Apples iPhone 6-Keynote: Großes Enttäuschungspotenzial

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Tim Cook steht vor seiner größten Bewährungsprobe
Tim Cook steht vor seiner größten Bewährungsprobe(© 2014 CC: Flickr/spieri_sf)

Endlich: Nach Monaten des quälend langen Wartens ist der iDay gekommen – Apples große Keynote steht unmittelbar bevor. Das iPhone 6 wächst endlich auf Phablet-Maße, das erste neue Produkt seit fast fünf Jahren dürfte mit der iWatch enthüllt werden.  Die Erwartungen sind gigantisch. Und genau hierin liegt das Problem: Das Enttäuschungspotenzial ist immens. 

CURVED berichtet im Live-Blog direkt aus Cupertino von der Apple-Keynote.

Die letzten Stunden sind angebrochen. Seit dem iPhone 5-Launch vor zwei Jahren, der nur eine marginale Vergrößerung von 3,5 auf 4 Zoll brachte, fiebern Apple-Fans dieser Keynote entgegen: Endlich, endlich wird das iPhone so groß wie die Smartphones aller anderen Anbieter. Doch heute wird im Flint Center in Cupertino noch mehr erwartet – nämlich in Form der iWatch das erste neue Apple-Produkt seit dem iPad, das im Januar 2010 vorgestellt wurde.

Apple-Urgestein Eddy Cue hatte die Erwartungen bereits im Vorfeld ins Unermessliche getrieben: „Es ist das beste Line-up, seit ich bei Apple bin“ – und das ist Cue seit einem Vierteljahrhundert. In anderen Worten: Heute um 19 Uhr wird eine Keynote in historischen Dimensionen des ersten Macintosh, iMacs und der iPhone-Präsentation erwartet. Und selbst wenn Tim Cook, Phil Schiller und Craig Federighi das Produktfeuerwerk ihres Lebens abbrennen, wird die Unzahl von Kritikern des Kultkonzerns aus Cupertino doch wieder reflexartig zum Abgesang anstimmen. Aus folgenden Gründen:

1. Das iPhone 6-Fait accompli

Apple ist und bleibt der iPhone-Konzern. 60 Prozent der Umsätze und in der Spitze 70 Prozent der Gewinne fährt Apple mit seinem Kultsmartphone ein. Zwei Jahre nach dem letzten großen Upgrade steht nun der nächste große Quantensprung an. Der erfolgt jedoch maßgeblich in der Größe: Das iPhone 6 kann es endlich mit den Phablets aufnehmen und wächst in Dimensionen, in die es längst hätte wachsen sollen.

Wie die zahlreichen Leaks andeuten, dürfte das iPhone 6 den Vorgängermodellen der 5er-Serie optisch durchaus ähneln. Ja, das iPhone 6 ist erkennbar neu und anders – aber das iPhone ist immer noch ein iPhone. Es wird größer, schlanker, schneller und wohl auch schärfer, es wird dank iOS 8 einige Daten über unsere Gesundheit liefern und vielleicht auch bei ersten ausgewählten Anlaufpunkten zum mobilen Zahlungsträger werden – aber es wird nicht so bahnbrechend überraschen wie das erste iPhone. Wir wissen, was wir an Apples Kultsmartphone haben, wir wissen, was das iPhone kann. Der vollkommen bahnbrechende Überraschungsmoment indes wird fehlen.

An dessen Stelle wird ein unvermeidliches Gefühl der Sättigung rücken. Vorfreude ist die schönste Freude, heißt es so treffend. „Die Vorfreude ist eine Emotion, die durch die Erwartung eines künftigen, positiven Ereignisses gekennzeichnet ist. Sie wird durch das Eintreffen dieses Ereignisses beendet“, bringt Wikipedia die Anatomie der Vorfreude auf den Punkt, die sich sogar empirisch durch einen erhöhten Endorphin-Ausstoß messen lässt.

