HTC 10 im ausführlichen Test

Bemüht man Fußball-Metaphern, dann ist HTC über die Jahre mit dem One M9 in die zweite Liga abgestiegen. Mit dem HTC 10 soll der direkte Wiederaufstieg in die erste Liga gelingen. Dazu hat der Hersteller viele Kritikpunkte bearbeitet. Ob es für ein Comeback reicht, erfahrt Ihr im Test.

HTC vertraut auf bewährte Designsprache

Nein, einen komplett neuen Look haben die Taiwaner ihrem Top-Smartphone nicht verpasst: HTC bleibt seinem Design treu. Das HTC 10 steckt, wie schon die drei Vorgänger, in einem Unibody-Gehäuse aus Aluminium mit den typischen Antennenstreifen auf der Rückseite. Als Alleinstellungsmerkmal des aktuellen Modells sind die Ränder sehr großzügig abgeschliffen. Das kann einem gefallen oder auch nicht, aber nicht besonders elegant gelöst finde ich den Kopfhöreranschluss, der von hinten betrachtet mit angeschliffen wurde. Das Design hat aber einen schönen Nebeneffekt: Mit neun Millimetern ist das neue Flaggschiff vergleichsweise dick - wirkt aber nicht so. Durch den Schliff ist es an den Rändern nur drei Millimeter dick. Insgesamt bringt das HTC 10 stolze 161 Gramm auf die Waage. Zum Vergleich: 152 Gramm sind es beim Samsung Galaxy S7. Das sind zwar nur neun Gramm Unterschied, trotzdem fühlt sich das S7 deutlich leichter an.

Das Display des 10 hat HTC auf 5,2 Zoll vergrößert. Das Gehäuse des Smartphones wird dadurch nur minimal größer. Die jeweils knapp zwei Millimeter mehr in der Höhe und Breite fallen im direkten Vergleich nicht auf. In diesem Zuge hat der Hersteller auch die Auflösung auf 2560 x 1440 Pixel erhöht, sodass der Bildschirm ein wirklich extrem scharfes Bild und stabile Blickwinkel hat. Das LCD-Display der fünften Generation deckt nach Angaben von HTC 92 Prozent des NTSC-Farbraums ab und erstrahlt in satten Farben und mit einem so dunklen Schwarz, dass in den Leaks vor der offiziellen Präsentation oft von einem AMOLED-Display die Rede war. Nach HTCs eigener Messung reagiert der Touchscreen bereits nach 120 Millisekunden und damit schneller als beim Galaxy S7, das 163 Millisekunden benötigen soll. Da sind zwar 43 Millisekunden Differenz, die aber im Test mit bloßen Händen und menschlichem Auge nicht auffällt.

Aktuelle Hardware mit sehr unterschiedlicher Leistung

Beim One M9 hatte HTC das Pech, als erster Hersteller den Snapdragon 810 zu verbauen, der heiß lief und gedrosselt werden musste. Mit dem Snapdragon 820 in diesem Jahr ist das HTC nicht mehr der Kritik ausgesetzt. Der neue Chipsatz hat sich mit seinen vier Rechenkernen bereits in anderen Geräten bewiesen. Ihm stehen der Adreno 530-Grafikchip und vier Gigabyte Arbeitsspeicher zur Seite.

Im Benchmark-Vergleichstest offenbart das HTC 10 seine Stärken und Schwächen. So startet es im Antutu mit einem Topwert von über 154.000 Punkten, nur nach vier Durchgängen kontinuierlich auf etwas mehr als 118.000 Punkte abzusinken. Bildet man einen Durchschnittswert, bleibt es aber noch an der Spitze. Abgeschlagen ist es dagegen mit 1861 und 3685 Punkten im Geekbench 3 - vor allem gegenüber dem LG G5, in dem nominell die gleiche Hardware steckt.

In der Praxis ist das HTC 10 selbst mit gedrosseltem Tempo noch schneller als alle Smartphones vom letzten Jahr und hat für den Alltag genug Power unter der Haube. Mir erscheinen zwar die Ladezeiten von Asphalt 8 etwas länger als auf anderen aktuellen Smartphones, wie dem LG G5, aber das Spiel läuft in höchster Grafikqualität flüssig und lässt sich gut spielen. Auch wenn es von sich aus die mittlere Grafikqualität wählte und ich diese erst händisch hochsetzen musste.

