Google Nexus Player im Test: Ohne Apps nix los

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Ein Puck mit Android TV
Ein Puck mit Android TV(© 2015 CURVED)

Neben Nexus 6 und Nexus 9 hat Google im Oktober auch den Nexus Player vorgestellt – eine Set-Top-Box mit Android TV an Bord. In Deutschland ist ist die von Asus gebaute Scheibe ab sofort erhältlich. Wir habe die Set Top Box bereits vorab in die Hände bekommen, um zu testen, welche Vorteile der Player und Android TV als solches dem geneigten Nutzer aktuell bieten.

Nicht jeder hat (oder benötigt) einen smarten Fernseher, auch wenn die TV-Industrie solche Geräte seit Jahren als Brückenschlag zwischen dem klassischen Bewegtbildgenuss über Antenne und den vor allem für das jüngere Publikum immer wichtiger werdenden Inhalten aus dem Netz in die Wohnzimmer zu drücken versucht. Diverse Insellösungen, die oftmals auch noch unausgereift oder gar datenschutztechnisch bedenklich sind, sorgen bislang allerdings dafür, dass die "smarten" Komponenten moderner Flachbildgeräte eher nebenbei existieren, als dass sie tatsächlich ein Killer-Feature sind.

Eine Antwort auf dieses Dilemma könnte Android TV sein, mit dem Google nach dem erfolglosen Google TV den erneuten Angriff aufs Wohnzimmer plant — die runderneuerte Smart TV-Plattform aus Mountain wird nicht nur als integrierte Komponente teurer, neuer Flachbildgeräte verschiedener Hersteller an den geneigten Zuschauer gelangen, sondern auch mittels Set-Top-Boxen, die sich problemlos auch an alten Fernsehern mit HDMI-Eingang betrieben lassen und diese somit nachträglich "smart" machen — quasi wie der Chromecast, nur stationärer und mit vermeintlich mehr Features. Google eigener Nexus Player stellt die erste externe Lösung dieser Art dar. Wir haben uns ein Exemplar aus den USA — in Deutschland war das Gerät zum Testzeitpunkt noch nicht erhältlich — besorgt, um auszuprobieren, ob Android TV der Smart TV-Heilsbringer ist.

Design, Bedienung und Anschlüsse: Wie Amazons Fire TV — nur rund

Der von Asus gefertigte Nexus Player gleicht Amazons Fire TV bis auf seine runde Bauart dermaßen, dass wir im Umkehrschluss annehmen müssen, die Taiwaner zeichnen auch für die Set-Top-Box des Versandhändlers verantwortlich: Allein die Fernbedienung ähnelt dem Fire TV-Gegenstück so sehr, dass ich beide beim abendlichen Smart-Konsum regelmäßig verwechsle. Gleichzeitig muss aber auch festgehalten werden, dass die Google-Fernbedienung deutlich weniger wertig verarbeitet ist und insgesamt billiger wirkt als das Amazon-Gegenstück.

Die Set-Top-Boxen selbst nehmen sich diesbezüglich nicht viel, allerdings kommt der Nexus Player ohne optischen Audioausgang — wer also beispielsweise eine Surroundanlage mit optischem Kabel benutzen möchte, muss das HDMI-Audiosignal des kleinen "Pucks" über den angeschlossenen Fernseher und dessen optischen Ausgang abgreifen. Neben HDMI- und Stromanschluss bietet der Nexus Player lediglich noch einen Micro-USB-Port, der von Google eigentlich nur für Entwickler-Arbeiten gedacht ist, wie unter Android üblich aber mit ein paar Handgriffen auch vom Konsumenten gewinnbringend eingesetzt werden kann; dazu später mehr.

Gut gefällt beim Nexus Player der insgesamt dezente Auftritt vor oder unter dem Fernseher, der durch die auf der Unterseite des Geräte versteckte Power-LED, die im aktivierten Zustand ein zurückhaltendes Leuchten abgibt, unterstützt wird.

