Paper im CURVED-Check: Flipboard, Du kannst einpacken!

Vergesst alles, was Ihr über Facebook wisst. "Paper" hat das Zeug, das Social Network in eine neue Ära zu führen. Wir haben's uns genau angeschaut.

Ein Gatsby ist Mark Zuckerberg wahrlich nicht. Auch wenn das Whiz Kid des Social Web jeden Tag rauschende Feste feiern könnte, hält der Facebook-Gründer wenig von Feierlichkeiten. Dabei hat der IT-Milliardär gleich drei Gründe zu feiern: Seine Ehe mit Priscilla Chan jährt sich zum ersten Mal, er selbst wird in diesem Jahr 30, und sein Unternehmen Facebook wird nun zehn Jahre alt.

"Paper" ist nur der Anfang

Man versicherte uns: Nein, bei Facebook wird das nicht gefeiert. Im Gegenteil: In preußischer Tugend wird weitergearbeitet, als sei das weltgrößte Social Network mit seinen 1,23 Milliarden Nutzern eine Selbstverständlichkeit. Stattdessen feuert das Unternehmen ein Feuerwerk der besonderen Sorte ab. Doch statt Böllern und Raketen will Zuckerberg eine App nach der anderen zünden.

Für 2014 hat Zuckerberg eine ganze Reihe mobiler Anwendungen geplant. Die erste ihrer Art: “Paper”. Ist Facebook die personalisierte Zeitung des Internets, dann ist "Paper" die Magazin-Beilage. Legt die Zeitung wert auf eine bunte Mischung, viel Kleinteiliges und Schnelligkeit, lädt das Magazin zum Schmökern ein. Genau das ist das Ziel von “Paper”, das seit Anfang der Woche kostenlos im App Store erhältlich ist - vorerst nur für das iPhone und nur in den USA. Wir bei CURVED haben die App trotzdem schon installiert und verraten Euch, was Facebook damit vorhat, worauf Ihr bei der Bedienung achten müsst, welche Technik dahinter steckt und was das für die Zukunft des Social Networks bedeutet.

Was will Facebook mit Paper?

Die Idee hinter “Paper” ist recht einfach erklärt: Stellt Euch eigenes Magazin für die Hosentasche zusammen. Während die Rubriken in der gedruckten Form von einer Redaktion vorgegeben sind, dürft Ihr bei der Lese-App selbst entscheiden, was Euch interessiert und aus Kategorien wie Fotografie, Sport, Wissenschaft und Lifestyle-Themen wie Design und Essen wählen. Als Quellen dienen vorerst noch die Publikationen großer Verlage, wie etwa die New York Times und Washington Post, aber auch kleinere Webseiten und Blogs. Was es zu sehen gibt, entscheidet vorab noch eine Redaktion, die die Inhalte zusammenstellt. Die soll beizeiten aber von Algorithmen abgelöst werden, die die Stories auswählen, die das meiste Interesse auf Facebook erfahren.

Hilfe, hier sieht alles anders aus!

Während ich Zeitungen lese, um schnell einen Überblick über das Geschehen zu bekommen, rührt der Reiz eines Magazins von seiner schönen Aufmachung her, die mich meist mehrfach zu Blättern wie dem Zeit-Magazin oder dem SZ-Magazin greifen lässt. Für “Paper” hat sich Facebook auch eine besondere Aufmachung ausgedacht. Dafür verantwortlich zeichnet Mike Matas, der sich bereits mit Designs für das erste iPhone, das Thermostat Nest und Al Gores preisgekröntes interaktives E-Book “Our Choice” einen Namen machte.

