Nokia Lumia 930 im Test: Ein gelungenes Finale

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Nokia Lumia 930
Nokia Lumia 930(© 2014 CURVED)

Das Lumia 930 ist das letzte Highend-Smartphone, das von Nokia produziert wurde. Und wie es sich für ein Finale gehört, hat sich das finnische Unternehmen noch einmal kräftig ins Zeug gelegt.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich von einer Party zu verabschieden. Einige bevorzugen den "polnischen Abgang": Still und leise verschwinden, ohne irgendjemanden 'Tschüss' zu sagen. Oder aber man inszeniert den Abschied, dreht die Musik leise, lenkt alle Blicke auf sich, und macht klar, dass man garantiert vermisst wird. Von einem leisen Abschied kann man bei Nokia nach der Übernahme durch Microsoft sicher nicht sprechen: Mit dem Lumia 930 gelingt dem finnischen Handybauer ein letzter Triumpf – und ein Abschied mit Knalleffekt.

Das Lumia 930 liegt schwer in der Hand. Mit 167 Gramm ist es wahrlich kein Leichtgewicht. Zum Vergleich: Das Xperia Z3 Compact von Sony und das iPhone 6 von Apple bringen gerade einmal 129 Gramm auf die Waage. Aber mir ist es eh ein Rätsel, aus welchem Grund es unbedingt ein Vorteil sein soll, möglichst leichte Smartphones mit sich zu führen. Mir gefällt es, den Preis einer Hardware auch im Gewicht zu spüren – und alles unter 200 Gramm ist für mich absolut in Ordnung. Das mag aber natürlich auch daran liegen, dass ich große Hände habe.

Edel, schön und stark

Doch es gibt nicht nur individuelle Gründe, warum mir das Lumia 930 gefällt. So kann das fünf Zoll große Full-HD-Display mit einer Auflösung von 1920 x 1080 Pixel und damit einer Pixeldichte von 441 ppi punkten. Und dazu fühlt sich das sehr kratzfeste Gorilla Glas auch noch toll an, wenn man mit dem Finger über die leicht gebogenen Kanten streicht. Auch das Gehäuse fühlt sich hochwertig an. Der Alurahmen sieht edel aus.

Die Anschlüsse für Ladekabel und Kopfhörer sind perfekt integriert. Um die Simkarte einzulegen, bedarf es keiner kleinen Nadel, die Schublade lässt sich einfach herausziehen. Auf der linken Seite befinden sich die Lautstärketasten, der Powerbutton und der Kameraauslöser.

Nie hätte ich gedacht, dass ich bei einem teuren Smartphone Fan von Kunststoff werden könnte. Doch die Plastikrückseite fühlt sich in meiner Hand toll an – und verleiht dem Gerät ordentlich Grip. Außerdem, ganz pragmatisch, sieht man auf dem Kunststoff keine Fingerabdrücke. Über die Wahl der Farben lässt sich allerdings streiten: Das Lumia gibt es in den Standardfarben Schwarz und Weiß, aber auch in Orange und Grün.

Der Akku ist mit 2420 mA/h eher gehobenes Mittelmaß – jedenfalls auf dem Papier. In der Praxis musste das Testgerät trotz umfangreicher Nutzung ganz normal über Nacht aufgeladen werden. Apropos aufladen: Das Lumia 930 lässt sich auch kabellos aufladen, sofern man sich das entsprechende Ladegerät dazu kauft. Allerdings dauert diese Methode deutlich länger als mit dem beigefügten Ladekabel. Außerdem wird der Akku beim Aufladen sehr warm. Okay, das mag im Winter ganz praktisch sein – so hat man ruckzuck einen Taschenwärmer.

Ein paar Mankos im Detail

Und leider setzt Nokia auf einen festverbauten Akku. Lässt die Kapazität also irgendwann einmal nach, muss man das Gerät für einen Batteriewechsel einschicken. Außerdem lässt sich der mit 32 Gigabyte relativ großzügige Speicher nicht per SD-Karte erweitern. Das gibt möglicherweise nicht nur ein Kapazitätsproblem, sondern erschwerte es mir auch, Filme und Musik auf das Gerät zu übertragen. Beim Lumia 1520 konnte ich einfach eine Speicherkarte mit meinen Lieblings-Alben bestücken – beim 930 brauche ich dafür eine Verbindung zum Computer.

