"Resident Evil 2" im Test für die PS4: Der neue Standard

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Der Horror ist zurück in Racoon City: Resident Evil 2 ist besser denn je.
Der Horror ist zurück in Racoon City: Resident Evil 2 ist besser denn je.(© 2019 Capcom)

Über 20 Jahre ist "Resident Evil 2" mittlerweile alt. Doch anstatt das alte Spiel einfach in HD-Grafik zu remastern, um schnell ein paar Euro damit zu verdienen, hat sich Entwickler Capcom drei Jahre Zeit gelassen. Drei Jahre, um "Resident Evil 2" von Grund auf neu zu entwickeln. Drei Jahre, um Grafik, Sound und Steuerung nicht bloß an heutige Gewohnheiten anzupassen, sondern einen neuen Standard zu definieren.

Beim ersten Start von "Resident Evil 2" zeigt mir das Spiel zwei Symbole in unterschiedlichen Helligkeitsstufen. Über einen Schieberegler soll ich die Helligkeit so weit runterstellen, bis das linke Symbol hinter dem Schwarz verschwindet. Hätte ich gewusst, was mich im Spiel erwartet, ich hätte auch das rechte Symbol verschwinden lassen. Denn was Capcom mit dem Remake zu "Resident Evil 2" an Grusel, Horror und Schockmomenten aus dem Klassiker hervorbringt, sucht seinesgleichen. Euch lief bei "Spuk in Hill House" auf Netflix so richtig schön der Angstschweiß den Rücken runter? Dann ist "Resident Evil 2" genau euer Spiel!

Gruselig ab der ersten Sekunde

An der Story selbst hat Capcom zum 1998er-Original keine Veränderungen vorgenommen. Weiterhin verschlägt es unsere zwei Protagonisten, Leon und Claire, aus unterschiedlichen Gründen in die Industriestadt Racoon City. Leon hat gerade die Ausbildung zum Polizisten absolviert und soll sich im örtlichen Polizeirevier zum Dienstantritt melden. Claire ist auf der Suche nach ihrem Bruder Chris Redfield, einem der Protagonisten aus "Resident Evil 1". Vor dem Start entscheide ich mich entweder für Leon oder Claire als spielbaren Charakter. Ihre Erlebnisse in Racoon City unterscheiden sich voneinander, kreuzen sich aber immer wieder. Wer "Resident Evil 2" in Gänze erleben möchte, spielt es also mindestens zweimal.

In der Dunkelheit lauert die Gefahr. Die blinden Licker hören das leiseste Geräusch und sehen besonders unappetitlich aus.(© 2019 Capcom)

Schon der Auftakt, das spielbare Intro, zeigt, dass Capcom den Horror in "Resident Evil" wieder zum Star der Reihe machen will. Wahlweise als Leon oder Claire steuere ich eine scheinbar verlassene Tankstelle an. Ein Polizeiauto mit offener stehender Fahrertür und laufendem Motor deutet an, dass irgendwas nicht stimmen kann. Drinnen stoße ich auf einen am Boden kauernden Verletzten. Ohne ein Wort zu sprechen, weist er mir den Weg ins Lager der Tankstelle. Der kleine Lichtkegel der Taschenlampe reicht gerade zur Orientierung. Am Ende des Ganges nehme ich Kampfgeräusche war. Noch bevor ich die Tür – ohne Ladezeit! – öffnen kann, sorgt die bedrohliche Soundkulisse für Gänsehaut.

Dann geht es plötzlich ganz schnell. Im Hinterzimmer kämpft ein Polizist gegen einen Zombie, wird von ihm überrumpelt und in blutiger Nahaufnahme in den Hals gebissen – so schonungslos war die Reihe bislang nicht. Kurz darauf wankt der Untote auf mich zu – und zwar wesentlich schneller als im Original. Drei gezielte Schüsse in den Kopf bringen den Angreifer kurzfristig zu Fall. Genügend Zeit, um die Flucht zu ergreifen. Doch auch der Vorraum ist mittlerweile voll mit Zombies, die Munition aber – serientypisch – viel zu knapp. Im letzten Moment eilt wie aus dem Nichts Leon oder Claire zur Hilfe. Gemeinsam fliehen die beiden Richtung Racoon City, dem Ursprung des Zombie-Virus.