Facebook erwarb Matas’ Firma Push Pop Press im Jahr 2011. Seitdem sollte sich der erst 27-Jährige darum kümmern, dass Facebook interaktiver wird. Doch im Rahmen eines Hackathons, die Facebook regelmäßig veranstaltet, konnten Entwicklerteams innerhalb kürzester Zeit neue Programme oder Features programmieren und anschließend präsentieren. Die Idee zu “Paper”, das unter dem Projektnamen “Cashmere” lief, überzeugte Zuckerberg so sehr, dass daraus eine eigene App entstand. Damit soll aber nicht Schluss sein. Im Rahmen einer konzernweiten Initiative namens Facebook Creative Labs fördert das Unternehmen verstärkt die Kreativität seiner Mitarbeiter, die auf diese Weise ohne große Verzögerunge neue Features oder Produkte entwickeln können. Getreu dem Facebook-Motto: “Move fast”.

So kommt Ihr aus Deutschland an “Paper”

Greift Ihr aus Deutschland auf Apples App Store zu, gibt es erst einmal keine direkte Möglichkeit, auf den US-Store zu wechseln. Dafür müsst Ihr ein neues Benutzerkonto bzw. eine neue Apple-ID anlegen. Dazu ruft Ihr auf dem Rechner die iTunes-App auf und scrollt im Store ganz nach unten. Dort zeigt die Anwendung eine Deutschland-Flagge an, die signalisiert, dass Ihr Euch in der deutschen Version von iTunes befindet. Klickt einfach auf das Symbol und wählt als Land "USA" aus. Anschließend loggt Ihr Euch aus und klickt im Store auf den Register "Apps". Sucht Euch eine beliebige kostenlose Anwendung aus und startet den Download-Prozess. Jetzt fragt Euch die Software nach der Eingabe Eurer Apple-ID und dem Passwort. Registriert einen neuen iTunes-Account. Wichtig: Die Adresse muss sich innerhalb der USA befinden. Beim Ausfüllen der benötigten Daten kann Euch folgende Seite helfen. Die Mail-Adresse darf noch nicht mit einem Apple-Account verknüpft sein. Anschließend bekommt Ihr eine Bestätigungsmail, bei der Ihr mit einem Klick auf den Bestätigungslink Eure neue Apple-ID verifiziert. Wenn Ihr Euch mit dieser ID auf dem iPhone einloggt, wechselt iOS automatisch zum US-App-Store. Jetzt könnt Ihr "Paper" kostenlos herunterladen.

Der Start-Bildschirm ist der News Feed 2.0

In der Standard-Ansicht läuft mein News Feed bei “Paper” ein. Die oberen Hälfte des Bildschirms wird dabei dominiert von Bildern von meinen Freunden und den Seiten, denen ich auf Facebook folge. Diese kann ich per Tippen vergrößern, liken, kommentieren und mit meinen Freunden teilen.

Die unteren Hälfte zeigt eine Anordnung von Karten. Jede Karte ist ein Eintrag aus meinem News Feed. Etwa ein Beitrag eines Kollegen, ein lustiges Bild von einer Facebook-Seite oder ein Link, der in einer der Gruppen geteilt wurde, in denen ich Mitglied bin. Auf diese Karten kann ich entweder tippen, um sie zu vergrößern. Oder aber, und das ist der optisch gelungenere Effekt, ich ziehe sie auf die volle Bildschirmgröße. Auch hier gilt dann wieder der Facebook-Dreiklang aus Liken, Kommentieren und Teilen.

Große Bilder: "Paper" überzeugt mit schönem Layout

Während die quadratischen Bilder in der oberen Bildschirmhälfte alle fünf Sekunden durchwechseln, navigiert Ihr durch die Beiträge in Kartenansicht per Wischgeste. Je aktueller der Beitrag, desto weiter links ist er eingeordnet. Um ältere Beiträge aufzurufen, müsst Ihr also mit dem Finger nach links wischen und die Karten aus dem rechten Bildschirmrand hervorholen.

Oben links prangt ein “Facebook-Schriftzug” in simplen Lettern. Man wird das Gefühl nicht los, als wolle das Social Network damit eine typische Magazin-Coverseite imitieren. Oben rechts sind drei Buttons angelegt, die neue Freundschaftsanfragen und mögliche Bekannte im Netzwerk anzeigen, das Verfassen von Nachrichten an Freunde ermöglichen und alle Benachrichtigungen aus dem News Feed wiedergeben.

