Das Apple TV 4 im ausführlichen Test

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Die vierte Generation des Apple TV
Die vierte Generation des Apple TV(© 2015 CURVED)

Drei Jahre hat Apple uns warten lassen. Jetzt will der Konzern mit der vierten Generation des Apple TV die Zukunft des Fernsehens einläuten. Ob die Streamingbox dieses Versprechen einhält, erfahrt Ihr im ausführlichen Test.

"Die Zukunft des Fernsehens " rief Tim Cook auf der Apple-Keynote im altehrwürdigen Bill Graham Civic Auditorium aus. Es war das Event, bei dem die Techwelt gebannt auf die neue iPhone-Generationund das iPad Pro wartete, doch Apple einen Großteil der Zeit aufs Apple TV verwendete. Ausgerechnet jenes Produkt, das der Konzern aus Cupertino über Jahre als "Hobby" bezeichnete. Dieses Hobby soll nun "die Zukunft des Fernsehens" einläuten. "Schon wieder?", möchte man da am liebsten fragen. Die wird doch beinahe monatlich von einem der vielen TV-Hersteller ausgerufen: ob dank 4K oder einst 3D. Bei Apple heißt die Antwort nun: Apps.

Der Ausgangspunkt: Smarte TVs waren lange Zeit nicht smart

Und wenn der Konzern, der überhaupt die App-Ökonomie ins Rollen brachte, über 1,4 Millionen Anwendungen im Sortiment hat und bislang über zehn Milliarden Dollar an Entwickler ausgeschüttet hat, die App-Revolution für den Fernseher verkündet, dann hört man doch einmal genauer hin. Wer jetzt denkt: "Moment, Apps auf dem Fernseher - was soll daran neu sein?" Neu ist daran nichts. Das Konzept ist so steinalt wie die Idee des Smart TV. Das Problem: Smart TVs wollten seit jeher smart sein, aber waren es nie. Zahlen belegen eindrucksvoll, dass ein Großteil der Besitzer eines Smart-TVs ihre Mattscheibe noch nicht einmal mit dem Internet verbunden haben. Und wenn man es einmal geschafft hat, kämpft man mit einem Mix aus ruckeligen App-Adaptionen vom Smartphone oder Tablet.

Einen weitaus besseren Job als originäre Smart-TVs machen Set-Top-Boxen bzw. Dongles. Die sind spätestens seit dem ersten Chromecast erschwinglich. Für unter 40 Euro bin ich in der Lage, jeden Fernseher mit einem HDMI-Anschluss mit meinem Smartphone oder Computer zu einem smarten TV zu machen. Amazons Fire TV legte nach und feierte in Deutschland einen bombastischen Erfolg. Es folgten die zweite Generation von Chromecast und Amazon Fire TV, während das Apple TV weiterhin auf dem Stand von 2011 blieb. Apple hat sich Zeit gelassen, um seine Vision einer TV-Box zukunftssicher zu machen. In diesem Test wollen wir herausfinden, ob Apple das auch gelungen ist.

Das 4K-Rätsel

Denn zumindest mit Blick auf die Specs scheint Apple das nicht vollumfänglich gelungen zu sein. Kein 4K? Nein, obwohl die neue iPhone-Generation Videos in 4K drehen kann, hat Apple mit dem neuen Apple TV kein Produkt im Sortiment, das diese Clips auch auf dem Fernseher in der entsprechenden Auflösung abspielen kann. Zu den Gründen äußert sich Apple nicht, deswegen kann ich hier nur mutmaßen. Ein Argument gegen 4K ist: Bislang mangelt es noch an Inhalten, von einigen Neuproduktionen einmal abgesehen. Full HD ist weiterhin Standard. Ein weiteres Argument: iTunes, die wohl größte Mediathek für Musik, Filme und Serien, liefert ebenfalls in Full HD. Wenn irgendein Konzern die Marktmacht hätte, 4K als Content-Standard zu etablieren, dann Apple. Und bis es soweit ist, müssen wir uns wohl noch gedulden.