Auch die weiteren Spezifikationen sind zwar nicht schlecht, für ein Flaggschiff-Modell allerdings eher gehobenes Mittelmaß: Als Prozessor dient ein Quad-Core Snapdragon 800 mit 2,2 GHz, der Arbeitsspeicher ist mit zwei GB RAM ebenfalls eher durchschnittlich. Aber, und das muss klar sein, auch das ist völlig ausreichend. Es kommt halt nicht immer darauf an, die möglichst beste Hardware zu bauen, es kommt eben auch darauf an, was man damit macht. Beim Lumia vermisst man in keinem Moment einen schnelleren Prozessor, bei keiner Anwendung kommt es zu einer Verzögerung. Selbst umfangreiche Spiele laufen äußerst flüssig.

Kamerafunktion mit viel Licht – aber auch mit Schatten

Doch das Lumia 930 will ja nicht nur ein Smartphone sein, es soll auch Kompaktkameras überflüssig machen. Dafür hat Nokia der Kamera des Boliden einen Chip mit 20 Megapixel spendiert. Das Resultat sind zwar detailreiche Fotos, doch im Vergleichstest mit anderen Smartphones konnte die Qualität nicht immer überzeugen. So stellte CURVED-Kollege Jan fest, dass die Farbwerte bei den Nokia-Aufnahmen häufig von der Realität abwichen.

Mir persönlich genügt die Qualität, da ich meine Smartphone-Fotos eh mit Apps wie Fotor direkt auf dem Windows Phone bearbeite, bevor ich sie per E-Mail oder WhatsApp verschicke oder bei Facebook hochlade. Und mehr mache ich nicht mit Smartphone-Fotos. Für mich bleibt allerdings unverständlich, warum Nokia nicht eine gute Kamera-App entwickelt hat, die alle möglichen Funktionen vereint, sondern, dass ich zum Beispiel für Selfies oder Panorama-Aufnahmen weitere Apps herunterladen musste.

Sehr schön ist der dezidierte Kamerabutton an der Gehäuseseite: Ein Druck genügt, und die Fotoapp startet, mit einem weiteren Druck ist das Foto im Kasten – und lässt sich von der bereits installierten oder herunter gelandenen Software bearbeiten.

Endlich klappt's mit der Software

Überhaupt die Software: Die Integration von Windows Phone wirkt auf dem Lumia 930 wie aus einem Guss. Na klar, entweder man mag den Kachellook des Betriebssystems, oder man hasst ihn. Mir gefällt die Optik sehr. Zwar kommen die Kachel auf dem sechs Zoll Display des Lumia 1520 noch besser zur Geltung, aber auch auf dem kleinerem Touchscreen haben sie durchaus ihren Reiz.

So kann ich meine Lieblingsapps in verschiedenen Größen darstellen und werde dann in einigen Anwendungen über eingehende Nachrichten oder Wetterdaten informiert. Bei Maxdome werden mir zum Beispiel Szenebilder aktueller Inhalte angezeigt, und je nach Größe der Kachel sehe ich bei Skype oder der Telefonfunktion entweder die Anzahl der verpassten Nachrichten oder sogar, von wem die Nachricht stammt.

Da wie bei der Konkurrenz endlich auch ein Benachrichtungsfenster erscheint, sobald ich mit dem Finger von oben über den Bildschirm wische, vermisse ich auch sonst nichts mehr bei der Nutzung des System. Und auch bei der Software zahlt sich die Allianz von Microsoft und Nokia aus: So kann ich von Microsoft die Clouddienste und ein vollständiges Office-Paket nutzen, von Nokia steht wir wiederum die sehr gute (Offline-)Navigation "Here Drive +" zur Verfügung. Auch die Musikdienste der Finnen sind integriert - gleich neben den ähnlichen Xbox-Services von Microsoft. So kann ich das Gerät aus der Verpackung nehmen und gleich nutzen, ohne weitere Software installieren zu müssen.

