Razer Phone im Test: das Gamer-Smartphone [mit Video]

"Insane" war während der Keynote zum Razer Phone Min-Liang Tans Lieblingswort. Wie einen Refrain wiederholte der Razer-CEO das englische Wort für "verrückt" in verlässlicher Regelmäßigkeit. Dabei ist das Razer Phone vieles, aber sicher nicht verrückt. Wir haben das erste waschechte Gamer-Smartphone getestet.

Dass Razer an einem Smartphone arbeiten würde, war eigentlich keine Überraschung. Gerüchte dazu hielten sich hartnäckig und wurden spätestens mit dem Aufkauf von Nextbit, den Herstellern des Robin-Phones, konkret. Letztlich war es also nur eine Frage der Zeit, bis Razer die ersten Ergebnisse dieser Akquise präsentieren würde. Spannender war vielmehr die Frage, was für ein Smartphone sie entwickeln würden.

Die erste Erkenntnis: Es sieht beinahe identisch aus zum Robin. Kein Wunder, schließlich hatte Razer auch die Entwickler und Designer von Nextbit übernommen. Allerdings besteht das Gehäuse beim Razer Phone aus wertigem Aluminium, kommt komplett in edlem Mattschwarz daher und fällt zudem wesentlich größer aus. 5,72 Zoll misst der Bildschirm bei einer variablen Auflösung von maximal 1440 x 2560 Bildpunkten (QHD). Damit erreicht er gestochen scharfe 515 ppi in einem 16:9-Format. Die breiten Ränder ober- und unterhalb des Screens sind weiterhin vorhanden, erfüllen beim Razer Phone aber einen konkreten Zweck: Anders als zum Beispiel beim Sony Xperia XZ Premium verbergen sich dort nämlich zwei Stereolautsprecher, die den Nutzer direkt ansteuern. Im Verhältnis zum Gehäuse kommt der Screen auf 72,7 Prozent und ist somit weit von randlos entfernt.

Sehen.

Das eigentlich Besondere an dem Display ist dessen Bildwiederholungsrate. Als bislang einziges erhältliches Smartphone erreicht das Razer Phone 120 Hertz – ein Novum bei Smartphones. Möglich macht dies der von Sharp hergestellte IGZO-LCD, den Razer auch in den Blade-Notebooks einsetzt.

UltraMotion heißt die 120-Hz-Technologie bei Razer, die unter anderem flüssigeres Scrollen ermöglicht. Während sich das in der normalen Anwendung nur vereinzelt bemerkbar macht, etwa bei endlos scrollenden Apps wie Twitter, sollen vor allem Spiele davon profitieren. Auf der Keynote kündigte Min die Zusammenarbeit mit mehreren Spiele-Entwickler an, die bereits an Updates arbeiten: Unter anderem sollen "Arena of Valor", "Titanfall Assault", "Tekken" und "Final Fantasy XV Pocket Edition" durch die 120 Hertz ein für das Auge angenehmeres Spielerlebnis bieten. Durch die anpassungsfähige Bildfrequenz sollen Verzögerungen in der Darstellung möglichst minimiert werden. Im Test sind tatsächlich weder Artefakte noch Ruckler störend aufgefallen – allerdings gilt auch hier: Einen spürbaren Unterschied nimmt man nur im direkten Vergleich wahr.

Ingesamt gefällt mir das Display sehr gut. Einziges Manko: Selbst auf der höchsten Helligkeitsstufe bleibt das Bild immer noch verhältnismäßig dunkel. Auch die Farben wirken dank Wide Color Gamut zwar recht kräftig, könnten aber insgesamt mehr Lebendigkeit ausstrahlen. So sehen manche Bilder etwas stumpf aus, überzeugen aber trotz fehlendem HDR durch intensives Schwarz.

Lobenswerte Dreingabe: Obwohl Razer weiterhin auf LCD setzt, bietet das Smartphone eine Art "Always On"-Funktion, die sonst fast ausschließlich bei OLED zu finden ist. Entweder dauerhaft aktiv oder per Schütteln kurz geweckt zeigt sie neben Uhrzeit und Datum entgangene Anrufe und Benachrichtigungen an.

