Huawei Watch GT im Test: Mehr Sportuhr als Smartwatch

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Die Huawei Watch GT sieht nicht nur nicht aus wie Smartwatch, sie kann auch nicht so viel.
Die Huawei Watch GT sieht nicht nur nicht aus wie Smartwatch, sie kann auch nicht so viel. (© 2018 CURVED)

Die Huawei Watch GT steht für Unabhängigkeit. Zumindest ein bisschen. Auf der einen Seite für Huawei, die sich mit ihrer neuen Smartwatch vom Snapdragon-Prozessor und Googles Wear OS losgesagt haben. Auf der anderen Seite für den Träger der Watch GT. Denn mit ihrem Akku hält die Uhr länger als vergleichbare smarte Chronographen durch.

Nahezu jeden Abend lade ich Smartphone und Smartwatch auf. Spätestens am zweiten Tag müssen beide ans Kabel, wenn ich nicht mit toten Geräten rumlaufen möchte. Und wer hat schon gerne einen schwarzen Bildschirm? Huawei will mit der Watch GT eine Uhr anbieten, die das Aufladen zumindest temporär überflüssig macht oder wenigstens heraus zögert. Bis zu 14 Tage am Stück (!), verspricht Huawei, hält der 420 mAh große Akku bei normaler Nutzung.

Das Design: edel, schlicht, so gar nicht smart

An das Design der Watch GT könnte ich mich gewöhnen. Ihr kennt die Printwerbungen, in denen Schauspieler und andere Stars mit ihren Edeluhren posieren? In diese Richtung geht die Huawei Watch GT. Nicht ganz so edel, nicht annähernd so teuer. Aber sie sieht viel weniger nach Smartwatch aus als viel mehr nach einer adretten und zugleich angenehm schlichten Armbanduhr. Natürlich nur so lange, bis das AMOLED-Display aufleuchtet. Trotzdem hat Huawei verstanden, dass eine Smartwatch nicht immer nach Science-Fiction aussehen muss, die sich vornehmlich Geeks ums Handgelenk schnallen.

Schön schlicht: Die Huawei Watch GT lässt sich problemlos im Meeting tragen.(© 2018 CURVED)

Mit ein Grund für die schlichte Eleganz ist das braune Lederarmband unserer Testuhr. Das mit 22 mm genormte Armband verleiht der Watch GT einen alltagstauglichen Look. Die Unterseite aus Silikon ist ein Zugeständnis an die implementierten Fitnessfunktionen. Die Uhr selbst besteht aus Stahl, ihr Rücken aus Keramik. Darin verbaut ist der Pulsmesser. Die zwei rechts aus dem Gehäuse hervorstehenden Knöpfe rufen die Apps und die Workout-Erkennung auf. Ansonsten bediene ich die Watch GT über den 3,53 cm großen AMOLED-Touchscreen per Wisch- und Tippgesten. Über die Lünette lässt sich die Watch GT, anders als etwa bei der Samsung Galaxy Sport, nicht steuern.

Das macht aber nichts, denn unter normalen Bedingungen, sprich im Alltag, nutze ich die Watch GT tatsächlich in erster Linie als Uhr. Ein leichte Drehung des Handgelenks reicht, um zuverlässig das Display zu aktivieren und einen Blick auf Uhrzeit, gelaufene Schritte und meinen Puls zu werfen.

Lite OS: Geringer Umfang, kaum Apps

Dass ich die Huawei Watch GT im Alltag so selten aktiv benutze, liegt am geringen Funktionsumfang der Uhr. Um eine möglichst lange Akkulaufzeit zu gewährleisten, hat Huawei das Betriebssystem Lite OS nämlich auf das Wesentliche reduziert – "Lite" ist hier tatsächlich Programm. Bis auf eine Handvoll Apps ist auf der Uhr nichts vorinstalliert – und das lässt sich auch nicht ändern. Denn einen App-Store bietet Huawei nicht an.

Wahlweise sportlich oder elegant: Die Watch GT gibt es mit Sport- oder Lederarmband.(© 2018 CURVED)

So fehlen vertraute Funktionen wie Musiksteuerung über die Uhr genauso wie die Möglichkeit, auf eingehende Nachrichten wenigstens mit vorgefertigten Antworten direkt zu reagieren. Abgesehen davon kann die Uhr ohnehin nur reinen Text darstellen, Bilder in WhatsApp verlangen weiterhin nach dem Smartphone, genauso wie E-Mails, da die Uhr nur den Betreff, nicht aber den Inhalt anzeigt.

