Wirbel um die neue Facebook-AGB: Viel Lärm um Nichts

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Facebook ändert zum Monatsende seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen
Facebook ändert zum Monatsende seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen(© 2014 CC: Flickr/eston)

Ganz tief durchatmen: Politiker und Datenschützer sind in Aufruhr, weil Facebook Ende Januar seine AGB anpasst. Gerechtfertigt ist das nicht.

Eigentlich ergibt das Leben keinen Sinn mehr. Walter Freiwald muss den RTL-Dschungel verlassen. Und jetzt auch noch das: Facebook ändert zum Monatsende seine AGB. Zu behaupten, dass Politik und Datenschützer-Deutschland Sturm laufen, wäre noch untertrieben. „Die Frage ist: Welche Daten werden im Hintergrund gesammelt, und wie gehen die verschiedenen Unternehmen damit um?“, tönt die Verbraucherschutz-Beauftragte der CDU, Mechthild Heil. Auch Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar ist nicht begeistert: "Facebook ist nach wie vor nicht der Meinung, dass deutsches Datenschutzrecht gilt.", Und auch die Grünen-Politikerin Renate Künast ist ratlos: "Noch immer ist nicht klar, welche Daten Facebook eigentlich zu welchem Zweck sammelt, nutzt und auswertet." Ist das so? Verschweigt der blaue Riese, welche Daten er über uns sammelt? Im Februar gelten die neuen Geschäftsbedingungen

Was ändert sich?

Datenschutz

Das Social Network will es Euch in Zukunft erleichtern, zu entscheiden, mit wem Ihr welche Inhalte teilen wollt. Dazu gibt es im Datenschutzbereich interaktive Anleitung. Außerdem sollt Ihr nachvollziehen können, welche Daten Apps von Dritten und möglicherweise Webseiten über Euch besitzen. Wichtig: Hier müsst Ihr selbst aktiv werden und gegebenenfalls ungewünschte Funktionen abschalten.

Standortdaten

Facebook verdient Geld mit Werbung. Um diese noch genauer auf Euch abzustimmen, trackt das Social Network künftig Eure Standortdaten und die Eurer Freunde, um etwa Werbung von Restaurants und Geschäften in Eurer Nähe auszuspielen.

Werbung

Die größte Neuerung ist das Inkrafttreten von Atlas. Was gewaltig klingt, ist es auch in der Power, die hinter dem Werbedienst steht, den Facebook von Microsoft erworben hat. Atlas soll es Werbekunden von Facebook künftig ermöglichen, auch außerhalb des Social Networks die gewünschte Zielgruppe zu erreichen. Neu ist vor allem, dass das System Nutzer geräte- und systemunabhängig wiedererkennen kann. Anhaltspunkt dafür wird die Facebook-Mitgliedschaft eines Nutzers sein. Andersherum heißt das auch: Facebook kann Nutzer damit auch außerhalb seines Social Networks wiedererkennen. Damit lassen sich Werbeanzeigen wiederum noch genauer auf den Einzelnutzer zuschneiden.

Gut gelöst: Nutzer sollen künftig Werbeanzeigen nach Relevanz bewerten können. Dazu gibt das Social Network auch preis, in welcher Zielgruppe der jeweilige User eingeordnet wird. Datenschützer mögen es bedenklich finden, dass das Unternehmen auf diese Weise noch genauere Informationen über den Einzelnen bekommt. Allerdings ist es jedem Nutzer selbst überlassen, sich daran zu beteiligen. Persönlich kann ich an Werbung, die auf mich zugeschnitten ist, nichts Schlechtes finden.

Weitere Funktionen

Direkt im News Feed soll es künftig möglich sein, Produkte zu kaufen. Damit entwickelt sich Facebook mehr und mehr zu einer Plattform, wie es etwa in China WeChat geschafft hat. Hier chatten Nutzer nicht nur miteinander, sondern sind zudem in der Lage, Waren einzukaufen, Aktien zu handeln und sogar den Lieferdienst zu bestellen. Warum macht Facebook das? Bislang bedeutete Facebook-Werbung mitunter, dass der Nutzer die Webseite verlassen musste. Mit einem solchen Shopping-Feature erhöht sich die Verweildauer des Einzelnen - und damit steigen potenziell die Werbeerlöse.

