iOS 9 und OS X El Capitan: Politik der kleinen Schritte

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iOS, OS X, Android und Chrome scheinen derzeit an einem vorläufigen Endpunkt ihrer Entwicklung angekommen zu sein.
iOS, OS X, Android und Chrome scheinen derzeit an einem vorläufigen Endpunkt ihrer Entwicklung angekommen zu sein.(© 2015 Apple)

Die Keynotes der beiden großen Entwicklerkonferenzen von Google und Apple sind gelaufen – gebracht haben I/O und WWDC aus Konsumentensicht im Jahr 2015 nur kleine Optimierungen der jeweiligen Betriebssysteme. iOS, OS X, Android und Chrome scheinen damit vorerst an einem vorläufigen Endpunkt ihrer Entwicklung angekommen zu sein. Die wichtigeren Themen sind Zusatzservices zum Bezahlen, Suchen und Musik gewesen.

Mancher Historiker bezeichnete das Ende des Kalten Krieges und den Wegfall des existenzbedrohenden Konfliktes zwischen Ost und West als Ende der Geschichte – was sollte die Menschheit fortan noch bewegen, was sollte sie motivieren, wenn der ewige Überlebenskampf entfällt. Dass dieses Theorem ein wenig kurz gedacht war und spätere Entwicklungen nicht korrekt voraussagte, macht es heute selbst zu einer Fußnote der weiterhin andauernden Geschichte.

Und dennoch ist man geneigt, ob der Ergebnisse der Google I/O und der WWDC erneut ein vorläufiges Ende der Tech-Geschichte auszurufen: Das des ewigen Wettbewerbs zwischen Apple, Microsoft und Google auf dem Sektor der Desktop-/Laptop- und mobilen Betriebssysteme. Es scheint, als hätten sich nunmehr alle Akteure darauf geeinigt, dass es eine Richtung gibt, in die fortan in kleinen Schritten entwickelt und optimiert wird – ganz große Innovationen sind nicht mehr nötig oder derzeit schlicht nicht mehr möglich. Und dass die Konkurrenz zuweilen eben gute Ideen und Produkte hat, die man übernehmen kann, sollte oder sogar muss. Gestern Abend, auf der Keynote der WWDC ist überdeutlich geworden, dass das inzwischen auch für Apple gilt.

Siri will wie Google Now sein, El Capitan bringt Windows-Features

Nein, ich möchte an dieser Stelle Apple nicht vorwerfen, sich dreist bei Android oder Windows bedient zu haben – sondern im Sinne des im letzten Absatz postulierten, dass auch OSX 10.11 und iOS 9 dadurch besser werden, dass sie Funktionen übernehmen, die an anderer Stelle gut funktionieren und die Usability steigern. Ganz so wie es Google und Microsoft ja auch tun.

Ob das aufgebohrte Siri es mit Google Now und vor allem dem kommenden Now on Tap-Feature von Android M wird aufnehmen können, ist fraglich – aber Apple hat erkannt, dass es in dieser Disziplin an Google und Android dran bleiben muss und Siri diverse Features spendiert, die Google Now bereits offeriert. Dass darüber hinaus an der Akkulaufzeit geschraubt wurde und Multi Window- respektive Splitscreen-Funktionalitäten Einzug in das mobile OS halten, ist eben kein simples "Abschauen bei Android", sondern ein Erkennen und Konsolidieren dessen, was Tablet- und Smartphone-Nutzer benötigen.

Gleiches gilt für die neue OS X-Version, die mit "El Capitan" zwar einen von Tim Cook erläuterten – es handelt sich um einen Monolith im Yosemite Nationalpark –, aber dennoch auf den ersten Blick ungewöhnlichen Namen erhalten hat. Nur auf den ersten Blick allerdings, denn verstehen wir OSX 10.11 als eine Betriebssystemversion, die aus Yosemite entspringt, die darauf aufbaut, dann macht die namentliche Verortung "innerhalb" des Vorgängers Sinn.