Für mich ist das Lumia 930 nicht nur eines der besten Geräte, die Nokia je hergestellt hat, es zählt meines Erachtens zu den besten Smartphones, die man derzeit kaufen kann. Da für mich das Betriebssystem immer unwichtiger wird und ich meine persönlichen Daten dank Cloud-Konten schnell auf andere Systeme übertragen kann, zählt für mich nur der Nutzungs-Komfort – und der ist beim Lumia 930 voll gegeben.

Gelungenes Finale nach langer Irrfahrt

Es mag sein, dass ich Nokia-Produkten gegenüber von je her sehr wohlwollend eingestellt bin. Als das Betriebssystem Symbian noch das Maß aller Dinge war, steckte viele Jahre ein Handy aus Finnland in meiner Tasche. Noch immer weine ich ein wenig dem 8210 hinterher. Das innovative, aber völlig unpraktische 7280 habe ich seinerzeit geliebt, und das 8110 wird für nicht nur dank seiner Hauptrolle in "Matrix" mich immer Science-Fiction-Telefon bleiben.

Ja, Nokia hat mich viele Jahre begleitet – bis der Konzern den Anschluss verpasst hat. Als das erste iPhone erschien, machten sich einige Nokia-Designer noch lustig über die Touchscreen-Bedienung. Sie haben damals nicht verstanden, dass dort gerade etwas wirklich Neues und Innovatives passiert. Später versuchten sie, das träge Symbian-System auf den großen Schirm zu bringen – ein Fehlschlag. Die ehemals treuen Kunden wechselten schneller zu anderen Herstellern, als man Nokia buchstabieren konnte. "Connecting People"? Nicht mehr mit Nokia. Finnlands Premierminister Alexander Stubb spricht gar davon, dass das iPhone Nokia gekillt habe.

Wie auch immer: Der Wechsel zum Microsoft-Betriebssystem Windows Phone hat Nokia gut getan, auch wenn die Resonanz bei Kunden eher mäßig war. Endlich hatten die Geräte eine Software an Bord, die auf großen Bildschirmen funktionierte. Dennoch rutschte mit dem Wechsel der einstige Marktführer in der Gunst der Käufer ab, Unternehmen wie Apple, Samsung, LG und Sony zogen an Nokia vorbei. Ein Abstieg, der in der Übernahme durch Microsoft mündete. Ein Grund für den Fehlstart war sicher die eher mangelhafte Verfügbarkeit von Software im hauseigenen App Store.

Auf die Hardware kommt es an

Doch das ist Schnee von gestern. Die wichtigsten Apps stehen zur Verfügung – und falls nicht, gibt es tolle Alternativen. Windows Phone hat sich zu einem soliden Betriebssystem entwickelt. Und für Microsoft ist es ein kluger Schachzug gewesen, sich Nokia einzuverleiben, schließlich können in Redmond künftig Hardware und Software aus einer Hand produziert werden. Dass dies eine gute Idee ist, zeigt Apple eindrucksvoll. Aber so gut die Software auch sein mag – gemessen wird man an der Hardware. Und in dieser Disziplin hat Nokia zum Abschied noch einmal eine Punktlandung hingelegt.

Warum es dieses Smartphone dennoch nicht in meine Tasche geschafft hat, habe ich kürzlich in einem Vergleichstest aufgeschrieben. Aber das war eine ganz persönliche Entscheidung, die nicht gegen das Lumia 930 gerichtet war. Würde meine restliche Hardware und die technische Infrastruktur bei mir zu Hause besser zu Windows Phone passen – das Lumia 930 wäre meine erste Wahl.

Update
Irrtümlich stand in einer älteren Fassung des Artikels ein falsches Gewicht beim Sony Xperia Z3 Kompakt. Wir haben diese Fehler korrigiert.


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