Hören.

Nicht ganz so exklusiv, aber dennoch hellhörig macht Dolby Atmos. Gemeinsam mit den Dualverstärkern in den zwei Frontspeakern erzeugt die Surround-Sound-Technik ein tatsächlich beeindruckendes Klangerlebnis, das sich spürbar im Raum entfaltet. Vor allem, wenn man das Smartphone quer in den Händen hält, dienen die Hände als Trichter für die Akustik. Ohne Witz: Im Hotelzimmer in London habe ich mich abends nicht mehr getraut, das Volumen auf 100 Prozent zu stellen. So laut dürften aktuell keine anderen Smartphone-Speaker ein. Erstaunlicherweise leidet die Qualität kaum darunter. Selbst bei maximaler Lautstärke wummern die Bässe satt, während sich Mitten und Höhen sauber davon abheben. Netflix auf dem Smartphone gewinnt so nochmal einen ganz neuen Reiz.

Der aktuellen Entwicklung folgend hat Razer darauf verzichtet, einen Klinken-Anschluss zu integrieren – wasserdicht ist es trotzdem nicht. Stattdessen liegt dem Telefon ein Audio-Adapter mit THX-zertifiziertem DAC (Digital-Analog-Wandler) für den USB-Port bei. An sich eine coole Idee. Ärgerlich aber ist, dass Razer dafür überhaupt keine Kopfhörer dazu packt (gleiches hatte Google beim Pixel 2 getan). Heißt, wollt Ihr ungestört Eure Musik genießen, müsst Ihr separat welche anschaffen oder auf vorhandene zurückgreifen. Alternativ lassen sich natürlich auch Bluetooth-Kopfhörer koppeln. Da Razer aber weiterhin auf den alten 4.2-Standard setzt, lässt sich jeweils nur ein paar Kopfhörer gleichzeitig nutzen. Schade, dass Razer hier nicht die Chance ergriffen hat, auf das moderne Bluetooth 5.0 mit mehr Reichweite und höhere Datenrate zu setzen.

Spielen.

Da wir bei Razer immer noch in erster Linie von einem Gaming-Spezialisten sprechen, ist Spielen natürlich auch beim Razer Phone integraler Bestandteil. Nicht nur die 120 Hertz oder Dolby Atmos sollen dem Spielerlebnis zupass kommen, sondern auch die Hardware. Als maximal potent ließe sich das Datenblatt zusammenfassen: Snapdragon 835, 8 Gigabyte Arbeitsspeicher, 4000 mAh Akku samt Quick Charge 4.0+. Um die Leistung optimal auszunutzen, installiert Razer auf dem Telefon den sogenannten Game Booster. PC-Spielern dürften ähnliche Programme vertraut sein. Die App erlaubt die individuelle Anpassung der Hardware an einzelne Titel. Spiele ich etwa das Rennspiel "Gear.Club" lege ich unter Umständen mehr Wert auf 120 Hertz als bei "Titan Assault". Hier ist mir vielleicht eher eine hohe Auflösung wichtig, um das Kampfgeschehen auf dem Schlachtfeld gut zu überblicken. Neben Auflösung und Bildfrequenz kann ich im Game Booster auch die CPU-Geschwindigkeit für jedes Spiel festlegen. Wer auf so viel Mikromanagement keinen Wert legt, aktiviert einfach die Voreinstellung für optimale Performance.

Leider verschenkt Razer bei der Wahl des Betriebssystems potenzielle Leistung. Denn statt das aktuelle Android 8 Oreo ab Werk zu installieren, ist Android 7.1.1 Nougat an Bord – immerhin in einer Stock-Variante mit angepasstem Nova-Launcher und Google Assistant. Ein Update stellen die Kalifornier für das erste Quartal 2018 in Aussicht.

Kamera.