Anders formuliert: Die Startseite in Paper ist so etwas wie der News Feed 2.0. Statt vertikaler Navigation und programmierter Reizüberflutung bei durchschnittlich 342 Freunden, mehr als 40 gelikten Seiten und rund 1500 Inhalten, die Euch nach dem Login auf Facebook entgegenschlagen, ist die neue App eine entschleunigte Variante, die sich auf optische Highlights konzentriert und dem Rest in horizontaler Anordnung mehr Struktur verpasst.

Tipp: Im Test aktualisierte sich die Startseite nicht so häufig wie in der normalen Facebook-App. Ist das der Fall, solltet Ihr die App über den Doppelklick auf den Home-Button und einer Wischgeste nach oben komplett schließen und mit einem erneuten Klick auf das Icon auf dem Homescreen neustarten.

Die Ressorts punkten mit Vielfalt

Das reicht natürlich nicht, um Paper ein digitales Magazin zu nennen. Dafür bringt die Anwendung eine Reihe von Rubriken mit, die Ihr nach Euren Wünschen in Euer “Paper” einfließen lassen könnt. Das Menü erreicht Ihr mit einer einfachen Wischgeste von oben nach unten. Dahinter verbergen sich einige Einstellungsmöglichkeiten. Wählt einfach “Edit Sections” aus, und Ihr gelangt in ein schön designtes Untermenü.

In der oberen Bildschirmhälfte findet Ihr den Status quo, in der unteren Hälfte alle verfügbaren Themenwelten, die da wären:

Headlines: Breaking News und Hintergrundberichte aus aller Welt
Enterprise: Nachrichten und Informationen über Unternehmen, Märkte und Investment
Pop Life: Gossip, Promi-News und das Neueste aus Funk und Fernsehen
Score: Hier dreht sich alles um Sport
Creators: Visuelle Highlights und Inspirationen von Designern und Künstler aus aller Welt
Flavor: Rezepte, Food-Berichterstattung und Gourmet-Reisen
Exposure: Fotoaufnahmen und Fotojournalismus füllen dieses Ressort mit Inhalten
Ideas: Diese Rubrik befasst sich täglich mit einer herausragenden Idee, einem Ereignis oder einer Person.
Equalize: Gleichberechtigung ist auch in “Paper” ein Thema
Planet: Nachhaltigkeit, Umweltthemen und Naturwissenschaften
All City: Alles zum urbanen Lifestyle - von Sport über Music bis hin zur Mode
Well Lived: Welche Orte auf der Welt sind gerade “in”? Womit befassen sich gerade Mode und Kultur? Auf diese Fragen will die Rubriken Antworten liefern.
Family Matters: Erziehungsthemen und Tipps für Eltern
Cute: Katzenbabies, Katzenbabies, Katzenbabies
LOL: Ihr wisst schon…
Glow: Frauen, die gut aussehen wollen, bekommen hier Make-up-Ratschläge
Home: Inspiration für die eigenen vier Wände
Pride: Worüber wird gerade in der Schwulen-Community diskutiert? In dieser Rubrik erfahrt Ihr es.

Tipp: Gefällt Euch ein Ressort, schnippt Ihr es mit einer Wischgeste einfach an seinen Platz. Die anderen, bereits ausgewählten Ressorts, lassen sich wie Karten auf einem Tisch nach Wunsch anordnen. Zufrieden? Dann klickt auf “Done” rechts oben im Bild.

Beiträge verfassen: Achtung, Privatsphäre!

“Paper” wäre keine Facebook-App, wenn der Nutzer nicht auch aktiv Inhalte einstellen könnten. Allerdings steht der Konsum von Inhalten bei der Lese-App im Vordergrund. Wenn Ihr einen Beitrag verfassen wollt, dann müsst Ihr dafür erst einmal wieder den Start-Bildschirm nach unten wegwischen. Unter Eurem Profil findet sich der Menüpunkt “Create Post”. Mit einem Klick landet Ihr in einem Dialogfenster, in das Ihr einen Text eintragen, Bilder hochladen und Personen und Orte markieren könnt.