Weniger Pixel sind mehr Bildqualität

Der Abschied von den Ultrapixeln des One M7 und One M8 brachte HTC beim One M9 nicht den gewünschten Erfolg. Die 20-Megapixel-Kamera blieb qualitativ deutlich hinter den anderen Flaggschiffen zurück. Grund genug, die Kamera des HTC 10 komplett zu überarbeiten. Die Auflösung sank auf zwölf Megapixel, was in diesem Jahr der Standardwert unter den Flaggschiffen zu sein scheint. Die Blende vergrößerte sich auch f/1.8. Gleichzeitig verbaut HTC einen mit 1/2,3 Zoll größeren Bildsensor, dessen einzelne Pixel mit 1,55 Mikrometern Kantenlänge deutlich mehr Fläche erhalten. Dazu kommen noch ein optischer Bildstabilisator (OIS), ein Laser-Autofokus und ein zweifarbiges Blitzlicht.

Die viele neue Technik sorgt dafür, dass die Kamera etwas aus dem Gehäuse des HTC 10 hervorsteht. Aber das darf sie ruhig, denn die Bildqualität ist im Vergleich zum Vorgänger deutlich besser geworden. Die Fotos liefern eine hohe Detailgenauigkeit und klare Farben. Selbst bei wenig Licht bleiben die Aufnahmen brauchbar. Den Spitzenplatz machen immer noch das LG G5 und das Samsung Galaxy S7 unter sich aus, doch das HTC 10 gehört in die Spitzengruppe. Nach drei Anläufen hat es HTC geschafft, eine konkurrenzfähige Kamera in seinem Flaggschiff zu verbauen.

Für die Selfie-Kamera, die ebenfalls gute Bilder mit fünf Megapixeln liefert, hat sich HTC noch etwas Besonderes einfallen lassen: einen optischen Bildstabilisator. Das HTC 10 darf sich als das erste Smartphone bezeichnen, bei dem dieses Bauteil in der Frontkamera steckt. Wirklich bemerkbar macht sich dieser allerdings nicht. Aber vielleicht bin ich auf einfach nicht so ein großer Selfie-Fan, als dass ich davon profitieren würde.

Weniger Software ist mehr Speicherplatz

HTC ist mit dem Versprechen angetreten, keine überflüssigen Apps vorab auf dem HTC 10 zu installieren - und definiert "überflüssig" auch deutlich strenger als andere Hersteller. So verzichtet HTC zum Beispiel auf eine eigene Galerie-App und setzt nur auf Google Fotos. Top! Das Credo lautet: Zwei gleiche Apps braucht kein Nutzer. So finde ich auch nur eine Kamera-App, eine Kalender-App und eine Kontakte-App auf dem HTC 10. Nur bei der E-Mail-App hat sich neben Gmail noch die die Software von HTC auf das Smartphone geschlichen.

Trotz dieser löblichen Sparmaßnahmen, die den App Drawer übersichtlicher machen, sind durch Android 6.0.1, die Sense-Oberfläche und die vorinstallierten Apps von 32 Gigabyte großen internen Speicher schon 10,25 Gigabyte beim ersten Einschalten belegt. Hier hätte HTC noch strenger sein müssen. Facebook, Instagram und den Facebook Messenger braucht nicht jeder - vor allem wenn sich die Apps nicht deinstallieren lassen.

Anders als Samsung und LG lässt Euch HTC beim 10 eine neue Funktion von Android Marshmallow benutzen. Ihr könnt nicht nur eine microSD-Karte in das Smartphone für mehr Speicherplatz einlegen, sondern sie mit dem internen Speicher zu einem einzigen großen Speicher zusammenfassen. Falls Ihr Euch nun Sorgen macht, dass das HTC 10 durch eine langsame Speicherkarte ausgebremst werden könnte, dann seid beruhigt. Solange die eingelegte microSD nicht mindestens UHS Speed Class 3 unterstützt - also mindestens 30 Megabyte pro Sekunde überträgt - weigert sich das Smartphone sie als internen Speicher anzuerkennen.

Boomsound und Kopfhörer-Audioprofile

Mit seinen Boomsound-Lautsprechern konnte HTC schon in der Vergangenheit punkten. Und auch wenn man sie nicht sofort erkennt, stecken im HTC 10 zwei Boxen. Sie teilen sich die hohen (oberer Lautsprecher) und tiefen (unterer Lautsprecher) Frequenzen. Das macht sich vor allem bemerkbar, wenn man beim Spielen den unteren Lautsprecher zuhält. Da waren die zwei Boomsound-Boxen auf der Vorderseite besser untergebracht. Doch im Vergleich mit anderen Smartphones wirkt der Sound des HTC 10 klarer, präziser und druckvoller. Dabei spielt es keine Rolle, ob man es im Hoch- oder Querformat hält.