Gar nicht viele Worte will ich zur Kamera verlieren. Denn diese ist zwar vorhanden – rückseitig sogar doppelt (zweimal zwölf Megapixel). Aber mehr als durchschnittlich gute Fotos (siehe Galerie) liefert sie aktuell (noch) nicht. Grund dafür ist zumindest teilweise die wie üblich nicht von Google bereitgestellte Kamera-App. Die Eigenentwicklung von Razer ist gegenwärtig derart rudimentär ausgestattet, dass selbst Standards wie Panorama-Aufnahmen fehlen. Überhaupt erlaubt die App keinerlei individuelle Einstellung, die über das Ein- oder Ausschalten des Dualblitzes hinausgehen. Auf der Keynote versprach Min, das neue Features (u.a. Zeitlupenaufnahmen) per Software-Update nachgereicht werden. Bis dahin zählt die Kamera momentan eher zu den Schwachpunkten des Razer Phones.

Fazit.

Ein gewisser Hang zum Maximalismus oder zum maximal Machbaren lässt sich in Razers  Produkten immer erkennen. So auch im Razer Phone. Mehr schnelle und bessere Hardware geht kaum. Das macht das erste Smartphone aus der Gaming-Schmiede zu einem der derzeit besten Android-Smartphones. Zumindest technisch. Dennoch gibt es Kritik, die sich Razer für ihr Smartphone-Debüt gefallen lassen muss. So fehlen dem Novizen ein paar Features, die 2017 in dem Preisbereich längst Standard sind: Eine IP67-Zertifizierung wäre ein Anfang gewesen, Bluetooth 5.0 ebenfalls.

Außerdem reden wir hier von Razer, also wo bitte ist Chroma? Ich erwarte ja nicht, dass das komplette Telefon leuchtet und blinkt wie eine Kirmes-Disco. Aber etwas mehr als diese Mikro-LED neben der Frontkamera, die kaum zu erkennen ist, hätte ich mir schon gewünscht. Klar ginge das zulasten des Akkus, aber bei 4000 mAh und einer Ladezeit von knapp eineinhalb bis zwei Stunden würde ich das in Kauf nehmen. Zumal das Razer Phone bei normaler Nutzung problemlos einen ganzen Tag, eher noch länger durchhält. Wer tatsächlich viel darauf spielt oder Filme streamt, muss spätestens nach einem halben Tag an die Steckdose.

Spannend wird sein, wen Razer mit dem Razer Phone erreichen will – und vor allem wie. Sind tatsächlich Gamer die anvisierte Zielgruppe oder doch eher der normale Smartphone-Nutzer, der mit dem Namen "Razer" vielleicht gar nichts anfangen kann? Denn mit 749 Euro ist das Smartphone längst kein Mittelklasse-Gerät mehr. Zumal es in Deutschland ausschließlich über den Online-Shop von Razer erhältlich und damit nahezu unerreichbar für den Normalanwender ist. Gleichwohl hoffe ich, dass das Razer Phone nicht das einzige Smartphone der Kalifornier bleiben wird. Denn das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden. Jetzt fehlt nur noch die Optimierung – aber das ist man als PC-Spieler ja gewohnt.

Weitere Artikel zum Thema
Update-Fail: Wieso krie­gen neue Android-Smart­pho­nes kein Oreo?
Fabian Rehring17
Peinlich !18Pixel-Smartphones mit Android Oreo: Nur wenige Geräte haben das Update bislang erhalten.
Drei Monate nach dem Start von Android Oreo ist das Betriebssystem noch Mangelware. Doch selbst auf neuen Smartphones läuft noch alte Software. Warum?
Razer Phone im Test: das Gamer-Smart­phone im ersten Hands-on
Stefanie Enge12
Her damit !20Groß, kantig und geeignet für Spielefans: das Razer Phone
9.1
Razer hat sein erstes Smartphone für Gamer, das "Razer Phone", vorgestellt. Wir konnten es vorab schon ausprobieren.
Huawei Mate 9: Update auf Android Oreo erreicht Deutsch­land
Christoph Lübben
Das Huawei Mate 9 gehört zu den ersten Geräten, die Android Oreo erhalten
Auch in Deutschland ist Android Oreo wohl nun für das Huawei Mate 9 verfügbar. Dieses bringt einige neue Features und Verbesserungen mit.