Huawei Mate 10 Pro im Test: Anders als die anderen

Randlos-Display, viel Leistung und eine Dual-Kamera, klingen nach dem typischen Android-Gerät 2017. Womit sich das Huawei Mate 10 Pro von der Masse abheben will, verrät der Test.

2017 wirkt es ein wenig so, als hätten sich die Smartphone-Hersteller abgesprochen. Fast alle bringen ihre Geräte mit Displays auf den Markt, bei denen die Ränder so dünn wie möglich ausfallen. Dazu kommt die Materialwahl: Glas-Front und -Rückseite müssen es schon sein, wenn man in der Spitzenklasse mitreden möchte. Auch Huawei kleidet das Mate 10 Pro nach diesem Dresscode.

Riesiges Display im handlichen Gehäuse

Langeweile droht deswegen nicht. Denn wie es Huawei geschafft hat, den für die Mate-Serie charakteristischen 6-Zoll-Bildschirm in so ein handliches Gehäuse zu bekommen, das ist schon beeindruckend. Besonders, wenn man es mal mit den Vorgängern Mate 8 und Mate 9 vergleicht, die durch die breiten Ränder oben und unten nur schwer mit einer Hand zu bedienen sind. Tatsächlich unterbietet das Mate 10 das Google Pixel 2 XL bei gleich großem Bildschirm sogar noch in der Länge. Kompakter geht es fast nicht mehr.

Bei der Rückseite hat sich der Hersteller etwas von Samsung inspirieren lassen, aber im positiven Sinne. Durch die geschwungenen Ränder liegt das Mate 10 Pro nämlich genauso gut in der Hand wie das Galaxy Note 8. Das ist umso wichtiger, weil die Chinesen wie erwähnt auf einen Glasrückseite setzen. Anders als bei Samsung ist die Verarbeitung aber nicht astrein. Die Übergänge zwischen Glas und dem Aluminiumrahmen wirken etwas unsauber, die Ränder um die Linsen der Dualkamera und die Ränder der Buttons an der Seite sind scharfkantig und fühlen sich unangenehm an.

Trotz Glasrückseite unterstützt das Mate 10 Pro kein kabelloses Aufladen. Dafür ist das Gehäuse nach IP67 wasser- und staubdicht, eine Premiere für ein Mate-Gerät. Diese Neuerung führt gleich zur nächsten, denn wie Google, HTC und Apple streicht Huawei den Kopfhöreranschluss. Damit Ihr nicht mit der Klinke in der Hand dasteht, legt der Hersteller einen USB-C-Adapter für Eure 3,5-Millimeter-Kopfhörer bei. Funfact am Rande: Der funktioniert beim Mate 10 Pro tadellos, im Zusammenspiel mit anderen USB-C-Geräten aber gar nicht. Das ist #DongleLife pur.

OLED, 18:9 und hochauflösend

Beim Bildschirm verabschiedet sic Huawei endlich von mehreren Standards der letzten Jahre. Statt eines LC- gibt es 2017 ein OLED-Display mit hohen Kontrasten und einem satten Schwarz. Statt Full HD löst es nun mit für die Spitzenklasse angemessenen 2160 x 1080 Pixeln auf. Aus 16:9 wird das für randlose Smartphones übliche 18:9.

Um Inhalte an die neuen Seitenverhältnisse anzupassen, hat sich Huawei einiges einfallen lassen. Es gibt einen Zoom-Modus, der beim Start jeder neu installierten App fragt, ob das Bild von der Software angepasst werden soll. Außerdem könnt Ihr in den Einstellungen die Navigationsleiste verschwinden lassen. In beiden Fällen habt Ihr mehr vom Screen. Die Crux: In YouTube hat das nicht funktioniert. Videos gab es nur mit Balken zu sehen. Das lösen Samsung und Google besser.

In der YouTube-App zeigt das Huawei Mate 10 Pro Balken.(© 2017 CURVED)

Im Inneren des Mate 10 Pro kommt nicht der oft in anderen Android-Geräten verwendete Snapdragon 835 zum Einsatz, sondern der brandneue Kirin 970 von der Huawei-Tochter HiSilicon. Dazu gibt es satte 6 Gigabyte Arbeitsspeicher. Klingt nach viel, trotzdem hatte die Kombination erst Probleme, in Gang zu kommen: In unserem Benchmark-Vergleich mit dem Note 8, dem HTC U11, dem iPhone 8 Plus und dem Google Pixel 2 XL belegte das Mate 10 Pro sowohl im AnTuTu als auch im Geekbench 4 den letzten Platz, teilweise sogar weit abgeschlagen.

Erst ein Firmware-Update konnte dem Chip mehr Leistung entlocken. Nach der Aktualisierung lag er in beiden Tests auf Augenhöhe mit der Android-Konkurrenz. Zahlen außen vor gelassen lässt sich das Mate 10 Pro schließlich einwandfrei unvd ohne merkliche Ruckler bedienen. Auch Apps, die das Smartphone an die Grenze der Leistungsfähigkeit bringen, wird man so schnell nicht finden.

Das Mate 10 Pro ist (k)ein Blitzmerker

Die wahre Besonderheit des Kirin 970 ist aber nicht die Arbeitsgeschwindigkeit, sondern die NPU, die Neural Processing Unit, die den Chip um künstliche Intelligenz erweitern soll. Die Besonderheit: Die Verbindung zur Cloud braucht das Gerät dafür nicht, sämtliche Berechnungen finden auf dem Mate 10 Pro statt. Huawei geht deswegen sogar soweit, zu sagen, dass das Smartphone auf Grund dessen gar kein Smartphone sei, sondern eine "intelligente Maschine”" Die NPU zum Beispiel in dem sie den Stromerbrauch reguliert und dafür sorgt, dass der ohnehin schon üppige Akku mit 4000 mAh noch länger hält als bei den Vorgängern. Mit Erfolg. Im Test kamen wir auf gute zwei Tage Akkulaufzeit.

