Smart Glasses: Sind Augmented-Reality-Brillen endlich alltagstauglich?

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SmartGlasses1(© 2019 Stocksy)

Stellt euch vor, ihr könntet eure Umgebung digital analysieren: Ihr schaut auf ein Restaurant und eine Review erscheint vor euren Augen. Sehenswürdigkeiten werden digital eingeblendet, direkt in die reale Welt. Weil die Informationen nicht mehr nur über euren Smartphone-Screen abgerufen werden, sondern das Telefon diese direkt vor eure Netzhaut beamt. Steht diese Zukunft schon vor unserer Tür? CURVED hat sich auf die Suche nach der nächsten Generation Smart Glasses begeben. Gibt es schon alltagstaugliche Augmented-Reality-Brillen?

Es gab eine Zeit, da wurden Smart Glasses als das nächste große Ding gefeiert, quasi die nächste Technologie-Revolution. Jeder meiner US-Kollegen lief damit rum – auf der GDC, der Game Developers Conference und der CES, der Consumer Electronics Show. Die Dinger sahen abgefahren aus, Gadgets aus der Zukunft, ihre Träger erinnerten an Charaktere aus „Star Trek“ oder an Tony„Iron Man“ Stark.

Sie konnten viel, vielleicht zu viel, denn Google Glasses waren auf Produktivität ausgelegt: Auf die Gläser selbst wurden komplette E-Mails projiziert, zudem gab es Notifications von Facebook, Twitter & Co. Schon irgendwie cool, aber nicht ganz sozial verträglich. Manchen Usern fiel es schwer, sich normal zu unterhalten, weil ihre Augen ständig zu irgendwelchen aufploppenden Nachrichten wanderten, was im Gespräch schlichtweg merkwürdig ist. Das ist so, als würde euer Gegenüber ständig in die Gegend starren.

Google Glass: Schnell kamen die Probleme

Und dann sahen diese Datenbrillen auch noch aus wie wandelnde Kameras, die Module an der linken Seite waren sehr gut sichtbar. Natürlich fingen YouTuber an, damit Filme zu drehen. Es war ein fantastisches künstlerisches Tool, Fashion-Designer nutzten es, um zu zeigen, wie Outfits entstehen. Models, um zu dokumentieren, wie hektisch es auf der New York Fashion Week zugeht.

Doch weil YouTube einfach YouTube ist, gab es natürlich auch ein paar Filmemacher, die den Bogen überspannten – sie filmten in Clubs oder nahmen Frauen in Bikinis im Schwimmbad auf. In den USA folgten Verbote in Schwimmbädern, Kinos, auf Konzerten, in Bars und Restaurants. Das war das vorläufige Ende von Googles Smart-Glasses-Initiative.

2019 an der Smart-Glasses-Front: North Focals zum Beispiel!

Doch wie geht es weiter mit der Technologie, was für Angebote gibt es auf dem Markt? Beispielsweise North Focals: Ein interessanter Anwärter, der das Thema anders angehen will. Dabei handelt es sich nicht um keine Gadgets aber auch keine Hightech-Apparatur, die uns in einen halben Cyborg verwandelt. Oculus Rift und Oculus Quest sind tolle Devices, allerdings rein fürs Gaming konzipiert. Auch hat beispielsweise Lenovo eine Mixed-Reality-Brille im Programm – viel mehr als die spaßige Star Wars Jedi Challenge ist aber bisher nicht dabei rumgekommen. Wie sieht's also aus mit der virtuellen Realität direkt vor unseren Augen?

Bei den Focals geht es eher um eine Designerbrille mit smarten Augmented-Reality-Funktionen, die aber für den Alltag gedacht ist. North ist eine Firma, die ursprünglich aus dem klassischen Brillengeschäft kommt, was für den Anfang nicht schlecht ist – immerhin wissen sie, wie man die richtige Optik für Brillenträger findet. Sie wissen auch, was Augen vor Sonneneinstrahlung schützt, schließlich ist das ihre Profession. Durch ein Investment von Jeff Bezos und Amazon bekamen sie genug finanzielle Mittel zusammen, um die Technologie eines anderen IT-Giganten zu kaufen: Intel. Der Prozessor-Riese arbeitete viele Jahre an Project Vaunt und verfolgte damit die gleiche Strategie, die jetzt North Focals fährt: Smart Glasses, die zwar smart sind, also Technologie-unterstützt, aber innerhalb eines normalen Rahmens, der nicht sonderlich auffällt. Das hat einen wichtigen Effekt: Stabilität.

Focals vs. Google Glasses: Eine Frage des Stils?

Jeder, der mal Google Glasses getragen hat, weiß, wie empfindlich dieses Hightech-Gerät war. Es bestand im Grunde aus einem Computer, einer Kamera und einem Mini-Display, welches an einen Bogen aus Aluminium gespannt war. Der Träger bekam das Gefühl einfach nicht los, dass es jeden Moment runterfallen könnte. Zu starke Kopfbewegungen waren damit auch nicht drin. Schließlich sprechen wir bei Google Glass von einem 1.500 Euro teuren Tech-Spielzeug.

Daneben sind die Focals sehr schöne Brillen, die modisch, stylisch und einfach schick sind. Lediglich die Scharniere sind deutlich dicker. Aber irgendwo muss ja der Prozessor zur Verarbeitung untergebracht werden. Wobei große und auch dicke Gestelle momentan ja wieder voll im Trend liegen, daneben fallt ihr mit den North Focals also kaum auf.

