Der iDay aus Android-Sicht: Warum jubeln die jetzt?

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Apple Keynote, Tim Cook
Apple Keynote, Tim Cook(© 2014 Apple)

Die neuen iPhones sind da und auch eine eigene Smartwatch hat Apple uns am Dienstag präsentiert. Die Apple-affinen Teile der CURVED-Redaktion sind begeistert und haben iPhone 6, iPhone 6 Plus und die Apple Watch in den vergangen Stunden hoch gelobt. Nun ist es Zeit, die Android-Fraktion zu Wort kommen zu lassen — keine Sorge, es folgt kein Hating, kein Bashing, sondern nur ein wenig Irritation.

"They are a lot bigger", erklärt Phil Schiller "and boy are they packed with pixels!" — und das Flint Center in Cupertino rastet komplett aus. Ich sitze zuhause vorm Monitor und schwanke zwischen Schmunzeln und ungläubigem Kopfkratzen. Umso mehr, als Schiller ergänzt, dass auf dem iPhone 6 mehr als eine Million Pixel zum Einsatz kommen.

Da war sie wieder, die konkurrenzlose Kunst Apples, Banalitäten so zu verkaufen, dass sie grandios, innovativ, begehrenswert klingen — wenigstens für Fans der Marke und die Mehrheit der Anwesenden vor Ort (oder sprühen die doch unbemerkt irgendetwas Euphorisierendes in den Saal?).

5,5 Zoll und 1080p-Display-Auflösung im Plus? Ein 720p-Screen im 4,7 Zoller? Das würde mich (und auch sonst niemanden) auf einer PK von Samsung, Sony, HTC oder Motorola nicht mehr vom Hocker hauen; auf der IFA waren FHD-Displays in Android-Geräten die langweilige Regel, HD-Screens schon nicht mehr Oberklasse. Und 1 Million Pixel? Das sind nach Adam Riese nur ein paar mehr als eben jene überholte 720p-Auflösung und somit wirklich kein Grund zum Jubeln mehr. Aber es klingt halt toll — und das Publikum giert nach tollen Neuigkeiten.

Die iPhones 6 sind die neuen Klopper in der Smartphone-Welt

Wirklich irritierend war für mich aber die neue Begeisterung für die Größen der iPhones: Jahrelang und auch noch während unserer IFA-Berichterstattung bis vor ein paar Tagen hörte ich immer wieder das Argument für das iPhone, dass es so schön kompakt sei und dass diese riesigen Android-Klopper doch kein vernünftiger Mensch mit sich herumtragen könne. Das iPhone 6 Plus ist nun aber ein regelrechtes Phablet, größer (wenn auch flacher) als das als riesenhafte verschriene OnePlus One, das LG G3 (beide ebenfalls mit 5,5 Zoll-Screen) und selbst das Note 4 mit seinem 5,7 Zoll-Display. Und das "kompakte" iPhone 6 mit 4,7 Zoll-Display ist länger und nur minimal schmaler als ein Nexus 5 mit 5 Zoll-Bildschirm.

Die 6er iPhones sind die neuen Klopper in der Smartphone-Welt — das ist per se nicht weiter schlimm, auch weil sie flach und schön designt sind. Aber warum stört das im Apple-Fanlager auf einmal niemanden mehr? Muss Apple seinen Anhängern wirklich immer erst etwas vorsetzen, damit zuvor verpönte Standards, die andernorts längst gesetzt sind, akzeptiert (und plötzlich beklatscht) werden dürfen?

Und mehr als große Display, die endlich höher als "retina" auflösen, bieten iPhone 6 und iPhone 6 Plus dann auch nicht an technischen Neuerungen; jedenfalls nicht, wenn man über den iTeller blickt: Der Android-affine ArsTechnica-Redakteur Ron Amadeo hat direkt nach der Keynote eine bissige Grafik per Twitter verteilt, in der er das iPhone 6 technisch mit dem Nexus 4 aus dem Jahr 2012 gleichsetzt — das mag polemisch sein, stimmt aber leider. Innovative Hardware hat Apple am Dienstag nicht gezeigt, da kann man sich drehen und wenden, wie man möchte. Und jubeln so viel man will.

