Lytro Illum im Test: Die Zukunft in den Händen

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Lytro Illum
Lytro Illum(© 2014 CURVED)

Mit der Illum will das noch junge Unternehmen Lytro das Fotografieren revolutionieren. Ob das gelingt? Der Test zeigt es.

Da ist es, direkt vor mir, ein tolles Motiv. Also Kamera raus, auf den Auslöser drücken – und das Bild ist im Kasten. Doch was, wenn man im unscharfen Hintergrund des Fotos etwas entdeckt? Etwas, was viel eher im Fokus liegen sollte? Eigentlich lässt sich mit herkömmlichen Bildbearbeitungsprogrammen der Fokus nachträglich kaum vernünftig verschieben. Doch mit der Lichtfeldtechnologie der Lytro Illum soll dies künftig möglich sein.

Was hat sich Katrin gefreut, als ich ihr die Illum avisierte. "Wann kommt sie? Kann ich sie übers Wochenende mitnehmen?" Die CURVED-Fotografin konnte ja bereits vor ein paar Monaten einen ersten Blick auf die Lichtfeldkamera von Lytro werfen – und nun wollte sie damit endlich Bilder machen. So riss sie mir das Paket fast aus den Händen. Beim Öffnen der Verpackung dann gleich die erste Enttäuschung. Die vielen schwarzen Kartons, in denen das Zubehör der Kamera verpackt wurde, wirkten irgendwie billig – und das fand sie seltsam. "Für wen ist die Kamera noch mal? Doch nicht für Profis, oder?"

Doch, genau diese Zielgruppe will Lytro mit der Illum ansprechen. Das liegt nicht nur an der Gehäuseform und den Möglichkeiten – schon der Preis von 1.600 Euro wäre für Hobbyfotografen sehr ambitioniert. Allerdings könnte das Versprechen des Herstellers, Bilder lebendig zu machen, auch Laien begeistern. Auch die Hardware überzeugt – auf dem ersten Blick.

Kein Leichtgewicht

Die Illum liegt mit ihren gerade einmal so unter 1000 Gramm schwer in der Hand, das Objektiv ist fest verbaut. Und sie sieht tatsächlich aus wie eine Spiegelreflexkamera – was bei Lytro nicht unbedingt selbstverständlich ist. Denn die erste Lichtfeldkamera des Unternehmens sah noch aus wie ein zu groß geratener Lippenstift mit einem winzigen Display an einem Ende.

Es war ein Versuch, es sollte die Technik demonstrieren. Mit Erfolg: Vor allem Handyhersteller versuchten, dieses System mit der nachträglich regulierbaren Tiefenschärfe in ihre Geräte zu integrieren – mit mehr oder weniger Erfolg. Während HTC in sein One M8 zwei Linsen einbaut, um diesen Effekt zu erzielen, setzen andere auf eine Software-Lösung. Doch kein Unternehmen verbaut die Technik bisher so konsequent in einer Kamera wie Lytro.

Die Illum verfügt über einen gerade einmal 1,2 Zoll großen Chip mit vier Megapixel. Nicht gerade berauschend, die meisten Kompaktkameras, ja selbst Smartphones, haben häufig bessere Werte. Aber für Lytro ist eine andere Maßeinheit viel wichtiger: Megaray heißt die neue Währung, die auf das Lichtfeld-Konzept einzahlt.

Die Illum misst die Farbe, Richtung und Helligkeit des Lichts in der gesamten Umgebung mit 40 Megaray. Dadurch lässt sich die Position jedes Objekts bestimmen. Man muss sich das ein wenig wie ein 3D-Scan des Raumes vorstellen. Alle Informationen wie Abstand der Objekte zueinander und zur Kamera werden gespeichert. Doch das sorgt auch für viel Speicherplatzbedarf: Eine Aufnahme kann so schnall mal 150 Megabyte groß werden.

