Google Glass: "Welcher normale Mensch will das tragen?"

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Steve Martin in "The Jerk": eine Anspielung auf Google Glass
Steve Martin in "The Jerk": eine Anspielung auf Google Glass(© 2015 The Tech Block)

In einem jüngst veröffentlichen Mailverkehr sprach Apples Phil Schiller das aus, was viele über Google Glass denken. Wie geht es für die Datenbrille weiter?

Ist das Apple-Management, gerade unter CEO Tim Cook, um Zurückhaltung bemüht, ist Marketingchef Phil Schiller allzu gerne ein Mann klarer Worte. Legendär ist sein “Can’t innovate anymore, my ass!”, als er den neuen Mac Pro enthüllte. Nun tauchte ein Mailverkehr zwischen Schiller und Blogger Abdel Ibrahim aus dem Jahr 2012 auf.

Warum erst jetzt? Erst vor wenigen Tagen erklärte Google, sein Explorer-Programm für Google Glass auf Eis zu legen. In der Mail-Korrespondenz unterhalten sich der Blogger und Apples Marketing-Guru über Fotografie, aber auch Google Glass. Schiller stellt die rhetorische Frage: “Welcher normale Mensch würde das ernsthaft tragen wollen?” Zuvor hatte ihm Ibrahim noch ein Bild des Schauspielers Steve Martin aus dem Film “Reichtum ist keine Schande” geschickt, in dem der Protagonist eine fürchterlich hässliche Brille trägt - eine klare Anspielung auf die ersten Kritiken über Google Glass zu dieser Zeit, die von einem hässlichen Stück Technik sprachen. 

Auf lange Sicht sollte Schiller Recht behalten. Den Durchbruch schaffte Google Glass nicht. Unter Techbloggern war das Device beliebt und holte die Wearables schon frühzeitig weg vom Handgelenk, jedoch blieben die Vorbehalte groß. Das belegen auch die vielen Vorfälle, bei denen Glass-Träger Lokalitäten verlassen mussten oder es mit den Behörden zu tun bekamen. Daran trägt Google zweifelsohne eine Mitschuld. Über das Explorer-Programm öffnete sich der Konzern bei der Weiterentwicklung der Datenbrille.

Diese “Work in progress”-Einstellung beförderte aber viele Ungereimtheiten in der öffentlichen Wahrnehmung. Vor allem aber blieben die spannenden Softwarekonzepte aus, die das Device zu einem nützlichen Wearable hätten machen können. Google war es nicht gelungen, die Entwickler-Community in großem Umfang für das Projekt begeistern zu können. Zuletzt verließen wichtige Personen das Projektteam.

Aus diesem Grund ist das Explorer-Programm jetzt auch Geschichte. In einer offiziellen Mitteilung ließ Google verlauten: “Wir machen damit weiter. Sie werden künftige Versionen von Google Glass zu sehen bekommen, wenn sie soweit sind. (Bis dahin: kein Spähen)” Damit ist Google Glass, wie wir es kannten, tot. Doch aufgeben will Google sein Baby dennoch nicht. Im Gegenteil: Tony Fadell soll’s richten. Der Mann, der den iPod designte und das Thermostat Nest herausbrachte, das zum Google-Konzern gehört. Fadell soll die nächste Generation der Datenbrille entwerfen. Dafür wird Glass auch aus den Laboren von Google X, aus denen auch die selbstfahrenden Autos und Internet-Ballone stammen, ausgegliedert werden.

Google gebührt meiner Meinung nach Respekt: Zum einen für die Entscheidung, ein innovatives Produkt von der Öffentlichkeit testen zu lassen und über das Explorer-Programm die neue Technologie weltweit ins Gespräch zu bringen, zum anderen für die Erkenntnis, dass dieser Prozess nur bedingt funktioniert und die Konsequenz, die Entwicklung hinter verschlossenen Türen voranzutreiben. “Wir haben diesen Schritt gewagt, weil wir etwas so Innovatives mit der ganzen Welt designen wollten”, verriet Isabelle Olsson, Chefdesignerin bei Glass, dem Blog Fashionista.com. ”Damit wird dann auch die Zeit öffentlich, die es braucht, um ein Produkt zur Marktkreife zu bringen. Das machen die meisten Firmen hinter geschlossenen Türen in einem Zeitraum von sieben bis zehn Jahren.”

Fraglos: Marktreife hat Glass innerhalb der vergangenen Jahre nicht erlangt. Allerdings hat die Datenbrille die Tür für Technik am Körper weit aufgestoßen. Wearables, das hat auch jüngst die CES belegt, sind der Megatrend im Mobile-Segment. 2015 ist das Jahr, in dem die smarten Gadgets endlich erwachsen werden und sich ausdifferenzieren. Es gibt Wearables für Schwimmer, Läufer, Radfahrer, Eltern, Kinder, Senioren, Menschen mit Rückenleiden und und und... Was es noch nicht gibt, sind weitere Datenbrillen.

Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist es enorm schwierig, die Technik in einem Gehäuse unterzubringen, das die Brille nicht klobig wirken lässt. Zum anderen ist der Fertigungsprozess mit weitaus mehr Handarbeit verbunden als es bei anderen Wearables der Fall ist. Mit der eingesetzten Prismen-Technologie sind zudem die Kosten für die Komponenten recht hoch, was wiederum einen hohen Preis und damit weniger Käufer oder eine geringere Marge zur Folge hätte. Alles Faktoren, die andere Hersteller nach wie vor zurückschrecken lassen, auch eine Datenbrille auf den Markt zu bringen.

Sony SmartEyeglass(© 2015 Sony)

Wie die nächste Google Glass wohl aussehen wird? Zwei Optionen wären denkbar: Entweder entzieht Fadell der Datenbrille den Techie-Look und lässt das auffällige und bisweilen zu nerdige Prisma verschwinden - oder Google Glass ist künftig keine Brille mehr, sondern nur noch ein Ansteck-System für handelsübliche Brillen. Wie ein solcher Clip funktionieren könnte, zeigt Sony, bei deren Konzeptdesign einer Datenbrille sich die Hardware einfach an einen Brillenbügel clippen lässt. 

Bis wir die nächste Google Glass zu sehen bekommt, heißt es: Google Glass ist tot. Google Glass lebt.


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