Die Einrichtung des Nexus Player ist schnell erledigt: Fernbedienung koppeln, WLAN auswählen und einrichten und schließlich noch den Google Account eingeben — fertig. Der Vorgang ist durch leicht zu verstehende Bilder und das vom Smartphone OS bekannte Material Design leicht und angenehm. Bedient wird der Nexus Player dann wahlweise über die mitgelieferte Bluetooth-Fernbedienung oder durch jedes andere BT-fähige externe Kontrollgerät: Ob Gamepad oder Mini-Tastatur, in unserem Test funktioniert eigentlich beinahe jedes Zubehörteil effektiv und problemlos.

Die Oberfläche von Android TV ist dann auch sehr übersichtlich und gleichzeitig dank Material Design gewohnt attraktiv. Oben links die Google-Suche, die auch jederzeit über den Sprachsteuerungsbutton auf der Fernbedienung aufgerufen werden kann, darunter eine Reihe mit empfohlenen Inhalten aus YouTube und Play Movies, darunter die installierten Medien-Apps von Google und dritten Anbietern, der Play Store und Play Games-Hub, darunter wiederum die installierten Spiele und schließlich noch die Einstellungen sowie die WLAN-Konfiguration. Alle Punkte lassen sich mit dem Ring auf der Remote intuitiv anwählen, ein Zurück-, ein Play- und der Home-Button erleichtern die Bedienung überdies.

Nix los im Play Store: Wo sind die Inhalte?

So weit, so gut — das größte Manko ist derzeit aber das Fehlen von Inhalten, die dem Nexus Player respektive Android TV einen echten Mehrwert verschaffen könnten. Denn YouTube, Play Movies, Play Music und auch Netflix sowie ein paar weitere Apps auf den großen Screen zaubern, ist derzeit auch schon mit dem deutlich günstigeren und portableren Chromecast möglich.

Gut, ich benötige beim Nexus Player kein Smartphone oder Tablet, um die Auswahl zu steuern und die Wiedergabe anzustoßen — aber ist das die beinahe 70 Euro mehr wert, die der Nexus Player gegenüber dem 35 Euro-Chromecast kostet? Wohl kaum.

Als Google Android TV und den Nexus Player im vergangenen Jahr ankündigte, hatte ich die Hoffnung, dass sich über die OS-Variante sämtliche Android-Apps, die grundsätzlich mit der jeweils verbauten Hardware kompatibel sind, so auf den Fernseher zaubern lassen. Dem ist nun aber nicht so, denn eigentlich müssen die Android TV-Applikationen erst angepasst werden und liegen dann in speziellen Versionen vor. Das bedeutet leider, dass die derzeit erhältliche Auswahl an Anwendungen und Spielen für den Nexus Player und entsprechenden TV-Geräten sehr überschaubar ist.

Das aktuelle App-Angebot von Android TV ist schlicht zu mager, um das gesamte Produkt ausreichend attraktiv zu machen.

Ein paar Medien-Apps gibt es, darunter zwar Netflix, aber kein Amazon Prime Instant Video, kein Hulu, kein Magine TV, kein Watchever, nicht einmal IMDb findet sich im Android TV-Play Store. Etwas besser sieht es in der Quantität der kompatiblen Spiele aus und aufgrund von Titeln wie Rayman Fiesta Run, Sky Force 2014, The Walking Dead von Telltale oder Leo's Fortune finden Spieler hier auch qualitative hochwertige Kurzweil. Dennoch ist das aktuelle App-Angebot von Android TV schlicht zu mager, um das gesamte Produkt ausreichend attraktiv zu machen.

Bis hierhin wäre ich vom Nexus Player zum aktuellen Zeitpunkt schwer enttäuscht gewesen — wären da nicht zwei Punkte, die die Scheibe für mich dann doch noch zu einem gelungenen Import-Kauf machen würden ...

