Facebooks Slingshot im Test: Reicht das gegen Snapchat?

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Slingshot im CURVED-Check: Facebook lässt Euch Selfies bekritzeln
Slingshot im CURVED-Check: Facebook lässt Euch Selfies bekritzeln(© 2014 CURVED)

Mit der Zwille gegen die Konkurrenz: Facebook hat Slingshot in den USA gelauncht. Wir haben die App getestet und verraten, ob's gegen Snapchat reicht.

Erst war es ein Gerücht, dann war es da, dann war es weg. Jetzt endlich ist es gekommen, um zu bleiben: Slingshot, zu Deutsch “Zwille”. So heißt Facebook neue Standalone-App, die zweite Anwendung aus dem Creative Lab des Social Networks nach Paper. Was will “Slingshot”? Einfach formuliert ist es Facebooks Snapchat-Alternative. Das darf zumindest deshalb schon einmal gelten, weil Mark Zuckerberg einst versucht hatte, die Messenger-App unter seine Fittiche zu bekommen. Mit dem Effekt, dass dessen CEO den Mail-Verlauf veröffentlichte - frecher kann eine Absage nicht sein. Selbst im ach so jugendlichen Silicon Valley.

Wenn Ihr Euch jetzt fragt, ob die “Slingshot” auch “Facebook kann”, also eine zweite Facebook-App ist: Mitnichten. Die kostenlose Software für iOS und Android ist eine Standalone-Anwendung. Gedacht, um Nutzer auf eine andere Art und Weise zu vernetzen, als es das Social Network tut. Und freilich auch, um gerade Jugendlichen eine Alternative zu Snapchat zu bieten. Denn zwar ist Facebook mit seinen 1,3 Milliarden Nutzern weltweit die absolute Großmacht im Social-Network-Krieg. Doch Snapchat holt gewaltig auf und liegt bei den Jugendlichen hoch in der Gunst - auch hierzulande.

Nun ist zumindest laut "How I Met Your Mother"'s Barney Stinson neu immer besser. Aber gilt das auch in diesem Fall? Macht Slingshot etwas besser als Snapchat? Auf den ersten Blick ähnelt die App dem Vorbild sehr. Ähnlich wie bei Snapchat könnt Ihr auch mit Slingshot Euren Freunden Bilder und bis zu 15 Sekunden lange Videos schicken. Anders als beim großen Vorbild werden diese allerdings nicht automatisch nach wenigen Sekunden gelöscht, sondern nur auf Eure Anweisung. Interessant ist auch, dass Ihr ein Euch zugeschicktes Bild oder Video nur dann aufrufen könnt, wenn Ihr dem Absender geantwortet habt. So will Facebook Euch offenbar dazu ermuntern – oder zwingen –, mehr Nachrichten mit Euren Freunden auszutauschen. Ziemlich geschickt, oder? Auf diese Weise bricht die Kommunikation nicht so schnell ab. Und das Social Network bekommt, was es benötigt: dass mehr Menschen mehr Zeit mit seinen Diensten verbringen.

Eine Snapchat-Alternative für Menschen mit Geschmack

Slingshot macht aber noch etwas anders: Die App sieht einfach viel, viel besser aus als das knatschig-bunte Snapchat. Als ich den Messenger, der Sexting erst populär machte (oder war es andersherum?) ausprobierte, überkam mich kurzfristig der Brechreiz. Das soll die Hype-App schlechthin sein? Ein pummeliges Gespenst als Logo und eine im LSD-Rausch designte Benutzeroberfläche? Da kann Slingshot mehr. Viel mehr. Tatsächlich bleibt Facebook mit dem neuen Messenger seinem neuen Paper-Look treu. Dahinter steckt Origami. Origami ist Facebooks Antwort auf das Problem und so etwas wie ein Photoshop für Interaktionsdesign. Mit der Software ist es Entwicklern möglich, aus einem Set von Vorlagen mit wenigen Anpassungen interaktive Designs zu erstellen. Natürlich ist das Toolkit nicht von Grund auf neu programmiert worden, sondern basiert auf Apples Quartz Composer, den Designer schon lange für Motion Graphics einsetzen. Das Problem: Die Software eignet sich nicht für interaktive Designs und ist laut Meinung vieler Designer auch recht kompliziert zu bedienen.

Ganz anders Origami: Nach eigenen Angaben brauchen Facebooks Entwickler nur eine halbe Stunde Einarbeitungszeit. Das vereinfacht ansonsten aufwändige Abstimmungsprozesse zwischen Designer und Entwicklern enorm. So verwundert es kaum, dass Facebooks Ingenieure so schnell hintereinander neue Apps an den Start bringen.

Schlichter geht's kaum

Auch ansonsten ist Slingshot ein schöner Gegenentwurf zu recht überladenen Haupt-App. Nach dem Start begrüßt Euch nur ein “Take a shot!” im oberen Bildschirmrand, unten könnt Ihr den Auslöser drücken und zwischen Selfie- und Rückkamera wechseln. Aber Vorsicht: Bilder versteht die App nur im Hochformat. Ansonsten ist das Motiv um 90 Grad verrückt. Ist das Foto einmal im Kasten, könnt Ihr es noch mit einer Textzeile und per Wischgeste vollkritzeln. Das beherrscht auch Snapchat.

Falls Ihr Euch jetzt fragt, wo der Video-Button ist: Um einen Clip zu drehen, müsst Ihr den “Shoot”-Button einfach länger gedrückt halten. Im oberen Bildschirmrand gibt eine Leiste dann grafisch einen Überblick über die verbleibende Aufnahmedauer. Hier haben Facebooks Entwickler gefühlt ein wenig zu stark “verschlichtert”. Auf die Video-Funktion werden so viele Nutzer erst durch Zufall stoßen - auch wenn die App den Modus zu Beginn in kurzen Ratgeber-Clips erklärt.

Es braucht den schnellen Launch außerhalb der USA

In Deutschland ist Slingshot momentan nur nutzbar, wenn Ihr auch über einen US-Account für iTunes verfügt. Ansonsten müsst Ihr Euch noch gedulden. Einen Deutschlandstart gab das Social Network bislang noch nicht bekannt. Gut möglich, dass man sich erst auf den Heimatmarkt und damit einen Großteil der Snapchat-Nutzer konzentriert: die US-Jugend. Schließlich ist auch Paper bislang noch nicht in Deutschland verfügbar. Und das, obwohl die App bereits ein Update bekommen hat.

Bleibt die Frage: Reicht Slinghot? Genügt diese App, um sich Snapchat vom Leib zu halten? Getreu dem Motto “Gib den Menschen, was sie wollen” macht Facebook in diesem Fall alles richtig. Die Menschen wollen offenbar einen Messenger, mit dem sie schnell Bilder verschicken können. So einfach ist das. Damit das Social Network aber von seiner Beliebtheit und enormen Verbreitung auch in diesem Fall profitieren und sich eventuell sogar einen Vorteil verschaffen kann, braucht es einen schnellen Launch außerhalb der USA. Hier ist Snapchat noch ein Messenger neben vielen.

Hat Slingshot ansonsten eine Aussicht auf Erfolg? Hier kann die Antwort eigentlich nur lauten: Wenn nicht jetzt, wann dann? Es ist das Jahr der Selfies, genauer: der Sommer der Selfies. Jetzt müssen wir Deutschen nur noch lernen, dass man auch abseits von WhatsApp und Co. über Smartphones mit anderen Menschen kommunizieren kann. Mit Bildern.


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