Ghosting, Benching & Co.: Traurige Dating-Phänomene im digitalen Zeitalter

Ghosting, Benching, Breadcrumbing und was es noch für kranke "Dating-Trends" gibt...
Ghosting, Benching, Breadcrumbing und was es noch für kranke "Dating-Trends" gibt...(© 2019 Getty Images/Cultura RF)

Mit den Flirt-Apps ergibt sich nicht nur die Möglichkeit, unkompliziert Leute kennenzulernen, sondern auch die Chance, diese unkompliziert sitzenzulassen. Traurige Dating-Phänomene wie Ghosting, Benching und Breadcrumbing machen die Runde. Gefühlt kommen wöchentlich neue "Dating-Trends" dazu.

Niemand will alleine sein – trotzdem haben zu viele eine irrationale Panik davor, sich zu binden, angreifbar zu machen und schließlich verletzt zu werden. Die Angst vor einem Gesichtsverlust geht so weit, dass man sich Konflikten gern entzieht oder sie auf die digitale Ebene beschränkt: Herzen werden heute nicht mehr lautstark und tränenreich zwischen Zuckerwatte und Fahrgeschäften, Discokugeln oder Boxspringbetten gebrochen, sondern auf Instagram, Facebook und WhatsApp. Die feigen Dating-Phänomene sind der Welt des Online-Datings entsprungen und häufen sich so sehr, dass die Netzgemeinde ihnen kuriose Namen gegeben hat. Die schauen wir uns mal genauer an. Übrigens soll an dieser Stelle betont werden, dass sowohl Männer als auch Frauen respektlos daten oder sich (nicht) trennen: Laut einer Umfrage von "Elitepartner" hat jede fünfte Frau schonmal geghostet und nur jeder vierte Mann...

Die Klassiker: Ghosting, Benching und Breadcrumbing

Klar, gab es auch früher ohne das Internet schon Arschlöcher. Leute, die sich aus einer Affäre oder Beziehung stehlen, ohne richtig Schluss zu machen, dabei war gefühlt alles wunderbar bis rosarot und plötzlich taucht der andere komplett unter: "Ghosting". Oder man schiebt das klärende Gespräch immer wieder auf die lange Bank – heute heißt das "Benching". Wer sich nicht bereit für eine neue Beziehung fühlt, aber auch nicht allein sein kann, holt sich beim "Binge Dating" gern mal Bestätigung und macht Kennenlernen zu einer Art Hochleistungssport. Damit das nicht auffliegt oder man Dates etwas warmhalten kann, wirft man ihnen immer wieder kleine Brotkrumen hin – "Breadcrumbing": "Ich bin gerade total beschäftigt im Job, aber nächsten Monat müssen wir uns auf jeeeeeeden Fall wiedersehen!" Oder: "Ich finde dich total toll, fühle mich gerade aber nicht bereit für eine Beziehung und brauche noch etwas Zeit." Oft kommen solche Brotkrumen nachts am Wochenende.

Feigheiten aus der Friendzone

Am Ende bleibt aber selbst beim Binge Dater nur noch innere Leere übrig. Dann muss eben der beste Freund oder die beste Freundin herhalten. Damit man sich trotz seiner emotionalen Verkorkstheit noch die Vorzüge einer Beziehung zugänglich macht, etwa Vertrautheit, Geborgenheit, Nähe und Sex – aber ohne Verpflichtungen und Verantwortung, suchen immer mehr Leute eine "Freundschaft Plus". In Hollywood-Filmen verlieben sich die Freunde am Ende, überwinden ihre Beziehungsneurosen und machen viele schöne Kinder. Wir haben bis heute allerdings noch nie davon gehört, dass dieses Konzept aufgeht: Die Freundschaft wird aller Wahrscheinlichkeit nach daran zugrunde gehen. Und wer sich nicht sicher ist, ob er nun auf der Kumpelschiene fährt oder euer Gegenüber mit euch flirtet: Auch das ist leider eine Masche mit Kalkül, denn ihr sein einem "Turner" verfallen, der sich bei kalten Füßen schnell wieder hinter der Freundschaft verstecken kann. Sprecht das Thema lieber direkt an, dann ist es aus der Welt – auch wenn es weh tut.

Wer sich dann doch auf eine Beziehung einlassen konnte, weiß sich vielleicht weich zu betten, wenn es dann doch mal kriselt. Streit kommt in den besten Familien vor, doch die Generation X, Y, Z mag nicht auf dem harten Boden der Tatsachen landen und sorgt vor – "Cushioning" bedeutet übersetzt Kissen und meint hier, dass man vorsorglich schonmal woanders baggert und flirtet, vorzugsweise auf der Arbeit oder im Freundeskreis – noch bevor die alte Liaison beendet ist. Das kann sich auch nur auf soziale Medien beschränken, als "Micro Cheating". Und wenn es nur dazu dient, endlich mal wieder etwas Spaß zu haben – zuhause herrscht ja in letzter Zeit eher schlechte Stimmung und der geht man ja am liebsten aus dem Weg...

