iPad Pro 9.7 im Test: Kleiner ist besser

Business im Casual Look: Das neue iPad Pro sieht auf den ersten Blick aus wie die Neuauflage des iPad Air 2. Auf den zweiten Blick ist es das bessere Pro-Tablet. Der Test.

Tablets haben es nicht einfach: Mit der Einführung des ersten iPads im Jahr 2010 lösten sie konsequent Notebooks als Entertainment-Maschinen ab. Doch während wir uns daran gewöhnt haben, spätestens alle zwei Jahre das Smartphone zu wechseln, haben Hersteller von Tablets mit längeren Nutzungszyklen zu kämpfen. Ein neues Tablet alle zwei Jahre? Wozu? Herrje, eine befreundete Familie nutzt sogar noch das erste iPad! Der Grund: Es läuft einwandfrei. Damit leiden iPads unter dem typischen Vorwerk-Problem: Die Qualität ist zu gut, das Produkt zu langlebig, als dass man permanent wechseln müsste. Und: Bloße Performance ist in einem gesättigten Markt allein kein Kaufgrund mehr. Die Folge: sinkende Erlöse.

Doch Apple hält mit Nachdruck an Tablets fest. Das zeigte das Unternehmen eindrucksvoll mit dem großen iPad Pro, das man im September vergangenen Jahres in Cupertino zusammen mit dem Apple Pencil vorstellte. Und das untermauert der Konzern aus Cupertino nun mit der 9,7-Zoll-Variante: dem iPad Pro 9.7.

Ist das ein Pro oder doch nur ein neues iPad Air?

Die Fragen, die sich viele iPad-Fans nun stellen dürften: Verdient es das “Pro” im Titel? Lohnt sich der Umstieg vom iPad Air 2? Und wo sind die Unterschiede zum großen iPad Pro? In diesem Test werde ich mich vor allem auf die Beantwortung der ersten Frage konzentrieren. Alle anderen Fragen haben wir schon in folgenden Stücken beantwortet:

Um zu begründen, warum der 9,7-Zöller das “Pro” im Titel verdient hat, genügt ein Blick auf die Gemeinsamkeiten: Wie das 12,9-Zoll-Tablet verfügt das kleine “Pro” über vier Lautsprecher, die ein enormer Sprung nach vorne sind im Vergleich zu den zwei nach unten strahlenden Stereo-Speakern beim iPad Air 2. Wie der große Bruder verfügt auch das iPad Pro 9.7 über den sogenannten Smart Connector, über den etwa eine Anstecktastatur mit Strom und Daten versorgt wird.

Angetrieben wird das Mini-Pro von einem A9X-Chipsatz, der minimal niedriger taktet als der im großen iPad Pro. Im Gegensatz zum 12,9-Zoll-Modell verfügt der 9,7-Zöller nicht über vier GB RAM, sondern “nur” zwei. Die Anführungsstriche deswegen, weil die Benchmarks Geekbench und Antutu untermauern, was mein Eindruck in der Praxis ist: Die Geschwindigkeitsunterschiede sind gering bis nicht vorhanden. Die Erklärung ist einfach: Während der Chipsatz beim 12,9-Zoll-iPad weitaus mehr Bildpunkte mit Daten versorgen muss, reicht dafür beim kleineren Modell auch nominell schwächere Hardware aus, um nahezu dieselbe Leistung zu erreichen. Abgesehen davon wird es seine Zeit brauchen, bis die Developer-Community das Maximum aus der Hardware rauskitzelt. Der Großteil der Anwendungen ist bislang noch auf die Spezifikationen eines iPad Air 2 ausgerichtet.

Apples fortschrittlichtes Display in einem iOS-Gerät

Tatsächlich kann das neue iPad Pro das große Modell in einigen Punkten übertrumpfen. Besonders stolz ist Apple auf das True-Tone-Display. Was zunächst nach der Hardware-Version des mit iOS 9.3 eingeführten Nightshift-Modus klingt, ist tatsächlich mehr als nur ein einfacher Blau-Filter. Ist das Feature aktiviert, passt sich das Display tatsächlich mithilfe von Sensoren dem Umgebungslicht an. Wie hat Apple das gemacht? Mit guter, alter Handarbeit. Ein Sprecher erklärte mir, dass die Ingenieure in Cupertino einfach so viele Lampen gekauft und gemessen haben, wie sie in die Finger bekommen konnten. Mit deren Hilfe wurde dann der Weißwert eines weißen Blattes Papier gemessen. Dieser Wert wiederum wurde in eine Datenbank eingepflegt, auf die iOS zurückgreift, wenn die Sensoren im iPad Pro 9.7 nicht nur die Helligkeit der Umgebung, sondern auch die Farbtemperatur messen. 