Erinnert an den iA Writer: Hier tragt Ihr Statusmeldungen ein

Aufgepasst: Wie in all seinen Apps wählt Facebook auch bei “Paper” die Standardeinstellung “Öffentlich” für die Zielgruppe. Mit einem Klick auf “Public” unter dem Textfeld könnt Ihr auswählen, ob Ihr Eure “Paper”-Postings mit der ganzen Welt oder nur bestimmten Freunden teilen wollt. Diese Einstellung wirkt sich übrigens auch alle Geräte aus, mit denen Ihr auf das Social Network zugreift.

 Habt Ihr einen Beitrag verfasst, findet sich dieser nicht nur als Karte auf dem Startbildschirm wieder, sondern ist für Eure Freunde und Kontakte auf Facebook auch in deren News Feeds zu sehen.

Tipp: Ist der Text erst einmal geschrieben, aber er gefällt nicht, kommt Ihr nicht ohne Weiteres zurück zur Standardansicht. Zieht dazu per Wischgeste den Bildschirm nach unten, bis die Anzeige “Delete Draft” erscheint. Klickt auf den Papierkorb oder zieht den Bildschirm zweimal nach unten, um den Entwurf zu löschen und auf die Startseite zu wechseln.

Die Einstellungen sind noch zu spartanisch

Nicht nur die App selbst ist recht reduziert designt und puristisch in seinem Umfang - auch die Einstellungen sind es. So könnt Ihr mit einem Klick auf “Settings” auswählen, ob künftige Push-Benachrichtigungen aus Facebook mit “Paper” oder der normalen Facebook-App geöffnet werden soll. Zudem könnt Ihr entscheiden, ob Ihr zur nächsten Story per Wischgeste oder per Klick gelangt. Das Autopan-Feature lässt Bilder im Querformat auf dem Hochkant-Screen automatisch hin- und herschwenken. Die Autoplay-Funktion für Videos ist standardmäßig aktiviert. Praktisch ist das “Read Later”-Feature. Seht Ihr in “Paper” eine spannende Geschichte, habt aber gerade keine Zeit, könnt Ihr Euch die Lektüre für später aufheben. Zur Auswahl stehen die Dienste Pocket, Instapaper, Pinboard und die Safari-Leseliste.

Zu wenig: Das Einstellungsmenü ist recht spartantisch

Doch für eine Social-Media-App bietet "Paper" noch zu wenig Möglichkeiten, die eigenen Privatsphäre-Einstellungen anzupassen. Wer kann welche Beiträge von mir lesen? Dürfen auch Freunde von Freunden mitlesen? Und mit wem teile ich Inhalte aus "Paper"? Wenn ich Antworten auf diese Fragen brauche und die entsprechenden Einstellungen vornehmen will, muss ich mich noch über einen Browser einloggen.

Die Suche kann mehr

Die normale Facebook-App ist voll von Links: unter anderem auf Werbeseiten, Personen, Orte, Webseiten, Facebook-Seiten und Gruppen. Diese könnt Ihr nicht ohne Weiteres über “Paper” aufrufen. Doch über die Suchfunktion lässt sich dieser Malus umgehen. Auch dieses Feature versteckt sich im App-Menü. Ein Klick auf “Search” und die Eingabe eines Seiten- oder Gruppennamens führt zum Ziel. Auch hier werden die Ergebnisse im “Paper”-Look aufbereitet.