Technologie der Zukunft: Informationen direkt auf unsere Retina strahlen

North Focals verwendet dabei Technologie, die einfach abgefahren klingt. Sie basiert auf einem sogenannten Vixel: Vertical-Cavity-Surface-Emitting-Laser. Ein kleiner, übrigens völlig ungefährlicher Laser, liefert das Bild auf einen holographischen Projektor, der direkt das Bild auf unsere Netzhaut strahlt. Das hat viele Vorteile: Bei Google Glass musstet ihr immer auf einen kleinen Screen vor euren Augen starren, was für Mitmenschen etwas merkwürdig schien. Jetzt werden Informationen direkt auf unser Auge projiziert: Bei einem ersten Hands-On sah ich beispielsweise all meine Termine, die die Brille von meinem Android-Smartphone geliefert bekam. Außerdem können die Smart Glasses erkennen: "Aha, da wird eine Adresse genannt", woraufhin sie mehrere Möglichkeiten anbieten:

  1. Navigation via Google Maps: In diesem Fall werden direkt vor den Augen Pfeile dargestellt, die es erleichtern sollen, den Weg zu finden. Das ist schon sehr viel praktischer als Maps auf dem Smartphone zu verwenden. So kann es funktionieren, wenn virtuelle Realität und "echte Welt" zusammenkommen!
  2. Ein Uber: Die Brille ist sogar so smart, dass sie anhand der Kilometerzahl der Route berechnet, wie viel das Uber etwa kosten würde. North Focals hat nämlich eine Kooperation mit dem Autoflotten-Giganten, der gerade erst an die Börse gegangen ist. Klingt nach einer Kleinigkeit, kann aber in manchen Situationen durchaus nützlich sein: Bei Regen entscheide ich mich vielleicht doch eher dazu, 7 US-Dollar zu zahlen, statt mehrere Blocks zu laufen. Und so soll das aussehen:

Aber jetzt mal Tacheles: Können Smart Glasses 2019 mehr als Google Glass?

Die überraschende Antwort: Nein, sie können deutlich weniger. Das ist schade, macht aber Sinn. Denn Google Glass war zwar ein tolles Projekt, aber nicht für den Massenmarkt geeignet. Ihr musstet an der Seite der Brille rumswipen, weil dort die Touch-Sensoren untergebracht waren und habt E-Mails vor eurem Auge via Sprache diktiert. Das geht jetzt nicht mehr: Ihr müsst noch immer das Smartphone rausholen und selbst tippen. Es soll zwar eine Alexa-Integration kommen, doch es wird noch überlegt, wie das Ganze umgesetzt werden kann.

Die ganze Steuerung ist anders gelöst: Ihr tragt einen Ring, an dem ein winziges Scrollrad verbaut ist, vergleichbar mit dem Rädchen an einer Apple Watch. Dort könnt ihr ganz unbemerkt und unauffällig Kanäle auf den North Focals durchschalten. Die digitalen Einblendungen sind sehr dezent gehalten (Video unten), sie sollen den Brillenträger nicht zur sehr ablenken. Diese spezielle Kategorie von Smart Glasses hat allerdings noch viele Probleme, für die der Hersteller und die Branche erst noch Antworten finden muss

  1.  Ihr könnt die North Focal-Smart Glasses nur in New York City oder Toronto in deren Flagship-Stores kaufen. Warum?
  2. Im Store wird ein Gesichts- und Retina-Scan angefertigt. Jede einzelne Brille ist eine Einzelkreation, entsprechend bewegen sich die Preise je nach Rahmen um die 700 bis 800 US-Dollar – die günstigste Variante startet also bei umgerechnet 630 Euro. Der hohe Preis kommt in erster Linie daher, dass jedes Gestell ein Unikat ist. Günstige Massenfertigung gibt es also nicht.
  3. Die Wartezeit beträgt zehn Wochen.

Erster Eindruck der Smart Glasses

Wann dürfen wir Tony Stark spielen oder wie der Terminator alles digital analysieren? Wir sprechen hier von Early-Adopter-Technologie. Die Focals von North sind bisher Brillen für gut bezahlte Geeks. Aber die Idee dahinter ist ziemlich brillant und sobald die Industrie einen Weg gefunden hat, dieses Produkt auch günstig für die Masse zu produzieren – also auf die Unikat-Brillen zu verzichten – könnten die Smart Glasses ein sehr spannender Buddy fürs Smartphone werden.

Denn das Schöne an den Digitalbrillen und generell Dingen, die einen Prozessor haben, ist die Möglichkeit, sie zu verbessern. Es wird gerade beispielsweise an einer Yelp-Einbindung gearbeitet: Ihr schaut auf ein Sushi-Restaurant, die Sternezahl wird eingeblendet und zusätzlich noch potenziell bessere Alternativen, die nicht weit weg sind.

Zukunftspläne: North plant Amazon-Features für Focals

Auch Amazon Music soll integriert werden: Wer Prime hat, kann dann einfach durch eine Bewegung seiner Augen Playlists durchgehen, diese per Blinzeln aktivieren oder eben über das kleine Scroll-Rad am Ring. Den könnt ihr übrigens an einem Finger eurer Wahl tragen – auch der wird nämlich perfekt an euch angepasst.

Demnächst kommt außerdem die Alexa-Integration. "Alexa, ich würde gerne ein schönes Chutney kochen!", sagen und schon taucht das Rezept vor euren Augen auf. Nicht ganz Tony Stark, aber hey – der Anfang ist gemacht.


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