Das funktioniert in der Praxis so unmittelbar, dass man es kaum mitbekommt. Bei starker Sonneneinstrahlung gibt das iPad Pro das Weiß bläulicher wieder, bei Kunstlicht erscheint es gelblicher. Damit will Apple erreichen, dass Farben natürlicher wahrgenommen werden. So wie ein Blatt Papier bei Kunstlicht auch nicht hellweiß, sondern gelblicher erscheint. Letzten Endes handelt es sich dadurch um ein Feature, das als solches gar nicht wahrgenommen werden will. Wem das nicht gefällt, der kann es in den Einstellungen auch jederzeit deaktivieren. Auffällig zum iPad Air 2 und iPad Pro 12.9 sind die nochmal verringerten Reflexionen. Freilich spiegelt das Display noch, im direkten Vergleich aber nochmal weniger störend als bei den Vorgängermodellen. Der Gesamteindruck: Auch wenn der Bildschirm nicht schärfer aussieht im Vergleich zum Air, so wirkt das Bild insgesamt wärmer, die Farben noch gesättigter. Wen es genau interessiert: Nach dem 5K-iMac ist das iPad Pro 9.7 erst das zweite Apple-Gerät, dessen Display den DCI-P3-Farbraum beherrscht. Und für die Kreativen unter Euch: Auch das kleine Pro-iPad ist mit dem Apple Pencil kompatibel.

Ob man nun auf dem iPad Pro 12.9 oder dem iPad Pro 9.7 besser skizzieren und zeichnen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aus dem persönlichen Umfeld kann ich zumindest berichten, dass Kreativität nichts mit der Größe der Leinwand zu tun hat. Eine gute Freundin etwa zeichnet auf dem iPad mini 2 derart detailgetreue Bilder, wie sie viele wohl kaum auf dem größten iPad zustanden bringen würden.

Ein paar Worte zum Smart Keyboard

Mobile Kreativität für mich als Journalist bedeutet in erster Linie, unkompliziert und idealerweise jederzeit und überall schreiben zu können. Und damit oute ich mich jetzt, nach dem iPhone SE, einmal mehr als ein Verfechter "kleinerer" Geräte: Für meine Zwecke ist das iPad Pro 9.7 ziemlich perfekt. Das große Pro liebe ich als Couch-Gadget und als Notebook-Ersatz für ein Wochenende, vollgepackt mit Filmen, Serien und Büchern. Doch in Kombination mit dem Smart Keyboard macht der 9.7-Zöller einen sehr guten Job. Während bei dem großen Pro jedes weitere Gramm den Gewichtsvorteil gegenüber Notebooks schwinden lässt und damit eine Tastaturhülle eher von Nachteil ist, fühlt sich das Keyboard beim iPad Pro 9.7 richtig an - auch wenn das Konstrukt zunächst den Eindruck macht, als müsste man ein Origami-Pro-Seminar belegt haben. Der Druckpunkt der Tasten ist nicht zu vergleichen mit dem einer echten Mac-Tastatur, allerdings nicht unangenehm beim längeren Tippen unterwegs. Zumindest solange Ihr die Konstruktion nicht auf dem Schoß nutzt. Dann ist das Setup, wie auch beim Surface Pro, einfach zu wackelig. Hier ist die starrere Konstruktion eines Notebooks klar von Vorteil.

Durch den Textilüberzug ist es nicht schlimm, wenn mal ein Spritzer Flüssigkeit auf ihr landet. Im Nassen würde ich das Zubehör dennoch nicht nutzen. Schließlich ist das Tablet nicht wasserdicht. Ein aktuell noch großer Nachteil: Mit deutschem Layout gibt es die Tastatur noch nicht.

Für den Apple Pencil ist die Unterstützung genauso umfassend wie beim großen Pro-Tablet aus Cupertino. Weil die Eingaben mit dem Stift 240 Mal pro Sekunde abgetastet werden, ist dier Unterschied zum Schreiben mit einem richtigen Kugelschreiber auf richtigem Papier verschwindend gering. Das geschriebene Wort erscheint praktisch unmittelbar. Zum Vergleich: Wer schon einmal mit Wacom-Tablets gearbeitet hat, braucht etwas Zeit, um sich an die Verzögerung zu gewöhnen. Beim iPad Pro ist das nicht der Fall.

Der Akku: ausdauernder als versprochen

Damit ich ein Gerät auch dauerhaft mobil einsetze, muss es lange durchhalten. Das gilt für Smartphones und Notebooks gleichermaßen. Apple verspricht zehn Stunden Surfen, Video und Musik. In der Praxis kommt das Gerät aber durchaus auf bis zu 15 Stunden. Aufgeladen ist die Batterie von null auf hundert Prozent in rund dreieinhalb Stunden. Den Apple Pencil könnt Ihr währenddessen nicht aufladen, da der Lightning-Anschluss belegt ist. Wie auch beim großen iPad Pro gilt: Wer einen Filmeabend veranstaltet mit zwei Blockbustern am Stück bei nahezu voller Lautstärke, saugt die Batterie auch in dreieinhalb Stunden leer.

