Ausharren lernen: Das Internet läuft nicht weg

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Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind
Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind(© 2014 Elisabeth Rank)

Neulich saß ich mit meinem Großvater beim Kaffee. Wir waren vorher ein wenig durch den Prenzlauer Berg gelaufen, hatten Briefe zur Post und uns selbst an die frische Luft gebracht. Wir spazierten vorbei an den kahlen Bäumen, an den sanierten Fassaden und standen gerade an einer Ampel am Rosenthaler Platz, als er sagte: "Lisa, du machst das falsch!" Ich schaute ihn verdutzt an, eigentlich hatte ich gerade eine iMessage bekommen, die ich kurz beantworten wollte. "Das geht anders in Berlin, Lisa!" sagte er und ich hatte noch immer keinen blassen Schimmer, wovon er eigentlich gerade sprach.

"In Berlin muss man in der rechten Hand das Handy tragen und in der linken eine Bierflasche, wo man auch geht und steht. Das machen doch alle so!" grinste er. Mein Großvater wertete dies nicht, er äußerte lediglich eine kleine, überspitzte Beobachtung und begann dann vom Wald zu erzählen: "Die Leute kommen nur noch zum Quatschen in den Wald und gucken gar nicht." Kurze Zeit später saßen wir in der U-Bahn. Vor uns sieben Menschen. Einer davon ohne Mobiltelefon in der Hand. Opa lacht: "Wie im Wald."

"Ich übe, wieder anders wahrzunehmen. Ich werde an Bahnhöfen wieder hochschauen, nicht mehr nur hinunter auf ein Display“

In der U-Bahn lese ich auch gerade "Aus dem Berliner Journal", einen Teil der Tagebücher von Max Frisch, die nun neu aufgelegt und gerade erst von Suhrkamp herausgebracht wurden. In diesen liest man unter anderem von seinem Umzug  nach Berlin und seinen Beobachtungen. Die Menschen, seine nahe Umgebung, sich selbst.  Ich mache Knicke in Seiten, auf denen ich Sätze finde, die ich mir merken, nicht vergessen will.

Das Zitat, an das ich mich aber nun jetzt zu erinnern glaube, finde ich nicht mehr. Frisch betont jedoch immer wieder sein Leben ohne Telefon, er und seine Frau sind gerade in die neue Wohnung in der Berliner Sarrazinstraße gezogen und Frisch schreibt etwas, das nach Erleichterung klingt. Dass das Festnetztelefon noch nicht da sei, zwinge ihn zu einer anderen Geschwindigkeit, die er genieße.

Ich fühle mich erinnert an die drei Tage neulich, an denen das Internet zu Hause nicht funktionierte und ich deswegen länger im Büro saß und erledigte, was zu erledigen war, daheim dann aber das Telefon stumm schaltete und einfach nur wohnte. Und als ich vom Buch aufsehe und auf die Hände meiner Mitreisenden schaue, die tippen, scrollen, schieben, zittern, frage ich mich, ob wir einander früher mehr angesehen haben in den öffentlichen Räumen.

Ich frage das nicht melancholisch, ich wundere mich eher, weil ich mich nicht erinnern kann, ob wir einander studierten oder statt ins Handy auf Waggontüren, Werbeplakate oder U-Bahn-Fahrpläne starrten. Hatten wir einen inneren Flugmodus für diese abgeschlossenen Zeiträume, die wir in den öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen mussten? Waren wir damals in der Lage, uns in uns selbst zurückzuziehen? Wussten wir damals auszuharren?

Ich denke an Max Frisch und stelle mir vor, dass er wie ich heute in der Bahn nicht schriebe, würde er noch leben, weil es ja immer so wackelt und eng ist, ich denke an Max Frisch und frage mich, ob er seine Sätze lieber inwendig rezitieren und erst zu Hause aufschreiben oder dann doch eine Notizfunktion im Mobiltelefon nutzen würde? Ich tippe diese Zeilen mit dem Zeigefinger, die Bahn hält am Moritzplatz. Meine Sitznachbarin schielt immer wieder auf mein Display und grinst, als sie diesen Satz liest. Dann schaut sie weg und nicht mehr zurück.

Ich übe, wieder anders wahrzunehmen. Ich nehme mir vor, die Bahnfahrten wieder mit Buch und einem Bleistift zu verbringen (für die Notizen). Ich werde an Bahnhöfen wieder hochschauen, nicht mehr nur hinunter auf ein Display, ich werde mitunter den Kopf mit Absicht in den Nacken legen und die Decken betrachten, die sich verirrenden Tauben, die herabhängenden Kabel, das fahle Licht. Weil ich's kann.

Elisabeth Rank lebt und arbeitet in Berlin als freie Autorin und Konzepterin für Digital und Print. Ihr erster Roman "Und im Zweifel für dich selbst" kam 2010 bei Suhrkamp heraus, der zweite namens "Bist du noch wach?" erschien 2013 im Berlin Verlag. Lisa schreibt für CURVED eine Kolumne über mobiles Leben: "Das Internet läuft nicht weg."


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