Fairphone 2 im Test: das dicke Ding für ein gutes Gewissen

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Auseinandergenommen: das Fairphone 2
Auseinandergenommen: das Fairphone 2(© 2016 CURVED)

Vor sechs Monaten habe ich mein Fairphone 2 vorbestellt, jetzt ist es endlich da. Ein paar Tage habe ich schon mit dem Smartphone verbracht, das Materialien verwendet, die nicht aus Krisengebieten stammen sollen. Meine ersten Eindrücke schildere ich im Hands-on.

Das Konzept: Das Fairphone-Team aus den Niederlanden achtet sehr darauf, dass keine Mineralien aus Konflikt- und Krisengebieten verbaut werden, dass die Arbeiter in den Minen und den Fabriken in Asien gut behandelt sowie fair bezahlt werden und dass das Handy am Ende auch gut zu recyclen ist. Außerdem soll es sich leicht reparieren lassen.

Dick, aber leicht

Beim Fairphone 2 hat das Team nun im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein eigenes Design entworfen. Herausgekommen ist ein 5-Zoll-Smartphone, das allerdings über die gesamte Höhe elf Millimeter dick ist. Das liegt an der modularen Bauweise: Wenn Einzelteile über Schrauben und Pins an der Platine fixiert anstatt verklebt oder verlötet werden, braucht es schlicht mehr Platz. Mich stört das weniger, denn es passt trotzdem in eine Hosentasche. Designfetischisten werden sich aber wohl daran gewöhnt haben, dass die großen Hersteller wie Apple oder LG vergleichsweise dünne Smartphones produzieren.

Da das Telefon komplett aus Plastik besteht, ist es aber trotz der wuchtigen Maße noch recht leicht. Mit 168 Gramm wiegt es fast so viel ein iPhone 6 Plus (172g). Das Backcover dient gleichzeitig als Schutzhülle, da es den Bildschirm mit einem Gummirand umschließt. Es ist zwar sehr anstrengend, diesen gleichmäßig über den Bildschirm zu ziehen, sitzt er aber einmal, wirkt das Display sicher und geschützt. Laut Hersteller soll es Stürze aus fast zwei Metern gut überstehen. Verzeiht mir, aber da ich das Smartphone tatsächlich gekauft habe, wollte ich das dann nicht unbedingt freiwillig ausprobieren.

Fast komplett selbstständig reparierbar

Selbst wenn an dem Smartphone mal etwas kaputt geht, ist das kein Weltuntergang. Dadurch, dass man das Smartphone problemlos in seine Einzelteile zerlegen kann, tauscht Ihr die einzelnen Komponenten selbstständig aus. Ersatzteile gibt es im Fairphone-Shop. Ein neues Display kostet dort etwas mehr als 85 Euro, eine neue Kamera liegt bei knapp 34 Euro.

Außerdem könnte es so möglich sein, dass der Hersteller bald verbesserte Module anbieten wird - zumindest denkt Fairphone darüber nach. So wird das Smartphone nicht nur lange halten, sondern auch technisch zumindest etwas mit der Zeit gehen können.

Das Auseinandernehmen geht eigentlich sehr leicht vonstatten. Dafür braucht Ihr, und das auch nur selten, lediglich einen Schraubendreher. Alle Schrauben, die man für die Module entfernen muss, sind mit einem blauen Ring gekennzeichnet. Das Display lässt sich sogar ganz ohne Werkzeug austauschen. Bei meinem Modell hat es zuerst ewig gedauert, bis das Display vom Rahmen geschoben werden konnte. So haben alle Kollegen mitangefasst und ständig probiert, bis der Handgriff irgendwann auch etwas bewirkt hat. Der Hersteller gab uns den Tipp, das Telefon zu "massieren", also die Bewegung zum Öffnen sehr vorsichtig ein paar Mal hintereinander zu probieren, bis es sich irgendwann löst. Genervt hat es trotzdem ein bisschen.

Durch die Modularität kann das Fairphone 2 nicht nur gut repariert, sondern auch sehr gut recycelt werden(© 2015 CC: Flickr/Fairphone)

Sollte ein Fehler an der Platine auftreten, empfiehlt der Hersteller den Gang zum Fachmann, um sie austauschen oder reparieren zu lassen. Anleitungen dafür werden noch zur Verfügung gestellt.

Technisch auf der Höhe - von 2014

Das gute Gewissen lässt sich der Hersteller auch gut bezahlen: Das Fairphone 2 ordnet sich von seiner technischen Ausstattung her bei den Top-Geräten von 2014 ein, kostet aber so viel wie ein aktuelles, besseres Mittelklasse-Smartphone. Der Preisunterschied sorgt aber nicht dafür, dass der Hersteller mehr Gewinn macht, sondern dafür, dass den Arbeitern ein faireres Gehalt bezahlt und Materialien beschafft werden, die nicht aus Krisengebieten stammen.