Denn unter der Haube arbeitet ein aufgebohrter A8-Chipsatz. Dass dieser mehr Leistung liefert als sein Vorgänger im iPhone 6, ist verständlich. Denn während dieser noch auf geringen Stromverbrauch programmiert war, spielt dieser bei einer TV-Box eine untergeordnete Rolle. Und so spielt das neue Apple TV Full-HD-Inhalte auch problemlos mit 60 Bildern pro Sekunde ab und zeigt Euch nebenbei Aktienkurse und das Wetter ohne jegliche Ruckler. Über den 802.11ac-WLAN-Standard landen auch die passenden Inhalte zügig auf dem großen Bildschirm - wahlweise auch kabelgebunden. Der auf der Rückseite der Box angebrachte USB-Anschluss dient weniger dem Zugriff auf den internen Speicher - 32 und 64 Gigabyte stehen zur Verfügung - sondern ist zu Supportzwecken gedacht.

tvOS hat immenses Potenzial

Die Revolution, wie Apple sie sich vorstellt, wird also nicht mit dieser Hardware zu leisten sein - zumindest nicht allein - sondern muss allem Anschein nach dem Gegenstück, der Software, geschuldet sein. Und hier löst der Konzern aus Cupertino endlich ein Versprechen ein: Der App Store kommt auf den Fernseher. Möglich wird das durch tvOS, ein iOS-Derivat für das Apple TV. Der Vorteil: App-Entwickler soll es so erleichtert werden, ihre Software nicht nur mit der TV-Box kompatibel zu machen, sondern auch Cross-over-Lösungen zu ermöglichen. Und das funktioniert schon ganz gut: Zocke ich "Shadowmatic" auf dem iPhone, kann ich später auf dem Apple TV weiterspielen. Wohlgemerkt: Habt Ihr eine App zuvor unter iOS gekauft, gibt es sie für tvOS nicht umsonst. Die Preise sind durchschnittlich sogar höher als die der Smartphone- und Tablet-Anwendungen.

Apropos Games: Auch schon wenige Tage nach dem Verkaufsstart zeichnet sich ab, dass auch auf der großen Mattscheibe die Spiele der große Umsatzbringer sein werden. Ich behaupte: zurecht. Die Hamburger Spieleschmiede Fishlabs hat seinen iOS-Bestseller "Galaxy on Fire" für das Apple TV neu aufgelegt. "Manticore Rising" heißt die Adaption. Als jemand, der sonst von seiner Playstation 4 Konsolen-Niveau in Sachen Gameplay und Grafik gewohnt ist, hat mich das Apple TV enorm überrascht. Nach Handygrafik schaut das keineswegs aus. Ob rasche Flugmanöver, Feuergefecht im All oder ein Flug durch ein Asteoridenfeld: Es ruckelt nichts. Die App "Shadowmatic", bei der der Spieler abstrakte Figuren so drehen muss, dass ihre Schatten die richtigen Bilder zeichnen, hat mich dank der Metal-Integration von iOS mit sehr aufwändigen Texturen überzeugt.

Die Landingpages: Keep it simple!

Bei allen Spielen kann ich neben MFI (Made for iPhone)-fähigen Gamepad die Siri Remote als Controller nutzen. Dabei greift die Software neben dem touchsensitiven Pad, das Manöver nach links, rechts, oben und unten ermöglicht,  auch auf das Gyroskop und den Beschleunigungssensor zurück. In "Galaxy on Fire" ahmt das Raumschiff die Bewegungen des Controllers 1:1 nach. Cool! Dass damit auch Spielchen wie "Beat Sports" à la Wii möglich sind: geschenkt. Ich bin wirklich gespannt, wie Developer künftig den großen Bildschirm und die Gestensteuerung eines iPhones nutzen, um Nutzer vor dem Fernseher zu versammeln.

