Love me, Tinder! Eine Woche App-Dating im Selbstversuch

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Tinder zählt weltweit zu den beliebtesten Dating-Apps
Tinder zählt weltweit zu den beliebtesten Dating-Apps(© 2014 Tinder, CURVED Montage)

Was macht eigentlich die Faszination der Dating-App Tinder aus? Um das auszuprobieren, zappte sich CURVED-Redakteur Gerd Blank eine Woche lang durch hunderte Menschenbilder. Ein Erfahrungsbericht.

Eines muss ich vorausschicken: Ich bin weder Single, noch suche ich eine Affäre. Und dennoch habe ich mir mal angeschaut, was die Dating-App "Tinder" so erfolgreich macht. Denn das kann man auch so schon sagen, bevor auch nur ein potenzieller Partner auf dem Smartphone-Display erscheint: Man ist nicht allein. Katy Perry hat einen Account, Lindsay Lohan ebenfalls. Und während der Olympischen Winterspiele gehörte es unter Sportlern zum guten Ton, sich via Tinder zu verabreden. Genaue Zahlen nennen die Betreiber zwar nicht, aber Studien legen nahe, dass Tinder weltweit mehr als 600 Millionen Mitglieder hat. In Deutschland sind angeblich schon eine Million Nutzer dabei. Der Baustein des Erfolgs ist die smarte Idee, Menschen in der näheren Umgebung mit ähnlichen Interessen finden zu können.

Allerdings sind nicht alle Nachrichten über Tinder wirklich so positiv wie die Nutzerzahlen, denn nicht nur einsame Herzen nutzen die Plattform. Berichte über Stalkingopfer werfen einen Schatten auf das Erfolgsmodell. Und als dann auch noch der Tinder-Gründer wegen sexuellen Übergriffen angezeigt wurde, sorgte das für negative Schlagzeilen. Inzwischen ist zwar klar, dass es sich bei der Klägerin um seine Ex-Freundin handelt, aber ein Geschmäckle bleibt. Dennoch scheint Tinder inzwischen für viele Nutzer die beste Methode zu sein, andere Menschen kennen zu lernen. Und zwar nicht nur Partner, sondern einfach nur neue Freunde. Um mal auszuprobieren, wie einfach das wirklich geht, habe ich mir die App also aufs Smartphone geladen.

Die kostenlose Tinder-App gibt es im App Store für iPhones und bei Google Play für Android-Smartpones. Die Anmeldung geht flott von der Hand, da ich mich mit meinem Facebook-Profil verbinde. Verbinden muss, denn eine Alternative bietet mir die App nicht an. Will ich also den Service nutzen, muss ich gleichzeitig den Zugriff auf einige persönliche Daten gestatten. Leider erfahre ich nicht, was Tinder mit diesen Daten anstellt. Ein kleiner Info-Screen soll mich beruhigen: Tinder poste nichts auf Facebook, heißt es da. Und mein genauer Standort werde anderen Nutzern auch nicht verraten. Aber sobald ich "Mit Facebook anmelden" klicke, erfahre ich, dass Tinder auf meine "Gefällt mir", Fotos, Profilinfos, Beziehungsinteressen und meine Status-Updates zugreift. Normalerweise wäre das für mich der Zeitpunkt, die App wieder zu löschen. Aber für den Test wage ich den Schritt und gebe meine Erlaubnis.

Wünsch Dir was

Tinder erstellt nun automatisch ein Konto mit Bildern aus meinen Facebook-Profil. Allerdings kann ich die schnell wechseln, schließlich möchte ich nicht sofort erkannt werden. Außerdem werde ich nach meinem Alter gefragt – das kann ich später nicht mehr ändern. Eigentlich bin ich jetzt fertig, kann aber noch eine Selbstbeschreibung hinzufügen. Aber was soll ich schreiben? "Ich bin nicht auf der Suche und guck mich nur um"? Ich lasse das entsprechende Feld einfach frei. Allerdings wähle ich meine Präferenzen aus: Suche ich Männer oder Frauen, in welchem Radius soll Tinder für mich nach passenden Mitgliedern suchen? Und wie alt sollen sie sein. Da ich mal schauen will, ob sich Bekannte oder Kollegen angemeldet haben, wähle ich einen Umkreis von 150 Kilometern und suche erst einmal Frauen im Alter zwischen 30 bis 50. Fertig.