Mit Gamepad und USB-OTG zum befriedigenden Set-Top-Erlebnis

Der eine großer Pluspunkt ist die Kompatibilität des Nexus Players mit Bluetooth-Gamepads in Verbindung mit Spielen: Rayman Fiesta Run oder Leo's Fortune, die bei seit Ewigkeiten auf meinem Smartphone vor sich hindümpeln, werde ich somit nun wohl entspannt im Bett mit Gamepad in der Hand auf dem großen Screen doch endlich noch angehen.

Das ist freilich etwas, was auch Fire TV kann — und Amazons Box bietet darüber hinaus derzeit noch ein paar mehr spielenswerte Titel an, als sie bislang im Android TV Play Store zu finden sind, allerdings ohne Anbindung an die Google Play-Dienste und die dort bereits getätigten Käufe. Hier bleibt nur die Hoffnung, dass sich das Play Store-Portfolio in nächster Zeit zügig vergrößert.

Endgültig getröstet hat mich dann aber die Möglichkeit, mit wenig Aufwand einige nicht angepasste Apps auf den Puck zu bekommen sowie die USB-OTG-Fähigkeit des Nexus Player, über die sich auch Offline-Medien abspielen lassen — implizit deswegen, weil Google beide Features nicht offiziell bewirbt oder unterstützt.

Funktionieren tut es aber dennoch: Apps wie den Chrome Browser, den ES Datei Explorer oder VLC bekommt Ihr ganz einfach ohne Root oder Sideloaden auf den Nexus Player, wenn Ihr sie aus dem Play Store im Browser ferngesteuert auf die Set-Top-Box pusht.

Diese werden dann zwar nicht im Hauptmenü präsentiert, aber über Einstellungen — Apps — Heruntergeladene — könnt Ihr sie dennoch starten. Und schon könnt Ihr mittels des ES Datei Explorer auf einen via USB-OTG-Kabel angeschlossenen Speicherstick zugreifen und dort abgelegt Bilder, Musik oder mit dem VLC-Player auch Videos beinahe aller Formate abspielen.

Das hat für mich persönlich sogar ganz großen Vorteil gegenüber dem bislang von mir genutzten Media Player von WD: Der Nexus Player spielt in Kombination mit VLC und dem ES Datei Explorer nicht nur alles ab, was mancher klassische Medien-Player verweigert, er liest auch beispielsweise über einen weiteren Adapter angeschlossene 64 GB micro-SD-Karten, was sonst ebenfalls nicht immer gelingt. Und für 99 Euro ist das wiederum für Medien-Freaks ein echter Grund, einen Kauf des Nexus Player zu erwägen.

Fazit: Offline ein Mehrwert, online in der Warteschleife

So paradox das klingt — aber mich überzeugen die inoffziellen Medien-Abspielkapazitäten des Nexus Player derzeit deutlich mehr als das Online-Angebot von Android TV mit seinen paar Apps. Klar, YouTube, Play Movies auf dem großen Screen oder auch Googles Cast-Fähigkeiten, mit denen sich der komplette Inhalt eines Chrome Browser-Tabs, des Android-Smartphones oder -Tablets spiegeln lässt, sind feine Sachen, die aber auch der günstigere und praktischere Chromecast bereits hervorragend erledigt.

Wer keinen Offline-Media Player benötigt und bereits einen Chromecast hat, macht derzeit besser einen großen Bogen um den Nexus Player und Android TV als solches. Der Erfolg und die Sinnhaftigkeit von Googles neuer Plattform steht und fällt — und das ist nun eigentlich nichts Neues — mit dem App-Angebot; und das ist derzeit schlicht nicht vorhanden.

Und wer derweil noch einen alten, "unsmarten" TV besitzt und dennoch YouTube, Play Movies, Netflix und dergleichen auf dem großen Screen genießen möchte — der kauft sich besser einen Chromecast.


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