: 24,95 Euro

Für den normalen Nutzer sollte das ausreichen, um das Fairphone möglichst lange zu nutzen, geht euch etwas anderes kaputt, findet ihr bestimmt trotzdem bei Spezialisten Rat. Darüber hinaus könnt ihr auch Netzteil (19,95 Euro), USB-Kabel (19,95 Euro) und Kopfhörer (34,95 Euro) dazu bestellen, die In-Ears sind übrigens ebenfalls modular aufgebaut. Das heißt: Ihr könnt das Kabel und die Ohrstöpsel wechseln.

Wie sich das Fairphone 3 anfühlt

Im Vergleich zum Vorgänger Fairphone 2 ist die dritte Generation des Fairphone ein Stück gewachsen. Bei den Außenmaßen ist es in etwa so groß wie ein Samsung Galaxy A50, allerdings wirkt es etwas kantiger. Mit 189 Gramm ist es relativ schwer.

Was mir persönlich sehr gut gefällt: Die griffige Rückseite mit der transparenten Abdeckung, hinter der ihr die Teile des Smartphone-Inneren erkennt. Meine Kollegin Viktoria war davon allerdings gar nicht begeistert. Doch möchte ich zu bedenken geben: Fingerabdrücke haben auf diesem Case keine Chance.

Wovon ich nicht begeistert bin, ist die Position des Fingerabdrucksensors: Der ist meines Erachtens etwas zu weit oben – aber vielleicht habe ich auch einfach zu kurze Finger. Sowohl auf Rückseite als auch Vorderseite befindet sich tatsächlich nur eine Kameralinse. Neben dem 12-Megapixel-Objektiv auf der Rückseite befindet sich noch eine auffällige Blitzlicht-LED. Auf der Vorderseite kommen 8 MP zum Einsatz, in zentraler Position sitzt deutlich erkennbar der Lautsprecher zum Telefonieren.

Die Schwächen des Fairphone 3 im Test

Der USB-C-Anschluss befindet sich am unteren Ende. Fairphone hat sich entschieden, den Klinkenanschluss erstens überhaupt zu verbauen und zweitens am oberen Ende einzusetzen. Ungewöhnlich, allerdings lasse ich mein Smartphone immer mit der Unterseite nach unten in meine Tasche gleiten, für mich also die ideale Position. Bei dem mitgelieferten Bumper ist Vorsicht geboten: Der macht das Display zum Staubfänger.

Apropos Display: Das wird von zwei deutlichen schwarzen Balken am oberen und unteren Ende begrenzt. Bei den nackten Werten kann es sich durchaus sehen lassen: Mit 2.160 x 1.080 ist das 5,65 Zoll große Display bei einer Pixeldichte von 427 ppi auf der Höhe der Zeit.

Ansonsten ist es das leider nicht. Den Snapdragon 632 hat Qualcomm vor anderthalb Jahren für die obere Mittelklasse herausgebracht. Seine 4 Gigabyte Arbeitsspeicher sind das absolut Mindeste, was man im Jahr 2019 von einem Android-Smartphone erwarten kann. Und 64 Gigabyte interner Speicher sind auch nicht so prall, aber die könnt ihr immerhin erweitern.

Die 12-Megapixel-Linse macht für ein Einzel-Objektiv in Zeiten von High-End-Kameras mit 108-Megapixel und Sechsfach-Setups erstaunlich gute Fotos – allerdings sollten die dann eben auf dem Display bleiben. Für großformatige Ausdrucke ist das natürlich nicht mehr geeignet, der schnelle Schnappschuss oder Selfie-Shot sind allerdings auf jeden Fall drin.

Ein herrlich pragmatisches Smartphone – auch dank Android

Mich hat das Fairphone 3 schon in den ersten Stunden im Hands-On in den Bann gezogen. Mit Android 9 ohne herstellerspezifische Software ist es zunächst mal ein Basic-Smartphone, auch die Optionen, die Benutzeroberfläche zu individualisieren, sind überschaubar – was ich klasse finde, weil es so von vornherein an keiner Stelle überladen wirkt.

Auch bei der Leistung brauche ich einfach nicht mehr. Mit meinem Smartphone will ich E-Mails checken, telefonieren und Nachrichten lesen – und damit hat das Fairphone 3 keine Probleme. Und bei dem, was das Fairphone 3 leisten muss, reicht auch der 3.060 mAh Akku, der allein auf dem Papier im Vergleich zu aktuellen Mittelklassehandys nicht mithalten kann – und erstrecht nicht mit Top-Smartphones.

Ein Wermutstropfen bleibt allerdings. Auch wenn die Kamera solide ist und gute Bilder macht, ich bin einfach Besseres gewöhnt. Das nehme ich aber in Kauf: fair gehandelte Rohstoffe, das einfach zu reparierende System und Recycling-Initiativen des Herstellers sind einfach einzigartig in der Branche. Das Fairphone 3 mag nicht perfekt sein. Aber es ist richtig.


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