Jetzt könnte ich schreiben, dass ich entsetzt bin von der Methode. Oder dass ich es für geradezu unanständig finde, Menschen durch einen kurzen Blick auf das Foto auszuwählen – oder zu entsorgen. Denn nichts anderes muss ich machen. Ich bekomme immer nur ein Profil zur Zeit angezeigt. Will ich das nächste sehen, muss ich das Foto entweder nach links in den Papierkorb, oder nach rechts in meine Favoritenliste schieben. Das Prinzip erinnert mich an die Frühzeit des Internets, als Webseiten wie "Hot or Flop" nach dieser Methode die Präferenzen der Nutzer ermittelten.

Aber bei Tinder geht es nicht um irgendwo im Internet gefundene Bilder, sondern um echte Menschen.

Das ist auch der Grund für die Facebook-Anbindung. So garantiert mir Tinder, dass es sich nicht um Fake-Profile handelt. Außerdem zeigt mir die App, ob man gemeinsame Facebook-Freunde und Interessen hat.

Doch dieses Prinzip hat durchaus seinen Reiz. Also wische ich fleißig, mal nach links, mal nach rechts, immer wieder und vor allem immer schneller. Ich fühle mich ein wenig wie beim Einkaufen. Diese Jacke ist schön, diese nicht, diese ja – oh, zu spät, falsche Seite. Denn habe ich mich einmal für eine Seite entschieden, kann ich das nicht mehr rückgängig machen. Überhaupt kann ich gar nicht noch einmal checken, ob die Wahl gut oder schlecht war. Erst, wenn sich eine meiner Kandidatinnen auch für mein Profil interessiert, erscheint ihr Gesicht wieder auf meinem Display. Aber obwohl ich mich bestimmt für 100 Profile entschieden habe, ist meine Favoritenliste leer. Tja, mit meinen 45 Jahren und ohne Profilbild ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass mich irgendjemand nach rechts wischt. Also ist ein wenig Tuning angesagt. Ein älteres Foto aus dem Urlaub rein, dazu ein Bild von meinem Hund und ein paar Interessen ins Profil geschrieben – und tatsächlich: Ein paar Damen finden mich offenbar interessant.

Ein Augenblick entscheidet

Das ist natürlich quatsch, denn interessant werde ich bestimmt nicht, weil ich ein gutes Foto von mir veröffentlicht habe. Aber dennoch kitzelt es mein Ego, dass ich auserwählt wurde. Jetzt wird es smart: Haben sich beide Seiten favorisiert, kann der Chat beginnen. Und da unterscheidet sich Tinder nicht von anderen Messengern, Nachrichten können hin und her geschickt werden. Mit einer Ausnahme, Fotos lassen sich nicht direkt versenden. Lade ich ein Bild hoch, können es alle mit mir vernetzten Tinder-Mitglieder sehen – aber nur für 24 Stunden. Und jedes Foto kann geliked werden. So muss man noch nicht einmal miteinander sprechen, um sein Gefallen auszudrücken.

Diese Mischung aus Anonymität und offener Selbstdarstellung ist schon sehr faszinierend. Tatsächlich erfahre ich nicht, wo meine potenziellen Gesprächspartner wohnen, lediglich die Entfernung zwischen uns wird angezeigt.

