HTC U11 im Test: Drück mich! [mit Video]

Mit dem U11 will HTC endlich wieder Premium-Luft schnuppern und mit den derzeit angesagten Smartphones gleichziehen. Dafür hat sich der Hersteller ein paar unkonventionelle Ideen einfallen lassen, die erst auf den zweiten Blick sinnvoll erscheinen.

Passend zum 20. Geburtstag des Unternehmens bringt HTC ein neues Smartphone auf den Markt, das sich über ein bislang nie dagewesenes Alleinstellungsmerkmal definiert: Das U11 lässt sich drücken wie ein Geburtstagskind.

Das Design: 2016 lässt grüßen
Edge Sense: Drück mich!
Sense Companion: der diskrete Butler
BoomSound: Klassenbester
Kamera: einsame Spitze
Fazit: endlich wieder High-End

Das Design: 2016 lässt grüßen

Mit dem U Play und dem U Ultra hat HTC eine Designsprache etabliert, die im U11 ihre Fortsetzung findet. Über die Vorderseite erstreckt sich ein 5,5 Zoll großes LC-Display mit einer Auflösung von 1440 x 2560 Bildpunkten. Damit erreicht das U11 eine gute Pixeldicht von 534 ppi (zum Vergleich: Das Samsung Galaxy S8 kommt auf 571 ppi). HTC hat sich bei dem U11 dazu entschieden weder ein 18:9-Seitenverhältnis zu erreichen, wie das G6 von LG, noch auf Seitenränder verzichten zu wollen, wie das Galaxy S8. Den Grund dafür hat uns HTC-Smartphone-Chef Chialin Chang erklärt. Unterhalb des Touchscreen befindet sich der ebenfalls kapazitive Homebutton mit integriertem Fingerabdrucksensor. So weit, so gewöhnlich.

Ausgetobt haben sich die Designer des U11 hingegen bei der Rückseite. Diese ist aus Glas gefertigt und zwar nicht bloß aus einer Schicht, sondern aus mehreren übereinander liegenden. Jede dieser Glasschichten ist anders koloriert, sodass sich im Zusammenspiel ein wahres Kaleidoskop an Farbabstufungen auffächert. "Liquid Surface" nennt HTC die eigenwillig reflektierende Oberfläche im Marketingjargon. Das Farbwechselspiel, das beeinflusst wird durch den Lichteinfall, erinnert an den Flop-Lack, den Auto-Tuner gerne auf ihre gepimpten Karosserien auftragen lassen – und sehr empfindlich reagieren, wenn man ihn berührt. Einen ähnlichen Effekt hat HTC der Rückseite des U11 verpasst, der ebenfalls schön anzusehen, aber außerordentlich anfällig für Fett und Fingerabdrücke ist. Durch die Wölbung der Rückseite wird die Umgebung verzerrt gespiegelt, das sieht schick aus, ist aber gewöhnungsbedürftig.

Mir sagt das "Liquid Surface" nur bedingt zu. Als Nutzer des Telefons bekomme ich die Rückseite zwar nur selten zu sehen, dennoch stört mich, dass sie permanent schmutzig und verschmiert aussieht. Der schöne Spiegel-Effekt verliert dadurch an Wirkung und Reiz. Gleichwohl finde ich die Idee an sich lobenswert, nur an der Umsetzung hapert es. Immerhin legt HTC jedem U11 eine transparente Hülle als Behelfslösung bei. Einen entscheidenden Vorteil bringt Glas als Material aber mit sich: Das U11 liegt sehr leicht und sicher in der Hand. So ist es auch kein Problem, dass sich der Homebutton vorne befindet.

Edge Sense: Drück mich!

Mit dem U11 führt HTC eine neue Art der Bedienung für Smartphones ein: das sogenannte Edge Sense. Diese erstreckt sich erstmals über den Rahmen des Geräts. Dessen untere Hälfte ist berührungsempfindlich und reagiert auf Druck. Sensoren links und rechts des Screens erkennen, wenn Ihr den Rahmen drückt und führen die vorher festgelegte Aktionen aus. Standardmäßig aktiviert ein kurzer Druck die Kamera, ein längerer weckt den Google Assistant. In der Kamera-App selbst löst ein kurzer Druck die Aufnahme aus, während der längere von der Hauptkamera zur Frontkamera wechselt oder umgekehrt. In den Einstellungen von Edge Sense lassen sich neue Aktionen für das Handballenspiel definieren und die Empfindlichkeitsstufe regulieren. Aktuell könnt Ihr per Edge Sense unter anderem Apps starten, die Taschenlampe einschalten oder Screenshots anfertigen. Zum Sommer hin plant HTC die Funktionen um Makros zu erweitern. Dabei handelt es sich um kombinierte Aktionen, die eine App nicht bloß öffnen, sondern sogleich eine bestimmte Aktion innerhalb der App ausführen.

