Nach dem WhatsApp-Deal: Wie geht's eigentlich Snapchat?

Ende 2013 waren Evan Spiegels von Snapchat drei Milliarden US-Dollar noch zu wenig.
Ende 2013 waren Evan Spiegels von Snapchat drei Milliarden US-Dollar noch zu wenig.(© 2014 CC: Flickr/TechCrunch)

"Setzt die Snapchat-Gründer auf Suicide Watch", lästerte das Tech-Blog Valleywag am Mittwoch nach Bekanntwerden des Whatsapp-Deals von Facebook. Mark Zuckerberg hatte dem gehypten Startup Ende 2013 drei Milliarden US-Dollar angeboten. Co-Founder und CEO Evan Spiegels lehnte gelassen ab, das sei noch zu wenig.

Während auf der Sand Hill Road, der Heimat des Whatsapp-Investors Sequoia Capital, die Korken knallen, hauen im Strandhaus am Venice Beach die Entwickler wohl kräftig in die Tasten. Abgesehen von Sicherheitsproblemen ist es derzeit verdächtig still um die berüchtigte Sharing-App geworden. Bei den Crunchie-Awards vergangene Woche eilte Evan Spiegel nach einer zweisekündigen Rede von der Bühne. Produkt-Updates gab es seit einer Ewigkeit keine. Was hat der CEO also mit seinem Unternehmen vor?

"Setzt die Snapchat-Gründer auf Suicide Watch"

Eine 19 Milliarden schwere Akquise kann sich Spiegel in der derzeitigen Phase nicht erwarten. Im Dezember zählte Snapchat 60 Millionen Downloads, 30 Millionen davon seien aktive User, heißt es von unbestätigten Quellen. Whatsapp-Gründer Jan Koum selbst machte immer wieder Seitenhiebe auf seine Mitbewerber, dass Download-Zahlen keine repräsentative Kennzahl seien.

Die Textnachrichten-App hat eigenen Angaben zufolge aktuell 450 Millionen User. Instagram hat hingegen "nur" 150 Millionen aktive Nutzer. Auch wenn Snapchats Nutzerzahlen in den vergangenen zwei Monaten wohl weiter gestiegen sind, ist der Abstand zur Konkurrenz noch groß.

Spiegels Strategie, erst mal noch die App hübsch zu machen, bevor sie verkauft wird, scheint Sinn zu machen. Und dafür hat sich das südkalifornische Startup noch im Dezember frisches Kapital in Höhe von 50 Millionen US-Dollar geholt. So steckt derzeit 123 Millionen Dollar Risiko-Kapital in der App. Dabei hat das dreieinhalb Jahre alte Unternehmen noch keinen einzigen Cent verdient.

Von Silicon Valley nach Los Angeles

Auf die Frage nach Monetarisierung stammelte Spiegel auf der Branchenkonferenz TechCrunch Disrupt im September etwas von In-App-Purchases und internationalen Vorbildern. Die Worthülsen verrieten, wie weit der Weg zu einem Geschäftsmodell noch sein wird. Einige Monate zuvor schickte Facebook eine seiner Business-Managerinnen, Emily White, zu Instagram. Als Director of Business Operations sollte sie dort Erlösmodelle entwickeln. Dafür blieb jedoch wenig Zeit: Im Dezember engagierte Snapchat White als COO.

CEO Spiegel lockt derzeit die besten Köpfe Silicon Valleys an den Strand. Erst diese Woche wechselte Peter Magnusson, bisheriger Leiter der Google App Engine, zu Snapchat. Er wird als Vice President of Engineering das Entwickler-Team von 15 auf 50 Personen aufstocken. Das ist dringend notwendig: Beinahe jede Woche werden kleinere oder größere Hack-Angriffe auf die App gemeldet. Ende 2013 waren 4,6 Millionen User-Daten von einer Sicherheitslücke betroffen. Das Startup schwieg tagelang dazu und entschuldigte sich erst später leise für den Fehler.

Rechtsstreit unter Studienkollegen

Abseits davon hat das Snapchat-Management noch eine andere Baustelle. Reggie Brown, ehemaliger Studienkollege des Gründerteams Evan Spiegel und Bobby Murphy, behauptet, maßgeblich an der Idee der vergänglichen Videonachrichten beteiligt gewesen zu sein.

In einem Verhör räumte Spiegel zwar ein, dass Brown einen Beitrag geleistet habe. Auf die Forderung,  ein Drittel des Unternehmens abzugeben, will sich Snapchat jedoch nicht einlassen. Der Rechtsstreit ist noch immer nicht beigelegt. Im Dezember erwirkte das Unternehmen sogar eine einstweilige Verfügung gegen Brown, weil dieser interne Informationen an die Presse weitergeleitet haben soll.

Wie der Fall auch ausgeht: Die Gründer sind derzeit sehr mit sich selbst beschäftigt. Besonders Spiegel eilt der Ruf eines "Frat Boys" voraus, immerhin ist der Stanford-Absolvent erst 23 Jahre alt. Bei WhatsApp kamen interne Probleme, sofern es welche gegeben haben sollte, nie an die Öffentlichkeit. Bis vor 24 Stunden kannte kaum jemand CEO Koums Namen, geschweige denn sein Gesicht. Auch Instagram-CEO Kevin Systrom ließ vor der Milliarden-Akquise durch Facebook wenig durchblicken.

Gegen den Strom

Der Snapchat-CEO sieht sich derzeit ziemlich konkurrenzlos. Auf die Frage, wer direkte Mitbewerber seien, fiel ihm keine Antwort ein: "Wir gehen in eine ganz andere Richtung als andere Social Media-Unternehmen." Hier meint Spiegel den Trend zum vergänglichem Netz und geschlossener Kommunikation. Ein weiteres Beispiel dafür ist die jüngst veröffentlichte App "Secret".

Damit Snapchat ein ähnliches Angebot wie WhatsApp erhält, muss das Management-Team noch an vielen Schrauben drehen. Die Reichweite ist noch weit ausbaufähig, das Produkt hat sich kaum weiterentwickelt. Der nächste Punkt auf der To-do-Liste ist das Geschäftsmodell.

Im Silicon Valley ist das für einen Mega-Deal jedoch kein relevantes Kriterium, wie die jüngere Vergangenheit gezeigt hat. Die Entscheidungen, die Spiegel in den vergangenen Monaten getroffen hat, sprechen dafür, dass die App auf Schiene gebracht wird. Für einen Exit, der WhatsApp in den Schatten stellen könnte, muss der CEO jedoch geduldig sein.


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