An der Börse hat das Phänomen einen französischen Namen: fait accompli, die vollendete Tatsache. Heute gegen 19.30 Uhr und 20 Uhr ist es so weit: Der magische Schleier ist gelüftet, die Katze aus dem Sack, das iPhone 6 ist Realität – und überflutet die digitale Medienwelt von Arizona bis Zaire. Zwei Jahre, weiß der geneigte Apple-Fan, wird es wieder dauern, bis er sich auf ein ähnliches iPhone-Erlebnis freuen kann. Es ist also wie nach einem WM- oder EM-Endspiel: Am Tag danach ist erst mal die Luft raus.

2. Die iWatch braucht keiner – und sie kommt erst 2015

Der Joker, der die heutige Apple-Keynote zu einem ganz besonderen Event machen soll, ist die längst mythisch verklärte iWatch. Endlich ein neues Produkt, freuen sich Apple-Fans, die in den ersten drei Jahren der Ära Tim Cook nur Weiterentwicklungen der Kassenschlager zu Gesicht bekamen. iPhone, iPad und Macs wurden besser, schöner und schlanker – doch Apple muss sich fraglos alle paar Jahre mit einem neuen Produkt beweisen, wenn es seinem Anspruch als Innovator gerecht werden will.

Seit Februar 2013, als Apple über die New York Times zum ersten Mal Gerüchte über die iWatch streute, befinden sich Apple-Fans in Wartestellung – nun ist der Tag X endlich, endlich gekommen. Samsung, Sony, LG und Motorola  haben ihre ersten Smartwatch-/ Wearable-Würfe auf den Markt gebracht – Apple ist spät dran, wieder einmal.

Das ist prinzipiell kein Problem: Mit dem iMac krempelte Apple eine an sich reife Branche um, mit dem iPod pulverisierte Steve Jobs andere MP3-Anbieter und revolutionierte im Vorbeigehen die Musikindustrie, ehe Apple mit dem iPhone zum größten aller Coups ansetzte, der die gesamte Mobilfunkbranche komplett neu ordnete und Nokia und Blackberry in die Versenkung schickte – das iPad erweckte den Tabletmarkt, der sich seit Jahren im Dornröschen-Schlag befand, zudem zum Leben.

In anderen Worten: Dass Apple mit der iWatch kein First Mover mehr ist, ist kein Problem – Apple darf sich nur keinen Fehler bei seinem Wearable erlauben. Beim iMac, iPod, iPhone und iPad spielte der Kultkonzern blitzsaubere Asse aus, die jahrelang nicht zu toppen waren. Doch jede Serie reißt bekanntlich einmal.

Auf der einen Seite gibt es schlagende Argumente für einen schnellen Erfolg der iWatch. Die Strahlkraft der Marke ist praktisch ungebrochen groß wie zu den Zeiten von Steve Jobs. Apple hat eine loyale Käuferschaft, die sich begierig das Apple-Wearable als Freundschaftsband ums Handgelenk binden und der Welt demonstrieren wird, dass man stolzer Teil des #TeamApple ist.

Doch kommen auch die Anschlusskäufer? Wird Apple gar neue Käufer mit seinem Wearable erreichen – Menschen, die noch kein iPhone oder iPad besitzen?  An dieser Stelle dürfte morgen schnell Skepsis aufkommen, wenn die iWatch nicht ein ähnliches Wundergadget ist wie das iPhone.

Die Vorzeichen stehen nicht besonders gut, denn die Kategorie der Smartwatch ist vermutlich die überflüssigste, in die sich Apple je gewagt hat. Wollen wir auf einem 1,5 Zoll-Display am Handgelenk tatsächlich immer an unser digitales Leben erinnert werden, wollen wir am Ende gar mit unserer Uhr sprechen – und wenn ja, warum erst jetzt, wenn sich ähnliche Inspector Gadget-Fantasien seit den 80er-Jahren halten?