Ein weiteres vermeintliches Killer-Feature: Das Mate 10 Pro kann Texte über den Microsoft Translator auch offline übersetzen. Das allerdings, kann der Google Übersetzer auf jedem anderen Gerät auch. Außerdem soll die KI in Zusammenarbeit mit der Kamera Motive erkennen und die Parameter perfekt darauf einstellen können. Ob der Chip erkennt, was Ihr seht, könnt Ihr an der unteren Bildschirmecke überprüfen. Hier sollte zum Beispiel ein Pflanzensymbol auftauchen, wenn Ihr eine Blume vor der Linse hat. Das klappte im Test auch sehr zuverlässig. Im direkten Vergleich der Bilder, die mit und ohne KI geschossen wurden, zeigte sich allerdings, dass es keine nennenswerten Unterschiede gibt.

So richtig überzeugen konnte uns der KI-Chip im Test deswegen nicht. Zumal Huawei auch nicht verraten wollte, wie genau KI und Kamera zusammenarbeiten, oder was der Chip abseits von den vorgestellten Funktionen noch kann. Nur so viel: Die NPU soll das Erlebnis für Nutzer verbessern. Dazu sollen auch offene Schnittstellen für Entwickler beitragen. Außerdem arbeite man sehr eng mit Google zusammen und sei führend auf dem AI-Markt. Welche Apps aber in absehbarer Zeit davon profitieren werden? Fehlanzeige.

Kameras und Extras

Zum Glück braucht Ihr die KI aber nicht, zum Fotografieren. Die Dualkamera ist erneut in Zusammenarbeit mit Leica entstanden. Ein Monochrom-Sensor mit 20 Megapixeln und ein 12-Megapixel-Farbsensor sollen unter anderem für schicke Bokeh-Aufnahmen, also Fotos mit einem scharfen Objekt im Vordergrund und einem unscharfen Hintergrund, sorgen. Unser ausführlicher Kameravergleich mit dem Note 8 und dem iPhone 8 Plus zeigt allerdings: Andere Hersteller haben Huawei in der Parade-Disziplin mittlerweile überholt.

Im Test lieferte das Mate 10 Pro vergleichsweise blasse Farben. Auch im Porträt-Modus sind die Ergebnisse für sich betrachtet zwar für sich betrachtet zufriedenstellende Ergebnisse, konnte aber sich aber nicht gegen die Konkurrenten durchsetzen. Einzig bei Selfies drehten Smartphone und KI noch einmal auf. Wie beim Pixel 2 sind auch mit dem Mate 10 Pro Porträtaufnahmen mit nur einer Kamera möglich. Die Berechnung der Tiefenschärfe übernimmt in diesem Fall die Software – mit gelungenen Ergebnissen.

Ebenso gut wie die Selfies gefällt uns das Betriebssystem, zumindest dem Namen nach. Das Huawei Mate 10 Pro ist neben dem Xperia XZ1 und dem XZ1 Compact eines der ersten Smartphones, das es mit vorinstalliertem Android 8.0 Oreo zu kaufen gibt. Das bringt ein paar nette Extras mit. So nutzt Huawei die Splitscreen-Möglichkeiten in Android auf eigene Weise: Tippt Ihr auf eine eingehende Nachricht, während Ihr Euch ein Video anschaut, teilt sich der Bildschirm und Ihr könnt die Nachricht lesen, während Ihr das Video weiter schaut.

Außerdem lässt sich das Mate 10 Pro an einen Monitor anschließen und rudimentär als PC benutzen. Das sollte genügen, um Dokumente zu überarbeiten, um Mails zu verfassen und zu verschicken und um sich Fotos auf dem großen Bildschirm anzusehen. Clever: Statt einer Docking-Station genügt ein Kabel oder Adapter für die Verbindung zum Bildschirm. Das Smartphone dient dann als Zuspieler und Touchpad in Personalunion. Alternativ schließt Ihr Maus und Tastatur über einen Hub an.

Übers Betriebssystem legt Huawei die eigene EMUI-Oberfläche, hier in Anlehnung an Android in der Version 8.0. Viel bleibt vom ursprünglichen Betriebssystem nicht übrig, stattdessen sieht es in Teilen iOS sehr ähnlich. Außerdem installiert Huawei reichlich Bloatware. Zum Glück ist der Speicher mit 128 Gigabyte ordentlich groß, leider aber nicht per microSD-Karte erweiterbar.

Fazit: KI ist kein Killer-Feature

Man kann das Huawei Mate 10 Pro ohne Bauchschmerzen empfehlen. Das liegt aber nicht an der integrierten KI, sondern eher an der langen Akkulaufzeit, dem üppigen Speicher, dem aktuellen Betriebssystem und dem hohen Arbeitstempo. Mit einem Preis von 799 Euro (UVP) ist das Smartphone sogar noch einigermaßen erschwinglich. Schließlich kosten ähnlich ausgestattete Konkurrenzmodelle teilweise über 1.000 Euro. Dieser Umstand und nicht die KI sollten das Mate 10 Pro in Euren Fokus rücken.

Das Huawei Mate 10 Pro kommt Mitte November in den Farben Braun, Blau und Grau in Deutschland auf den Markt.

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