Von Madonna bis Jan Böhmermann: Warum alle Periscope lieben

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Mit Periscope kann jeder Smartphone-Besitzer sofort eine Live-Übertragung starten
Mit Periscope kann jeder Smartphone-Besitzer sofort eine Live-Übertragung starten(© 2015 Periscope)

Madonna macht es, Jan Böhmermann sowieso: Sie streamen mit Periscope. Die App ist ein Erfolg, hat ihr Potenzial aber noch lange nicht ausgeschöpft.

Es ist eine der legendärsten Wutreden im deutschen Fußball. Vor fast genau einem Jahr faltete Nationalverteidiger Per Mertesacker während der WM den TV-Reporter Boris Büchler zusammen, weil dieser nach dem Achtelfinalsieg gegen Algerien zu kritische Fragen gestellt hatte. Der hüftsteife und völlig abgekämpfte Verteidiger raunzte den Reporter erst an und sagte dann, dass er sich nun zur Erholung erst einmal drei Tage in die Eistonne legen würden.

Das ist nun fast auf den Tag genau zwölf Monate her. Das hört sich nicht nach viel an, ist in der Medienwelt aber eine Ewigkeit. Längst sind neue Dienste zu Erfolgsgeschichten geworden, von denen die Menschen während der Weltmeisterschaft in Brasilien noch nicht einmal zu träumen wagten.

Periscope hat das Zeug dazu, die Mediennutzung und –Produktion zu revolutionieren

Denn wie beging beispielsweise ein Reporter der Kölner Boulevard-Zeitung Express den Mertesacker-Gedächtnistag? Er streamte, nur mit Hilfe seines Smartphones, live ins Web, wie die Profis des 1. FC Köln nach einer harten Übungseinheit im Trainingslager in die Eistonne stiegen. Klingt unspektakulär. Hat aber das Zeug dazu, die Mediennutzung und –Produktion von uns allen zu revolutionieren.

Der Reporter, der bislang nur Texte schrieb, nutzte dafür jetzt die App Periscope. Und auf einmal wurde er, dank seines iPhones, zum Live-Reporter mit eigener Kamera - ganz ohne Ü-Wagen.

Persicope ist ein extrem junges Produkt. Die erste Version der App kam erst im März in die App-Stores. Trotzdem ist es schon jetzt eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. Mittlerweile streamen die Nutzer täglich zehn Jahre Videomaterial in die Welt. Seit dem Start des Dienstes sollen so schon bereits 380 Jahre an Live-Videos versendet worden sein. Das hört sich spektakulär an, ist aber erst der Anfang. Bei YouTube werden - zum Vergleich – pro Tag mehr als 100 Jahre an Video-Material hochgeladen.

Nicht auszudenken, welche Wucht der Dienst in einer Breaking-News-Situation entfalten könnte

Zu den begeisterten Nutzern gehören US-Stars wie Oprah Winfrey oder Channing Tatum, der Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, Jan Böhmermann und auch Madonna. Die Pop-Diva übertrug bereits einen Gig, Jan Böhmermann streamt seine Redaktionskonferenzen und Kai Diekmann nimmt seine Zuschauer mit zum Füttern seiner Ziegen oder schaltet die App ein, wenn Top-Stars die Bild-Redaktion besuchen. Zeitgleich übertragen stolze Eltern die ersten Schritte ihrer Kinder live ins Web und Demonstranten dokumentieren Übergriffe von Sicherheitskräften. Nicht auszudenken, welche Wucht der Dienst erst entfalten könnte, wenn einer oder mehrere Nutzer live bei einer Breaking-News-Situation streamen würden.

Bei Periscope geht es aber nicht darum, Filme fürs Archiv zu produzieren, sondern ausschließlich für das Hier und Jetzt. Nach 24 Stunden werden die Beiträge automatisch gelöscht.

Periscope-Gründer Kayvon Beykpour beschreibt das Konzept seiner Idee als eine Art von "Teleportation“, die das Publikum miterleben lässt, was überall in der Welt vor sich gehe. Der Einfall zu dem Service kam ihm vor zwei Jahren, als er in die Türkei reisen wollte und es dort Proteste gab. Über die bis dahin vorherrschenden sozialen Kanäle fühlte er sich unterinformiert. Seine Überlegung: Live-Aufnahmen, die jemand vor Ort mit seinem Smartphone macht, wären doch die ideale Form, um ohne Verzögerung und ideologische Nachbereitung über ein solches Protest-Event zu berichten.

Ein Smartphone und ein Twitter-Account

Bereits Monate vor dem Release verkaufte er die App an Twitter, blieb aber an Bord. Mittlerweile arbeitet Beykpour mit einem 19-köpfigen Team an der Weiterentwicklung des Dienstes. Tatsächlich verbraucht die App nicht sonderlich viel Bandbreite. Spiegel Online hat bei einem Vergleichstest gemessen, dass pro Minute rund 4 Megabyte an Datentraffic entstehen. Im Idealfall sollten die Nutzer natürlich lieber auf eine WLAN-Verbindung zurückgreifen.

Es gibt zwei Möglichkeiten während einer Übertragung mit dem Berichterstatter zu kommunizieren. Entweder man kommentiert direkt via Chat mit ihm oder man sendet ein Herz. Die Herzen haben dabei dieselbe Funktion wie Facebook-Likes oder Twitter-Faves. Aus seiner praktischen Erfahrung weiß Bild-Reporter Daniel Cremer, der mit Periscope live von der Bombendrohung beim Finale von “Germany’s next Topmodel” berichtete, allerdings, dass es bei über 1.000 Zuschauer fast unmöglich wird, einzelne Kommentare wahrzunehmen und auf sie einzugehen.

"Periscope duldet keine Piraterie"

Periscope hat – zumindest aus Sicht von Veranstaltern und Künstlern allerdings auch eine dunkle Seite. Es reicht ein einzelner Nutzer mit einem Smartphone, um ein ganzes Event live ins Web zu streamen. Für Künstler und Sportler, die auch von Ticketverkäufen leben und ihre TV-Rechte wahren wollen, ist das ein Horror-Szenario. So sabotierte ein findiger Periscoper einfach den Millionen-Rechtedeal der Pay-TV-Sender beim Boxkampf zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao, indem er den Fight live und kostenlos ins Web übertrug.

Twitter versucht alles, um das zu unterbinden: “Periscope duldet keine Piraterie, und Streams, die die Rechte von Rechteinhabern verletzen, werden sofort abgeschaltet beziehungsweise entfernt, sobald wir auf entsprechende Inhalte aufmerksam gemacht werden“, sagt ein Twitter-Sprecher. Die Realität wird zeigen, wie geschickt sich Twitter tatsächlich im Kampf gegen Live-Piraten anstellen wird.

Welche Auswirkungen die App mittlerweile hat, zeigte sich beispielsweise gerade am Wochenende auf der Comic Con. Auf dem wohl wichtigsten Treffen von Comic- und SciFi-Fans in Kalifornien tauchten auf einmal Harrison Ford und Regisseur J.J. Abrams auf und zeigten den enthusiastischen Fans neue Ausschnitte aus dem kommenden „Star Wars“-Film. Im Vorfeld hingen an allen Eingangstüren zum Auditorium des Kongresszentrums Zettel auf denen stand, dass es untersagt sei, live von den Veranstaltungen zu streamen. Ein solcher Hinweis wäre vor nur einem Jahr völlig unnötig gewesen. Es war damals technisch einfach zu kompliziert und teuer gewesen, den Überraschungsauftritt von Han Solo mit dem Smartphone einfach so zu Übertragen. Diese Zeiten sind allerdings vorbei.


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