Näher dran dank neuer Perspektive

Schon die wenigen Minuten reichen, um den Ton zu setzen, den "Resident Evil 2" im weiteren Verlauf immer wieder anschlagen wird: eine permanente Bedrohung, der ich nahezu hilflos ausgeliefert bin. Nur in wenigen Momenten gönnt mir das Spiel eine Verschnaufpause – und auch dieses Vertrauen bricht "Resident Evil 2" später unvermittelt.

Schon das Original war gruselig und stimmungsvoll. Doch das Remake fühlt sich an wie ein völlig neues Spiel. Der Wechsel in die Über-die-Schulter-Perspektive erzeugt eine unmittelbare Nähe zu Leon und Claire und wirkt vor allem in den dunklen, engen Gängen beklemmender als die ehemals statischen Blickwinkel, die vielmehr nach Beobachterperspektive wirkten als nach echter Anteilnahme. Nun bin ich es, der Leon und Claire durch die teils stockfinsteren Korridore des Polizeipräsidiums lenkt und ihnen wortwörtlich auf Schritt und Tritt folgt. Die neue, direkte Steuerung ergänzt den Perspektivwechsel und lässt mich Leon und Claire intuitiv lenken. Das ist auch dringend nötig, denn auch die Zombies bewegen sich agiler. Zum Glück müssen die Protagonisten nicht mehr wie im Original stehen bleiben, um schießen zu können.

Wenngleich sich die beiden realistischer bewegen, hat Capcom das Remake um ein paar Aktionen reduziert. So können am Boden liegende Zombies nicht mehr durch einen beherzten Tritt endgültig ausgeschaltet werden. Und auch der befreiende Tritt von Leon aus "Resident Evil 4" hat es nicht ins Remake geschafft – obwohl Steuerung und Perspektive aus Teil 4 entlehnt sind.

Maximale Dunkelheit

In vielen Räumen ist die Taschenlampe die einzige Lichtquelle – fast ein Segen angesichts der angsteinflößenden Zombies, die erstaunlich schnell bedrohlich nahe kommen. Und leider sind die Untoten bei weitem nicht die einzige Gefahr. Die Licker, eine besonders perfide Mutation des ausgebrochenen Virus, können nichts sehen, hören dafür aber jeden Schritt. Sie klettern an Decken, springen mich aus dem Nichts an und sehen richtig, richtig eklig aus. Bei jeder Begegnung hat es mich jedes Mal vom Sofa gerissen, wenn ich aus Versehen zu schnell und damit zu laut gelaufen bin.

Natürlich sind auch alte Bekannte wie Ada Wong im Remake dabei und begleiten uns ein Stück des Weges.(© 2019 Capcom)

Beim ersten Durchlauf bin ich nahezu in jedem Raum direkt nach Betreten kurz stehen geblieben. Wie die ekelhaften Licker habe ich versucht, anhand der Geräusche den Raum zu lesen. Hat da hinten nicht etwas geklappert? Um die Ecke schlurft doch etwas? Oder bilde ich mir das ein? "Resident Evil 2" spielt mit der Wahrnehmung. Das binaurale Sounddesign ist so auf den Punkt, dass mich der Fluchtinstinkt immer wieder zum Weglaufen zwingt. Manchmal klingt es, als stünde der Untote bereits direkt hinter mir. Dann wieder höre ich, wie der Licker direkt über mir an der Decke verharrt und auf ein Geräusch lauert – ich traue mich kaum, den Blick nach oben zu richten. Gut, dass sie meinen Puls nicht hören können. Frei nach Nietzsche: Wenn du lange genug in die Dunkelheit starrst, springt sie dich irgendwann an.

Von der Angst verfolgt

Zu einem späteren Zeitpunkt raubt Capcom dem Spieler schließlich sämtliche Sicherheit. Ohne zu viel spoilern zu wollen, aber sobald der Hubschrauber ins Gebäude kracht, ziehen Pacing und Dramaturgie nochmals ordentlich an. Also ob der Beklemmung nicht vorher schon genug wäre, sind plötzlich nicht mal mehr die Haupthalle und die wenigen Speicherräume ein Refugium.

Mit dem Tyrant, auch Mr. X genannt, hat Capcom in "Resident Evil 2" ein Monster geschaffen, das Horror in Spielen neu definierte, weil es dem Spieler keine Zuflucht gewährt. Mr. X ist eine besonders perfide Mutation des G-Virus, die ihn unbesiegbar macht. Er taucht unvermittelt auf und macht unablässig Jagd auf mich. Als wäre Angst nicht ohnehin schon ein ständiger Begleiter, kommen nun auch noch das Adrenalin und der Zeitdruck hinzu. Weglaufen hilft nur kurzzeitig, denn Mr. X ist mir zwischendurch immer wieder auf den Fersen. In der Ferne höre ich ihn bereits, wie er Türen öffnet, die langen Gänge entlang stapft, immer näher kommt. Die neue Steuerung erlaubt zwar auszuweichen. Um den Verfolger langfristig los zu werden, muss ich ihn aber abschütteln.

