Telegram, der zweifelhafte Profiteur der WhatsApp-Panik

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Telegram Messenger, CURVED Montage
Telegram Messenger, CURVED Montage(© 2014 Telegram Messenger, CURVED Montage)

Wir haben uns den größten WhatsApp-Konkurrenten Telegram einmal ganz genau angeschaut. Was wir finden, bereitet uns Sorgen. Das soll Sicherheit sein?

Ob Mark Zuckerberg das geahnt hat? Da blättert der 29-Jährige locker 19 Milliarden Dollar für WhatsApp hin - und eine Massenpanik bricht los: Was passiert mit unseren Daten? Ich lass mich nicht verkaufen! Ich bin weg!!!

Auch wenn WhatsApp weiterhin jeden Tag eine Million Nutzer weltweit dazugewinnt: Der Mega-Deal hat viele Smartphone-Besitzer megamäßig aufgeschreckt. Die Konsequenz: Die Menschen suchen nach Alternativen. Allerdings weitaus weniger überlegt, als man eventuell gedacht hätte. Threema will mit End-to-End-Verschlüsselung punkten, hüllt sich aber zu den Sicherheitsmechanismen in Schweigen. “Security through obscurity” nennt man das - vetrauenswürdig ist das nicht.

Zwei Millionen Nutzer kommen pro Tag hinzu

Doch weitaus besser bei den Nutzern kommt in diesen Tagen das kostenlose Telegram an. Alleine am Samstag konnte der Dienst rund zwei Millionen Nutzer hinzugewinnen - an einem Tag! Für die Server war das zu viel - wie auch WhatsApp, hatte Telegram am Samstag mit Serverausfällen zu kämpfen.

Auf den ersten Blick unterscheidet Telegram nur wenig von anderen Messengern. Das Menü ist unterteilt in laufende Chats, Kontakte und Einstellungen. Wie WhatsApp bietet auch Telegram Gruppenchats, Einzelchats und den Versand von Nachrichten, Bildern, Videos oder dem eigenen Standort an.

Was die App besonders machen soll, sind die “Secret Chats”. Die Bedingung für einen geheimen Chat ist, dass die Teilnehmer zur selben Zeit online sein müssen - was sich in den seltensten Fällen realisieren lässt. Sind diese dann gleichzeitig online, erlaubt Telegram eine sogenannte End-to-End-Verschlüsselung, bei der die Nachricht beim Sender verschlüsselt und erst beim Empfänger entschlüsselt wird. Über die Firmenserver des Betreibers soll sich der Datenverkehr nicht auslesen lassen - das behauptet der Betreiber zumindest.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Gründer

Praktisch: Ihr könnt Eure Nachrichten mit einem Timer versehen. In bester James-Bond-Manier verschwinden die Texte oder Bilder nach wenigen Sekunden auf dem Bildschirm des Empfängers. Schade: Das ist nicht die Standardeinstellung. Um einen “Secret Chat” zu starten, müsst Ihr einen Kontakt erst auswählen, auf den “Info”-Button im Chatfenster klicken, um dann auf “Secret Chat” umzustellen.

Was uns skeptisch gegenüber Telegram werden lässt, sind die Absichten des Betreibers. Hinter dem Messenger steht Pawel Durow, ein russischer 29-jähriger Milliardär, der zwölf Prozent am russischen Riesen-Netzwerk VKontakte hält. Er hat Telegram 2013 gegründet. Um es mal auf den Punkt zu bringen: Wenn Ihr WhatsApp wegen des Verkaufs an Facebook meidet, dann zieht Ihr mit dem Umzug auf Telegram Eure Daten von einem 29-jährigen Kalifornier ab und gebt sie einem 29-jährigen Russen. Vom Regen in die Traufe, nennt man das wohl.

Was Ihr vielleicht noch wissen solltet: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Durow. Ach, und er bekennt sich zum Anarchokapitalismus, der sich gegen staatliche Kontrollen richtet. Ob damit auch Datenschutzgesetze gemeint sind, müsst Ihr für Euch selbst beantworten. Dass Telegram kostenlos und werbefrei ist, klingt zwar toll, aber lässt auch die Frage aufkommen: Wie verdient ein Dienst mit solch hohem Serveraufkommen Geld - wenn nicht durch den Verkauf von Daten?

"Secret" ist längst nicht alles bei Telegram

Wer übrigens denkt, dass sämtliche Kommunikation unter Telegram verschlüsselt abläuft, liegt falsch. Wer einen normalen Gruppenchat startet, kommuniziert genauso unverschlüsselt, wie unter WhatsApp. In der Privacy-Erklärung heißt es zudem, dass die App danach fragt, ob sie auf Eure Kontakte zugreifen kann. Im Test bei uns war das nicht der Fall. Das bedeutet für uns: Telegram greift genauso ungefragt auf Daten aus Eurem Telefonbuch zu und schaufelt sie auf die Firmenserver.

Zudem liefert Telegram auf die Frage nach der Löschung eines Nutzerprofils nur vage Antworten. Dafür müsst Ihr über einen Browser eine spezielle Seite aufrufen. Zur Löschung von Nachrichten sagt Telegram ganz klar: Eine weitere Version bleibt auf dem Server bestehen, damit die andere Person oder die Gruppe weiterhin die Nachricht lesen kann. Gelöscht ist also nicht gleich gelöscht.

Zu Späßchen scheinen die Russen auch aufgelegt zu sein, wenn sie schreiben:

Everything you delete is deleted forever. Except for cats.

Ein Pluspunkt von Telegram ist die offene Programmierschnittstelle, die die Nutzung von Desktop-Versionen erlaubt. Im Gegensatz zu WhatsApp müsst Ihr also nicht nur auf dem Smartphone tippen, sondern könnt auch Euren Computer benutzen. Auch hier gilt: Die Betreiber dieser Anwendungen müssen nicht immer die besten Absichten haben. Passt auf Eure Daten auf!

Aber kommen wir noch einmal zurück zur Verschlüsselung. Schließlich ist die ja der Grund, warum sich massenhaft neue Nutzer bei dem Dienst anmelden. Um es kurz zu machen: Kryptographie-Experten haben Bedenken an dem Sicherheitskonzept “Marke Eigenbau”. Nun ist erst einmal nichts auszusetzen an einem eigenen Verschlüsselungsmodell. Nach Ansicht des renommierten Kryptographen Moxie Marlinspike mischt sich unter die Verschlüsselung aber auch jede Menge veraltete Technologie.

Zugute halten kann man Telegram, dass die "Secure Chats" bislang noch nicht geknackt wurden. Durow bietet sogar 200.000 Dollar für denjeningen, dem der Hack gelingt.

Fazit

Nee, Telegram. So einfach wechsle ich dann doch nicht rüber! Ein russischer Digital-Oligarch, der den Dienst scheinbar nur aus Gutmenschentum betreibt, ein Sicherheitskonzept, das Experten für löchrig halten - und längst nicht jede Kommunikation ist tatsächlich End-to-end-verschlüsselt. Da warte ich lieber noch zwei Wochen. Angesichts der großen Bedenken vieler Nutzer ist es nur eine Frage der Zeit, bis WhatsApp ebenfalls verschlüsselten Datenverkehr anbietet. Facebook dürfte gemerkt haben, dass eine große Community nicht alles ist. Denn viele Menschen sind durchaus bereit, den Anbieter zu wechseln, wenn ihre Freunde es denn auch tun. So hat die Hysterie doch auch etwas Gutes.


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