Die Inhalte: Blattmachen muss Facebook noch üben

Als Wahl-Hamburger erinnert die Themenauswahl zum Start ein wenig an den Abendblatt-Slogan: Nachrichten aus Hamburg, Deutschland und der Welt. Wobei man momentan noch das “Deutschland” aus der Rechnung streichen kann. Es ist die Mischung aus Nachrichten, ausgewählten Reportagen und Beiträgen aus dem eigenen Freundeskreis, die für mich den Reiz an Paper ausmachen. Eine Wundertüte, die weder ins Lager der Social-Media-Apps passt, noch ein rein digitales Magazin ist. Beeindruckt hat mich der Mut des Facebook-Teams, nicht an der typischen Ressortaufteilung aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport etc. festzuhalten. Rubriken, die sich um Themen wie Gleichberechtigung und Homosexualität drehen, geben dem Facebook-Magazin ein Alleinstellungsmerkmal.

"Sections" bei "Paper": Viel Auswahl, aber noch zu wenig Inhalte

Doch so schön die Idee dahinter ist, so sehr muss Facebook auch noch an der Umsetzung arbeiten. Im direkten Vergleich zu Flipboard wird man als Leser das Gefühl nicht los, dass der Konkurrent seine Inhalte besser kuratiert. In der Startphase entscheidet ein Team von Facebook-Mitarbeitern noch auf Basis von Likes, Kommentaren und Shares, ob eine Story bei “Paper” einläuft oder nicht. Nach einer Testphase hofft Facebook, genug Daten gesammelt zu haben, damit die Algorithmen jedem die passenden Themen vorschlagen. Allerdings bedeuten viele Likes nicht unbedingt, dass eine Geschichte auch das Beste ist, was es zu diesem Thema zu lesen gibt. Aber vielleicht ist das auch genau der richtige Ansatz, um sich von Lese-Apps wie Flipboard und Zite abzugrenzen. Kuratiert dort ein Team die wichtigsten Inhalte, entscheidet auf Facebook die Mehrheit, was die Mehrzeit interessiert.

Interessant sind die Artikel in den einzelnen Ressorts allemal. Im Bereich Tech erfahre ich alles zum neuen Microsoft-CEO, im Bereich Headlines schlagen mir Bilder von Unruhen in Zentralafrika entgegen, und auch das Design-Ressort ist gespickt mit lesenswerten Artikeln. Doch zum Start konnte Facebook nur wenige Verlage und News-Portale verpflichten. Das führt dazu, dass etliche Seiten besonders häufig in “Paper” vertreten sind. Hier sind mehr Offenheit und viel, viel mehr potenzielle Quellen absolute Pflicht, damit sich die Facebook-App als Lese-Tool auch etablieren kann!

Die Technik dahinter: Origami revolutioniert interaktives Design

Dass “Paper” so völlig anders ausschaut als alle bisherigen Facebook-Apps hat einen guten Grund: Origami. Gemeint ist nicht die chinesische Papierfaltkunst, sondern ein völlig neues Toolkit, dass Facebooks Entwickler in rund neun Monaten fertiggestellt haben. Das Ziel dabei war es, schnell und anschaulich Interaktionen in Smartphone- und Tablet-Apps herzustellen und auszutesten. Bis dato nutzten Facebooks Designer dafür Photoshop. Das Problem: Die Ergebnisse waren statisch und ließen sich nur nebeneinander abbilden - der Rest erforderte Fantasie.

Origami ist Facebooks Antwort auf das Problem und so etwas wie ein Photoshop für Interaktionsdesign. Mit der Software ist es Entwicklern möglich, aus einem Set von Vorlagen mit wenigen Anpassungen interaktive Designs zu erstellen. Natürlich ist das Toolkit nicht von Grund auf neu programmiert worden, sondern basiert auf Apples Quartz Composer, den Designer schon lange für Motion Graphics einsetzen. Habt Ihr schon mal im Fernsehen auf die Animationen geachtet, mit denen ein neuer Beitrag angekündigt wird? Dafür nutzen TV-Sender meistens den Quartz Composer. Das Problem: Die Software eignet sich nicht für interaktive Designs und ist laut Meinung vieler Designer auch recht kompliziert zu bedienen.