Zu den Specs: Das Smartphone hat ein fünf Zoll großes Display, das eine Full-HD-Auflösung von 1920 x 1080 Pixel mit einer Pixeldichte von 446 ppi bietet. Außerdem bleibt es  durch Gorilla Glass 3 vor Kratzern geschützt. Unter der Haube steckt der Vierkern-Prozessor Snapdragon 801 von Qualcomm, der beispielsweise auch im Galaxy S5 verbaut ist. Unterstützt wird er von zwei Gigabyte Arbeitsspeicher. Auch im Fairphone 2 könnt Ihr wieder zwei micro-SIM-Karten nutzen. Als Betriebssystem kommt Android 5.1 Lollipop als leicht modifizierte Version mit dem Namen Fairphone OS zum Einsatz. Schade, dass noch nicht das aktuelle 6.0 Marshmallow verwendet wird. Zudem fällt beim Wischen zwischen den App-Bildschirmen leider auf, dass die Bewegungen nicht flüssig laufen.

Die acht Megapixel-Kamera des Fairphone 2 macht leider nur mäßig gute Bilder(© 2016 CURVED)

Die Kamera kann nix

Mir gefällt besonders der Speicher. Intern ist das Gerät mit 32 GB ausgestattet. Er lässt sich per micro-SD-Karte um bis zu 128 GB erweitern. Die Acht-Megapixel-Kamera macht leider selbst bei richtig gutem Licht nur schlechte Bilder. Farbflächen sind sehr stark verrauscht. In meinen Augen taugt die Kamera noch nicht einmal für Schnappschüsse. Der austauschbare Akku hat eine Kapazität von 2420 mAh und hält, wie andere Smartphones, gerade mal einen Tag durch.

Ein Software-Feature ist noch erwähnenswert: Installiert man eine neue App, dann zeigt der "Fairphone Privacy Impact" einen Hinweis, wie sehr die App mit den Berechtigungen in die Privatsphäre der Nutzer eingreift. Bei WhatsApp ist dieser Faktor zum Beispiel sehr hoch, weil der Dienst Zugriff auf sehr viele Bereiche des Smartphones verlangt.

Jetzt noch konfliktfreier

Im Vergleich zum ersten Fairphone-Modell hat sich sehr viel verändert. Der Hersteller setzt jetzt auf einen Qualcomm-Prozessor, da es im ersten mit einer Mediatek-Variante Probleme gab. Weil Mediatek nur wenig Code für Treiber freigibt, ließ sich die Software nicht vernünftig aktuell halten, sodass auf dem Fairphone 1 immer noch Android 4.2.2 läuft. Der neue Prozessor gibt auch Fans von alternativen Android-Versionen (wie mir) Hoffnung, dass das Fairphone 2 zum Beispiel eine stabile CyanogenMod-Version bekommen wird.

Auch neu ist die LTE-Funktion. Auf einen NFC-Chip und drahtloses Laden haben die Entwickler verzichtet. Die neue Hardware, das modulare Designkonzept und die geringe Produktionsmarge erklären auch den höheren Preis des Fairphone 2. Immerhin kostet es mit 525 Euro etwa 200 Euro mehr als das erste Modell.

Die Fairphone-Entwickler wollen Rohstoffe aus Gebieten beziehen, in denen keine Kinder in Fabriken arbeiten(© 2015 CC: Flickr/Fairphone)

Pluspunkt: Der Entwickler steht kurz davor noch mehr mehr konfliktfreie Materialien verwenden zu können. Neben Zinn (Elektrolot) und Tantal (Kondensatoren) soll auch das verwendete Wolfram für die Unwucht des Vibrationsmoduls bald aus konfliktfreien Regionen stammen. Auch beim Gold, das für die elektronischen Kontakte verwendet wird, haben die Entwickler die Transportkette von der Mine bis zur Fabrik überprüft. Für einige Komponenten konnten Händler gefunden werden, die Gold aus Gebieten verwenden, die Wert auf soziale und ökologische Verbesserungen legen. In den ersten Fairphone 2-Geräten sind die beiden letzten Rohstoffe leider noch nicht konfliktfrei.

In der Kostenaufstellung zeigen die Fairphone-Entwickler detailliert, wie sich der Preis für das Smartphone zusammensetzt. Nach Abzug der Steuern bleibt ein Nettopreis von 407 Euro. Davon fallen 340 Euro für Montage und Rohstoffkosten an. Am Ende machen die Hersteller einen Gewinn von gerade einmal neun Euro pro Smartphone.

Vorläufiges Fazit: ein Smartphone für überzeugte Fans

Wer viel Wert auf den fairen Gedanken in Herstellung und Produktion eines Smartphones legt und wem die technische Ausstattung nicht so wichtig ist, der bekommt mit dem Fairphone 2 ein gutes Smartphone. Da die Kamera allerdings wirklich keine schönen Bilder macht, sollten sich Besitzer darauf einstellen, wieder einen Fotoapparat einzupacken.

Ich persönlich werde wohl darauf warten, dass fleißige Entwickler eine CyanogenMod-Version für das Fairphone 2 herausbringen. Im Auslieferungszustand ist mir Google mit seinen Datensammeldiensten zu sehr integriert. Ich lege mehr wert auf Datenschutz und Privatsphäre. Ein besseres Kamera-Modul würde ich auch begrüßen. Danach steht einem Wechsel auf das Gerät eigentlich nichts mehr im Wege.


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