In unserem Test traf Edge Sense auf gemischte Gefühle. Vor allem die Eingewöhnungsphase braucht ihre Zeit, weil man zunächst überhaupt erstmal verinnerlichen muss, dass das U11 einen berührungsempfindlichen Rahmen hat. Außerdem bedarf es etwas Übung, bis die Sensoren und die notwendige Druckstärke gefunden sind. Selbst in der niedrigsten Empfindlichkeitsstufe muss man schon kräftig drücken, bis das Smartphone reagiert. Anfangs fühlt sich diese Geste ungewohnt an, geht mit der Zeit aber leicht von der Hand. Immerhin verhindert HTC so, dass die Rahmen versehentlich aktiviert werden. Wer sich mit Edge Sense so gar nicht anfreunden kann, kann die Funktion auch deaktivieren.

Edge Sense gibt übrigens ein Feedback in Form von blauen Kreisen, die aufleuchten, und einer leichten Vibration, wenn der Druck stark genug war. Während des Drückens selbst vibriert das Gerät nicht. Bei mir hat es etwa einen halben Tag gedauert, bis ich die Funktion fest in die Nutzung des U11 integriert hatte. Schnell das Telefon gezückt, ein kurzer Rahmendruck in der Stärke eines Händeschüttelns und schon konnte ich fleißig Fotos knipsen. Besonders schlau: Die Kamera löst erst kurz nach dem Druck aus, also wenn sich der Griff wieder entspannt. So vermeidet das U11 verwackelte Bilder, die aufgrund der kurzzeitigen Anspannungen in der Hand entstehen könnten.

Sense Companion: der diskrete Butler

HTC hat auch im U11 seinen eigenen Assistenten mit an Bord, den Sense Companion. Dieser spricht allerdings nicht mit Euch wie Siri oder Cortana, sondern arbeitet diskret im Hintergrund, ähnlich wie bei Sonys Xperia-Reihe.

Um den HTC-Assistenten sinnvoll nutzen zu können, benötigt das Smartphone Berechtigungen für Standorte, Kontakte, Kalender etc. Im Laufe der Zeit lernt der Assistent eure täglichen Routinen kennen und passt seine Empfehlungen darauf an. Simples Beispiel: Weil ich für acht Uhr morgens "Sport" im Kalender stehen habe, fragt mich der Companion am Abend vorher, ob er einen Wecker für mich stehen soll. Im Grunde gefällt mir die Idee eines unaufdringlichen stummen Dieners, der mir rechtzeitig Bescheid gibt, wenn der Akku zur Neige geht. Im Test bekam ich allerdings allzu oft den Hinweis: "Es gibt im Moment keine Empfehlungen." Um den Assistenten wirklich sinnvoll in den Alltag integrieren zu wollen, müsste ich wohl meinen Kalender sehr viel akribischer pflegen.

BoomSound: Klassenbester

Sowohl Edge Sense als auch der HTC Companion sind durchaus spannende Konzepte, in ihrer aktuellen Darreichungsform aber noch kein Kaufargument. Anders sieht es beim Sound aus. HTC ist bekannt dafür, viel Wert auf hervorstechende Soundqualität zu legen und das haben sie auch beim U11 eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Für alle Vielhörer, deren primäre Audioquelle das Smartphone ist, liefert HTC gleich mehrere Gründe, zum U11 zu greifen.

Dass der Hersteller auf einen 3,5 Millimeter Klinkenanschluss verzichtet ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Mir hat dieser nicht eine Sekunde gefehlt. Auch deshalb, weil HTC dem Gerät einen Adapter von USB-C auf Klinke belegt (der darüber hinaus sogar einen DAC-Wandler verbaut hat). Noch viel wichtiger: Die beiliegenden In-Ears mit USB-C sind der eigentliche Grund, warum ich HTCs Entscheidung absolut gutheiße. Allein die Kopfhörer dürften ungefähr 100 Euro kosten, wollte man sie einzeln kaufen.

Das Besondere an den USonic-Kopfhörern offenbart sich im Zusammenspiel mit dem U11: Der Snapdragon 835 erlaubt nämlich Active Noise Cancellation, also Rauschunterdrückung, die von dem Prozessor berechnet wird. Mit Hilfe von vier Mikrofonen, die HTC an verschiedenen Stellen des Gehäuses verbaut hat, und zweien an den Ohrstöpseln, analysiert das Smartphone die Umgebung und filtert anschließend störende Geräusche raus. Ebenfalls einzigartig im Smartphone-Segment dürfte die USonic-Funktion sein: Nutzt Ihr die beiliegenden In-Ears, könnt Ihr per Sonar Euren Gehörgang vermessen lassen. Das anschließend erstellte Audioprofil erzeugt ein ausgewogenes Klangbild ohne Spitzen oder Verzerrungen, sodass der Lärm von außen weder die Höhen noch die Tiefen frisst.