Was tvOS aber schon jetzt außerordentlich gut macht, ist die Bündelung von Inhalten auf einer einzigen Landingpage. Ich bin ein extremer Serienjunkie und nichts nervt mich mehr, als zwischen den Apps von Netflix, Amazon Instant Prime Video sowie der iTunes-Mediathek hin- und herzuwechseln. Auf meiner Playstation 4 bedeutet das zudem, dass jede App zuvor beendet werden muss, bevor die andere gestartet werden kann. Da ist ja der Sendersuchlauf auf meinem Fernseher schneller. Wenn ich ein Abo bei einem dieser Dienste habe, dann will ich über das Gerät, mit dem ich auf die Inhalte zugreife, aber nicht jede Mediathek einzeln durchsuchen. Und genau diesen Umweg, den ich bisher gehen musste, nimmt mir das neue Apple TV ab. Ich lege vorab fest, auf welche Abonnements die TV-Box zugreifen kann, anschließend landen die Suchergebnisse zu einer Serie oder einem Film auf einer schön designten Landingpage - und ich muss nur noch auswählen, ob ich den Inhalt über Anbieter A streamen oder über Anbieter B ausleihen oder Anbieter C kaufen möchte.

Die Siri Remote: schick und nützlich

Wirklich angenehm ist die Einrichtung, wenn Ihr ein iPhone besitzt. Das muss sich per Blutetooth verbunden nur in der Nähe befinden, schon greift das Apple TV alle relevanten Informationen ab und loggt sich im WLAN und mit Eurer Apple-ID ein.

Das neue tvOS gibt sich nach der Einrichtung recht schick. Das neue Design der Coverarts für Filme und Serien mit diesem Parallax-Effekt ist zwar nur optischer Schnickschnack, aber lässt die Menüs eines Amazon Fire TV 2 recht eindimensional und altbacken aussehen. Das gilt auch für die neue Fernbedienung, die Siri Remote, die im Gegensatz zur Fernbedienung des Amazon Fire TV 2 zusätzlich über eine Touch-Oberfläche verfügt - und sogar den Fernseher fernsteuern kann. Allerdings kann das Bauteil, dessen Akku über Lightning aufgeladen wird, noch mehr. Möglich machen das ein Beschleunigungssensor und ein Gyroskop.

Vielleicht noch wichtiger für die Zukunft des Fernsehens, wie Apple es sich vorstellt, dürften wohl aber die verbauten Dual-Mikrofone sein. Denn tvOS bringt nicht nur den App Store von iOS mit, sondern auch Unterstützung für Siri. Hier dürfen sich deutsche Apple-TV-Nutzer durchaus glücklich schätzen. Denn mit Siri auf dem Apple TV zu sprechen, ist im Rahmen des Verkaufsstarts neben Deutschland nur noch in Australien, Kanada, Frankreich, Japan, Spanien, Großbritannien und den USA möglich - also in neun Ländern und fünf Sprachen. Schweizer und Österreicher müssen sich gedulden bzw. bekommen eine Apple Remote mit einem Search- anstelle eines Siri-Buttons. Der Grund: Regional unterschiedliche Aussprachen machen der Sprachassistentin zu schaffen.

Siri macht den Unterschied

Also: Glück gehabt! Denn Siri macht den eigentlichen Unterschied zum Vorgänger-Apple-TV aus. Was der Sprachassistent theoretisch alles erledigen könnte, lässt sich am iPhone begutachten. So mächtig ist Siri auf dem Apple TV noch nicht. Nur eine Handvoll Apps ist zum Launch kompatibel, darunter etwa Netflix und iTunes, die sich per Sprachbefehl durchsuchen lassen.  Etwa nach "Zeig mir alle Filme mit Sylvester Stallone" und darauf aufbauend "Nur die mit Arnold Schwarzenegger". YouTube gehört leider noch nicht dazu.

Zum Vergleich: Die Sprachsuche in Netflix auf dem Amazon Fire TV 2 funktioniert noch nicht. Darüber hinaus kann Siri auf dem Apple TV bis dato noch das Wetter oder Aktienkurse anzeigen. So wirkt die Assistentin auf der TV-Box noch ein wenig wie die kleine Schwester: Ähnlichkeiten sind sichtbar, aber das Sprachvermögen noch nicht so ausgebildet. Den herrlichen Humor, der die Software unter iOS zu etwas Besonderem macht, fehlt auf dem Fernseher. Noch wünschenswerter wäre allerdings ein Update für tvOS, das Diktate über Siri und Suchen im App Store über Siri ermöglicht. Wohl dringend notwendig ist die Steuerung von Apple Music über Siri.