Tourists Liebling: eine gute Kamera – in einem Tablet

Was mich dann doch bei der Präsentation des neuen iPads überrascht hat, war die Kamera. Wobei: Wenn man sich einmal anschaut, wie viele Touristen im Urlaub lieber mit ihren iPads Fotos von Sehenswürdigkeiten schießen, anstatt ihr Smartphone oder eine Kamera zu zücken, sollte es mich eigentlich nicht verwundern. So hat Apple dem kleinen iPad Pro eine 12-Megapixel-Kamera mit True-Tone-Flash und 4K-Unterstützung spendiert.

iPad Air 2 und iPad Pro 9.7, bei dem die Kamera nun hervorsteht(© 2016 CURVED)

Nun sagen Megapixel recht wenig über die Bildqualität aus, allerdings ist der Unterschied zur Kamera im iPad Air 2 riesig und im Vergleich zur 8-Megapixel-Optik im iPad Pro 12.9 immer noch groß. Die Aufnahmen können absolut mit denen des iPhone 6 bzw. 6s mithalten. Wohl häufiger dürfte man die Facetime-Kamera nutzen, die nun nicht mehr nur mit grieseligen 1,2 Megapixeln aufzeichnet, sondern mit fünf Megapixeln. Das.Wurde.Aber.Auch.Zeit!

iOS: ein Ferrari für die Landstraße

Vorinstalliert auf dem Gerät ist iOS 9.3, das über den neuen Nightshift-Modus verfügt. Wie das iPad Pro 12.9 unterstützt auch das iPad Pro 9.7 den Splitview-Modus, der Euch zwei Apps nebeneinander anzeigen und darin arbeiten lässt. Leider unterstützen immer noch etliche Apps nicht das Feature, etwa Gmail. Schade. Auch wenn es sich nur um einen Kleinigkeit handelt, ist es doch symptomatisch für das Problem der Pro-iPads: Sie sind schlicht zu leistungsfähig für das, was iOS momentan leistet. Apple liefert mit dem 9.7er die zweite Produktivmaschine ab, deren Flaschenhals das Betriebssystem ist. De facto bremst iOS das Gerät nicht aus, weist es allerdings unnötig in die Schranken. Zweifelsfrei wäre OS X zu wenig touchbasiert, um das Desktop-OS auf den iPad Pros laufen zu lassen. Doch in meinen Augen ist Apple in der Pflicht, sich dem Dilemma anzunehmen, dass man Ferarris für die Landstraße produziert.

Damit einhergehen müsste auch ein, zumindest für einige Anwendungen, angepasstes Bedienkonzept. Ich zitiere aus dem Test zum großen iPad Pro: "Mit der Tastatur am iPad Pro habe ich zumindest mit der Tastenkombi Tab + Alt die Möglichkeit, zwischen geöffneten Apps zu wechseln. Das war’s dann aber auch schon. Ansonsten muss ich die Hände von der Tastatur nehmen und mit den Fingern oder dem Apple Pencil auf dem Touchdisplay tippen. Meh. Zwar kann ich mit der Tastenkombi Leertaste + cmd die systemweite Suche starten und mit wenigen Tastenanschlägen die gewünschte App finden - um sie zu starten, muss ich dennoch wieder meine Finger bemühen. Was völlig unproblematisch ist, wenn das Tablet vor mir flach auf dem Tisch liegt, ist ergonomisch betrachtet umständlich, wenn das iPad Pro vor mir steht. Wie cool und darüber hinaus praktisch wäre es, wenn ich die Shortcuts aus OS X auch auf dem iPad nutzen könnte."

Fazit

Es ist das bessere iPad Pro. Zumindest fühlt es sich für mich so an. Es ist mobiler, hardwaretechnisch zum jetzigen Zeitpunkt mit minimalen Einbußen so leistungsfähig wie der große Bruder, kommt mit einer Akkuladung locker durch einen arbeitsreichen Tag oder ein Wochenende mit Serien und Filmen, verfügt über ein hervorragendes Display und lässt mich zusammen mit dem Smart Keyboard und dem Apple Pencil zügig Notizen machen und Texte verfassen. So hat das Tablet nach meiner Erfahrung das "Pro" im Titel verdient. Wer etwa zu Designzwecken einen größeren Bildschirm bevorzugt und auch mit der nächsten Generation von Profi-Apps mehr als ausreichend Rechenleistung benötigt, wird zweifelsohne mit dem iPad Pro 12.9 glücklich. Dafür ist das iPad Pro 9.7 der bessere, günstigere Allrounder.


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