I couldn't help myself, sorry. pic.twitter.com/NrwbqHMVL4
— Ron Amadeo (@RonAmadeo) 9. September 2014

Was macht eigentlich die Apple Watch zum Heilsbringer?

Gleiches gilt für die neue Smartwatch aus Cupertino: Ich kann funktional nichts entdecken, was die Apple Watch bedeutend besser oder anders macht als beispielsweise Android Wear — dennoch höre ich jetzt von einschlägigen Seiten, dass so die Zukunft der Smartwatch aussähe und Android Wear nun einpacken könne. Mir scheint, auch hier wird eher mit Glaube und Hoffnung argumentiert, denn mit Fakten und Erfahrungen.

Sie sieht so schick aus, sagen manche. Na gut, über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber mal im Ernst, Motorolas Moto 360 — so mangelhaft deren Hardware auch ist —, oder LGs neue G Watch R machen meines Erachtens optisch mindestens genauso viel her. Ihr Bedienkonzept mit dem Rad, euphemistisch "digitale Krone" genannt, an der Seite sei der reinen Touchsteuerung der Android Wear-Pendants überlegen, wird behauptet.

Wer bitte will das denn nach zwei Minuten Hands-On mit dem Gadget final beurteilen können? Auch als Android Wear und die Moto 360 vorgestellt wurden, waren wir zunächst beeindruckt, im Alltagstest schwand die dann aber schnell. Also warten wir doch bitte ab, bevor wir ein Konzept, das erst mit mehreren Stunden der Nutzung aufgehen oder eben scheitern kann, zur überlegenen Lösung küren. Es sei denn, es geht abermals eher um Hoffen und Glauben, denn um objektives Beurteilen.

Grundsätzlich bin ich bei diesem Thema bei meinem Kollegen Gerd: Aktuell überzeugt mich keine Smartwatch-Lösung. Wenn es Apple doch gelungen sein sollte, ein schlüssiges Konzept zu erschaffen, freue ich mich — aber das mag ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht hoffen ... äh, beurteilen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie so oder so  ein Verkaufserfolg wird, ist dennoch gegeben — wir sprechen schließlich von Apple und einer zugehörigen großen und sehr willigen Käuferschaft.

Und wenigstens diese Vorschusslorbeeren neige ich dann schon jetzt zu vergeben: Apple kann allein durch seine Marktmacht den Smartwatches als Geräteklasse neuen Auftrieb verschaffen.

Berechtigte Freude jedenfalls für iOS-Fans

Dennoch: Für all jene, die auf iOS schwören und mit Android schlicht nicht klar kommen — und das ist ja eine völlig legitime Präferenz — ist es natürlich begrüßenswert, dass sie fortan Apps und multimediale nicht mehr auf winzigen Screens sondern großformatig und in Full HD betrachten können. Und NFC. Und alternative Tastaturen. Und eine Kamera mit optischem Bildstabilisator. Darüber darf man schon mal jubeln. Ebenso wie darüber, dass es nun auch eine Smartwatch vom Lieblings-Unternehmen gibt.

Nur bitte, stellen wir die auf dem iDay gezeigten Produkte als das dar, was sie sind — nette, optisch sehr ansprechende Smartphones der Oberklasse und eine interessante Smartwatch. Davon gibt es inzwischen viele und das ist gut so. Technisch schließt Apple damit endlich zum aktuellen Standard auf, in Sachen Verkaufszahlen werden sie so oder so weiter vorne weg gehen. Und darum geht es für das Unternehmen schließlich eigentlich, und dafür braucht es nicht zwingend große Innovationen — der jubelnden, dankbaren Masse der iFans sei Dank.

Und wer weiß, vielleicht sprühen die ja während ihren Keynotes doch was in den Saal; ich sollte das bei nächster Gelegenheit vielleicht selbst mal austesten und prüfen, ob ich dann vielleicht bei der Vorstellung eines wasserdichten, per Induktion aufladbarem WQHD-iPhone mit 13 MP-Kamera ausflippe.


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