App Store: Noch ein Mix aus großen iPhone-Apps und vielversprechenden Ideen

Der App Store. Auf iPhones und iPads seit Jahren ein Erfolgsmodell und das Rückgrat der iOS-Geräte könnte sich die App-Bibliothek auch das Apple TV zur Cashcow machen. Damit das funktioniert, ist Apple gut beraten, Einkäufe und die Suche per Siri zu ermöglichen. Denn bislang kommt der App Store auf dem Apple TV neben der Standard-Übersicht beliebter Apps und ausgewählter Kategorien nur mit einer Suchfunktion, bei der Ihr umständlich Buchstaben einzeln eintippen müsst.

Nachdem ich etliche der verfügbaren Apps durchgetstet bzw. angespielt habe, sind die Erkenntnisse zunächst recht unterschiedlich, lassen sich jedoch auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Das Potenzial ist riesig, zum Start schafft es allerdings noch keine App, mir die TV-Revolution schmackhaft zu machen. Es ist bezeichnend, dass Nilay Patel von The Verge ausgerechnet die QVC-App als Favoriten nennt. Kein Wunder: Sie schafft es moment als einzige Anwendung, interaktives Fernsehen spürbar zu machen. Neben dem Live-TV-Signal laufen Schaltfllächen zu weiteren Produktinfos und ein Kauf-Button. So scheint die Box wie gemacht für TV-Shows à la "The Voice", bei denen Zuschauer ohne den Umweg über eine Second-Screen-App direkt auf dem Fernseher abstimmen können. Seit Jahren versuchen sich TV-Sender daran, mit sogenannten Second-Screen-Apps auf Smartphones und Tablets parallel zum TV-Programm ein wenig Engangement zu erzeugen und Zuschauer zu binden. Vollkommen vergeblich.

Immerhin: Über die ZDF-App kann ich auch den Livestream des Senders sehen. Auch die Arte-App ist gelungen. Doch ich wiederhole mich gern: Wenn irgendein Unternehmen es möglich machen könnte, Fernsehen interaktiver zu machen, dann wohl Apple. Die Marke verfügt über die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Inhalteanbieter, mit tvOS über eine leicht zu integrierende Schnittstelle und mit dem neuen Apple TV über das passende Endgerät. Senderkonglomerate, wie die RTL-Gruppe und ProSiebenSat.1, werden sich sehr genau anschauen, wie gut Apps auf dem neuen Apple TV tatsächlich ankommen. Und von denen erwarte ich zu Beginn nicht allzu viel.

Fazit: Die Revolution hat begonnen

Ist das neue Apple TV also die beste Streamingbox, die es derzeit für Geld zu kaufen gibt? Ja. Auch wenn mir einfach nicht in den Sinn kommen will, warum die ansonsten mit sinnvollen Features vollgepackte Box kein 4K beherrscht. Davon abgesehen ist die Integration von Siri ist zwar noch in den Anfängen, aber schon jetzt komfortabler und mächtiger zu bedienen als die Sprachsuche auf Amazon Fire TV 2. Die Bündelung von Inhalten auf einer Landingpage spart Zeit und Nerven. Das lässt sich Apple allerdings auch gut bezahlen.

In Verbindung mit iOS und dem App Store lassen mich die ersten Apps im neuen tvOS zumindest ein Gefühl für die oft versprochene Zukunft des Fernsehens bekommen. Wie es Tim Cook sagte: "Die Zukunft des Fernsehens sind Apps." Damit liegt die Zukunft des Apple TV in den Händen der Entwickler. Beim iPhone und iPad hat sich über die Jahre eine für Apple, die Developer-Gemeinde und die Nutzer fruchtbare Allianz entwickelt. Mit der Apple Watch tun sich die App-Bauer allerdings immer noch schwer. Doch die Zeichen stehen gut. Denn welcher Entwickler dürfte nicht schon einmal davon geträumt haben, mit seiner Erfindung auf dem "großen Bildschirm" zu landen? Mir scheint, als wären die jahrelange Diskussion um den ominösen Apple-Fernseher nicht ganz unschuldig daran.

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