Darüber hinaus sammelt Facebook etwaige Zahlungsinformationen, wie Kredit- oder Debitkartennummer und andere Karteninformationen sowie sonstige Konto- und Authentifizierungsinformationen und Angaben zur Abrechnung - insofern Facebook zur Autorisierung verwendet wurde. Außerdem sammelt das Social Network, wenn Ihr dem zugestimmt habt, Informationen über die Geräte, mit denen Ihr auf das das Portal zugreift.

Warum macht Facebook das? Und warum ist das nichts Besonderes?

Was gibt es Schlimmeres als Online-Werbung? Genau: unpassende Online-Werbung. Wir sind es mittlerweile gewohnt, Banner und Werbeformate angezeigt zu bekommen, die sich mit unserem Kauf- und Nutzungsverhalten im Web decken. Um die Auslieferung dieser Werbung zu verbessern, benötigt Facebook den Zugriff auf bestimmte Daten. Sogenannte nutzungsbasierte Online-Werbung ist dabei keineswegs eine Erfindung des Herrn Zuckerberg, sondern längst ein Industrie-Standard. Wer bestimmte Artikel interessant fand, bekommt auf anderen Webseiten, insofern sie auf dieselben Werbenetzwerke zugreifen, eben diesen oder vergleichbare Artikel angezeigt.

Kann ich dem widersprechen?

Nein, vor allem nicht nur das Posten eines Widerspruchs im eigenen Facebook-Profil, wie sie dieser Tage immer wieder im News Feed zu sehen sind. Das ist ungefähr so wirksam wie ein Widerspruch gegen die Zahlung von Rundfunkgebühren mit einem offenen Brief, den Ihr in einem Park an einen Baum pinnt. Facebook ist schließlich keine soziale Einrichtung, sondern ein Unternehmen, das wirtschaftlich handelt. Insofern sind die Nutzer zu Gast, das Social Network hat das Hausrecht und legt die Regeln fest. Wem das ganz und gar nicht passt, der kann austreten. Anschließend hält Facebook die Profildaten zwei Wochen lang für eine mögliche Wiederherstellung vor. Anschließend werden diese Informationen und die Kopien auf den Facebook-Servern innerhalb von drei Monaten gelöscht.

Was kann ich im Detail unternehmen?

Wenn es um die eigenen Daten geht, ist Eigenverantwortung gefragt. Wie bei jedem kostenlosen Web-Service gilt: Ihr bezahlt mit Euren Daten. Wieviel Ihr preisgebt, liegt ganz alleine bei Euch. Facebook informiert sehr detailliert, welche Änderungen Euer Profil betreffen, und greift diese Daten nicht ab, wenn Ihr das nicht wollt. Aber: Das Social Network nimmt Euch diese Arbeit nicht ab, sondern wählt standardmäßig die Einstellungen, mit denen das Unternehmen die höchsten Werbeerlöse erzielen kann. Dennoch stellt es Euch die Tools zur Verfügung, Eure Privatsphäre-Einstellungen entsprechend anzupassen. Aktiv werden müsst Ihr selbst.

Mein Fazit: Viel Lärm um nichts

Zweifelsohne wäre ein richtiger Opt-out bei der Zustimmung zu bestimmten Änderungen in den AGB wünschenswert - und nicht nur die stille Zustimmung durch den Fakt, dass ich weiterhin im Netzwerk aktiv bleibe. Aber das Bild von Facebook als Ultra-Datenkrake, die ungefragt Eure persönlichen Daten abfischt, ist Geschichte. Ja, ein Unternehmen, das mit Werbung Geld verdient, will immer ein Maximum an Informationen, die die Ausspielung von Werbung genauer macht und damit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Klick auch zu einem Kauf führt, erhöht. Aber: Nach einem Stolperstart in Sachen Privacy, der einem US-zentrierten Verständnis von Privacy geschuldet war, hat Facebook in den vergangenen Jahren enorm nachgebessert. Dass jeder selbst Herr über seine Daten ist, sollte im Jahr 2015 eine Selbstverständlichkeit sein.


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