Ganz anders Origami: Nach eigenen Angaben brauchen Facebooks Entwickler nur eine halbe Stunde Einarbeitungszeit. Das vereinfacht ansonsten aufwändige Abstimmungsprozesse zwischen Designer und Entwicklern enorm. So stammt fast jede Animation, die Ihr in “Paper” seht, auch aus Origami. Und die haben es durchaus in sich. Klappt man etwa einen Link in der App auf, rendert die Software automatisch das Bild im richtigen Winkel in Echtzeit auf dem iPhone und fügt noch realistische Schattierungen hinzu.

Anstatt sich auf der Entwicklung auszuruhen, hat Facebook Origami in den vergangenen Monaten noch stärker vereinfacht und zugänglicher gemacht. Denn das Social Network will die Software nicht nur für sich selbst nutzen. Tatsächlich hat das Unternehmen das gesamte Toolkit mitsamt Vorlagen kostenlos als Download zur Verfügung gestellt. Junge Designer und andere Unternehmen sollen Origami nutzen und damit Interaktionsdesign auf ein neues Level heben. “Wir wollen, dass das Design bei Facebook großartig ist”, erklärt Produkt-Designer Drew Hamlin. “Wir wollen das aber nicht durch einen Vorteil mit einigen Tools erreichen. Wir wollen es schaffen, indem wir die besten Probleme lösen und der Arbeitgeber sind.

"Paper" ist Zuckerbergs iPod-Moment

Porsche hatte den Boxster, Apple den iPod. In beiden Fällen war es ein einzelnes Produkt, das ein Unternehmen aus der Talsohle in neue Höhen katapultierte. Nun ist Facebook mit seinen 1,23 Milliarden Nutzern nicht am Ende, sondern vielmehr auf dem Zenit seines Erfolges.

Und dennoch steht das Social Network Nummer eins mehr unter Beschuss denn je. Über den Messenger Snapchat werden bereits jetzt mehr Bilder geteilt, und während die App vor allem unter Jugendlichen sehr beliebt ist, hat Facebook genau in dieser Altersklasse Abgänge zu verbuchen. Mit anderen Worten: Facebook rutscht der Nachwuchs weg, der auf der Suche nach Neuem ist.

Das hat Facebook mit “Paper” geschaffen. Getarnt als digitales Magazin hat die App das Potenzial, zum neuen Standard zu avancieren. Denn das Unternehmen hat längst erkannt, dass sein Netzwerk aus mehr als nur Personen und Seiten besteht, die sich untereinander vernetzen. Immer mehr Menschen nutzen das Social Network als Nachrichtenquelle, in den USA sind es bereits 30 Prozent aller Nutzer. Weil sich die Resonanz auf Artikel in den vergangenen Monaten sich verdreifacht hat, forciert Facebook seitdem das Ausspielen von Medien-Postings in Euren News Feeds. Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi versorgt das Unternehmen CNN, BBC und auch ARD und ZDF in Echtzeit mit Informationen aus dem eigenen Netzwerk. So lässt sich langsam aber sicher eine Transformation in der Facebook-DNA feststellen: weg vom reinen Social Network hin zum Content-Lieferanten für die ganze Welt. “Paper” markiert die nächste Evolutionsstufe und macht wieder Lust auf Facebook.

Toolbox Origami ist Facebooks Photoshop für interaktives Design

Auch wenn es schwer vorstellbar ist, dass Zuckerberg sein blaues Flaggschiff auch in der Desktop-Version derartig radikal umkrempelt: Schön wär’s. Denn bei meinen ganzen Freunden und den vielen Seiten, die ich geliked habe und den vielen Unternehmen, die mir mit ihrer Werbung etwas verkaufen wollen, geht es auf Facebook recht chaotisch zu. “Paper” ist der Gegenentwurf zur Hektik in den sozialen Medien und macht das, was ich von einer guten Zeitung erwarte: das Komplexe verdichten und einfach aufbereiten. So stelle ich mir den News Feed 2.0 vor. So muss Facebook im Jahr 2014 aussehen.


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