Digitale Eroberungsstrategien: Gatsbying und Draking

Auf ihren Eroberungszügen scheuen Männer, aber vor allem Frauen oft vor nichts zurück: Das perfekte Selfie soll den neuen Schwarm – gibt es dieses altertümliche, weil nicht denglishe Wort überhaupt noch? – via Instagram oder WhatsApp-Status so richtig heiß machen, damit er endlich anbeißt. "Gatsbying" heißt der Trend, wenn man diesen Moment von oben bis unten inszeniert – wie die perfekte Glamour-Party im Hause Gatsby. Eine Freundin hält die Windmaschine für den perfekten Haarschwung, die andere die Brüste hoch und die dritte lässt von oben Glitzer regnen, während die vierte von hinten die Hautfalten an den Hinterkopf tackert. Oder so ähnlich.

Um bei der promihaften Selbstinszenierung zu bleiben, die Optik aber nicht reicht oder aber zu aufwendig erscheint, dann kann man sich immer noch in unoriginellen Kalendersprüchen baden und als sensiblen, geistreichsten Poeten feiern...

"Draking" schimpft sich die Bewältigungsstrategie, wenn man wie ein Pseudo-Rapper, Drake, über soziale Medien seinen neuen Beziehungsstatus verarbeitet. Leider immer peinlich.

Moderne Verarbeitungsstrategien: Hyping und Love Bombing

Wo wir schon bei Trennungen sind: Solltet ihr gestalkt werden vom Expartner, dann handelt es sich zu neudeutsch um "Orbiting". Der oder die Verflossene umkreist euch wie ein Satellit auf seiner Umlaufbahn. Sprich, jemand macht Schluss, aber so ganz egal seid ihr ihm oder ihr nicht, immerhin schaut er sich alles an, was ihr postet, likt und kommentiert es gar. Macht euch lieber keine Hoffnungen, sondern bittet den Expartner  freundlich um etwas Abstand oder blockiert ihn vorübergehend.

Noch undurchsichtiger und perfider ist allerdings das sogenannte  "Hyping". Früher oder später verliert man bestimmt mal sein Herz an jemanden, der noch relativ frisch getrennt ist. Die Horrorgeschichten über den Expartner muss man sich zwar immer wieder lang und breit anhören, aber ansonsten ist alles toll und euer neuer Partner stürzt sich bereitwillig direkt mit euch in die nächste Beziehung – schließlich könnt ihr ihm beweisen, dass es sie noch gibt, die wahre Liebe. Nur um dann zu realisieren, dass er oder sie mit der alten noch gar nicht abgeschlossen hat. Na Hauptsache, ihr habt euer leicht narzistisch geprägtes Herzblatt so lange aufgepäppelt, bis er sich wieder selbst feiert und seinen wiedergewonnene flirty Charme woanders versprüht.

Nah am Narzissmus grenzt übrigens auch das "Love Bombing": Am Anfang legt sich jemand noch richtig ins Zeug und stellt euch auf ein Podest, nur um dann, wie aus dem Nichts, die Liebesbombe platzen zu lassen, eventuell auszuflippen und mit einer Trennung zu drohen. Doch das Verblüffende: Am nächsten Tag soll plötzlich wieder alles perfekt sein. Dieses Lieben am Abgrund wiederholt sich dann beliebig oft – wenn ihr nicht die Beine in die Hand nehmt und denjenigen so schnell ghostet wie möglich.

Sag's doch lieber mal wieder mit Blumen oder Taten – als mit Emojis.(© 2019 Getty Images/iStockphoto)

Beim Zombieing fängt der ganze Wahnsinn einfach wieder von vorne an

Apropos "Ghosting", wobei wir wieder am Anfang wären: Lasst euch, wenn sich ein verschollener Crush, der euch seinerzeit fallen ließ wie eine heiße Kartoffel, nach Ewigkeiten wieder via Facebook und Co. bei euch meldet, auf keinen Fall aus der Reserve locken. Das nennt man "Zombieing" oder "Subarining": also untertauchen und sich ewig später wieder scheinbar harmlos melden mit "hey wie gehts dir". Wer nichtmal Großbuchstaben und Satzzeichen für euch übrig hat, der hat erst Recht keine Reaktion verdient. Ohnehin startet der ganze Dating-Phänomen-Wahnsinn damit nur von vorne.

Fazit: Ähm, einfach mal miteinander reden?!?

Old but gold: Wer wirklich liebt, der findet: zu sich selbst – von wegen falsches Timing und Blabla – und auch den Weg zu euch. Selbst wenn ihr halbherzige Avancen über die sozialen Medien erstmal ignoriert. Wenn es um Gefühle geht, dann ist die direkte oder gar nonverbale Kommunikation immer noch der romantischere Weg. Und selbst wenn eine Liebe endet, ist das traurig aber das Leben nicht vorbei. Deswegen kann man sich auch ruhig mal darauf einlassen: Am Ende kann man nur gewinnen, und wenn es schöne Momente und Erfahrungen sind statt Eigenheim, Kinder und Co. Aber jedes Ende verdient einen respektvollen Ausgang. Wer meint, es sei leichter, Konflikten aus dem Weg zu gehen, der irrt – meistens ist Weglaufen keine Lösung, denn die Probleme verfolgen einen, im schlimmsten Fall als unverarbeitetes Trauma in der nächsten Beziehung. Und den anderen verletzt man ohne Aussprache noch viel mehr. Denkt an euer Karma, Leute. Liebe für alle!


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