Im Test hat die Vermessung meiner Ohren erstaunlich gut und schnell funktioniert. Während der Testphase habe ich immer mal wieder neue Audioprofile erstellt, um in jeder Situation den Sound ideal genießen zu können. Getestet habe ich die Anpassung an die Umgebung an einer vielbefahrenen Straße, an der Alster, zuhause und bei typischem Hamburger Wetter samt steifer Brise. Dabei dienten drei Songs als Indikatoren: "Hello" von Adele für die hohen Frequenzbereiche, das Gitarrenstück "Murderers" von John Frusciante für die Mitten und der Hip-Hop-Song "A Milli" von Lil Wayne, der nahezu nur aus Bass besteht. In jeder der daraus entstandenen Konstellationen liefert das U11 dank individuellem Audioprofil ein ganzheitlich voluminöses Klangerzeugnis. Das laute Dröhnen der vorbeifahrenden LKW und PKW konnte Adeles Gesang genauso wenig anhaben wie der pfeifende Wind dem druckvollen Wummern bei Lil Wayne. Selten hat es mir so viel Spaß gemacht mit einem Smartphone über die beiliegenden Kopfhörer Musik zu hören. 

Auch Telefonate profitieren davon, die Rauschunterdrückung findet aber nur einseitig beim Nutzer des U11 statt, das Mikrofon am Headset filtert die Umgebung nicht raus. Das Vermessen des Innenohrs samt Erstellung eines individuellen Audioprofils funktioniert zudem ausschließlich mit den USonic-Kopfhörern verfügbar. 

Das U11 selbst verfügt über zwei Lautsprecher, die dann zum Einsatz kommen, wenn mehr als eine Person beschallt werden soll. Theoretisch erlaubt das Zusammenspiel der zwei Speaker Stereo-Sound, ihre Platzierung schränkt das Zwei-Kanal-Vergnügen aber etwas ein: Der für die Höhen zuständige Speaker befindet sich in der Ohrmuschel, während sich der zweite Speaker am unteren Rand neben der USB-C-Buchse befindet. Die tiefen Töne werden also nicht direkt Richtung Ohr wiedergegeben, sondern schießen seitlich aus dem Smartphone heraus. Laut HTC könnte dadurch zum Beispiel ein Tisch als Resonanzkörper genutzt werden. Im Test lieferten die zwei Lautsprecher dank BoomSound ein bestechend gutes Ergebnis. Der verstärkende Resonanz-Effekt geht allerdings verloren, sobald man das U11 in der Hand hält.

Kamera: einsame Spitze

Die Kamera-Experten von DxO attestieren dem U11 die derzeit beste Smartphone-Kamera. Auch uns haben die Ergebnisse überzeugt. Obwohl HTC im U11 "nur" eine 12-Megapixel-Kamera verbaut hat, lassen die Fotos in ihrer Farbtreue und in ihrem Detailgrad selbst die Dualkamera des Galaxy S8 hinter sich. Die Linse hat eine f/1.7-Blende bei einer Brennweite von 28 Millimeter. In Kombination mit dem standardmäßig aktiviertem HDR-Boost-Modus knipst das U11 selbst bei schlechten Lichtverhältnissen gestochen scharfe Fotos. Schnappschüsse während der Dämmerung sehen aus, als wäre es taghell, ohne über zu belichten. Der extrem schnelle Dual-Pixel-Autofokus (Dual-PDAF) stellt Motive in 0,3 Sekunden scharf, lediglich der Auslöser benötigt knapp eine Sekunde bei eingeschaltetem HDR.

Videos zeichnet die Hauptkamera in 4K auf und dank des optischen Bildstabilisators auch nahezu ohne Wackler. Auch hier sind die vier Mikrofone eine sinnvolle Ergänzung, die durch die Rundum-Aufnahme der Umgebung eine Art 3D-Audio erzeugen. Darüber hinaus erlauben die vier Mikrofone eine fokussierte Aufnahme, ähnlich einem Richtmikrofon, allerdings nicht ganz so effizient. Um die Audio-Aufnahme auf einen bestimmten Bereich zu konzentrieren, müssen wir, während wir filmen, optisch in die Aufzeichnung hineinzoomen. Dadurch entstehen leider allzu leicht Verwackler, Ruckler und körnige Aufnahmen. Die Frontkamera verfügt sogar über 16 Megapixel, muss aufgrund des verbauten Sensors aber auf einen optischen Bildstabilisator verzichten.

Fazit: endlich wieder High-End

Was für ein Smartphone! Beim HTC U11 treffen originelle Ideen auf modernste Technologie. Ich war ehrlich überrascht von den coolen, gut durchdachten Features. Dabei meine ich nicht mal Edge Sense oder den HTC Sense Companion, sondern vor allem die herausragende Soundqualität und die Kamera. So originell das Konzept eines berührungsempfindlichen Rahmens auch sein mag, ganz ausgereift fühlt es sich für mich noch nicht an. Gut möglich, dass sich der Nutzwert von Edge Sense mit den angekündigten neuen Funktionen steigert. Bis dahin bleibt es für mich nicht mehr als ein Gimmick. Immerhin lassen sich dank Edge Sense auch unter Wasser Fokus knipsen – sofern man darauf Wert legt. Spannend dürfte die auch für den Sommer angekündigte Integration von Amazons Sprachassistentin Alexa werden, die ebenfalls von den vier Mikrofonen profitieren soll. Wie gut das in der Praxis funktioniert, konnten wir leider noch nicht ausprobieren.


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