Auf den Blitzschuh können Stardard-Blitzgeräte geschoben werden, am auffälligsten ist aber der große Touchscreen auf der Gehäuse-Rückseite. Dieser lässt sich in eine Richtung nach oben aufklappen, wodurch die Kamera auch aus einer niedrigen Position gut genutzt werden kann. Leider lässt sich das Display aber nicht so umklappen, dass ich die Kamera in Konzerten über meinen Kopf nutzen könnte. Als Grundlage für das Betriebssystem, das von einem Snapdragon 800 angetrieben wird, dient Android – allerdings ist es in der Bedienung kaum noch wieder zu erkennen.

Dank des Griffes lässt sich die relativ schwere Kamera immer noch gut mit einer Hand halten, damit die andere Hand gleichzeitig stabilisieren und den Zoom- oder Fokusring bedienen kann.

Wir haben ein paar Testaufnahmen mit der Illum gemacht und dann aus den Fotos jeweils zwei Bilder mit unterschiedlichem Fokus herausgerechnet.

Erst mal umgewöhnen

Soweit, so ziemlich normal. Kompliziert wird es erst beim Fotografieren. Denn es genügt nicht mehr ein Auslöser, vorher muss der Raum wie schon beschrieben gescannt werden. Das ist nicht nur für Laien wie mich umständlich, auch Profis wie meine Kollegin Katrin müssen sich erst einmal umgewöhnen. Doch das stört sie nicht: "Das muss ich bei jeder neuen Kamera."

Ganz prima ist die Möglichkeit, den Effekt der verschiebbaren Tiefenschärfe direkt auf den Display zu beurteilen. Allerdings dauert es aufgrund der großen Datenmenge, bis das Bild vom Speicher geladen wird. Und einfach die Speicherkarte auswerfen, in den Computer legen und dann mit seiner Bildbearbeitung zu verbessern, funktioniert nicht. Es muss eine spezielle Software installiert werden.

Kein Wunder, schließlich handelt es sich um "living pictures" – und die brauchen halt eine Extrawurst. Mit der Software "Lytro Desktop" lässt sich dann nicht nur der Schärfepunkt beliebig verschieben, die Bilder können zudem auch noch abgespielt werden. Ja, tatsächlich passt dieser Begriff: Wenn die Schärfe automatisch über das Bild wandert, wirkt es wie eine Kamerafahrt.

Ein ganz hübscher Effekt – der mir aber eigentlich nur auf dem Computer etwas bringt. Will ich das Bild verschicken, muss ich es erst auf den Lytro-Server hochladen und kann dann den entsprechenden Link an Freunde weiterleiten – die das Bild dann auf eben diesen Servern anschauen können. Oder sie haben die Viewer-Software für Lichtfeld-Bilder installiert, dann könnte ich ihnen auch einen USB-Stick mit den Aufnahmen geben – für den E-Mail-Versand sind die Dateien einfach zu groß.

In einer Demo, die ich mir im Sommer bei uns der Redaktion anschauen durfte, wurden mir fantastische Aufnahmen von professionellen Fotografen gezeigt, die das ganze Potenzial der Lytro demonstrieren sollten. Sportaufnahmen, Modeshootings, Familienfeiern in toller Qualität und gestochen scharf, in die man fast hineingleiten konnte.

Allerdings entstanden diese Aufnahmen nicht locker aus der Hand. Sie waren perfekt ausgeleuchtet, die Vorbereitungen dafür waren sicher immens. Denn als wir bei uns im Studio mit Kunstlicht oder auf der Tür mit Tageslicht mit der Kamera gearbeitet haben, waren wir mit dem Ergebnis nicht immer zufrieden. Mal waren die Bilder nicht wirklich scharf – selbst nach der nachträglichen manuellen Refokussierung. Mal wirkten einige Details pixelig und ausgefranst.