Schlussendlich bringt El Capitan dann auch nur ein paar kleine Neuerungen für Safari, das Mail-Programm, die Spotlight-Suche und Mission Control. Einige neue Funktionen kamen Windows-Nutzern bekannt vor, andere sind schon lange Teil des Chrome-Browsers. Dass das coolste neue Feature der beim Hin- und Herwackeln größer werdende Mauszeiger ist und dass die wichtigsten Verbesserungen eher unter der Haube hinsichtlich der Performance und durch den Umstieg von OpenGL auf Metal stattfinden, steht sinnbildlich für die erwähnten kleinen Schritte hin zur optimalen User Experience.

Nichts anderes tut Google

Blicken wir zurück auf die Google I/O vor anderthalb Wochen, dann sehen wir, dass auch damals kein Revolutionsbeben durch das Moscone Center gefahren ist: Ein bisschen Politur für Android gab es, eine tolle neue Foto-App für alle – und hier spannt sich ein Bogen zu Apples Music-Dienst, der auch für Android und Windows erscheinen wird –, eine viel versprechende Erweiterung von Google Now und kleine Optimierungen hinsichtlich der Akkulaufzeit. Der Rest fand auf Nebenschauplätzen statt und umfasste vorsichtige Erweiterungen von Android Wear, Android Auto und Vorstöße ins Internet der Dinge und die Virtual Reality. Auch Apple hat mit Music eher einen Nebenschauplatz bespielt und CarPlay sowie die Apple Watch vom iPhone gelöst. Daneben scheint Microsoft in den kommenden Wochen mit Windows 10 geradezu ein Innovationsfeuerwerk abfeuern zu können – auch wenn Redmond eigentlich ja nur versucht, Anschluss zu halten.

Der einzige bemerkenswerte Unterschied zwischen Apple und Google, der auf der Keynote mehrfach zu hören war – so häufig, dass es nahe liegt zu vermuten, das sei Cupertinos eigentliches Pfund gegen Google –, ist das Versprechen der "privacy" gewesen: Die Apple-Keynote-Speaker wurden nicht müde zu betonen, dass sämtliche von den neuen Betriebssystemen erfassten Nutzerdaten beim Nutzer bleiben oder maximal zur Optimierung der Nutzererfahrung an die eigenen Server gesendet werden – nie aber, um sie zum eigenen Vorteil oder gar Profit zu sammeln und zu speichern. Es ist keine Erklärung vonnöten, gegen welche Datenkrake dieses Unterscheidungsmerkmal gerichtet sein soll. Fraglich ist, inwiefern dass das Gros der Nutzer abseits vom affekthaften Datenschutz-Lamentieren in den sozialen Netzwerken wirklich interessiert.

Die nächste Revolution wird nicht aus dem Betriebssystem kommen

Kurz nach der gestrigen Keynote kam zwischen uns CURVED-Redakteuren die Frage auf, ob unsere Smartphones und Laptops vielleicht einfach schon zu viel können – was bitte sollen Apple, Google und Microsoft noch einbauen, wo wir doch jetzt schon nur einen Bruchteil der Features regelmäßig nutzen. Was, außer dem Optimieren und Verbessern der Nutzererfahrung benötigen wir wirklich noch? Eigentlich nicht viel – aber weil wir eben Menschen der Ersten Welt sind und ständig bespaßt und unterhalten werden möchten, erwarten wir jedes Mal aufs Neue die großen Entwicklungssprünge, die schicke neue Optik, das nächste Killerfeature. Nicht die Hersteller erleben eine Innovationsflaute, wir haben ein Erwartungs- oder gar Langeweileproblem!

Aber weil auch die Akteure dieser Hersteller Menschen der Ersten Welt sind, die uns verstehen und unsere Aufmerksamkeit wollen, werden sie nicht müde werden, weiterhin zu versuchen, uns vom Hocker zu hauen. Die nächste Revolution wird kommen – nur eher nicht aus der Software. Schauen wir uns an, woran Google gerade mit Project Soli arbeitet, dann scheint die Art und Weise, über die wir unsere Technik bedienen, ein viel versprechendes Feld zu sein.

Eines ist aber auch klar: Weil wir verwöhnte Menschen der Ersten Welt sind, wird uns kaum noch etwas in dem Maße begeistern, wie es einst das erste iPhone getan hat. Die Zeiten sind vorbei, diese Unschuld haben wir ob des rasenden Entwicklungstempos der letzten Jahre verloren. Schade eigentlich.


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