Niedere Instinkte

An dieser Stelle eine kleine Entschuldigung: Ich habe in meinem Profil nicht eingetragen, dass ich nur bei Tinder recherchiere. Auch einer Dame, mit der ich ein wenig gechattet habe, verriet ich das erst kurz bevor ich mich abgemeldet habe. Sicher, das ist kein guter Stil. Aber gegen das, was ich von ihr über andere Mitglieder gehört habe, ist das nicht mal ein Kavaliersdelikt. Denn tatsächlich nutzen einige Männer diesen Dienst vor allem, um sich eine kurze Affäre zu suchen. Gerne auch mit expliziten Wünschen und Bildern. Sogar von Stalking war die Rede. Aber meine Gesprächspartnerin berichtete auch von schönen Begegnungen mit fremden Menschen, mit denen sie, rein freundschaftlich, auch außerhalb von Tinder noch Kontakt hat.

Für mich ist dieser Dienst nichts, und das nicht nur, weil ich in einer glücklichen Beziehung lebe. Einen Menschen nur einen Augenblick meiner Aufmerksamkeitsspanne zu schenken und mich dann für "Hot oder Flop" zu entscheiden – das entspricht nicht meinem Naturell. Ich gucke gerne ein zweites Mal hin. Denn was sagt schon ein Foto über einen Menschen aus? Erfahre ich etwas über den Charakter? Höchstens vielleicht, durch die Auswahl des Bildes. Aber, da bin ich wieder froh über mein fortgeschrittenes Alter, Bilder können auch lügen.

Bekannte Gesichter und neue Freunde

Aber ich muss ehrlich sein: Natürlich ist Tinder faszinierend. Einerseits, weil es so viele Nutzer gibt, die rasend schnell vor meinen Augen vorbeiziehen. Andererseits habe ich darunter tatsächlich ein paar bekannte Gesichter entdeckt – auch welche, von denen ich weiß, dass sie keine Singles sind. Es ist klar, warum Tinder so populär ist: der Service ist kostenlos, funktioniert schnell und nutzt das Smartphone perfekt als Kontakthof für die Hosentasche. Privater geht es kaum. Kein Wunder, dass diese Idee aufgegriffen wird: Andere Apps wie "Lovoo" und "Happn" bieten inzwischen ähnliche Funktionen. Ganz klar: Die Partnersuche via Smartphone liegt im Trend, worunter herkömmliche Online-Portale sicher leiden. Kein Wunder, dass der Wert Tinders mittlerweile auf mehr als 500 Millionen Dollar taxiert wird – und wahrscheinlich ist das noch vorsichtig geschätzt.

Es ist kaum vorstellbar, das Tinder so schnell wieder in der Versenkung verschwindet. Gerade die schnelle Entscheidung, ob man jemanden sympathisch findet, hat durchaus ihren Reiz und durch die Facebook-Anbindung fügt sich der Dienst nahtlos in mein digitales Leben ein. Die schnelle Entscheidung, ob jemand interessant ist oder nicht, entspricht komplett dem Mediumkonsum vor allem junger Smartphone-Besitzer. Die Aufmerksamkeitsspanne schwindet, man zappt sich durch Menschenbilder wie durch Nachrichten. Und manchmal, wenn man Glück hat, bleibt man dann doch an der richtigen Person hängen. Und das ist dann vielleicht doch wieder wie im wahren Leben. Für mich allerdings genauso wahr, wie die Wahrscheinlichkeit, zufällig Katy Perry zu treffen.

Schneller Abschied

Kann ich Euch Tinder also empfehlen? Nur eingeschränkt. Es nervt, dass Tinder Zugriff auf meine Facebook-Daten bekommt und mir keine alternative Anmeldung ermöglicht. Dafür ist der Dienst kostenlos und mit ein wenig Geduld lernt man sicher jemanden kennen. Zumindest virtuell. Aber für mich ist das nichts, Tinder ist wieder von meinem Smartphone verschwunden. Ich bin dann halt doch altmodisch und möchte auf die Frage "Wo habt Ihr Euch kennengelernt?" nicht sagen müssen: "Bei Tinder!" Dann schon lieber "Bye, bye Tinder!"


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