Auch die Kamerafahrten überzeugten nicht wirklich: In vielen Fällen war die Animation holprig und dunkle Flächen wirkten in der Bewegung wie früher das TV-Bildrauschen nach Sendeschluss. Rechnet man sich zudem aus der Datei ein 2D-Foto herunter, ist die Bildqualität letztendlich nicht wirklich für den Ausdruck geeignet – jedenfalls nicht im Großformat für den Bilderrahmen über der Wohnzimmercouch.

Die Illum ist kein Ersatz für einen herkömmlichen Fotoapparat, sondern eher eine Internet-Kamera, die lustige Bilder für Webseiten oder multimedial Diashows auf iPad oder Computer macht. Hierfür reicht die Qualität allemal – auch wenn nicht jedes Foto wirklich in allen Bereichen scharf ist. Aber der Effekt ist cool. Allerdings ist es auch umständlich, die Fotos einzubauen. Für die eigene Webseite brauche ich ein spezielles Plug-in, will ich das bewegte Bild auf Facebook posten, muss ich den Umweg über den Lytro-Server gehen.

Auch hat es mir Spaß gemacht, die Illum per Wlan mit meinem iPhone zu verbinden und so die Lichtfeldfotos direkt auf dem Retina-Display zu betrachten und die Schärfe per Fingerzeig zu verändern. Ich hätte die Fotos über diesen Weg auch direkt von der Kamera auf den Lytro-Server hochladen können. Nur leider wurde die Verbindung häufig getrennt. Außerdem konnte ich keine Kommentare per iPhone zu den Bilder eintippen – die Tastatur verschwand bei jedem Versuch. Und aus welchen Grund die Illum nur mit einem iPhone kommunizieren kann, bleibt wohl ein Rätsel – ich hätte mir auch eine Android-App gewünscht.

Netter Versuch, teurer Spaß

Tja Lytro, mit der Revolution wird das noch nichts. Das ganze Konzept wirkt noch immer wie ein Betatest und nicht wirklich ausgereift. Die Technik selbst kann mich zwar begeistern – aber noch verstehe ich nicht den Anwendungszweck, wenn ich die Bilder beispielsweise nur sehr umständlich mit meinen Freunden oder Familienmitglieder teilen kann.

Auch hätte ich mir bei dem Preis eine deutlich bessere Bildqualität gewünscht, die nicht nur auf Smartphone- und Computer-Displays gut aussieht. Wer sich um Geld keine Sorgen machen muss und immer jedes neue Gadget sofort ausprobieren will, sollte die 1.600 Euro nehmen und mit der Illum herumspielen. Allen anderen sollten noch ein wenig warten, bis sie sich eine Lichtfeldkamera zulegen, denn noch steckt diese Technologie in den Kinderschuhen.

Auch für Profis ist es nicht unbedingt ratsam, auf die Lytro zu setzen, zumindest nicht als alleiniges System. Es wäre eher eine Ergänzung, um damit eine neue Bildsprache zu entwickeln. Doch für die perfekte Gestaltung der Aufnahmen braucht es viel Zeit, Fotografen müssen dafür fast filmisch denken und die Bilder entsprechend inszenieren. Aber dann könnte es möglicherweise ein toller Apparat sein, um damit interaktive Fotos für Touch-Devices zu produzieren. Es wäre schon spannend, wenn man als Leser quasi in die Artikelbilder eintauchen könnte.

Aber vermutlich, so wirkt es jedenfalls, will sich Lytro vor allem für eine Übernahme oder den Verkauf von Patenten schick machen – und musste deshalb ein fertiges Produkt entwickeln. Denn spannend könnte es werden, wenn traditionelle Kamerahersteller die Lichtfeldtechnologie in ihre eigenen Systeme integrieren, zum Beispiel in den Objektiven. So ließe sich der Effekt auf Knopfdruck zuschalten, aber auch wieder deaktivieren, falls man "normale" Bilder aufnehmen möchte.

Aber ich bleibe dabei, was ich beim ersten Hands-on gedacht habe: Die Lichtfeldtechnologie wird die Art des Fotografierens verändern. Irgendwann. Nur eben noch nicht sofort mit der Illum.

 


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