Und selbst wenn die iWatch bahnbrechende Features verspricht, die unser Leben tatsächlich besser machen können – werden Zuschauer der Keynote sie morgen Abend auch erkennen, geschweige denn verstehen? Ein Rückblick auf die vergangenen beiden Keynotes macht nicht viel Hoffnung: 2010 ärgerte sich Steve Jobs über die Maßen über die nur verhaltene Aufnahme der iPad-Enthüllung.

Und selbst auf der historischen Keynote im Januar 2007 überwog der Chor der Kritiker, der auf den ersten Blick nicht im Entferntesten verstand, was das iPhone nun so revolutionär machte. Dummerweise sind die lautesten Stimmen selten die Klügsten. Es spricht einiges dafür, dass heute zwischen 20 und 21 Uhr unserer Zeit einiges im Lärmpegel untergeht – erst recht, wenn als Verkaufsstart erst „Anfang 2015“ ausgegeben wird, was auch der 27. Februar sein kann…

3. Apple ist ohne Steve Jobs nicht mehr innovativ, aber trotzdem zum Erfolg verdammt

Tim Cook ist mit der iWatch in jeder Hinsicht zum Erfolg verdammt. Drei Jahre nach Übernahme der Amtsgeschäfte muss er Apple mit seinem ersten entwickelten Produkt seine unverkennbare Handschrift verleihen; wird die iWatch kein sofortiger Kassenschlager, dürfte die Schar der Apple-Kritiker nach Monaten in der Deckung wieder Oberwasser bekommen.

Die alten Reflexe würden sofort greifen: Steve Jobs fehlt, Apple ist nicht mehr innovativ, alles ist nur noch ein Lifestyle-Abklatsch früher Glanzzeiten, dürften die vorsehbaren Schlagzeilen lauten.  So ungerecht und voreilig eine solche Einschätzung auch ist, zumal Apple auf absehbare Zeit den Löwenanteil seiner Milliarden weiter mit dem iPhone einfahren wird – so funktioniert der Doppelstandard, der zumindest seit der zweiten Steve Jobs-Ära an Apple angelegt wird.

Apple ist ein Kultkonzern. Das bedeutet: Einen Großteil seiner Faszination bezieht Apple eben aus jener mythischen Verklärung des Besonderen, Einzigartigen. Spätestens seit Apple mit iPhone und iPad zum wertvollsten Konzern der Welt aufstieg, muss es nicht nur die Konkurrenz übertrumpfen – sondern auch die Schatten seiner Vergangenheit. Alles andere gilt als Anflug von Schwäche, als Niedergang einer Ära – kurz: als Vorlage für einen Abgesang.

Entsprechend ist die Keynote heute um 19 Uhr Tim Cooks WM-Endspiel. Vier Jahre und acht Monate sind seit der iPad-Keynote vergangen. Klar ist: Das Großereignis ist vorbei, es wird viele Jahre dauern, bis Apple einen ähnlichen Buzz erzeugen kann wie bei der iPhone 6- und iWatch-Enthüllung – die iPhone 6s-Präsentation dürfte eher als EM-Qualifikationsspiel in die Apple-Historie eingehen. Und wenn doch noch der Apple-Fernseher auf den Markt kommt – dann kaum vor 2016 oder eher 2017.

Entsprechend wird heute um 21 Uhr alles, was nicht einem Kantersieg zum WM-Titel entspricht, alles, was nicht nach einem epochalen neuen Produkt der Güteklasse erstes iPhone – oder wenigstens besseres iPad – aussieht, heruntergeschrieben werden, solange es Zeichen, Zeilen und Webspace dafür gibt. Die Betrachtung von Apple ist immer nur schwarz oder weiß, großartig oder katastrophal.  Es ist nie genug bei Apple – nie schnell genug, nie oft genug. Wir wollen immer mehr, mehr, mehr. Apple-Fans sind gewarnt: Haters gonna hate…


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