Mr. X sieht nicht nur furchteinflößend aus, er verfolgt uns auch unablässig. Als wäre das nicht schlimm genug, ist er auch noch unbesiegbar.(© 2019 Capcom)

Horror, Action, Puzzle

Das funktioniert durch das Lösen von Rätseln – einem weiteren Markenzeichen der "Resident Evil"-Serie. Denn in welcher Polizeistation gibt es bitteschön keine Medaillons, die in eine Statue eingelassen werden müssen, um einen Geheimgang zu öffnen?! Und natürlich lassen sich Türen mit einem Herz-Symbol nur mit einem passenden Herz-Schlüssel öffnen. Das Schloss aufzuschießen wäre wohl zu einfach.

"Resident Evil 2" ist voller Rätsel. Viele davon sind optional und helfen, etwa das knappe Inventar um ein paar Plätze zu erweitern. Andere wiederum gewähren Zugriff auf stärkere Waffen, wie der Schrotflinte (Leon) oder dem Granatwerfer (Claire). Wer möglichst schnell das Ende sehen möchte, kann einen Großteil davon ignorieren, vergibt sich aber auch die Chance, die kniffligen Puzzles samt gut versteckter Hinweis zu entschlüsseln. "Resident Evil 2" ist im Kern Survival-Horror, aber eben auch Puzzle-Spiel.

Apropos stärkere Waffen: Seit Teil 4 hat sich die Reihe immer mehr Richtung Action und weg zum Grusel entwickelt. Mit dem Remake gelingt Capcom der perfekte Spagat. Die klaustrophisch-bedrohliche Atmosphäre bleibt dank gekonntem Einsatz von Licht und Schatten und der beeindruckenden Soundkulisse erhalten. Gleichzeitig sorgt die neue Steuerung für mehr Freiheit bei den Kämpfen. Während man den Zombies anfangs noch tunlichst aus dem Weg gehen sollte, ist es im späteren Verlauf durchaus sinnvoll, sie aus dem Weg zu räumen, da euch das Spiel  immer wieder durch die gleichen Gänge lotst. Außerdem hört es einfach nie auf Spaß zu machen, den Zombies eine ordentliche Ladung Schrot zu verpassen. Gleiches gilt auch für Claires Granatwerfer, der die Zombies in einem fulminanten Feuerball verwandelt. Grafisch ist "Resident Evil 2" einfach eine Wucht. Wer den Horror gerne hochauflösend erleben will, kann "RE 2" übrigens auch in 4K spielen.

Fazit

Alles an "Resident Evil 2" ist neu. Capcom hat sich die Mühe gemacht, ein seinerzeit tolles Spiel in ein großartiges neues zu verwandeln. Klar, nicht alles an "Resident Evil 2" ist geglückt. Die Bosskämpfe etwa sind mechanisch einfallslos und eher nervig als aufregend und nicht jeder wird Freude an der ständigen Bedrohung durch Mr. X haben. Dennoch halte ich "Resident Evil 2" zum jetzigen Zeitpunkt für den besten Teil der Reihe. Und was Remakes als solche betrifft: Capcom hat die Messlatte mit "Resident Evil 2" für alle nachfolgenden Neuauflagen ordentlich hoch gelegt – künftige Remakes werden sich daran messen lassen müssen.

Bei "New Super Mario Bros U Deluxe" hatte ich mich noch geärgert, dass Nintendo für eine unveränderte Neuauflage den Vollpreis verlangt. Bei "Resident Evil 2" wäre ich sogar bereit, nochmals 20 Euro für einen DLC zu bezahlen. Angekündigt ist er bereits. Für den 15. Februar. Und zwar kostenlos!

Und wie schon bei "RE 2" lässt Capcom die Fans entscheiden, ob Teil 3 ebenfalls als Remake erscheinen soll. Ich für meinen Teil würde weitere Remakes der alten Spiele der begrüßen. Hat da gerade jemand "Resident Evil Zero" und "Code: Veronica" gesagt?!

"Resident Evil 2" ist ab sofort für die PlayStation 4, die Xbox One und den PC zu haben und hat eine Altersempfehlung ab 18 Jahren. 


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