Plus: Insofern Ihr über entsprechende Kopfhörer verfügt, könnt Ihr mit dem HTC 10 HiFi-Sound mit 24-bit geniessen. Sogar für alle Kopfhörer sind die Audioprofile verfügbar. Diese müsst Ihr zwar für jeden Kopfhörer neu anlegen, aber es lohnt sich. Entweder beantwortet Ihr ein paar Fragen zu Eurem Musikgeschmack oder erhorcht selbst, wann ihr tiefe, mittlere und hohe Frequenzen hören könnt. Mit Hilfe dieser Daten passt das Smartphone den Sound an. Im Test war die Verbesserung sehr, sehr deutlich. Beide getesteten Kopfhörer klangen raumfüllender, voluminöser und vor allem bei der Lautstärke auf einer Ebene. Danach will man gar nicht mehr am Computer weiterhören.

USB-C-Anschluss und einer der zwei Boomsound-Lautsprecher.(© 2016 CURVED)

Bei den drahtlosen Übertragungsstandards rühmt sich HTC damit, das erste Android-Smartphone auf den Markt zu bringen, das AirPlay von Apple unterstützt.

Der Akku des HTC 10 ist mit einer Kapazität von 3000 mAh ähnlich groß wie die Batterien der anderen aktuellen Flaggschiffe. HTC wirbt damit, dass er bei normaler Nutzung zwei Tage lang durchhalten soll. Das kommt hin, wenn auch nur knapp. Ich habe das 10 allerdings jede Nacht aufgeladen. Dabei hätte ich gar nicht so vorsichtig sein müssen, denn mit QuickCharge 3.0 war der Akku in 30 Minuten zu 50 Prozent gefüllt.

Fazit: Wiederaufstieg geglückt, aber noch kein Titelkandidat

Mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 699 Euro ist das HTC 10 genauso teuer wie die Android-Konkurrenz von Samsung und LG und sogar 50 Euro günstiger als das HTC One M9 beim Verkaufsstart vor einem Jahr.

Ganz klar: HTC ist wieder da. Das HTC 10 gehört wieder eindeutig zu den Flaggschiff-Smartphones. Eine Revolution ist das HTC 10 nicht, aber der Hersteller hat vieles richtig gemacht und vor allem die Schwachstellen des Vorgängers ausgebessert. So gehört die Kamera wieder zur Spitzenklasse, bei der Leistung lassen sich im Gegensatz zu den Benchmarks im Alltag keine spürbaren Einbrüche erkennen. Und auch die Software hat der Hersteller entschlackt.

So gut das HTC 10 auch geworden ist, so schwer wird es sein, den Imageverlust der vergangenen Jahre vergessen zu machen und Verkaufszahlen in einer Größenordnung zu erzielen, die HTC wieder unter die Top 5 der Smartphone-Hersteller bringt. Dafür wäre vielleicht mehr als nur eine gelungene Modellpflege nötig gewesen. Oder anders gesagt: Die Rückkehr in die erste Liga ist geglückt, aber ein Platz in der Champions League ist noch nicht sicher.


Weitere Artikel zum Thema
Xiaomi Redmi 4 Prime im Test
Jan Johannsen3
Her damit !10Das Xiaomi Redmi 4  Prime
8.3
Das Xiaomi Redmi 4 Prime ist das nächste Smartphone des chinesischen Herstellers mit einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Der Test.
Super Mario Run: Darum gibt es nächste Woche keine App für Android
Guido Karsten2
Naja !13Auf Android-Geräten setzt Super Mario wohl erst 2017 zum Sprung an
Super Mario Run erscheint Mitte Dezember 2016 für iOS. Nintendos Shigeru Miyamoto erklärte nun, wieso eine Android-Version erst später kommt.
Face­book: Android-Version erlaubt nun Video-Uploads in HD
Auch mit einem Android-Smartphone sind bald Uploads von HD-Videos möglich
HD für Android: Ein ausrollendes Update soll endlich den Video-Upload in hoher Qualität ermöglichen. Auch eine Rahmen-Funktion soll demnächst kommen.