Darüber hinaus lassen sich die beiden Tasten nicht frei belegen. Das ist schade, denn die Workout-Erkennung, die ich über den unteren Knopf aufrufe, beinahe genauso schnell über das App-Menü starten kann – denn die App führt die Auflistung an und wird mir stets als erstes angezeigt. Andererseits stellt sich zurecht die Frage, welche andere Funktion oder App sich sinnvoll mit der unteren Taste aufrufen ließe bei dem geringen Umfang.

Vielleicht ist der Begriff "Smartwatch" bei der Watch GT missverständlich. Denn eigentlich ist sie viel mehr Sportuhr mit smarten Funktionen als weniger Smartwatch mit Sportfunktionen. Und siehe da, in Sachen Fitness kann die Watch GT tatsächlich mit Vielfalt aufwarten. Die Basics wie Schritte zählen und Puls messen beherrscht sie präzise und zuverlässig. Optional meldet euch ein Alarm, wenn die Herzfrequenz über längere Zeit zu hoch ist.

Selbst bei konstanter Pulsmessung hält der Akku der Huawei Watch GT konkurrenzlos lange durch.(© 2018 CURVED)

Ansonsten richtet sich die Uhr in ihren Tracking-Funktionen vornehmlich an Ausdauer-Sportler, die gerne laufen, wandern, gehen, radfahren, schwimmen (wasserdicht bis 5 ATM) oder cross-country-laufen – wichtig: Das Tracking muss vor dem Training manuell gestartet werden, die Uhr erkennt das Workout nicht von selbst. Ist eure Lieblingssportart nicht unter den vorgegebenen, könnt ihr alternativ das Tracking für "kostenloses Training" starten, womit Huawei wohl freies Training meint.

Wo wir gerade beim Thema sind: Während ich die falsche Übersetzung hier noch amüsant finde, ärgert es mich schon, dass der Hinweistext, die Uhr beim Training fest oberhalb des Handgelenkknochens zu tragen, auf Englisch angezeigt wird. Das mag kleinkariert wirken, aber bei einer "Smartwatch Lite", die dennoch fast 200 Euro kostet, sollte wenigstens die Übersetzung vollständig sein.

Für sportliche Aktivitäten draußen nutzt die Watch GT GPS zur genauen Ortung eures Standorts. In der Regel benötigt die Uhr dafür nur ein paar Sekunden. Das GPS-Signal benötigt die Uhr dabei lediglich zum Aufzeichnen der Laufrouten, sich beim Spaziergehen navigieren zu lassen, ist hingegen nicht möglich. Und das war's dann auch schon mit den Schnittstellen. Bis auf Bluetooth, für die Verbindung zum Smartphone, beherrscht die Watch GT keine andere Verbindungsmöglichkeit. WLAN und LTE sucht man vergebens. Ohne Smartphone ist die Uhr damit noch weniger smart als ohnehin schon.

Fazit

Ich bin ganz hin und her gerissen bei der Huawei Watch GT. Einerseits schätze ich die lange Akkulaufzeit. Im Test hat die Uhr tatsächlich problemlos über eine Woche durchgehalten und das bei täglicher Nutzung und drei Mal 90 Minuten Sport. Hätte ich die dauerhafte Pulsmessung deaktiviert und die Helligkeit auf "automatisch" statt auf Stufe 3 (von 5) gestellt, wären sicherlich noch ein paar Tage mehr drin gewesen. Schön, dass es sich bei Huaweis Versprechen mal ausnahmsweise nicht um leeres Marketing-Blabla handelt.

Andererseits vermisse ich zentrale Funktionen, die ich von gleich teureren Smartwatches gewohnt bin. Für den Preis von 199 Euro wären ein paar zusätzliche Funktionen durchaus noch drin gewesen. Dass ich nicht mal meine Musik damit steuern kann oder wenigstens auf eine Nachricht reagieren, zwingt mich im Alltag dann doch allzu oft dazu, das Smartphone aus der Tasche zu holen – obwohl ich das mit einer Smartwatch doch gerade vermeiden will.

Ich begrüße Huaweis Ansatz, sich von Google unabhängig machen zu wollen. Denn das öffnet dem Hersteller mehr Freiheiten für eigene Ideen. Wenn das allerdings bedeutet, auf möglichst viele Funktionen zu verzichten, allein um den Akku zu schonen, reicht mir das nicht als Argument. So schön die Huawei Watch GT auch ist – am Ende ist sie doch eher eine Smartwatch Lite, die aufgrund ihres geringen Software-Angebots zwar lange durchhält, aber eben auch sehr beschränkt ist in ihrem Nutzen.


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